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Full text of "Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) [ 6., vermehrte Auflage]"

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Internationaie Psychoanalytische Bibhothek 

Nr. :i 

Zur 

Psychopathologie des Alltagslebens 

(über Vergessen, Versprechen, 
Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) 



Von 

Prof. Dr. Sigmund Freud 

in Wien 



Sechste, vermehrte A uf läge. 







Nan iat die Lwft von «oleUew Spuk no voll, 
Dafl niomand weiß, wip er ihn meiden soll. 
Paust, II. Teil, V. Akt. 




Leipzig; und Wien, 1919. 
ternationaler Psychoanalytischer \'erlag Ges. m. b. H. v^^l 



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Von diesem Buch sind folgende autorisierte Übersetzungen 
erschienen : 

Eine rnsfliache von Dr, Medem 1909 

„ polnische von Dr. L. Jekels anA H. Ivanka 191S 

„ englische von Dr. A. BriH 1914 

„ holländiöche von Dr. J. Stärcke 1916. 



Alle Rechte vorbehalten. 

Copyright bj „Interoationaler Psychoanalytischer Verlag", 
Leipzig and Wien. 



Druck- und Terlagsliaus KbtI Prochaslia, Teeohen, 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

, DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 

k . . 




Inhaltsangabe. 



Saite 

I. Vergesaen von EigeimameD 1 

II. Vergessen von fremdsprachigen Worten 10 

m. Vergeeaen von Namen und Wortfolgen 18 

IV. Über Kindlieita- und Deckeriunerungen 48 

V, Das Versprechen 58 

VI. Verleaeu und Verschreiben 114 

VII. Vergessen von Eindrilcken und Vorsätzen . 144 

VllX. Das Vergreifen 178 

IX. Symptom- und Zufallsliandiaiigen 213 

X. Irrtümer 244 

XI. Kombinierte Fehlleistaugeu 258 

XII. Detenniniamaa. — Zufalls- und Aberglaubun. — Gesichtspunkte . , . 961» 



i 



I. , ; 

VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 

Im Jahrgang 1898 der Monatsschrift für Psyohiati'ie und 
Neurologie habe ich unter dem Titel ,,Zuiti psychischen Mechanis- 
mus der Vergeßlichkeit" einen kleinen Aufsatz veröffentlicht, 
dessen Inhalt ich hier wiederholen und zum Ausgang' für weitere 
Erörterungen nehmen werde. Ich habe dort den häufigen Fall 
des zeitweiligen Vergessen« von Eigennamen an einem prägnanten 
Beispiel aus meiner Selbstbeobachtung der psychologischen Ana- 
lyse unterzogen und bin zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser ge- 
wöhnliehe und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall von 
Vei-sagen einer psychischen Punktion — des Erinnerns — eine 
Aufkläiiing zuläßt, welche weit über die gchräuchliche Verwer- 
tung d^ Phänomens hinausführt. 

Wenn ich nicht sehr irre^ wüi'de ein Psycholog, von dem man 
die Erklärung forderte, wie es zugehe, daß einem so oft ein Name 
nicht einfällt, den man doch zu kennen glaubt, sich begnügen 
zu antwoi'ten, daß Eigennam.en dem Verg-esscn leichter unter- 
liegen als andersartiger Gedächtnis inhalt. Er würde die plausi- 
blen GTründe für solche Bevorzugung der Eigennamen anfüliren, 
eine anderweitige ßeding-theit des Vorgangs aber nicht vermuten. 

Für mich wurde zum Anlaß einer eingehenden Beschäfti- 
gung mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die 
Beobachtung gewisser Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen 

Freud, Psycho put hol (lg ie doB Alltagelebena. VI. Aufl. 1 



2 



1. VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 



Fällen, aber in einzelnen deutlich genug erkennen lassen. In 
solchen Pällen wird nämlicli nicht nur vergessen, sondern auch 
falsch erianert. Dem sich um den entfallenden Namen Be- 
mühenden kommen andere - Ersatznamen - zum Bewußt- 
eein, die zw&v sofort als um-ichtig erkannt werden, sich aber doch 
mit großer Zähigkeit immer wieder aufdrängen. Der Vorgang, 
der zui' Reproduktion des gesuchten Namens führen soll, hat 
sieh gleichsam verschoben und so zu einem unrichtigen Ersatz 
geführt. Meine Voraussetzung ist nun, daß diese Verschiebung 
nicht psychischer Willkür überlassen ist, sondern gesetzmäßige 
und berechenbare Bahnen einhält. Mit anderen Worten, ich 
vermute, daß der oder die Ersatznamen in einem aufspürbaren 
Zusammenhang mit dem gesuchten Namen stehen, und hoffe;, 
wenn ©s mir gelingt, diesen Zusammenhang nachzuweisen, dann 
auch Liclit über den Hergang des Namenvergessens zu verbreiten. 
In dem 1898 von mir zur Analyse gewählten Beispiel wai- 
es dei- Name des Meisters, welcher im Dom von Orvieto ,di^ 
gi-oßartigen Fresken von den „letzten Dingen" geschaffen, deu zu 
erinuern ich mich vergebens bemühte. Anstatt des ge.suchteu 
Namens — Signorelli — drängten sich mir zwei andere Namen 
von Malern auf — Botticelli und Boltraffio — , die mein 
Urteil sofort und entschieden als unrichtig abwies. Als mir der 
richtige Name von fremder Seite niitgetcilt wurde, erkannte ich 
ihn sogleich und ohne Schwanken. Die Untersuchung, durch 
welche Einflüsse und auf welchen Assoziations wegen sieh die 
Efiproduktion in solcher Weise — von Signorelli auf Botti- 
celli imd Boltraffio — verschoben hatte, führte zu folgenden 
Ergebnissen : 

a) Der Grund für das Entfallen des Namens Signorelli ist. 
weder in einer Besonderheit dieses Namens selbst noch in einem 
psychologischen Charakter des Zusammenhanges zu suchen, in 



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■^ 



I. VERGESSEN VON EIGENNAMEN. 



welchen derselloe eingefügt war- Der vergessene Name war mir 
ebenso vertraut wie der eine der Ersatznamen — Botticelli — 
und ungleich vertrauter als der andere der Ersatznamen — Bol- 
traffio — , von dessen Träger ich kaum etwas anderes anzugeben 
wüßte als seine Zugehörigkeit zur mailandischen Schule. Der 
Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen ereignete, 
erscheint mir harmlos und führ(. zu keiner weiteren Aufklärung : 
Ich machte mit einem Fremden eine Wagenfahrt von Kagusa in 
Dalmatien nach einer Station der Herzegowina; wii* kamen auf 
das Eeisen in Italien zu sprechen, und ich fragte meinen Keise- 
g-efährten, ob er schon in Orvieto gewesen und dort die berühmten 
Freeken des *** besichtigt habe. 

h) Das Namen vergessen erklärt sieh erst, wenn ich mich an 
das in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema er- 
innere, und gibt sich als eine Störung des neu auftauchen- 
den Themas durch das vorhergehende zu erkennen. 
Kurz ehe ich an meinen Reisegefährten die Präge stellte, ob er 
schon in Orvieto gewesen, hatten wii' uns über die Sitten der in 
Bosnien und in der Herzegowina lebenden Tüi'ken unter- 
halten. Ich hatte, erzälilt, was ich von einem iinter diesen Leuten 
praktiziei-enden Kollegen gehört hatte, daß sie sich voll Ver- 
trauen in den Arzt und voll Ergebung in das Schicksal zu zeigen 
pflegen. Wenn man ihnen ankündigen muß, daß es für den 
Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie: .,Herr, was ist da 
zu sagen? Ich weiß, wenn er zu retten wäre, hättest du ihn ge- 
rettet!'' — Erst in diesen Sätzen finden sich die Worte und Na- 
men : Bosnien, Herzegowina, Herr vor, welche sicli in 
eine Assoziationsreihe zwischen SignorelÜ — Botticelli 
und Boltraffio einschalten lassen. 

c) Ich nehme an, daß der Gredankenreihe von den Sitten der 
Türken in Bosnien usw. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken 

1* 



zu sturen, darum zukam, weil ich Uir meine Aufmerksamkeit ent- 
zogen liatte. ehe sie noch zu Ende g-ebracht war. Ich erinnere 
nümlicli, dalä ich eine zweite Anekdote erzählen wollte, die nahe 
bei der ersten in meinem Gedächtnis ruhte- Diese Tüi'kcn 
schätzen den SexualgenuJi über alles und verfallen bei sexuellen 
Stiii-uiigen in eine Verzweiflung, welche seltsam gegen ihre Re- 
signation bei Todesgefahr absticht. Einer der Patienten meines 
Kollegen hatte ihm einmal gesagt: „Du weißt ja, Herr, wenn 
das nicht mehr geht, dann hat das Leben keinen Wert." Ich 
unterdi'ückte die Mitteilung dieses charakteristischen Zuges, weil 
ich das heikle Thema nicht im Gespräch mit einem Fremden be- 
rühren wollte. Ich- tat al>er noch mehr; ich lenkte meine Auf- 
merksamkeit auch von der Fortsetzung der &edankon ab, die 
sich bei mir an das Thema „Tod und Sexualität" hätten knüpfe^ 
können. Ich stand damals unier der Nachwirkung einer Nach- 
richt, die ich wenige "Wochen vorher während eines kurzen Auf. 
enthalies in Trafo i erhalten hatte- Ein Patient, mit dem ich 
mii- viele Mühe gegeben, hatte wegen einer unheilbaren sexuellen 
Störung seiiiem Leben ein Ende gemacht- Ich weiß bestimmt 
daß mir auf jener Reise in die Herzegowina dieses ti'aurige Er- 
eignis und alles, was damit zusammenhängt, nicht zur bewußten 
Erinnerung kam. Aber die Übei'eiustimmung Trafoi — Bol- 
traffio nötigt mich anzuiLehmeii- daß damals diese Reminiszenz 
trotz der absieht, liehen Ablenkung meiner Aufmerksnmkeit in mh- 
zur Wirksamkeit gebracht worden ist- < 

d) Ich kann das Vergessen des Namens Signorelli nicht meh r ^ ' 
als ein zufälliges Ereignis auffassen. Ich muß den Einfluß eines • 

Motivs bei diesem Vorgang anerkennen- Es waren Motive, die ' " 

Blich veranlaßten, mich in der Mitteilung meiner Gedanken (über i 

die Sitten der ^Pürken. usw.) zu unterbrechen, und die mich ferner i 

beeinflußten, die daran sich knüpfenden Gedanken, die bis zur 



iL 



I. VEEGESSEN VON EIGENNAMEN. 



;Nachricht in Trafoi geführt hätten, in mir vom Bewußtwerdeu 
auszuschließen. Ich wollte also etwas vergessen, ich hatte etwas 
verdrängt. Ich wollte allerdings etwas anderes vergessen als 
den. Namen des Meisters von Orvieto ; aber dieses andere brachte 
es zu stände, sich mit dessen Namen in assoziative Verbindung zu 
setzen, so daß mein AVillensakt das Ziel verfehlte, und ich das 
eine wider AVillen vergaß, während ich das andere mit 
Absicht vergessen wollte. Die Abneigung, zu eriimern, richtete 
sich gegen den einen Inhalt; die Unfähigkeit, zu erinnern, trat 
an einem uiideien liervor. Es wäre offenbar ein einfacherer Fall, 
wenn Abneig-ung xuid Unfähigkeit, zu erinnern, denselben Inhalt 
beträfen. — Die Ersatznamen erscheinen mir auch nicht mehr so 
völlig unberechtigt wie vor der Aufklärung; sie mahnen mich 
(nach Art eines Kompromisses) ebenso sehr an das, was ich 
vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte, und zeigen mir, 
daß meine Absicht, etwas zu vergessen, weder ganz gelungen 
noch ganz mißglückt ist. 

e) Sehr auffällig ^t die Art der Verknüpfung, die sich zwi- 
schen dem gesuchten Namen und dem verdrängten Thema (von 
Tod und Sexualität usw., in dem die Namen Bosnien, Herzego- 
wina, Trafoi vorkommen) hergestellt hat. Das hier eingeschal- 
tete, aus der Abhandlung des Jahres 1898 wiederholte Sehemii 
sucht diese Verknüpfung anschaulieJi darzustellen. 

Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stücke zerlegt wor- 
den. Das eine Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unver- 
ändert wiedergekehrt (elli), das andere hat duixh die Cberset- 
zung Siguor — Herr mehrfache und verschiedenartige Be- 
ziehungen zu den im verdrängten Thema enthaltenen Namen 
^Wonnen, mt aber dadiu'ch für die Keprodulttion verloren ge- 
gangen. Sein Ei-satz hat so stattgefunden, als ob eine Verschie- 
bung längs der Namenverbinduiig , .Herzegowina und Bosnien"' 



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6 



I. VEßöESSEK VON EIGENNAltEK. 



vorgenommen wäre, ohne Rücksicht auf den Sinn und auf die | 
akustische Ähgrenzuug der Silben zu nehmen. Die Namen sind 
also bei diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wie die 
Schriftbilder eines Satzes, der in ein Bilderrätsel (Rebus) umge- 
wandelt werden soll- Von dem ganzen Hergang, der anstatt des 
Namens Signoi-elli auf solchen Wegen die Ersatznamen ge- 



{Bo)tilGelU 



Siqnor elli 



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{He^isegowina u. \DO^m%en 



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(. [Bolsni 




Heri\ was ist da m sagen etc. 
' '— >■ Tod und Sexualität 



Trafoi 




(Verdrängte Gedanken) 



schaffen hat, ist dem Bewußtsein keine Kunde gegeben wordexi. 
Eine Beziehung zwischen dem Thema, in dem der Name Signo- 
relli vorkam, und dem zeitlich ihm vorangeliendon verdrängte^ 
Thema, welche über diese "Wiederkehr gleicher Silben (oder viel- 
mehr Buchstabcnfolgen) hinausginge, scheint zunächst nicht 
auffindbar zu sein. ^^ 

Es ist vielleicht nicht überflüssig zu bemerken, daß die von 
den Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion 
und des Vergessene, die in gewissen Relationen und Dispositionen 
gesucht werden, durch die vorstehende Aufklärung einen Wider- 



^ 



I. VERGESSEN VOM EIGENKAMEN. 



Spruch nicht erfahren. Wir haben nui' für gewisse Fälle zu all 
den längst anerkannten Momenten, die das Vergessen eines Na- 
mens bewirken können, noch ein Motiv hinzugefügt und über- 
dies den Mechanismus des Fehlerinnerns klargelegt. Jene Dis- 
positionen sind auch für unseren Fall unentbehrlich, um die Mög- 
lichkeit zu schaffen, daß das verdrängte Element sich assoziativ 
des gesuchten Namens bemächtige und es mit sich in die Verdrän- 
gung nehme- Bei einem anderen Namen mit günstigeren Re- 
produktionsbedingungen wäre dies vielleicht nicht geschehen. Es 
ist ja wahrscheinlich, daß ein unterdrücktes Element allemal be- 
strebt ist, sich irgendwo anders zur Geltung zu bringen, diesen 
Erfolg aber nur dort erreicht, wo ihm geeignete Bedingungen 
entgegenkommen. Andere Male gelingt die Unterdrückung ohne 
Funktionsstörung, oder, wie wir mit Recht sagen können, ohne 
Symptome. 

Die Zusammenfassung der Bedingungen für das Vergessen 
eines Namens mit Fehlerinnern ergibt also: 1- eine gewisse Dis- 
position zum Vergessen desselben^ 2. einen kurz vorher abgelau- 
fenen Unterdrückungsvorgang, 3. die Möglichkeit, eine äußer- 
liche Assoziation zwischen dem betreffenden Namen und dem 
vorbei- unterdrückten Element herzustellen. Letztere Bedingung 
wird man wahrscheinlich nicht sehr hoch veranschlagen müssen, 
da bei den geringen Ansprüchen an die Assoziation eine solche 
in den allermeisten Fällen durchzusetzen sein dürfte. Eine andere 
und tiefer reichende Frage ist es, ob eine solche äußerliche Asso- 
ziation wirklich die genügende Bedingung dafür sein kann, daß 
das verdrängte Element die Reproduktion des gesuchten Namens 
störe, ob nicht doch notwendig ein intimerer Zusammenhang der 
beiden Themata erforderlich wird. Bei oberflächlicher Betrach- 
tung würde man letztere Forderung abweisen wollen und das 
zeitUcho Aneinanderstoßen bei völlig disparatem Inhalt für ge- 



8 I. VEROE8SEN VON EIGENNAMEN. 



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uügend hallen. Bei eing-eheuder Unl^i-suchiuig findet man aber 
immer häufiger, daß die beiden durch eine äußerliche Assozia- 
tion verknüpften Elemente (das verdrängte und das neue) außer- 
dem einen inhaltlichen Zusammenhang Vsiizen, und auch in dem 
Beispiel öignorelli läßt sich ein solcher erweisen. 

Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels 
Signorelli gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir 
diesen Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vorkomni- 
nis erklären wollen. Ich muß nun behaupten, daß das Namen- 
v6i-gesseu mit Fehlerinnern ungejiiein häufig so zugeht, wie wix- 
es im Falle: Signorelli aufgelöst haben. Fast allemal, da icH 
dies Fhänomen bei mir selbst beobachten konnte, war ich auch 
im Stande, es mir in der vorerwähnten Weise als durch Vcrdräu- 
gung motiviert zu erklären. Ich muß, auch noch einen andere^ \ 
Uesiehtspunkt zn Gunsten der typischen Kalur unserer Analy^^ , 
geltend machen. Ich glanl>e, daß man nicht berechtigt ist, di^ 
Fälle von Namenvergessen mit Fehlerinnern prinzipiell von soK 
chen zu trennen, in denen sich luirichtige Ersatznanien nicht 
eingeetellt haben. Diese Ersatznamen kommen in einer Anzahl 
von Fällen spontan; in anderen Fällen, wo sie nicht spontan 
aufgetaucht sind, kann man sie durch Anstrengung der Aufmerk- 
samkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen dann die näm- 
lichen Beziehungen zum verdrängt«ii Element und zum gesuchten 
Kamen, wie wenn sie spontan gekommen wären. I'iir das Be- 
wußtwerden der Ersatznamen scheinen zwei Momente maßgebend 
zu sein, erstens die Bemühung der Aufmerksamkeit, zweitens 
oin<i innere Bedingung, die am psychischen Material haftet- Ich 
könnte letztere in der größeren oder geringeren Leichtigkeit J 
suchen, mit welcher sich die benötigte äußerliche Assoziation 
zwischen den beiden Elementen bersteilt. Ein gut^r Teil der 
Füll<. von Namen vergessen ohne Fehleriunern schließt sich so 



^ 



I. VERGESSEN ^ON EIGENNAMEN. 9 

den Fällen mit Ersatznamenbildung an, für welche der Mecha- 
nismus des Beispiels Signorelli gilt. Ich werde aber mich 
g-ewiß nicht der Behauptung erkühnen, daß alle Fälle von Namen- 
vergessen in die nämliche Gruppe einzureihen seien. Es gibt ohne 
Zweifel Fälle von Namenvergessen, die weit einfacher zugehen. 
Wir werden den Sachverhalt wohl vorsichtig" genug dargestellt 
haben, wenn wir aussprechen : Neben dem einfachen Ver- 
g' essen von Eigennamen kommt auch ein Vergessen 
vor, welches durch Verdrängung motiviert ist. 



XI. 



VEUaESSEN VON FREMD SPRACHICtEN WORTEN. 

Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache 
scheint innerhalb der Breite normaler Funktion gegen das Ver- 
gessen geschützt. Anders steht es bekanntlich mit den Vokabel^ 
einer fremden Sprache. Die Disposition zum Vergessen der- 
selben ist für alle Redeteile vorhanden, und ein erster Grad von 
Funktionsstörung zeigt sich in d<^ TJngleichmäßigkeit unserer 
Verfügung über den fremden Sprachschatz, je nach unsereiji 
Allgemeinbefinden und dem ßrade unserer Ermüdung. Dieses 
Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mecha- 
nismus vor sieh, den uns das Beispiel Signorelli enthüllt hat. 
Ich werde zum Beweise hiefür eine einzige, aber durch wertvolle 
Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den 
Fall des Vergessens eines nicht substantivischen "Wortes aue 
' einem lateinischen Zitat betrifft. Man gestatte mir, den kleinen 
\'orfall breit und anscliaulich vorzutragen- 

Im letzten Sommer erneuerte ich — wiederum auf der Ferien- 
reise — die Bekanntschaft eines jungen Mannes von aka.demischer 
Bilthmg, der. wie ich bald merkte, mit einigen meiner psycho- 
logischen Publikationen vertraut war. Wir waren im Gespräch 
ich weiß nicht mehr wie — auf die soziale Lage des Volks- 
stammes gekommen, dem wir beide angehören, und er, der Ehr- 
o'eizigc- erging sich in Bedauern darüber, daß seine Generation, 



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* 



n. VERGESSEN VON FBEMDSPRiCHIGEN WORTEN. H 

wie er sieli äußerte, zur Verkümmerung bestimmt sei, ihre Ta- 
lente nicht entwickeln und ihre Bedürfnisse nicht befriedigen 
könne. Er schloß seine leidenschaftlich bewegte Bede mit dem 
bekannten Vergi Ischen Vers, in dem die unglückliche Dido 

ihre Hache an Aeneas der Nachwelt überträgt: Exoriare , 

vielmeh.r er wollte so schließen, denn er brachte das Zitat nicht 
zu stände und sucht« eine offenkundige Lücke der Erinnerung 
durch Umstellung von Worten zu verdecken: Exoriar(e) ex 
nostris ossibus uUor! Endlich sagte er geärgert: „Bitte, machen 
Sic nicht ein so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner 
Verlogenheit weiden würden, und helfen Sie mii' lieber. An dem 
Vers fehlt etwas. AVie heißt er eigentlich vollständig?'' 

Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet : 
Exoriar(e) a 1 i q u i s nostris ex ossibus ultor ! 

,.Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen- Übrigens von 
Ihnen hört man ja, daß man nichts ohne Grund vergißt. Ich 
wäre doeli zu neugierig, zu erfahren, wie ich zum Vergessen 
dieses unbestimmten Pronomen aliquis komme." 

Jch nahm diese Herausforderung bereitwilligsl an, da ich 
einen Beitrag zu meiner Sammlung erhofft«. Ich sagte also : Das 
können wir gleich haben. Ich muß Sie nur bitten, mir auf- 
richtig und kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen ein- 
fällt, wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre Aufmerksamkeit 
auf das vergessene Wort richten*. 

,,Gut, da komme ich also auf den lächerlichen Einfall, mir 
das Woi*t in folgender Art zu zerteilen: a und liquis." 

Was soll das? — „Weiß ich nicht." — Was fällt Ihnen 
weiter dazu ein? — „Das setzt sich so fort: Rel iquien — L i- 

* Dies ist der allgemeine Weg, um Vorabellungselemeute, die sich 
verbergen, dem Bewußtsein zuzuführen. Vgl. meine „Traumdeutung", p. 69. 
(5. Aufl., p. 71.) 



la n. VEEGESSEN VON FREMDSPRACHIGEN WORTEN. 



quidation — Flüssigkeit — Fluid. Wissen Sie jetzt 
schon etwas?" 

Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort. 

„Ich denke", fuhr er höhnisch lachend fort, „an Simoxi 
von Trient, dessen lleliquien ich vor zwei Jahren in einei- 
Kirche in Trient gesehen habe. Ich denke an die Blutheschuldi- 
"■ung, die gea'ade jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird, iun<i 
an die Schrift von Kleinpaul, der in all diesen angeblichen 
Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen, des Heilauds 
sieht." 

Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit deii\ 
Thema, über das wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinisch*? 
Wort entfiel. 

„nichtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel i^j 
einem italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube 
er war übei-schrieben : Wa^ der hl. Augustinus über di^ 
Frauen sagt. Was machen Sie damit?" ' "' 

Ich warte. 

„Also jetzt kommt etwas, was ganx gewiß außer Zusammen- 
hang mit unserem Thema steht." 

Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und — 

,,lch weiß schon. Ich erinnere mich eines prächtigen altoix 
Herrn, den ich vorige Wociie auf der B«ise getroffen. J5in 
wahres Original. Er sieht aus wie ein großer Raubvogtd. Kx- 
heißt, wenn Sie es wissen wollen, Benedikt." 

Doch wenigstens eine jV-ueinauderreiliung von Heiligen un<i j; 
Kirchenvätern: Der heilige Simon, St. Augustinus, St. 
Benediktus. Ein Kirchenvater hieß, glaube ich, Origines. 
Drei dieser Namen sind übrigens auch Vornamen wie Paul im 
Namen Kleinpaul. 



f 



U. VERGESSEN VON FKEMüSPRACHIGEN WORTEN. 13 

■ „Jetzt fällt mir der heilige J a n u a r i u s ein und sein Blut- 
wiinder — ich finde, das geht mechanisch so weiter." 

Lassen Sie das; der heilige Janüarius und der heilige 
Ängiistinus haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen 
Sie mich nicht an das Blutwunder erinnern ? 

„Das werden Sie doch kennen! In einer Kirche zu Xeapel 
wird in einer Phiole das Blut des heiligen Janüarius aufbewahrt, 
welches durch ein Wunder an einem bestimmten iY'sttage wieder 
flüssig wird. Das Volk hält viel auf dieses Wunder und wird 
sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert, wie es eimnal zur Zeit 
einer französischen Okkupation geschah. Da nahm der komman- 
dierende Genei-al — oder irre ich mich? war es Graribaldi? 
— den geistlichen Herrn beiseite und bedeutete ihm mit einer 
eehr verständlichen Gebärde auf die draußen aufgestellten Sol- 
daten, er hoffe, das Wunder werde sich sehr bald vollziehen. 
Und es vollzog sich wirklich...." 

Nun und weiter? Warum stocken Sie? 

„Jetzt ist mir allerding-s etwas eingefallen das ist aber 

zu intim für die Mitteilung.... Ich sehe übrigens keinen Zu- 
sammenhang und keine Nötigung, es zu erzählen." 

Für den Zusammenhang wüi'de ich sorgen. Ich kann Sie 
ja nicht zwingen zu erzählen, was Ihnen unangenehm ist ; dann 
verlangen Sie aber auch nicht von mir zu wissen, auf welchem 
Wege Sie jenes Wort ,,aliquis" verg-essen haben. 

„AVii-klich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine 
Dame gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bekommen 
könnte, die uns beiden recht unangenehm wäre-" 

Daß ihr die Periode ausgeblieben ist? 
_ . ,,Wio können Sie das erraten?" 

Das ist nicht mehr schwierig- Sie haben mich genügend 
darauf vorbereitet- Denken Sie an die Kalenderheiligen, 



14 n. VERGESSEN VON FREMDSPRACHIGEN WORTEN. 



an das Piüssigwerd en des Blutes zu eineni be- 
stimmten Tage, den Aufruhr, wenn das Ereignis 
nicht eintritt, die deutliche Drohung, daß das 
Wunder vor sich gehen muß, sonst..-- Sie haben ja 
das Wunder des heiligen Januarius zu einer prächtigen Anspie- 
lung auf die l^eriode der Frau verarbeitet. 

„Ohne daß ich es gewußt hätte. Und Sie meinen wirklich., 
wegen dieser ängüilichen Erwartung hätte ich das Wörtchen 
,aliquis' nicht reproduzieren können?" 

Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sicli doch s^^ 
ihre Zerlegung in a — üquis und an die Assoziationen: Re- 
liquien, Liquidation, Flüssigkeit,. Soll ich noch den 
als Kind hingeopferten heiligen Simon, auf den Sie voij_ 
den Keliquien hei- kamen, in den Zusammenhang einflechton r* 

„Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese 
Gedanken, wenn ich sie wii-klich gehabt habe, nicht für Ernst. 
Ich will Ihnen dafür gestchen, daß die Dame Italienerin ist, ij^ 
dei-en G^ellsehaft ich auch Neapel besucht habe. Kann das abei:^ 
nicht alles Zufall sein?" 

Ich muß ee Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob tSi^ 
sich alle diese Zusammenliänge durch die Annahme eint^s ZufalXs 
aufklären können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, d^u 
Sie analysieren wollen, wird Sie auf ebenso merkwürdige ),X\i. 
fälle" führen. 

Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, füi" dete^ 
Überlassung ich meinem damaligen Reisegenossen Dank schul^^^i 
zu schätzen. Erstens, weil mir in diesem Falle gestattet war; 
aus einei" Quelle zu schöpfen, die mir sonst versagt ist. ]ch "bin 
zumeist genötigt, die Beispiele von psychischer FunktionsstÖi*mig. 
im tätlichen Leben, die ich hier zusammenstelle, meiner Selbst- 
beobachtung zu entnehmen. Das weit reichere Material, das rixii 



n. VERGESSEN VON FKEMDSPRACHIGEN WORTEN. t5 

meine neurotischen Patienten liefern, suclie ich zu vermeiden, 
weil ich deai Einwand fürchten muß; die betreffenden Phänomene 
seien eben Erfolge und Äußei-ungen der Neurose. Es hat also 
beeoniieren Wert für meine Zwecke, wenn sich eine nervengesunde 
fremde Person zum Objekt einer solchen Unt-ersucliung erbietet. 
In anderer Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungsvoll, in- 
dem sie einen Fall von Wortvergessen ohne lilrsatzeriunern be- 
leuchtet und meinen vorhin aufgestellten Satz bestätigt, daü das 
Auftauchen oder Ausbleiben von unrichtigen Ersatzeriunerun- 
gen eine wesentliche Unterscheidung nicht begründen kann *. 

■^ i'eiuere BeobachbuEg schränkt den Gegensatz zwischen der Ana- 
lyse; Sign Lire lli und der: aliquis betreffs der Ersatzerinnerungen um 
einiges ein. Anch hier scheint näinlich dsm Vergessen von einer Ersata- 
bilduug begleitet zn sein. Als ich an meinen Partner nachträglich die Frage 
stellte, ob ihm bei seinen Bemühungen, das fehlende Wort zu erinneiru. 
nicht irgend etwas zum Ersatz eiugeüallen sei, berichtete er. daß er zu- 
nächst die Versuchung verspürt habe, ein ab in den Vers zu bringen: 
nostris ab ossibus (vielleicht das unverknüisfte Stück von a-liquia) und 
dann, daß sich ihm da-s Exoriara besonders deutlich und hartnäckig 
aufgedrängt habe. Als Skei>tiker setzt-e er hinzu, offenbar weil es da.i 
iiTSte Wort des Verses ■war. Als ich ihn bat, doch auf die Assoziationen, 
von Esoriare aus zn achten, gab er mir Exorzismus au. Ich kana mir 
also sehr wohl denken, daß die Veratäi'kung vou Exoriaa'e in der liepro- 
duktiou eigentlich den Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Dieselbe 
wäre übei die Assoziation: Exorzismus von den Namen der Heiligen 
her erfolgt, indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert ku 
legen braucht. — Ea erscheint nun aber wohl möglich, daß das Auftreten 
irgend einer Art von Ersätzen naerung ein konstantes, vielleicht auch nur 
ein charakteristisches und verräterisches Zeichen des tendenziösem, durch 
Verdrängung motivierten Vergesscns ist. Diese Ersatzbildung bestände 
auch dortj wo das Auftauchen unrichtiger Ersatznamen ausbleibt, ia der 
Verstärkung eines Elementes, welches dem vergesseneu benachbart ist. 
Im Elalle: Siguorelli war a. E., solang© mir der Name des Malers xmzu- 
gänglich blieb, die visuelle Erinnerung an de« Zyklus von. Fresken und 



Der Hauptwert des Beispiels: aliquis ist aber in emem 
anderen seiner Unterschiede von dem Falle: Signorelli gelegen. 
Im letzteren Beispiel wird die Reproduktion des Namens gestört 
diu-ch die Nachwirkung eines Gedankenganges, der kurz vorher 
begonnen und abgebroelien wurde, dessen Inhalt aber in keinem 
deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand, in dem 
der Najne Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten I 
und dem Thema des veigesaenen Namens bestand bloß die Be-. 
Ziehung der zeitlichen Koutiguitat ; dieselbe reichte hin, damit 
sich die beiden durch eine äußerliche Assoziation in Verbindung 
setzen konnten *. Im Beispiel : aliquis hingegen ist von ein^^j^ 
solchen unabhängigen vei-drängten Thema, welches unmiiteli^^j. 
vorher das bewußte Benken beschäftigt hätte und nun als S.^-._ 
rung nachklänge, nichts zu merken. Die Störung der Reprod\xt 
tion erfolgt hier aus dem Innern des angeschlagenen Then^aa 
heraus, indem sich unbewußt ein Widerspruch gegen die jj^ 
Zitat dargestellte "Wunschidee erhebt. Man muß sich den I-f^ 
gang in folgender Art konstruieren: Der Redner hat bedauex-* 
daß die gegenwärtige Generation seines Volkes in ihren Hechten 

an sein in der Ecke eines Bildes angebra.chtos Selbsl^porträt übordeiji, 
lieh, jedenfalls weit intensiver, als visupl]*- Krinnemngsspurnn sonst i^^^j 
mir auftreten. In einem anderen PaJle, der gleichfalls in der Abhandluutr 
von 189f^ mit^foteilt ist, hatte ich von der Adrßsse eines mir uixbequern^jj 
Besuches in einer fremden Stadt den Straßen nauien hoffnungslos Ver- 
gessen, die HausTiuinmer aber wie zum Spott — - überdeiitlich gemeHc)-^ 
während sonst da^ Krinnern von /Wahlen mir die größte Schwierigkeib 

bereitet. 

* Ich möchte für das Fohlen eim-fi inneren Zusamruenhajiges ivs^. 
scben den beiden fiedankenkrciaen im Palle Signarelli nicht mit voUer 
Obenteupung einstehen. .Bei sorgfältiger Verfolgung der verdrängten Ge- 
danken über das Thema von Tod und SexuiiJleben stößt rnan doch auf 
eine Idee, die sich mit dem Thema der Treskfn von Orvi^^to nahe berührt. < 



^ 



n. VERGESSEN VON l-'REMDSPRÄCHIGEN WORTEN. 17 

verkürzt wird; eine neue Generaiiüii, weissagt er wie Dido, 
wird die Eache an den Bedrängern übernehmen. Er hat also den 
Wunsch nach Nachkommenschaft ausgesprochen. In diesem Mo- 
ment lahrt ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen. 
„AVünschest du dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das 
ist nicht wahr. In welche Verlegenheit kämest du, wenn du 
jetzt die Nachricht erhieltest, daß du von der einen Seite, die 
du kennst, Nachkommen zu erwarten hast? Nein, keine Nach- 
kommenschaft, — wiewohl wir sie für die .Rache brauchen." 
Dieser Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem er ge- 
nau wie im Beispiel : SignorelH eine äußerliche Assoziation zwi- 
schen einem seiner Vorstellungselemente und einem Element des 
beanstandeten Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine 
höchst gewaltsame Weise durch einen gekünstelt erscheinenden 
Assoziationsumweg. Eine zweite wesentliche Übereinstimmung 
mit dem Beispiel Signorelli ergibt sich daraus, daß der Wider- 
spruch aus verdrängten Quellen stammt und von Gedanken aus- 
geht, welche eine Abwendung der Aufznerksamkeit hervorrufen 
würden. — Soviel über die Verschiedenheit und über die innere 
Verwandtschaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens. 
Wir haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen 
gelernt, die Störung eines Gedankens durch einen aus dem Ver- 
drängten kommenden inneren Widerspruch. Wir werden diesem 
Vorgang, der uns als der leichter verständliche erscheint, im Laufe 
dieser Erörterungen noch wiederholt begegnen. 



Ftend, FiiycbopatholriKte <!«■ AlKnsBlebeni. YI, Aufl. - * 



<\ 



M 



in. 

VERGESSEN VON NAMKN UND M^OKTFOLOEN. 

Erfalimngen, wie die eteii erwähnte, über den Hergang dos 
Yergessens eines Stückes aus einer fremdsprachigen Worifolgo 
können die Wißbegierde rege machen, ob denn das \'ergcssen von 
Wortfolgen in der Muttersprache eine wesentlich andere Auf. 
klärung erfordere. Man pflegt zwar nicht verwundert zu sein, ^ 
wenn man eine auswendig gelernte Formel oder ein Gedicht nach ' 
einiger Zeit nur ungetreu, mit Abänderungen und Lücken re- 
produzieren kann. Da aber dieses Vergessen das im Zusammen- 
liang Erlernte nicht gleichmäßig betrifft, sondern wiederum ein. 
zelne Stücke daraus loszuhröckeln scheint, könnte es sich dex- 
.Mühe verlohnen, einzelne Beispiele von solcher fehlerhaft go,- 
wordenein Reproduktion analytisch zn untersuchen. 

Ein jüngerer Kollege, der im Gespräche mit mir die Ver- 
mutung äußerte, das Vergessen von Gedicliten in der Mutter- 
sprache könnte wohl ähnlieh motiviert sein wie das Vergessen 
einzelner Elemente in einer fremdsprachigen Wortfolge, erbot 
sich zugleich zum Untersnchungsobjekt. Ich fragte ihn, an wel- j 
chem Gedichte er die Probe machen wolle, und er wälilte „Die 
Braut von Korinlh'", welches Gedieht er sehr liebe und wenigstens 
etrophenweise auswendig zu kennen glaube. Zu Beginn der Re- , 
Produktion traf sich ihm eine eigentlich auffällige Unsicherheit. 
Heißt es: ,V o n Korintlius nach Athen gezogen'," fragte er. 



III. VERGESSEN TON NAMEN UND WORTFOLGEN. jg 



„oder »Nach Korinthus von Athen gezogen'-" Auch ich war 
einen Moment lange schwankend, bis ich lachend bemerkte, daß 
der Tite! dos Gedichtes ,.I)ie Braut von Korintli" ja keinen 
Zweifel ilai-liber lasse, welchen AVeg der Jüngling ziehe. Die 
Reproduktion der erstxjn Stroplio ging dann glatt oder wenig'steng 
u!iue auffällige Verfälschung vor sich. Nach der ersten Zeile 
dei' zweiten Strophe schien der Kollege eine Weile zu suchen; 
er setzte bald fort und rezitierte also: 

Aber wird er auch willkommen scheinen, 
Jetzt, wo jeder Tag was Neues bringt? 
Denn er ist noch Heide mit den Seinen 
Und sie sind Christen und — getauft. 

Ich hatte schon vorher wie befremdet aufgehorcht ; nach 
dem Schlüsse der letzten Zeile waren wir beide einig, daß liier 
eine Entsteilung stattgefunden habe. Da es uns aber nicht ge- 
ling, dieselbe zu korrigieren, eilten wir zur Bibliothek, um 
Uocthes Gedichte zur Hand zu nehmen, und fanden zu unserer 
Überraschung, daß die zweite Zeile dieser Strophe einen völlig 
anderen Wortlaut habe, der vom Gedächtnis des Kollegen gleich- 
sauL herausgeworfen und duroh etwas anscheinend fremdes er- 
setzt worden war. Es hieß richtig: 

,A.h&r wird er auch willkommen scheinen, 

Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft." 

Auf „erkauft" reimte „getauft", und es schien mir sonder- 
bar, daß die Konstellation: Heide, Christen und getauft, ihn bei 
der Wiederherstellung des Textes so wenig gefördert hatte. 

Können Sie sich erklären, fragte ich den Kollegen, daß 
Sie in dem Ihnen angeblich so wohl vertrauten Gedichte die 
Zeile so vollständig gestrichen haben, und haben Sie eine Ahnxmg, 
aus welchem Zusammenhang Sie den Ersatz holen konnten? 

2* 



ü 



^ MI. VERGESSEN VON^NAMEK_UND_WC^^ 



i 



Er war im staoide, Aufklärung zu geben, obwohl er es offeix- 
bar nicht sehr gerne tat. „Die Zeile: Jetzt wo ,edcr Tag wa. 
Neues bringt, kommt mir bekannt vor; .eh muß d.es ^o.to 
vor kurzem mit Bezug auf meine Praxis gebraueht l.al^n, m.t 
deren Aufschwung ich, wie Sie wissen, gegenwärtig sehr .^- 
frieden tin. Wie dieser Satz aber dahinein gehört? leh wußt^ S 
einen Zusammenhang. Die ZeUe ,wenn er teuer nicht d^e Gntx^t 
erkanfV war mir offenbar nicht angenehm. Es hängt das mit 
einer Bewerbung zusammen, die ein ei-ste. Mal abgeschlagen 
worden ist, und die ich jetzt mit Rücksicht auf meine sehr g,., 
besserte materielle Lage zu wiederholen gedenke. Ich kann Ihnen 
nicht mehr sagen, aber es kann mir doch gewiß, nicht heb sei^, 
wenn ich jetzt angenommen werde, mich daran zu erinnern, daß 
eine Art von Berechnung damals wie nun den Ausschlag g^, 
geben hat." 

Das erschien mir einleuchtend, auch ohne daß ich die nähor^^ 
Umstände zu wissen branchte. Aber ich fragte weiter: ^ie» 
kommen Sie überhaupt dazu, sich und Ihre privaten "S^orhältnis^e^ 
in den Text der „Braut von Korinth" zu mengen? Besteh^ j^ 
vielleicht in Ihrem Falle solche Unterschiede des Religious- 
bekenntniases, wie sie im Gedichte zui- Bedeutung kommen? 



(Keimt ein Glaube neu, 

wii-d oft Lieb' und Treu 

wie ein böses Unkraut ausgerauft.) 

Ich hatte nicht richtig geraten, aber es war merkwürdig z^ 
erfahren, wie die eine wohlgezielie Frage den Mann plötzlich 
hellsehend machte, so daß er mir als Antwort bringen könnt«, 
was ihm sicherlich bis dahin selbst unbekannt geblieben war. & 
sab mich mit einßm ge<iuälien und auch unwilligen Blick an, 
xnurmelte eine spätere Stelle des Gedichtes vor sich hm: 



\ 



iL 



IIL VßKGESSKN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 21 



„Sieh sie an genau*! 
Morgen ist sie grau." 

und fügte kurz liinzu : Sie ist etwas älter als ich. Um ihm nicht 
noch mehr Pein zu bereiten, "brach ich die Erkundigung ab. Die 
Aufklärung erschien mir zureichend. Aber es war gewiß über- 
rixschend, daß die Bemühung, eine harmlose Fehlleistung des Ge- 
dächtnisses auf ihren Grund zurückzuführen, an so ferne liegende, 
intime und mit peinlichem Affekt besetzte Angelegenheiten des 
t'ntersuchten rühren mußte. 

Ein anderes Bcisiiicl vom Vergessen in der "Wortfolge eines 
bekannten Gedichtes will ich nach C. G. Jung*'" und mit den 
^Vorteil das Autors anführen- 

,,Eiii Herr will das bekannte Gedicht rezitieren: ,Ein 
Eicht^-nbaum steht einsam usw.* In der Zeile: ,Ihn schläfert' 
bleibt er rettungslos stecken, er hat ,mit weißer Decke' total ver- 
gessen. Diesem Vergessen in einem so bekannten Vors schien mir 
auffallend; und ich ließ ihn nun reproduzieren, was ihm zu ,mit 
weißer Decke' einfiel- Es entstand folgende lleihe: ,Man denkt 
bei weißer Decke an ein Totentuch — ein Leintuch, mit dem mau 
einen Toten zudeckt — (Pause) — jetzt fällt mir ein jiaher 
Freund ein — sein Bruder ist jüngst ganz plötzlich gestorben, — 
er soll an einem Herzschlag gestorben sein — er war eben auch 
sehr korpulent — mein Freund ist auch korpulent und ich habe 

* Der Kollege liat übrigens die scJiöne Stelle des Gedichtes sowohl 
in ilireni Wortlaut wie nach ihrer Anwendung etwas abgcimdert. Daa 
geapenstiscbc Sfädchcn sagt seinem Bräutigam: 

„Meine Kette bab' ich dir gegeben; 

Deine Locke nehm' ich mit mir fort. 

Sieh sie an genau I 

Morgen bis b du grau, 

Und Dur braun erscheinst du wieder dort." 

** CG. Jung, Cber die Psychologie der Dementia praecox. 1907, 
ÖuiUj 64. 



a 



22 



m. VÜEGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 



schon gedacht, es tonnte ihm auch so gehen - er gibt sxoK 
wahrscheinlich zu wenig Bewegung - als ich von dem aodesfall 
hörte, iet mir plötzlich angst geworden, es könnte mir auch so 
gehen, da wir in unserer Familie sowieso Ndgung zur hettsucKt 
haben- und auch mein Großvater an einem Herzschlag gestorben 
ist; ich finde mich auch zu korpulent und habe deshalb in diesen 
Tagen mit einer Entfettungskur begonnen.'" 

„Der Herr hat sich also unbewußt sofort mit dem Fichten- 
bäum identifiziert/' bemerkt Jung, „der vom weißen Leichen- 
tuch umhüllt ist." 

Das nachstehende Beispiel von \^!rgcsscn einer -Wortfolge,, 
dafi ich meinem Freunde S. Ferenczi in Budapest verdanke, 
bezieht sich, anders als die vorigen, auf eine selbstgcprägte Rede, 
nicht auf einen vom Dichter übernommenen Satz. Es mag uns 
auch den nicht ganz gewöhnlichen Fall vorführen, daß sich das 
Vergessen in den Dienst unserer Besonnenheit stellt, wenn ili^j. 
die "Gefahr droht, einem augenblicklichen Gelüste zu erliegen. ^ 
Die Fehlleistung gelangt so zu einer nützlichen Funktion. Wenn 
wir wieder ernüchtert sind, geben wir dann jener inneren St-rö- \ 
mung Kecht, welche sich vorhin nur durch ein Versagen — ein 
Vergessen, eine psychische Impotenz — äußern konnte- j 

„In einer Gesellschaft fällt das Wort ,Tout comprendre c'est 1 
tout pardonner'. Ich hsmerkc dazu, daß der erste Teil des Sat:£es 
genügt; das ,Pardonnieren' sei eine Uberhcbung, man überlasse 
das Gott und den Geistlichen. Ein Anwesender findet diese Be- 
merkung sehr gut ; das macht mich verwegen und — wahrschein- 
lich um die gute Meinung des wohlwollenden Kritikers zu sichern 

sage ich, daß mir unlängst etwas Besseres eing-efallen sei. 

Wie ich es aber erzählen will — fällt es mir nicht ein. — Ich? 
ziehe micli sofoi-t zurück und schreibe die Deckeinfälle auf, - 
Zuerst kommt der Name des Spundes und der Straße in Buda-; 




^ 



ni. VERGESSEN VO^f NAMEN UND WORTFOLGEN. 23 

pest, die die Zeugen der Geburt jenes (gesuchten) Einfalles waren; 
dann der j^ame eines anderen Freundes, M a x, den wir gewöhn- 
lich Maxi nennen. Das führt mich zum Worte Maxime und 
zur Erinnerung, daß es sich damals (wie im eingangs erwähnten 
Falle) um die Ahändei'ung einer bekannten Maxime handelte. 
Seltsamerweise fällt mir dazu nicht eine Maxime, sondern fol- 
gendes ein: jGrott schuf den Menschen nach seinem 
Bilde' und dessen veränderte Fassung ,der "Mensch schuf 
Gott nach dem sein igen'. Daraufhin taucht sofort die 
Erinnerung an das Gesuchte auf : 

,jMcin Freund sagte damals zu mir in der Äiidrässystraße : 
,Nichts Menschliches ist mir fremdS worauf ich — 
auf die psychoanalytischen J^rfahrungen anspielend — sagte : 
,Du solltest weitergehen und bekennen, daß dir 
nichts Tierisches fremd ist'." 

,, Nachdem ich aber endlieh die Erinnerung an das Gesuchte 
hatte, konnte ich es in der Gesellschaft, in der ich mich gerade 
befand, erst recht nicht erzählen- Die junge Gattin des Freundes, 
den ich an die Animalität des Unbewußten erinnert hatte, war 
auch unter den Anwesenden, und ich mußte wissen, daß sie zur 
Kenntnisnahme solcher unerfreulicher Einsichten gar nicht vor- 
bereitet war. Durch das Vergessen ist mir eine Keihe unang-e- 
nehntej' Fragen ilirerseits und eine aussichtslose Diskussion er- 
spart worden, und gerade dais muß das Motiv der .temporären 
Amnesie' gewesen sein." 

,,Es ist interessant, daß sich als Deckcinfall ein Satz eiu- 
stellle, in dem die Gottheit zu einer menschlichen Erfindung 
degiadierl". wird, während im gesuchten Satze auf das Tierische 
ii[i Menschen hingewiesen wurde. Also die Capitis diminutio ist 
das Gemeinsame. Das Ganze ist offenbar nur die Fortsetzung des 



/. 



24 III. VERGESSEN VON NAMEN U ND WORTFOL GEN^ 

dui'cli da>: Gespräc}i angei-egteii Ucdankeiigangxjs über das Ver- 

st&heii und Verzeiht?!!-" 

„Uaß aicli dn diesem Falle das Gesuchto ao rasch einstellte, 
vea-danke icli vielleicht aucli dem Umstand, daß. ich mich aus. dei- 
Gesellschaft, ia dta- es aensuriert war, sofort in ein menschen- 
leei-es Zimmer zurückzog-" 

Ich habe Kcithcr zahlreiche andere Analysen in Fällen von ' 
VergeöscR oder fehlerhafter Reproduktion einer Wortfolge ange- 
stellt und bin durch das übereinstimuicnde Ergebnis dieser Untei-- 
sucliung-en der Annalune geneigt woi-dcn, daÜ der in den Bei- 
spielen „aliquis" uud ,, Braut von Korinth" nachgewiesene He- 
chaniamus des Vergessens fast allgemeine Gültigkeit hat- Eg 
ist meist nicht sehr beq^uein, solche Analysen mitzuteilen, da si^ 
wie die vorstehend erwähnten stets zu intimen und für den Ana- 
lysierten peinlichen Dingen hinleiten ; ich werde die Zahl solchex- 
Beispiele darum auch nicht weiter vermehren. Giehieinsam bleibt 
all diesen Fällen ohne Unterschied des Materials, daß das'Verg^^^ 
seneoder Entstellte auf irgendeinem assoziativen Wege mit einem 
unbewußten Gedankeninhalt in Verbindung gebracht wird, Voti 
welchem die als Vergessen sichtbar gewordene Wirkung ausgeixt 
Ich wende mich nun wiederum zu dem Vergessen von Ke- 
rnen, wovon wir* bisher weder die Kasuistik noch die Motive er- 
schöpfend betrachtet haben. Da ich gerade diese Art von Fehl- 
leistung bei mir zuzeiten reichlich beobiichtcn. kann, hin icj^ 
um Beispiele hiefür nicht verlegen. Die leisen Migränen, E^ti 
denen ich noch immer leide, pflegen sich Stunden vorher durch 
Namenvergessen anzukündigen, und auf der Höhe des Zustandest, 
während dessen ich die Arbeit aufzug-cben nicht genötigt bin, 
bleiben mir häufig alle Eigennamen aus- Nun könnten gerade 
Fälle wie der meinige zu einer prinzipiellen Einwendung gegen 
unsere analytischen Bemühungen Anlaß geben. Soll man aus 



1 



^ 



m. VERGESSEN V0\ NAMEN UND WORTFOLGEN. 25 

sülclien Beobachtungen niclit folg-ern müyscn, daß die Vci-ursa- 
chung der Vöigeßlichkeit und speziell des Namenvergessens in 
Zirkulations- und allgemeinen Funktionsstörungen des Großhirns 
gelegen ist, und sich darum psychologische Erklärungs vorsuche 
für diese Phänoniene ei-sparen!'' Ich meine keineswegs; das hieße 
den m allen Fällen gleichiirtigcn Mechanismus eines Vorgangs 
mit dessen variabsln und nicht notwendig erforderlichen Begün- 
stigungen vei-wechseln. An Stelle einer Auseinandersetzung will 
ich aher ein Gleichnis zur Erledigung des Einwandes bringen. 

i^ehmen wir aU; ich sei so unvorsichtig gewesen, zur Nacht- 
zeit in einer menschenleeren Gegend der Großstadt spazieren zu 
gehen, werde überfallen und meiner XJlir und Börse beraubt. 
An der nächsten Polizeiwachstellc erstatte ich dann die Meldun«-- 
mit den Worten: Ich bin in dieser und jener Straße gewesen, 
dort haben Einsamkeit und Dunkelheit mir Uhr und 
Börse weggenommen. Obwohl ich in diesen Worten nichts ge- 
sagt hätte, was nicht richtig wäre, liefe ich doch Gefahr, nach 
dem "Wortlaut meiner Meldung für nicht ganz richtig im Kopfe 
gehalten zu werden. Der Sachverhalt kann in korrekter AVeise 
nur so beschrieben werden, daß, von der Einsamkeit des Ortes 
begünstigt, untoi- dem Schutze der Dunkelheit im be- 
kannte Täter mich meiner Kostbarkeiten beraubt haben. 
Nun denn, der «achverhalt beim Namenvergessen braucht kein 
anderer zu sein; durch Ermüdung, Zii-kulationsstörung und In- 
toxikation begünstigt, raubt mir eine unbekannte psychische 
-Macht, die Verfügung über die meinem Gedächtnis zustehenden 
Eigennamen, dieselbe Macht, welche in aoideren Fällen dasselbe 
Versagen des Gedächtnisses bei voller Gesundheit und Leistungs- 
fähigkeit zu Stande bringen kann. 

Wenn ich die aji mii- selbst beobachteten Fälle von Namen- 
vergessen analysiere, so finde ich fast regelmäßig, daß der vor- 



3C, III. VERGESSEN VON KAMEN UND WÜKlTOLGliN- 



i 



entlialtenc Name eine Beziehung zu einem Thema hat, welch 
meine Person nahe ang-eht, und starke, oft peinliche Affekte in , 
mir hei'vorzui-ufen vermag. Nach der bequemen und empfehle ns- j 
werten Übung der Züricher Schule (Bleuler, Jung, ßikl i n) • 
kann ich dasselbe aueh in der Form ausdrücken: Der entzogojie j 
Name habe einen „iJei-sünlichen Komplex" in mir gestreift, öie ' 
Beziehung des Namens zu meiner Person ist eine unerwartete, 
meist durch oberflächliche Assoziation (Wortüweideutigkeit, 
Gleichklang) vermittelte; sie kann allgemein als eine Seit^n- 
beziehung gekennzeichnet werden. Einige einfache Beispiele 
werden die Natur derselben am besten erläutern: 

a) Ein Patient bittet midi, ihm einen Kurort an der Kiviei-, 
zu empfehlen. Ich weiß einen solchen Ort ganz nahe bei Genu 
erinnere auch den Namen des deutschen Kollegen, der do 
praktiziert, aber den Ort selbst kann ich nicht nennen, so gut ich 
ihn auch zu kennen glaube. Es bleibt mir nichts anderes übi^ig^ 
als den Patienten warten zu heißen und mich rasch an die Frauen 
meiner Familie zu wenden. ..Wie heißt doch der Ort nel>en 
Genua, wo Br. N. seine kleine Anstalt hat, in der die und jene 
Frau so lange in Behandlung war?" „Natürlieli, gerade (J^ 
mußtest diesen Namen verg-essen. Nervi heißt er." Mit N e r- 
ven liabt' ich allerdings genug /.u i\ui. 

b) Ein anderer spricht von einer nahen Sommerfrische Hiid 
behauptet, es gebe doH außer den zwei bekannten ein drittes 
■\Virtshaus, an, welclies sich für ihn eine gewisse Erinnerutig 
knüpft; den Namen werde er mir sogleielt sagen. Ich bestreite 
die Existenz dieses dritten "Wirtshauses und berufe mich darauf, 
daß ich sieben Sommer hindurch in jenem Orte gewobnt habe, 
ihn alfio besser kennen muß als er. Durch den Wider-sprucli ge- 
reizt, hat er sieh aber schon des Namens bemächtigt. Das Gast- 
haus heißt: der H och wart ner. Da muß ich freilich naeh- 



♦ 



m. VERGESSKN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 27 

geteii, ja ich muß bekennen, daß ich sieben Sommer lang in der 
nächsten Nahe dieses von mir verleugneten Wirtshauses gewohnt 
habe. Warum sollte ich hier Namen und Sache vergessen haben? 
Ich meine, weil der Name gar zu deutlich an den eines Wiener 
Fachkollegen anklingt, wiederum den ,jXjrofessionellen" Komplex 
in mir anrührt. 

c) Ein andermal, im Begriffe auf dem Bahnhof von Kei- 
cheuhall eine Pahrkarte zu lösen, will mir der sonst sehr 
vertraut* Name der nächsten großen Bahnstation, die ich schon 
sü oft passiert habe, nicht einfallen. Ich muß ihn allen Ernstes 
auf dem Fahrplan suchen. Er lautet; üosenheim- Dann 
weiß ieh aber sofort, durch weiche Assoziation er mir a^bhanden 
gekommen ist. Eine Stunde vorher hatte ich meine Schwester 
in ihrem Wohnorte ganz nahe bei Eeichenhall besucht; meine 
Schwester heißt Rosa, also auch ein Rosenheim. Diesen 
Namen hat mir der „Familienkoniplox" weggenommen- 

d) Das geradehin räuberische Wirken des .,Familienkoniple- 
xes" kann ieh dann in einer ganzen Anzahl von Beispielen ver- 
folgen. _ ' ■ !.' 

Eines Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, 
jüngerer Bruder einer Patientin, den ich ungezählte Male gesehen 
hatte, und dessen Person ieh mit dem Vornamen zu bezeichnen 
gewohnt war. Als ich dann von seinem Besuch erzählen wollte, 
hatte ich seinen, wie ich wußte, keineswegs ungewöhnlichen Vor- 
namen vergessen und konnte ihn durch keine Hilfe zurückrufen. 
Ich ging dann auf die Straße, um Firmenschilder zu lesen, und 
erkaimte den Namen, soT,vie er mir das erstemal entgegentrat. 
Die Analyse belehrte mich darüber, daß ieh zwischen dem Be- 
sucher und meinem eigenen Bruder eine Parallele gezogen hatte,, 
die in der verdrängten Frage gipfeln wollte : Hätte sich mein 
Bruder im gleichen Falle ähnlich oder vielmehi' entgegengesetzt 



28 m. VERGESSKN VON KAMEN UMD WORTFOLGEN. 

"benommen? Die äußerliche Verbindung zwischen den Gedanken 
über die fremde und über die eigene Familie war durdi den 
Zufall ermöglicht, worden, daß die Mütter hier und dort den 
gleichen Voraamen: Amalia tragen. Ich verstand dann auch; 
nachträglich die Ersatznamen: Daniel und Franz, die sich mir 
aufgedrängt batten, ohne micli aufzuklären. E« sind dies, wie 
auch Amalia, Namen aus den Räubern von Schiller, an welche 
sich ein Schere: des Wiener Spaziergängers Daniel ypiizor 
knüpft. 

e) Ein andermal kann ich den Namen eines Patienten 

nicht finden, der zu meinen Jugendbeziehungen gehört, l^i^ 

Analyse führt über einen langen Umweg, ehe sie mir den ^^, ,j 

suchten Namen liefert. Df3r Patient hatte die Angst geäußert, I 

das Augenlicht zu verlieren ; dies rief die Erinnerung au einen 

jungen Mann wach, der dux-ch einen Schuß, blind geworden War; 

daran, knüpfte sich wieder das Bild eines anderen Jünglings, tj^j. 

sich angeschossen hatte, und dieser letztere trug denselben ISTa- 

men wie der erste Patient, obwohl or nicht mit ihm vcr\van<it 

war. Den Namen fand ich aber erst) nachdem mir die Über- 

tragung einer ängstlichen Erwartung von diesen beiden juv^. ,. 

nilen Fällen auf eine Person meiner eigenen Familie bewußt g^. i 

worden war. l 

Ein beständiger Strom von ,,Eigenbezieliung" g'eht so dui'eh 
mein Denken, von dem ich für gewöhnlich keine Kunde erhaXte, 
der sich mir aber durch solches Namenvergessen verrät- Es ig^^ 
als wäre ich genötigt, alles, was ich über fremde Personen hü^e, 
mii der eigenen Person zu vergleichen, als ob meine persönlicKen 
Komplexe bei jeder Kenntnisnahme von anderen rege würden. 
Dies kann unmöglich eine individuelle Eigenheit meiner Person 
sein ; es muß vielmehr einen Hinweis auf die Art, wie wir über- 
haupt „Anderes" verstehen, enthalten- Ich habe Gründe ana;^- 

i 






-^ 



in. VERGESSEN TON NAMEN UNI) WORTtX>LGEN. gg 

nehmen, daß es bei anderen Individuen ganz ähnlich zugeht 
wie bei mir. 

Das Schönste dieser Art hat mir als eigenes Erlebais ein 
HciT Lederer berichtet. Er Iraf auf seiner Hochzeitsreise in 
Venedig mit einem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, 
den er seiner jungen Frau vorstellen mußt«. Da er aber den 
Namen des Fremden vergessen hatt«, half er sich das erstemal 
■mit einem unveretändlichen Gemurmel. Als er dann dem Herrn, 
wie in Venedig unausweichlich, ein zweitesmal begegnete, nahm 
er ihn l>eiseite und bat ihn, ihm doch aus der Verle^nheit zu 
helfen, indem er ihm seinen Xamen sage, den er leider vergessen 
habe. Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener Men- 
schenkenntnis: Ich glauhe es gern, daß. Sie sich meinen Namen 
nicht gemerkt haben. Ich heiße wie Sie: Lederer! ■ — Man 
kann sich einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, 
wenn man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. 
ich verspürte sie unlängst recht deutlich, als sich mir in der 
ärztlichen Sprechstunde ein Herr S.Freud vorstellte. Ührigons 
Tiehnic; ich Notiz von der Versicherung eines meiner Kritiker, 
daß er sich in diesem Punkte entgegengesetzt wie ieh verhalte. 

}) Die "Wirksamkeit der Eigenbeziehung erkennt man auch 
in folgendem, von Jung* mitgeteilten Beispiel : 

„Ein Herr Y verliebte sich erfolglos in eine Dame, welche 
bald darauf einen Herrn X heiratete. Trotzdem nun Herr Y den 
Herrn X selion seit geraumer Zeit kennt und sogar in gescliäft- 
licheji Verbindungen mit ihm steht, vergißt er immer und immei' 
wieder dessen Namen, so daß er sieh mehreremal bei anderen 
Leuten danach erkundigen mußte. aU er mit Herrn X korre- 
spondieren wollte." 



"" Dementia praecox, S, 62. 



30 



ni. VERGESSEN VON KAMEN UND WOßTFOLGEN. 



Indes ist die Motivierung des Vergessens in diesem l^alle' 
durchsichtiger als in den voTigen, welche unter der Konstellatioi 
der Eigsnbezielumg stehen- Das Vergessen scheint hier direkte^ 
Folge der Abneigung des Herrn Y gegen seinen glücklicheren 
Rivalen; er will nichts von ihm wissen; „nicht gedacht sol] 

seiner werden"- 

y) Auf etwas anderem "Wege fülirte die Eigenbeziehung zum 
Vergessen eines Namens in dem folgenden von Ferenczi mit- 
geteilten Falle, dessen Analyse besonders durch die Aui'klärui\j 
der Ersatzeinfälle (wie Botticelli — Boltraffio zu SignoreHl) 

lehrreich wird- 

„Einer Bame, die etwas von Psychoanalyse gehört hat, "vp-ix^ 
der Name des Psychiaters Jung nicht einfallen." 

„Dafür ßtelkn sich folgende Einfälle ein: Kl. (ein Nam ©1 
— "Wilde — Nietzsche — Hauptmann.'* 

„Ich sage ihr den Namen nielit und fordere sie auf, an jed« 
einzelnen Einfall frei zu assoziieren." 

,3ei Kl. denkt sie sofort an Frau Kl-, und daß sie &iiu 
gezierte^ affektierte Pereon sei, die aber für ihr Alter sehr gixi 
aussehe. ,Sie wird nicht alt.' Als gemeinsamen Oberbegriff^ 
von AVilde imd Nietzsche nennt sie ,G eisteskran lj_. 
hei f. Dann sagt sie spöttisch: ,Sie Freu dianer werden 
lange die Ursachen der Geisteskrankheiten suchen, his sie selhsl 
geisteskrank werden.' Dann: ,Ich kann "Wilde und Niet 
sehe nicht ausstehen- Ich verstehe sie nicht- Ich hüre, sie wai^ei 
beide homosexuell; AVildc hat sich mit jungen Leuten a,b^ 
gegeben.' (Trotzdem sie in diesem Satze den richtigen Nam^] 
— allerdings ungarisch — schon ausgesprochen hat, kann sie sioj 
seiner immer noch nicht erinnern.)" 

„Zu Hauptmann fällt ihr Halbe, dann Jugend ei] 
und jetzt erst, nachdem ich ihre Aufmerksamkeit auf das Woi 



fik^ 



m. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTPOLGEN. 



31 



Jugend lente, weiß sie, daß sie den Namen Jung ge- 
sucht hat." 

„AUeidin^ hat diese Dame, die im Alter von 39 Jahren 
den Gatten verlor und Jieine Aussicht hat. sich wieder zn ver- 
heiraten, Grund genug, der Erinnerung an alles, was an Jugend 
oder Alter gemahnt, auszuweichen. Auffallend ist die rein 
inhaltliche Assoziierung der Deckeinfälle zu dem gesuchten Na- 
men und das l^'ehlen von Klangassoziationen-" 

h) Noch andci"s und sehr fein motiviert ist ein Beispiel 
von Namen vergessen, welches sich der Retreffende selbst aufge- 
klärt hat: 

„Als ich Prüfung aus Philosopliie als Nebongcgenstand 
machte, wurde ich vom Examinator nach der Lehre Epikurs 
gefragt, und dann weiter, ob ich wisse, wer dessen Lehre in 
späteren Jahrhunderten wieder aufgenommen habe, ich ant- 
wortete mit dem Namen Pierre Gassendi, dea ich goj'ado 
■/.wä Tage vorher im Cafe als Schüler Epikurs hatte nennen 
hören. Auf die erstaunte Präge, woher ich das wisse, gab ich 
kühn die Antwort, dalä ich mich seit langem für Gassendi intcr- 
essiei-t habe. Daraus ergab sich ein magna cum laude fürs 
Zeugnis, aber leider auch für später eine hartnäckige Neigung, 
den Namen Gassendi zu vergessen. Ich glaube, mein schlechtes 
Gewissen ist schuld daran, wenn ich diesen Namen allen Be- 
mühungen zum Trotz jetzt nicht behalten kann. Ich hätte ihn 
ja auch damals nicht wissen sollen." 

'Will man die Intensität der Abneigung gegen die Erinnerung 
au diese Prüfungsepisode bei unserem Gewährsmann richtig 
würdigen, so muß man erfahren haben, wie hoch er seinen 
Doktortitel anschlägt, und für wieviel anderes ihm dieser Ersatz 
bieten muß. 



32 IM- VEKGBSSEN VON N AMEH UND WORTFOLGEN. 



■ i) Ich schalte hier noch ein Beispiel von \'Grgessca eines 
Städtenamens ein, welches vielleicht aicht so einfach ist wie die 
vorher angeführten, aber jedem mit solchen Untersuchungen Ver- 
trauteren glaubwürdig und wertvoll erscheinen wird. Der Na nie 
einer italienischen Stadt entzieht sich der Erinnerung infolge 
seiner weitgehenden Klangälmlichkeit mit einem weiblichen Vor- 
namen, an den sich vielerlei aifcktvolle, in der Mitteilung woh.1 
nicht erschöpfend ausgeführte Erinnerungen knüpfen. Ö- V e- * 
renczi (Budapest), der diesen Fall von Vergessen an sich selbst 
heobachtete, liat ihn behandelt, wie man einen Traum oder eine 
neurotische Idee analysiert, und dies gewiß mit Recht. 

„Ich war heute bei einer befreundeten Eamilie; es kaniGn ' 

oberitalienische Städte zur Sprache. Da erwähnt jemand, daß 

diese deji österreichischen Einfluß noch erkennen lassen. Man 

' zitiert einige dieser Städte ; auch ich will eine nennen, ihr Name 

fällt mii' aber nicht ein, obzwar ich weiß, daß ich dort zwei sehr 

angenehme Tage verlebte, was nicht gut zu Freuds Theorie 

des Vergessens stimmt. — Statt des gesuchten Stäcltenamens 

drängen sich mir folgende Einfälle auf: ,Capua' — ,BresciQ_' 

— ,Der Löwe von Brescia'." 

„Diesen ,Löwcn' sehe ich in Gestalt einer Marmorstatue 
' wie gegenständlich vor mir stehen, merke aber sofort, daß ^j, 
weniger dem Löwen auf dem Freiheitsdenkmal zu Brescia (das 
ich nur im Bilde gesehen liabe), als jenem anderen marmornen 
Löwen ähnelt, den ich am Grabdenkmal der in den T u i 1 e. 
rien o-efallenen Schweizer Garde in Luzern g^. 
sehen habe, und dessen Reproduktion cn miniature auf meinem 
Bücherschrank steht. Endlich fällt mir der gesuchte Name doch 
ein: es ist Verona.' 

„Ich weiß auch sofoH, wer an dieser Amnesie schuld War. 
Niemand anderer als eine frühere Bedienstete der Familie "b^i 



\ 



4 






( 



^ 



m. VERGESSEN VON NAMßN UND WORTTOLGEN. 33 

der ich gerade zu Gaste war. Sie hieß Veronika, auf ungarisch 
Verona, und war mir wegen ihrer abstoßenden Physiognomie 
wie aucli wegen ihrer heiseren, kreischenden Stimme 
und unleidlichen Konfidenz (wozu sie sieh durch die lange Dienst- ' \ 

zeit berechtigt glaubte) sehr antipathisch. Auch die tyran- 
nische Art, wie sie seinerzeit die Kinder des Hauses behan- 
delte, war mir unausstehlich. Nun wußte ich auch, was die 
Ersatzeinfälle bedeuteten." 

„An Capua assoziere ich sofort caput mortuum. Ich 
verglich Veronikas Kopf sehr oft mit einem Totenschädel. 
— Das ungarische Wort kapzsi (geldgierig) gab sicher auch , 

eine Determinier ung für die Verschiebung her. Natürlich finde . ■ 

ich auch jene viel direkteren Assoziationswege, die Capua und 
Veron'a als geographische Begriffe und als italienische Worte < 

mit gleichem Rhythmus miteinander verbinden." 

„Das gleiche gilt von Brescia; aber auch hier finden sich 
verschlungenere Seitenwege der Ideen verknüpf ung" 

jjKeino Antipathie war seinerzeit so heftig, daß icli Veronika 
förmlich ekelhaft fnnd und mcbreremal mein Erstaunen darüber 
äußerte, daß sie doch ein Lichcslcben haben und geliebt werden 
konnte i ,sie zu küssen' — sagte icli — ,muß ja einen Brech- 
reiz hervorrufen'. Und doch war sie sicher längst in Beziehung 
zu bringen zur Idee der gefallenen Schweizer Garde." 

„Brescia wird, wenigstens hier in Ungarn, nicht mit dem 
Löwen, sondern einem anderen wilden Tier zusammen sehr 
oft genannt. Der bestgehaßte Name in diesem Lande wie auch 
in Oberitalien ist der des Generals Haynau, der Icurzweg die 
Hyäne von Brescia genannt wird- Vom gehaßten Tyrannen 
Haynau führt also der eine Gedanken laden über Brescia zur 
Stadt Verona, der andere über die Idee des Totengräber- . 1 

tieres mit der heiseren Stimme (der das Auftauchen 

Freud, Payohopathol<igie dea Alltagsleben«, VI. Aufl. S 



•ww 



3^ ^ , 

ein^ Grabdenkmals mitbestünmt) zum ToU^schädel u,^a -| 
zun. unangenehmen Organ der durch mein Unbewußtes so ax^g 
beschimpften Veronika, die seinerzeit in diesem Hanse be.naHe 
so tyrannisch gehaust hat wie der östen-eiehische General naol, 
den ungarischen und italienischen l^Vciheitskämpfen." 

„An Luzern knüpft sich der Gedanke an den Sommer, detn 
Veronika mit ihrer Dienstherrschaft am Yierwaldstätter See i -^ 
der Nähe von Luzern verbrachte: an die „Schweiz^ r 
Garde" wiederum die Erinnerung, daß sie nicht nur die Kir»- 
der, sondern auch die erwachsenen Mitglieder der Familie 2;^ 
tyrannisieren verstand und sich in der Holle der Gardo-Dain. e 
gefiel.*' 

»Ich bemerke ausdrücklich, daß diese meine AntipatKie.^ 
gegen V. — bewußt — zu den längst überwundenen Dingen g-^- 
hört. Sie hat sich inzwischen äußerlich wie in ihren Manieren 
sehr zu ihrem Vorteil verändert, und ich kann ihr (wozu ich 
allerdings selten Gelegenheit habe) mit aufrichtiger Freundlielv. 
keit begegnen. Mein Unbewußtes hält, wie gewöhnlich, zäher ^^ 
den Eindrücken fest, es ist , nacht räglicli' und nachtragend." 

„Die Tuilcrien sind cinn Anspielung auf eine zweite P^ii-^ J 
sönlichkeit, eine ältere französische Dame, die die Frtiuen d^g 
Hauses bei vielen Anlässen tatsächlich ,gardiert' hat, und die 
von groß und klein geachtet — wohl ein wenig auch g n f ü r c h t e ^ 
wird- Ich war eine Zeitlang ihr eleve in französischer Konvej»- 
sation. Zum AVorte ,e 1 e v e' lallt mir noch ein, daß, als ich ibein^ 
Schwager meines heutigen Gastgebers in Nordböhmen auf Besueli 
war, ich viel darüber lachen mußte, daß die dortige Landbevol, 
kerung die Eleven der dortigen Forstakademie konsequent ,L ö- 
. wen' nannte. Auch diese lustige Erinnerung mag an der Vej^. 
Schiebung von der Hyäne zum Löwen beteiligt gewesen sein.«* 



n 



III. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. ^K 

j) Audi das nacIistcliRnde Beispiel* kann, zeigen, wie ein 
zurzeit die Person beherrschender Eigenkomplex ein Namen- 
vergessen an weit abliegender Stelle hervorruft: 

„Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, die vor sechs 
Monaten gemeinsam in Sizilien gereist sind, tauschen Ei'innerun- 
gen an jene schönen und inhaltreichen Tage aus. ,Wie hat nur 
der Ort geheißen,' fragt der Jüngere, ,an dem wir übernachtet 
haben, um die Partie nach Selinunt zu machen? Calatafimi, 
nicht wahr?' — Der Ältere weist dies zurück: ,Gewiß nicht, 
aber ich habe den Namen ebenfalls vergessen, ohwolil ich mich 
an alle Einzelheiten des Aufenthaltes dort sehr gut erinnere. Es 
reicht bei mir hin, daß ich merke, ein anderer habe einen Namen 
vergessen; sogleich wird auch bei mir das Vergessen induziert. 
Wollen wir den Namen nicht suchen? Aljr fällt aber kein anderer 
ein als Caltanisetta, der doch gewiß nicht der richtige ist' — 
,Nein,' sagt der Jüngere, ,der Name fängt mit w an oder es 
kommt ein w darin vor.' — jEin w gibt es doch im Italienischen 
nicht,' mahnt der Ältere. — ,Ieh meinte ja auch nur ein v und 
habe nur w gesagt, weil ich's von meiner Muttersprache her so 
gewohnt bin.' — Der Ältere sträubt sieh gegen das v. Er meint: 
,Ich glaube, ich habe überhaupt schon viele sizilianische Namen 
vergasen ; es wäre an der Zeit, Versuche zu machen. Wie heißt 
z- B. der hochgelegene Ort, der im Altertum Enna geheißen hat? 
— Ah, ich weiß schon: Castrogiovanni.' — Im nächsten 
jNIoment liat der Jüngere aucli den verlorenen Namen wieder- 
gefunden- Er ruft: Castelvetrano und freut sich, das be- 
hauptete V nachweisen zu können- Ber Ältere vermißt noch eine 
Weile das Bekanntheitsgef ühl ; nachdem er aber den Namen ak- 
zeptiert hat, soll er Auskunft darüber gehen, weshalb er ihm 
entfallen war. Er meint: .Offenbar weil die zweite Hälfte ve- 

* Zentralblatt für Psychoanalyae I, 9, 1911. 

8* 



$6 



JII. VERGESSEN VON NAMENUNDJ^X>^^ 



gehl., daß er .längst üher die Jahre der ^l^^^^^^l^^Z:, 
Cil dieser «her einmal mitten unter den -^--1«^.'^;«;^;^^ 
Äußernngen über mich auch behauptete: Joh sei he.n jnnger 
Mann mel>r.- Daß sich der Widerstand bei nm- gegen d.e 
zweite Häim des Namens Castelvetrano gerichtet hai,, geht 
ja anch daraus hervor, daß der Anlaut desselben in dem teatz- 
namen Caltanisetta wiedergekehrt war/ - ,Und der Name 
Caltanisetta selbst?^ fragt der Jüngere. - ,Der ist nur 
immer wie ein Kosenamen für ein junges Weib erschienen,' ge- 

stellt der Ältere ein." 

„Einige Zeit später setzt er hinzu: ,D..'r Name für Knuit 
war ja auch ein Ei-satzname. Und nun fällt mir auf, daß diesem 
mit Hilfe einer Rationalisierung vordringende Namen Castro- 
giovanni genau eo an giovane - jung anklingt, wie det 
verlorene Name C astelvetr ano an Veteran — alt'." 

„Der Ältere glaubt so für sein Namenvergesseu Kcchens'chaft 
geg«hen zu hahen- Aus welchem Motiv der Jüngere zum gleichen 
Ausfallsphänomen gekommen v/ar, wurde nicht untersucht.'' 

Neben den Motiven des Namenvergesscns verdient auch dev 
Kcehanisraus desselben unser Interesse. In einer großen Reihe voix 
Fällen wird ein Name vergessen, nicht weil er selbst solche Mo- 
tive wachruft, eondern weil er durch Gleichklang und Laut- 
ähnlichkeit an einen anderen streift, geg^n den sich diese Motive 
richt<;n. Man versteht, daß, durch solche Lockerung der Bedin- 
gungen eine außerordentliche Erleichterung für da« Zustande. 
kommen das Phänomens geschaffen wird. So in den folgenden 
Beispielen; 




I 



L 



IIL VERGESSEN VON NÄMKN UKD WORTFOLGEN. 37 

Ic) Ed. Hitschmann (Zwei Fälle von Namenvergessen. 
Internat. Zcitsclir. f. Psychoanalyse, I, 1913). 

II. „Herr N. will die Buchhandlungsfirma ,Grilhofer uad 
ßanschburg' jemandem angeben. Es fällt ihm aber trotz allen 
Nachdenkens nur der Name Ranschburg ein, trotzdem ihm die 
Pinna sonst sehr geläufig ist. Mit einer leichten Unbefriedigung 
darüber nach Hause kommend, ist ihm die Sache wichtig genug, 
yxm. den anscheinend bereits sclilafenden Bruder nach der ersten 
Hälfte des Firmanamens zu fragen. Derselbe nennt ihn anstands- 
los. Darauf fällt Horrn N. sofort zu ,Gilhofer* das Wort ,GaU- 
hof ein- Zum , Gallhof' hatte er einige Monate vorher in Ge- 
sellschaft eines anziehenden Mädchens einen erinnerungsreichen 
Spaziergang gemacht. Das Mädchen hätte ihm als Andenken 
einen Gegenstand geschenkt, auf dem geschrieben steht; ,Zur 
Erinnerung an die schönen Gallhofer Stunden-' In den letzten 
Tagen vor dem Namenvergessen wurde dieser Gegenstand, schein- 
bar zufällig, beim raschen Zuschieben der Lade durch N. stark 
beschädigt, was er — mit dem Sinne von Symptomhandlungen 
vertraut — nicht ohne Schuldgefühl konstatierte. Er war in 
diesen Tagen in etwas ambivalenter Stimmung zu der Dame, 
die er zwar liebte, deren Ehewunsch er aber zaudernd gegen- 
überstand." 

l) Dr. HannsSachs: 

„In einem Grespräche über Genua und seine nächste Umge- 
bung will ein junger Mann auch den Ort Pegli nennen, kann 
den Namen aber erst mit Mühe, durch angestrengtes Nachdenken, 
erinnern. Im Nachhausegehen denkt er an das peinliche Ent- 
gleiten dieses ihm sonst vertrauten Namens und wird dabei auf 
das ganz ähnlich klingende Wort P e li geführt. Er weiß, daß 
eine Südsee-Insel so heißt, deren Bewohner ein paar merkwüi'dige 
Gebräuehe bewahrt haben- Er hat darüber vor kurzem in einem 



38 



in. VERGESSEN VON ^m^^v^^^^o^^^^}^^ 



eWogiscKen We..c Kele.o. und sich damals ^^^^^^^^^^^^ 
diese Mitteilun.e. m eine eigene Hypothese zu -^ ^ ;^^- 
fällt ihm ein, daü Poli auch der Schauplatz emcs Romans ^t, 
den er mit Interesse und Vergnügen gelesen hat, namhch vox. 
,Yan Zant^ns glückUch^i. ZeiV von Laurid. m-uun. -^ _Die 
Gedanken, die ihn an diesem Tage fa.t unaufhürhch hesdiaf Hgt 
hatten, knüpften sich an einen Brief, den er am selben Morgex. 
von einer ihm sehr teuren Dame erhalten hatte; dieser Brief 
läßt ihnl^fürchten, daß er auf ein verabi^dctcs Zusammo.iireffei> 
werde verzichten müssen- Nachdem er den ganzen Tag in übel- 
Bter Laune zugebracht hatte, war er am Abend mit dem Vorsat ^ 
ausgegangen, sich nicht länger mit dem ärgerlichen Gedanken 
abzuplagen, sondern die ihm in Aussicht stehende und von ihtn 
äußerst hoch geschätzte Geselligkeit möglichst ungetrübt zu g^i, 
nießen. Ks ist klar, daß durch das AVort PegH sein Vorsatz 
arg gefährdet werden konnte, da dieses mit P e 1 i lautlich so cug ;^ 
zusammenhängt; Peli aber, da es durch das ethnokgische Tntei^, | 
esse die Ich-Beziehung gewonnen hatte, verkörpert nicht nur ' 
Van Zantens, sondern auch seine eigene .glücklichste Zeit' uud 
deshalb auch die Befürchtungen und Sorgen, die er tagsiib©i. 
genährt hatte. Es ist charakteristisch, daß diese einfache Deu- j 
tung erst gelang, nachdem ein zweiter Brief die Zweifel in eiu^ 1 
fröhliche Gewißheit haldigen "Wiedersehens umgewandelt hatte." ' 

Erinnert man sich bei diesem Beispiel an das ihm sozusagen 
benachbarte, in welchem der Ort Nervi nicht erinnert werde^i 
kann (S. 26), so sieht niaii, wie sich der Doppelsinn eines AVm-Ws 
durch die Klangähnlichkeit zweier "Worte ersetzen läßt. 

m) Als 1915 der Krieg mit Italien ausbrach, konnte ich atj 
mir die Beobachtung machen, daß meinem Gedächtnis plötzlic), 
eine gaoize Anzahl von Nameu italienischer (^rtliehkoiten ent- 
zogen war, über die ich sonst leicht verfügt hatte. Wie «^ 



III. VERGESSEN VON NAMEN UND ^\'ORTKOLGEN. 39 

viele andere Deutsche hatte icH es mir zur Gewohnheit gemacht, 
einen Teil der Ferien auf italienischem Boden zuzubringen, und 
konnte nicht daran zweifeln, daß dies massenhafte Namenver- 
gessen der Alisdruck der begreiflichen Verfeindung mit Italien 
war, die nun an die Stelle der früheren Vorliebe trat. Neben 
diesem direkt motivierten Namen vergessen machte sich aber auch 
ein indirektes bemerkbar, welches auf denselben Einfluß zurück- 
zuführen war. Ich neigte auch dazu, nicht italienische Orts- 
namen zu vergessen, und fand bei der Untersuchung dieser Vor- 
fälle, daß diese Namen ü'gendwie durch entfernten Anklang mit 
den verpönten feindlichen zusammenhingen. So quälte ich mich 
eines Tages mit dem Erinnern des mährischen Städtenamens 
Bisenz- Als er mir endlich einfiel, wußte ich sofort, daß 
dieses Vergessen auf Rechnung des Palazzo Bisenz i in r- 
V i c t zu setzen sei- In diesem Palazzo befindet sich das Hotel 
Beile Arti, wo ich bei jedem meiner Aufenthalte in Orvieto ge- 
wohnt hatte. Die liebsten Erinnerungen waren natürlich durch 
die veränderte Gefühlscinstellung am stärksten geschädigt 
worden. 

Es ist auch zweckmäßig, daß wir uns durch einige Beispiele 
daran mahnen lassen, in den Dienst wie verschiedener Absichten 
sich die Fehlleistung de^i Namenvergessens stellen kann. 

n) A. J. Storfer (Zur Psychopathologie des Alltags. 
Internat. Zeitschrift f. ärztl. Psychoanalyse, II, 1914). 

1. Namenvorgessen zur Sicherung eines Vorsatz- 

vergessens. 

„Eine Basler Dame wird eines Morgens verständigt, daß 
ihre Jugendfreundin Selma X aus Berlin, die eben auf ihrer 
Hochzeitsreise begriffen ist, auf der Durchreise in Basel ange- 
kommen ist; die Berliner Freundin soll nui' einen Tag in Basel 



^ 



40 



III. VKKGESSKN VON N^KN_UNnJ^^^ 



r 



IQ ! 



Weiten und die B».slerln ciU d.lier sofoTl ms Hotel AU die 

der .usam,nen.uko,nmen nud bis zur Abre.^ dor i!e.hne.m b«,. ^ 

eammeii zubleiben- ■ ,. j , i-*- 

Kachmittags vergißt die Baslerm da. H^ndc.vou. l>,o 

Dei^nniixaiion dieses Vorg^onB ist mir nicht bekannt, docli siua 

ia ^rade in dieser Situation (Zu^ammeatreffen mit emer ebe ^ 

verheirateten J ugcndfrennd.n» m.lirerlei typische Koix- 

stellationen möglich, die eine Hemmung g-egeu die AViedej;.- 

holung der Zusttmmenkunft bedingen können. Bas Inl^ressant« 

an diesem Falle ist eine fernere Fohlleistung, die eine un\^. 

wußte Sicherung der ersten darstellt- Zur Zeit, da sie wied^j 

mit der Freundin aus Berlin zusammenkoniniou sollte, befand 

sich die Baslerin an einem anderen Orte in Clesellschalt. Es kam 

auf die vor kurzem erfolgte Heirat der Wiener diernsängcrii^ 

Kurz die Hede. Die Basler Dame äußerte sich in krilischGa- 

AVeise (1) über diese Khe, als sie aber den Namen der Sängex^ij^ 

aussprechen wollte, fiel ihr zu ihrer größten Verlegenheit, der 

V o r n a m e nicht ein. (Bekanntlieh neigt man g-crade bei ei^. 

silbigen Familiennamen besonders dazu, den Vornamen nutzvi- 

nennen.) Die Basler Dame ärgerte sich um so mehr über die C-ie- 

dächtnisschwäche, als sie die Sängerin Kurz oft Hingen gehüi-t 

hatt^i und der (ganze) Name ihr eonst geläufig war. Ohne d^ß 

vorher jemand anderer den entfallenen Vornamen genannt hätte, 

nuhm da^ Gespräch eine andere "Wendung. 

Am Abend desselben Ta,ges befindet sich unsere Basler JiatQo 
in einer mit der nachmittägigen zum Teil identischen Gos^H. 
Schaft. Es kommt zufällig wieder auf die Ehe der Wiener San- 
gerin die Bede und die Dame nennt ohne jede Schwierigkeit den 
Namen ,Selma Kurz'. Dem folgt auch gleich ihr Ausruf: ,Ach, 
jetzt fällt mir ein: ich habe ganz vergessen, daß ich heute nach- 



III. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFt)l,GKN. 41 

mittag eine Veral>reduiig mit meiner Preundiii S e 1 m a hatte.' 
Ein Blick auf die Ulir zeigte, daii die Freundin schon abgereist 
sein mußte." - ^ 

Wir sind vielleicht noch nicht vorbereitet, dieses scliöne Bei- 
spiel nacJi all seinen Beziehungen zu würdigen. Einfacher ist das 
nachfolgende; in dem zwar nicht ein Name, aber ein fremdsprach- 
lichci-^ Wort; aus einem in der Situation liegenden Motiv vergessen 
wird- Wir bemerken schon, daß wir dieselben Vorgang be- 
handeln, ob sie sich nun auf Eigennamen, Vornamen, fi-ewd- 
siirachlichc "Worte oder Wortfolgen beziehen. 

Hier vei'gißt ein jung'er Mann das englische "Wort für C cid, 
das mit dem deutschen identisch ist. um Anlaß z^ einer ihm er- 
wünschten Handlung zu finden. 

o^HannsSachs: , 

„Ein junger Mann lernt in der gemeinsamen Pension eine 
Engländerin kennen, die ihm gefällt. Als er sich am ersten Abend 
ihrer Bekanntscliaft in ihr(!r Muttersprache, die er so ziemlich 
beherrscht, mit ihr unterhält und dabei das englische AVort für 
jGold' verwenden will, fällt ihm trotz angastrengten Suchens das 
"^^okabel nicht ein. Dagegen drängen sieh ihm als Ersatzworte 
das französische ,ür', das lateinische ,aui'um' und da^ griechische 
,clirysos' hartnäckig auf, so daß er nur mit Mühe im staade ist 
sie abzuweisen, obgleich er bestimmt weiß, daß sie mit dem ge- 
suchten "Worte keine A''erwandtschaft, hal>en. Er findet schließlicli 
keinen anderen Weg, .sich verständlich zu machen, als den, einen 
goldenen liing, den die Dajne an der Hand trägt, zu berühren ; 
sehr beschämt erfährt er nun von ihr, daß das langgesuchte 
Wort für Gold genau so laute wie das deutsche, nämlich gold. 
Der hohe Wert einer solchen, durch das Vergessen herbeigeführ- 
ten Berülirung liegt nicht bloß in der unanstößig-en Befriedigung 
des Ergreifungs- oder Berühi-ungstriebes, die ja aucli bei anderen, 



I 



i 



42 ni. VERGE8ÖEN VO N NAMKN UNI) WOHTFObtJKN. 

von Verliebten eifrig ausgenutzten Anlässen müglich ist, sund^^rn 
nocli. viel mehr darin, daß sie eine Aufklärung über che Äxis- 
sichtea der liewerbung ermöglicUt- Das Unbewußte der Da-i^e 
wird, besondere wenn es dem Gesprächspartner gegenüber syrj^. 
pathisch eingestellt ist, den hinter der harmlosen Maske vertvo^ 
genen erotischen Zweck des VergesseiLs erraten; die Art tLaid 
Weise, wie sie die Berührung aufnimmt und die Motivierung 1 
gelten läßt, kann so ein beiden Teilen unbewußtes, aber sehr "t^e- 
dcutungsvoUeö Mittel der Verständigung über die Chancen tles 
pben begonnenen Flirts werden." 

2J} Ich teile noch nach J. Stärekc eine interessante 1^^, 
obaciitung von Vergessen und Wieder auf finden eines Kig-on- . 
namens mit, die sich dadurch auszeichnet, daß mit dem Nam^j-^_ 
vergessen die Fälscliung der "Wortfolge eines Gedichtes wie J^ 
Beispiel der „Braut von Korinth" verbunden ist- (Aus der Hol- 
ländischen Ausgabe dieses Buches unter dem Titel: De invlo^j 
van ons onbcwuste in uns dagelijksche leven, Amsterdam 19 16, 
deutsch abgedruckt in Intern. Zeitschrift für ärztliche PsycHo- 
auiilyse, IV, 1916.) 

'1. Ein Fall von N a m e n v e r g e s s e n und falsch 

Erinnern. 

„Ein alter Jurist und Sprachgelehiter, Z., erzählt in Ges^n 
scliaft, daß er in seiner Studentenzeit in Deutschland einen St-u 
deuten gekannt hat, der außerordentlich dumm war, und über 
dessen Dummheit er manche Anekdote zu erzählen weiß. ß^. 
kann sich aber an den Nauion dieses Studenten nicht erinnex-ji, 
glaubt, daß dieser Name mit W anfängt, nimmt dies aber spätem 
wieder zui'üek. Er erinnert sich, daß dieser dumme Stud^ut 
später \^'oinhändler geworden ist- Dann erzählt er wieder 



Iir. VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 43 



eine Anekdote von der Dummheit desselben Studenten, verwun 
dort sich noch einmal darüber, daß sein Name ihm nicht einfällt, 
und sagt dann: .Er war ein solcher Esel, daß ich noch nicht be- 
greife, daß ich ihm mit Wiederholen Lateinisch habe eintrichtern 
können.' Einen Augenblick später erinnert er sich, daß der ge- 
suchte Name ausgeht auf ...man. Jetzt fragen wir ihn, ob 
ihm ein anderer Name, der auf man ausgeht, einfällt, und er 
sagt: jErdmann'. — ,AVer ist denn das?' — ,Das war auch 
ein Student aus dieser Zeit.' — Seijie Tochter bemerkt aber, daß 
es auch einen l'rofessor Erdmann gibt. Bei genauerer Erörte- 
rung zeigt sich, daß dieser Professor Erdmann vor kurzem eine 
von Z. eingesandte Arbeit nur in verkürzter Form in eine von 
ihm redigierte Zeitschrift hat aufnehmen lassen und ?:uni Teil 
damit nicht einveretanden war, usw., und daß Z. das als ziemlich 
unangenehm empfunden hat. (Überdies vernahm ich später, daß 
Z- in frühereu Jahren wohl einmal die Aussicht gehabt hat, 
Professor in demselben. Eache zu werden, worin jetzt Professor 
E. doziert, und daß dieser Name also auch in dieser Hinsicht 
vielleicht eine empfindliche Saite berührt.) 

Jetzt fällt ihm plötzlich der Name des dummen Studenten 
ein: Jjindeman!' Weil er sich schon früher erinnert hatte, 
daß der Name auf ...man ausgeht, war also .Linde' noch 
länger verdrängt geblieben. Auf die Erage, was ihm bei ,Lindc' 
einfällt, sagt er zuerst: , Dabei fällt mir gar nichts ein.' Auf 
mein Drängen, daß ihm bei diesem "Worte doch wohl etwas ein- 
fallen wird, sagt er, indem er aufwärts blickt und mit der Hand 
eine Gebärde in. der Luft macht; ,Nun ja, eine Linde, das ist 
ein schöner Baum.' AVeiter will ihm dabei nichts einfallen- Alle 
schweigen und jedermann verfolgt seine Lektüre und andei-e Be- 
schäftigung, bis Z. einige Augenblicke später in träumerischem 
Tone folgendes zitiert: 



44 lir. VERGKSSliN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 



,Steht er mit festen 

Gefilgigoß Knochen 

Auf der Erde, 

So reicKt er nicht auf, 

Nur mit der Linde ] 

Oder dar Bebe 

Sich zu vergleicheu.' 

Ich stieß eiaen Triumphsclirei aus ; ,r)a haben wir den E^rd- 

mann,' sagte ich. ,Jener Mann, der ,auf der Erde steht', <ias 

ist also der Erde-Mann oder Erdmann, kann nicht aufreichen. 

sich mit der Linde (Llndeman) oder der Rebe (Wein. 

h ä n d 1 e r) zu vergleichen. Mit anderen Worten : jener L i n ^ ß. 

man, der dumme Student, der später -VVeinhändlev geworden ig^, 

war Bchon ein Esel, aber der E r d m a n n ist ein noch viel gröQKs.r^ 

Esel, kann sich mit diesem Lindeman noch nicht vergleiclieii.' 

— Eine solche im Unbewußten gehaltene Hohn- oder Schmäh- 

rodo ist etwas sehr Gewölmliches, darum kam es mir vor, daß. aie 

Hauptui-sache des Namenvergessens jetzt wohl gefunden wa-i^. 

Ich fragte jetzt, aus welchem Gedichte die zitierten Zeilen 
stammten. Z. sagte, daß es ein Gedicht von Goethe sei. ^r 
glaubte, daß es anfängt : 

Edel eei der Mensch 

Hilfreich und gut! ; 

und daß weiter auch darin vorkommt : 

Und hebt er eich aufwärts, 
So spielen mit ihm die Winde 

Am nächsten Tage suchte ich dieses Gedicht von Goethe auf, 
und es zeigte sich, daß der Fall noch hübscher (aber auch kom- 
plizierter) war, als er erst zu sein schien. •■ \ 



nr. VEKGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. 45 



a) Die ersten' zitierten Zeilen lauten (vgl. oben) : 

Steht er mit festen 
Markigen Knochen. 

Gefügige Knoclicn wäre eine iiiemlich fremdai'tige Kora- 
bination. Darauf will ich aber nicht näher eingehen. 

h) Die fülgendcn Zeilen dieser Strophe lauten (vgl. oben) : 

Auf der wolilbegründeten 

Dauernden Erde, 

Eeicht er nicht auf, 

Nur mit der Eiche 

Oder der Kebc 

Sich zu vergleichen. 

Es kommt also im ganzen Gedicht keine Linde vor! Der 
Wechsel von Linde statt Eiche hat (in seinem Unbewußten) nur 
stattgefunden, um das "Wortspiel ,Erde— Linde— Eebe' zu er- 
möglichen. 

c) Dieses Gedieht heißt: , Grenzen der Menschheit' und ent- 
hält eine ^^e^gIeicllung zwisclien der Allmacht der Götter und 
der geringen Macht des Menschen. Das Gedicht, dessen Anfang 
lautet : 

Edel sei der Mensch, 

Hilfreich und gut ! 

ist abei' ein anderes Gedicht, das einige Seiten weiter steht. Es 
heißt : ,Das Göttliche', und enthält ebenso Gedanken über Götter 
und Menschen. Weil hierauf nicht näher eingegangen worden ist, 
kann ich höchstens vermuten, daß auch Gedanken über Leben 
und Tod, über das Zeitliche und das Ewige und über das eigene 
schwache Leben und den künftigen Tod beim Entstehen dieses 
Fallee eine Rolle gespielt haben." 



46 ITL VERGESSEN A^ON KAMEN ITND WORTFOLGEN^ 



in manchen dieser Beispiele werden alle Feinheiten der 
psyehoanalytisehen Technili in Anspiiich genommen, um ein iSTa 
mcnvei-gessen aufzuklären- Wer mehr von solcher Arbeit kennen 
lernen will, den verweise ich auf eine Mitteilung von E. Jones 
(Londüu), die aus dem Englischen übersetzt ist*. 

Ick könnte die Beispiele von Namen vergessen vermehren und 
die Diskussion derselben sehr viel weiter führen, wenn ich niclit 
vermeiden wollte, fast alle Gesichtspunkte, die für spätere THo^ 
mata in Betracht kommen, schon hier beim ersten zu erörtern. 
Doch darf ich mir gestatten, die Ergebnisse der hier mitgeteilten 
Analysen in einigen Sätzen zusammenzufassen : 

Der Mechanismus des Namenvergessens (richtiger : des Ent- 
fullens, zeitweiligen Vergessens) besteht in der Störung der inten- 
dierten Reproduktion des. Namens durch eine fremde und derzeit 
nicht bewußte Gedankenfolge. Zwischen dem gestörten Namen 
und dem störenden Komplex besteht entweder ein Zusammenhang 
von vornherein, oder ein solcher hat sich, oft auf gekünstelt er- 
scheinenden Wegen, durch oberflächliche (äußerliche) Assozia- 
tionen hergestellt. ■_-.-'■ -r-.=». 

Unter den störenden Komplexen erweisen sich die der Eigen- 
beziehung (die persönlichen, familiären, beruflichen) als die wirjj., 
samsten. ■ 

Ein Name, der infolge von Mehrdeutigkeit mehreren Gre- 
dankenkreisen (Komplexen) augehört, wird häufig im Zusammen- 
hange der einen Gedankenfolge durch seine Zugehörigkeit zum 
anderen, stärkeren Komplex gestört. 

Unter den Motiven dieser Störungen leuchtet die Absicht 
hervor, die Erweckung von Unlust durch Erinnern zu vermeiden. 

* Analyse einea Falles von Namenvergessen. Zentralblatt für Psycho. 
aiKilyae, Jahrg. IT, Heft 2, 1911- 



^ 



I 



in. VKRGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN. j« 

M-an kann im ;i]lii-cmei)icn zwei Hauptialle des Namenver- 
gessens unterscheiden, wenn der Name selbst an Unangenehmes 
itihrt, oder wenn er mit anderem in Verbindung gebraclit ist, 
dem solche Wirkung zukäme, so daß Namen um ihrer selbst 
willen oder wegen ihrer näheren oder entfernteren Ässoziations- 
be^iielmngcn in der Eeproduktion gestört werden können. 

Ein Überblick dieser allgemeinen Öätze läßt uns verstehen, 
daß das zeitweilige Namenvergessen als die häufigste unserer 
Fehlleistuagen zur l>cob:iehtTxng kommt. 

Wir sind indes weit davon t'iitfernt, alle Eigentümlichkeiten 
dieses Pliänomens verzeichnet zu haben. Ich will noch darauf 
hinweisen, daß das Namenvergessen in hohem Grade ansteckend 
ist. In einem Grespräche zweier Personen reicht es oft Iiin, daß 
die eine äußere, sie habe diesen oder Jenen Namen vergessen, 
um ihn auch bei der zweiten Person entfallen zu lassen. Doch 
stellt sich dort, wo das Vergessen induziert ist, der vergessene 
Name leichter wieder ein. 

Es kommt auch ein fortgesetztes Namen vergessen vor, bei 
dem ganze Ketten von Namen dem Gedächtnis entzogen werden. 
Hascht man, um einen entfallenen Namen wiederzufinden, nach 
anderen, mit denen jener in fester Verbindung steht, so entfliehen 
nicht selten auch diese neuen als Anhalt aufgesuchten Namen. 
Das Vergessen springt so von einem Namen zum anderen über, 
wie um die Existenz eines nicht leicht zu beseitigenden Hinder- 
nisses zu beweisen. 



^^ 



IV. 
ÜBER KINDHEITS- UND DLiCKEKINNERUNGElSr, 

In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie veröffentlicht) habe ich die teuaen- 
ziüse Natur unseres Erinnorns an unvermuteter Stelle nachweisen 
können Ich hin von der auffälligen Tatsache ausgegangen, daß 
die frühesten Kindheiteerinnerungen einer Person ]iäuf ig bewahrt 
zu haben seheinen, was gleichgiiHig und nebensächlich ist, -Jäh- 
rend von wichtigen, eindrucksvollen und affektreichcii ^Ein- ^ 
drücken dieser ;^eit (kauf ig, gewiß nicht allgemein!) sich im. Qe 
dächinis der Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es hek^^-,j,t 
ist, daß das Gedächinis unter den ihm dargebotenen l'Undrüokeß 
eine Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, rlnß (ü^ge 
Auswahl im Kindeaalter nach ganz anderen Prinzipien vor qj^Ji 
geht als zur Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende Unter- 
suchung weist aber nacli- daß diese Annidimc überflüssig ist. X)ie 
indifferenten Kindheitseriiinorungcn verdanken ihre Kxistenz 
einem Verschicbimgsvorgang ; sie sind der Ersatz in der j^gi 
Produktion für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, dcrexi Er- 
innerung sich durch psychische Analyse aus ihnen entwicj^ißin 
.läßt, deren direkte Reproduktion aber durch einen "Widcr-st^nd 
gehindert ist. Da sie ihre Erhallung nicht dem eigenen Inhalt, 
sondern einer assoziativen Beziehung ihres Inhalts zu einenjX-, 
anderen, verdrängten, verdanken, haben sie auf den Nansen 



IV. ÜBER KINDHEH'Ö- UND DECKKBINNERUNGEN. 49 

„Deckerinnerimgcii"', mit welchüiii ich sie ausgezeichnet habe, 
begründeten Anspruch. 

Die Mannigfaltigkeiten in deji Beziehungen uud J^cdeulun- 
gcn dej" Deckerinnerungen habe ich in dem erwähnten Aufsatz 
nui" gestreift, keineswegs erschöpft- An dem dort ausführlich 
analysierten Beispiel habe ich eine Besonderheit der zeitliehen 
Relation zwischen der Deckerinnerung und dem durch sie ge- 
deckten Inhalt besonders hervorgehoben. Der Inhalt der Deck- 
erinnerung gehörte dort nämlich einem der ersten Kinderjahre an, 
während die durch sie im Gedächtnis vertretenen Gedankenerleb- 
nisse, die fast unbewußt gebliehen waren, in späte Jahre des 
Betreffenden fielen. Ich nannte diese ^Vrt der Verschiebung eine 
rückgreifende oder rückläufige. Vielleicht noch häu- 
figer begegnet man dem entgi'gengesetzten Verhältnis, daß ein 
indifferenter Eindruck der jüngsten Zeit sich als Deckerinnerung 
im Gedächtnis festsetzt, der diese Auszeichnung nur der A^'er- 
knüpfung mit einem früheren Erlebnis verdankt, gegen dessen 
dire.kte Reproduktion sich Widerstände erheben. Dies -wären 
vorgreifende oder vorgeschobene Deckerinnerungen. 
Das Wesentliche, was das Gedächtnis bekümmert, liegt hier der 
Zeit nach hinter der Deckerinuerung. Endlich wird der dritte 
noch mögliche Fall nicht vermißt, daß die Deekerinneruug nicht 
nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch Kontinguität in der 
Zeit mit dem von ihr gedeckten Eindruck verknüpft ist, also die 
gleichzeitige oder anstoßende Deckerinnerung. 

Ein wie groifer Teil unseres Gedächtnisschatzes in die Kate- 
gorie der Deckerinnerungen gehört, und welche Rolle bei ver- 
schiedenen neurotischen Denkvorgängen diesen zufällt, das sind 
Probleme, in deren Würdigung ich weder dort eingegangen bin, 
noch hier eintreten werde. Es kommt mir nur darauf an, die 
Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigennamen mit 



50 IV 



. ÜBER KINDHEITS- UND DECKEKINNERUNG^ 



T^ehlcrinnem und der Bildung der Deckerinnerungen hervoi^zu- 

Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der heiaen 
Pliänomene weit auffälliger als ihre etwaigen Analogien, öort - 
liandelt es sich um Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, ^ 
um entweder in der Realität oder in Gedanken Erlebtes; dort ^um 4 
ein manifestes ^'ersagen der Erinnerungs^funktion, liier um ^i^^g * 
Ei-inneningsleistung. die uns befremdend erKeheint ; dort um ^ing 
momentane Stoi-ung — denn der eben vergessene Name ^^^11 
vorher hTiiidertmal riclitig reproduziert worden sein und es ^ob 
morgen an wieder werden -, hier um dauernden Besitz ohne 
Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scU^j^^ • 
uns durch ein langes Stück unseres Leben, begleiten zu können- 
Das Hätsel scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert ^ 
zu sein. Dort ist es das ^^crgessen, hier das Erhaltenseiu, ^^fi 
unsere wissenschaftliche Neugierde rege macht. Nach einiger V 
Vertiefung merkt man. daß trotz der Vcrschiodenheil, im pgy. 
chischen Material und in der Zeitdauer der beiden PbJinojtj^^j 
die Übereinstimmungen weit ül)erwiegen. Es handelt sich J^j^j 
wie dort um das Fehlgehen des Erinnerns ; es wird nicht ^^ 1 
vom Gedächtnis reproduziert, was korrekterweise reproduziert 
werden sollte, sondern etwas anderes zum Ersatz. Dem I-i^alle 
des Namenvergesscns felilt nicht die Üedächtnisleistung in ^^j ^ 
Form der Ersatznamen. Der Fall der Deckerinnenmgshildxing 
beruht auf dem Vergessen von anderen, wichtigeren Eindrücken. 
In Ijeiden Fällen gibt uns eine intellektuelle Empfindung Kunde 
von der Einmengung einer Stöi-ung, nur jedesmal in anderer Form. 
Beim Namenvergessen -wissen wir, daß die Ersatzna,ijf^gjj 
falsch sind; bei den Deckerinnerungen verwundern ^^^ 
uns, daft wir sie üboi-haupt besitzen. Wenn dann die psycho- 
logische Analyse nachweist, daß die Erfiatzhildung in beiden 



'r, 



1 



IV. ÜBER KINDHEITS- UND DECKEBINNERUNGEN. 5^ 



V 



Pällen auf dio nämliche Weise durch Verschiehimg län^ einer 
oberflächlichen Assoziation zu stände gekommen ist, so tragen 
gerade die Verschiedenheiten im Alatcrial, in der Zeitdauer und 
in der Zentrierung der beiden Phänomene dazu bei, unsere Er- 
wartung zu steigern, daß. wir etwas "Wichtiges und Allgemein- 
gültige« aufgefunden haben- Dieses Allgemeine würde lauten, 
daß das Versagen und Irregehen der reproduzierenden Funktion 
weit häufiger, als wir vermuten, auf die Einmengung eines 
parteiischen Faktors, einer Tendenz hinweist, welche die eine 
Erinnerung begünstigt, während sie einer anderen entgegenzu- 
arbeiten bemüht ist. 

Da« Tliema dei- Kiudheitserinnerungen erscheint mir so be- 
deutsam und interessant, daß ich ihm noch einige Bemerkungen 
widmen moehle, die über die bisherigen GGsiclitspunkte hin- 
ausgelien. 

Wie weit zurück in die Kindheit i-eichcn die Erinnerungen! 
Es sind mir einige Untersuchungen über diese Frage bekannt, 
so von V. et C. Henri* und Po twin**; dieselben ergeben, 
daü große individuelle Versehiedenlieiten bei den Untersuchten 
bestehen, indem einzelne ihre erste Erinnerung in den sechsten 
Lebensmonat verlegen, andere von ihrem Leben bis zum volL 
endeten sechsten, ja achten Lebensjahr nichts wissen. Aber wo- 
mit hängen diese Verschiedenheiten im Verhalten der Kindheits- 
erinnerungen zusammen, und welche Bedeutung kommt ihnen zu? 
Es ist offenbar nicht ausreichend, das Material für diese BYagen 
durch Sammelerkundigung herbeizuschaffen; es bedarf dann 
noch einer Bearbeitung desselben, an der die auslainftgebende 
Person beteiligt sein muß. 

* Enquete aur lea premiers souveiiira do l'eufaace. L'ann^e psvcho- 
logiqu©, III, 1897. . . , - 

** Study of oorly memoriei. Psycholog". Review, 1901. 

4* 



. i 
.1 



52 IV. ÜRER KINDHEITS- UND DECKERINNERUKGEN. 




Ich meine, wir neWcn die Tatsache der iBraniilen Amnesie, 
des Ausfalls der Erinnerungen für die ersten Jahre unseres I^-|\ 
bens viel zu gleichmütig liin und versäumen es, ein seltsames 
Kätsel in ihr zu finden. Wir vergessen, welch hoher intelle.k- 
tueller Leistungen und wie Iwmplizicrter Gefühl scrregungeu oin 
Kind von etwa vier Jahren fähig ist, und sollten uns geradezu 
verwundern, daß das Gedächtnis späterer Jahre von diesen see- 
lischen Vorgängen in der Eegel so wenig bewahrt hat, zumal ^a 
wir allen Grund zur Amiahme liahcn, daß diese selben verges- 
senen Kindheii-sleisiungen nicht etwa spurlos an der Entwick- 
lung der Person ahgeglittxjn sind, sondern einen für alle späteren 
Zeiten bestimmenden Einfluß ausgeübt haben. Und trotz dieser 
unvergleichlichen Wirksamkeit sind sie vergessen worden ! ^^ 
weist dies auf ganz speziell geartete Bedingungen des Erinuerns 
(im Sinne der bewußten llcproduktion) hin, die sich unsei-er Jj^- 
kenntnis bisher entzogen haben. Es ist sehr wohl möglich, ^^q \ 
das Kindheitsvergessen uns den Schlüssel zum Verständnis jej^^j. ^> 
Amnesien liefern kaim, die nach unseren neueren ^Erkenntnissen 
der Bildung aller neurotischen Symptome zu Grunde liegen. 

Von den erhaltenen Kindheitserinnerungen erscheinen \xiis 
einige gut begreiflich, andere befremdend oder unverständlioli. 
Es ist nicht schwer, einige Irrtümer in betreff beider Arten zu 
berichtigen. Unterzieht man die erhaltenen ErinnG7-ungen eij-^es 
Menschen einer analytischen Prüfung, so Jiann man leicht fost- 
stellea, daß eine Gewähr für die Richtigkeit derselben nicht "bß. 
steht. Einige der Erinnerungsbilder sind sicherlich gcfälselit, 
unvollständig oder zeitlich und räumlich verschoben. Dm .^^n- 
gaben der untereuchten Personen wie, ihre erste Erinnernj^g 
rühre etwa aus dem zweiten Lebensjahr her, sind offenbar xm- 1^^ 
verläßlich. Es gelingt bald auch Motive zu finden, welche ^i^ ^ 
Entstellung und Verschiebung des Krlebtßn verständlich machen, 



IV. ÜBER KINDHEITS- UND DECKERINXKKUNOEN. 53 

aber auch beweisen, tlaU nicht einfache Gedächtnis-untreue die 
Ursache dieser Erinnerungs fehler sein kann. Starke Mächte aus 
der späteren Ijebenszeit hahon die Erinnerungsfähigkeit der Kind- 
: heitserlebnisse gemodelt, dieselben Mächte wahrscheinlich, an 
denen es liegt, daß wir uns allgemein dem Verständnis unserer 
Kindheita jähre so weit entfremdet haben. 

Das Erinnern der Erwachsenen geht Ixikanntlich an ver- 
schiedenem psj-chisehen Material vor sich- Die einen erinnern 
in Gesichtsbilderu, ihre Erinnerungen haben visuellen Charakter; 
andere Individuen können kaum die dürftigsten Umrisse des Er- 
lebten in der Erinnerung reproduzieren ; man nennt solche Per- 
sonen ,,Auditifs" und .,Moteurs" im Gegensatz zu den ,,Visuels" 
nach Charcots Vorschlag. Im Träumen verschwinden diese 
Untei-schiede, wir träumen alle in vorwiegenden Gesichtsbildern. 
Aber ebenso bildet sich diese Entwicklung für die Kindlieits- 
erinnenmgen zurück; diese sind plastisch visuell au<;Ji bei jenen 
Personen, deren späteres Erinnern des visuellen Elements ent- 
behren muß. Das visuelle Erinnern bewahrt somit den Typus 
des infantilen Erinncrns. Bei mir sind die frühesten Kindheits- 
erinnerungen die einzigen von visuellem Charakter ; es sind 
geradezu plastisch herausgearbeitete Szenen, nur den Darstel- 
lungen auf der Bühne vergleichbar. In diesen Szenen aus der 
Kindheit, ob sie sicli nun als wahr oder als verfälsclit erweisen, 
sieht man regelmäßig auch die eigene kindliche Pei'son in ihren 
Umrissen und mit ihrer Kleidung. Dieser Umstand muß Be- 
fremden erregen ; erwachsene Visuelle sehen nicht mehr ilirc 
Person in ihren Ei-Jnnerungcn an spätere Erlebnisse*. Es wider- 
spricht auch allen unseren Erfahrungen anzunehmen, daß die 
Aufmerksamkeit des Kindes bei seinen Erlebnissen auf sich selbst 
anstatt ausschließlich auf die äußeren Eindrücke gerichtet wäre- 
* Ich behaupte dies nach einigen von mir eingeholten Erkunüigaugeu, 



64 



IV. ÜBER KINDHEITä- UND nECKEttlNNEHUNOT^ 



N 



Mau wird so von verschiedenen Seiten her zur VcrmutTing ge- 
drängt, daß wir in den sogenannten frühesten Kiixdheitscrmixe- 
i-nngen nicht die wirkliche Er inner ungsspnr, sondern eme spatere 
Bearheitung derselben besitzen, eine Bearbeitung, Avelche die Eitx- 
flüsse mannigfacher späterer psychischer Mächte erfahren hal>e,i 
mag. Die „Kindheitscrinneniugen" der Individuen rücken so 
ganz allgemein zur Bedeutung von „Deckerinnerungen" vor und 
gewiimen dabei eine bemerkenswerte Analogie mit den in Sägern 
und Mythen niedergele^n Kindheitserinnemngen der Völker. 
- AVer eme Anzahl von Personen mit der Methode der Psycho- 
analyse seelisch untersucht hat, hat bei dieser Arbeit reichlich 
Beispiele von Deckerinnerungen jeder Art gesammelt. Die Mit- 
teilung dieser Beispiele wird aber gerade durch die vorhin <.i.. 
örterte Natur der Beziehungen der Kindheitserinnerungen zum 
späteren Leben außerordentlich erschwert; um eine Kindheits- 
erinnerung ,als Deekerinnemng würdigen zu lassen, müßte man •<. 
oft die ganze Lebensgeschichte dei- beti-effcndcn Person zur Dar- 
Stellung bringen. Es ist nur selten, wie im nachstehenden htib- 
echen Beispiel, möglich, eine einzelne Kindheitscrinnerung aus 
ihrem Zusammeidiange für die Mitteilung herauszuheben. 

Ein 24iähriger Mann hat folgendes Bild aus seinem fünften 
Lebensjahr bewahrt. Er sitzt im Garten eines Sommerhauses auf 
einem Stühlchen neben der Tante, die bemüht ist, ihm die Kenut- 
nis der Buchstaben beizubringen- Die Unterscheidung von m tiud 
n bereitet ihm Schwierigkeiten, und er bittet die Tante, ihm doeh 
zu sagen, woran man erkennt, was das eine und was das andere 
ist. Die Tante macht ihn aufmerksam, daß das m doch um aij^ 
ganzes Stück, um den dritten Strich, mehr habe als das n- -^ 
Es fand sich kein Anlaß, die Zuverlässigkeit dieser Kindheit s- 
erijinei-ung zu besü'eiten; ihre Bedeutung hatte sie aber etst, ^ 
später fti-worben, als sie sich geeignet zeigte, die symbolische V^r 



IV. ÜBER KINDHEIT8- UND DECKERINNERÜNQEN. 55 

tretung für eine andere AVißbegierde des Knaben zu übernehmen. 
Denn, so wie er damals den Unterschied zwischen m und n wissen 
wollte, so bemühte er sich später, den Unterschied zwischen Kna- 
ben und ^fädchen zu erfahren, und wäre gewiß einvei-standen 
gewesen, daß gerade diese Tante seine Lehrmeisterin werde. Er 
fand dann auch lieraua, daß der Unterschied ein ähnlicher sei, 
daß der Bub wiederum ein ganzes Stück mehr habe als das Mäd- 
chen, und zur Zeit dieser Erkenntnis weckte er die Erinnerung 
an die entsprechende kindliche "Wißbegierde. 

An einem einzigen I3eispiel m.öcHte ich noch zeigen, -welchen 
Sirni eine Kindheitserinnerimg durch analytische Bearbeitung ge- 
winnen kann, die vorher keinen Sinn zu enthalten schien. Als 
ich in meinem 43. Jahr begann, mein Interesse den ßesten der 
Erinnerung an die eigene Kindheit zuzuwenden, fiel mir eine 
Szene auf, die mir seit lan^gem — wie ich meinte, seit jeher -^ 
von Zeit zu Zeit zum Bewußtsein gekommen war, und die uacli 
guten Merkzeichen vor das vollendete dritte Lebensjahr verlegt 
werden durfte. Ich sah mich fordernd und heulend vor einem 
Kasten stehen, dessen Tür mein um 20 Jahre älterer Halbbruder 
geöffnet hielt, und dann trat plötzlich meine Mutter, schön und 
schlank, wie von der Straße zurückkehrend ins Zimmer. In diese 
Worte hatte ich die plastisch gesehene Szene gefaßt, mit der icli 
sonst nichts anzufangen wußte. Ob mein Bruder den Kasten — - 
in der ereten Übersetzung des Bildes hieß es „Schrank" — öffnen 
oder schließen wollte, warum ich dabei weinte, und was die An- 
kunft der Mutter damit zu tun habe, das alles war mir idunkel ; 
ich war versucht, mir die Erklärung zu geben, daß es sich um 
die Erinnerung an eine Hänselei des älteren Bruders handle, die 
durch die Mutter unterbrochen wurde. Solche Mißverständnisse 
einer im Gedächtnis bewahrten Kindheitsszene sind nichts Sel- 
tenes; man erinuei't sich einer Situation, aber dieselbe ist nicht 



56 



IV. ÜBEK KINDHKITS- UND DECKERINN ERUNGEK. 



zentriert, man weiß nicht, auf welches Element derselben der 
psycliische Akzent zu setzen ist. Analytische Bemühung führte 
mich zu einer ganz unerwarteten Auffassung des Bildes. Ich 
hatte die Mutter vermißt, war auf den Verdacht gekommen, daß 
sie in diesem Schrank oder Kasten eingesperrt sei, und fordert^ 
darum den Bruder auf, den Kasten aufzusperren. Als er mli. 
■willfahrte und ich mich überzeugte, die Mutter sei nicht im 
Kasten, fing ich zu schreien an; dies ist der von der Erinnerung 
feetgehaltene Moment, auf den alsbald das meine Sorge oder 
Sehnsucht beschwichtigende Erscheinen der Mut.ter folgte. "Wi^ 
kam aber das Kind zu der Idee, die abwesende Mutter im Kasten 
zu suchen? Gleichzeitige Träume wiesen dunkel auf eine Kinder- 
frau hin, von welcher noch andere Eeminiszenzen erhalten waren, 
wie z. B. daß sie mich gewissenhaft anzuhalten pflegte, ihr die 
kleinen Münzen abzuliefern, die ich als Geschenke erhalten hatte, 
ein Detail, dae selbst wieder auf den Wert einer Deckerimieruug 
für Späteres Anspruch machen kann. So beschloß ich denn, mi^. 
diesmal die Dentungsaufgabe zu erleichtern, und meine jetzt 
alte Muttei' nach jener Kinderfrau zu befragen. Ich erfuhr 
allerlei, darunter, daß die kluge aber unredliche Person während 
des "Wochenbettes der Mutter große Hausdiebstähle verübt hatte 
und auf Betreiben meines Halbbruders dem Gerichte übergeben 
worden war. Diese Auskunft gab mir das Verständnis' der Kinder- 
szene wie durch eine Art von Erleuchtung. Das plötzliche Ver- 
schwinden der Kinderfrau war mir nicht gleichgültig gewesen ; 
ich hatte mich gerade an diesen Bruder mit der Präge gewendet, 
wo sie sei, walirscheinlich, weil ich gemerkt hatte, daß ihm eine 
Rolle bei ihrem Verechwinden zukomme, und er hatte auswei- 
chend und wortspielerisch, wie seine Art immer war, geantwortet ; 
sie ist „eingekastelt"- Diese Antwort verstand ich nun nach 
kindlicher "Weise, ließ aber zu fragen ab, weil nichts mehr zxi 



^ 



IV. ÜBER KINDHEITS- UND DECKEEINNERUNGEN. 



57 



erfahren war. Als mir mm kurze Zeit darauf die Mutter ahging, 
argwöhnte ich, der schlimme Bruder habe mit ihr dasselbe ange- 
stellt wie mit der Kinderfrau, und nötigte ihn, mir den Ka^t«n 
zu öffnen. Ich verstehe nun auch, warum in der Übersetzung 
der visuellen Kinderszene die Schlanklieit der Mutter betont 
ist, die mir als neu wiederhergestellt aufgefallen sein muß. Ich 
bin zweieinhalb Jahre älter als die damals geborene Schwester, 
und als ich drei Jahre alt wurde, fand das Zusammenleben mit 
dem Halbbruder ein Ende- 



>^ 



V. 
DAS VERSPRECHEN. 
Wenn da. g.bräuclüicho Material unserer Rode in der Mutter- 
spraeh« geg.n da« Vergessen gesehüt.t e«ehcmt, »o unterhegt 
dLn Anwendung u.n .o häufige,- einer andren Störung .e aU 
„Versprühen" bekannt i.t. Das beim normalen Men.ehen bo- 
„baelite Versprechen maeht den Elndruek der Vorstufe für d.e 
unter pathologiscbon Bedingungen auft.-etenden sogenar^ntei» 

„Parapliasien". . ,^ 

■ Ich befinde mieli hier ausnahmsweise m der Lage, eine Vor- 
arbeit würdigen zu können- Im Jahre 1895 haben Merin^^^ 
und C Mayer eine Studie über „Versprechen und Verlesen'* 
publiziert, deren Gesichtspunkte fernab von den rrveinigeu lieg^^. 
Der eine der Autoren, der im Texte das Wort führt, ist näia- 
Uch Sprachforscher und ist von linguistischen Interessen zxiv 
Untersuchung veranlaßt worden, den Regeln nachzugehen, uach 
denen man sich verspricht. Er hoffte, aus diesen Regeln auf das 
Vorhandensein „eines gewissen geistigen Mechanismus^' schließ^ii 
zu können, „in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes, 
und auch die Worte untereinander in ganz; eigentümlicher Wei^« 
verbunden und verknüpft sind" (S. 10). _ 

Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele 
- des „Versprechens" zunächst nach rein deskriptiven Gesichts- 
punkten als Vertanschungen (.. B. die Milo von Venus an- 
tatt Venu, von Milo), Vorklange oder Antizipation.^ 



^ 



V. DAS VERSPRECHEN. eg 



(z. B. es war mir auf der Schwest ... auf der Brust so schwer), 
Nachklänge, Postpositionen (z. B. „Ich fordere Sie auf, 
auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen" für anzustoßen), 
Kontaminationen (z. B. „Er setzt sich auf den Hinter- 
kopf" aus: „Er setzt sich einen Kopf auf" und: „Er stellt sich 
auf die Hintorbeine"), Substitutionen (z. B. „Ich gebe die 
Präparate in den Briefkasten" statt Brütkasten), zu welchen 
Hauptkategorien noch einige minder wichtige (oder für unsere 
Zwecke, minder bedeutsame) hinzugefügt werden. Es macht bei 
dieser Gi-uppiening keinen Unterschied, ob die Umstellung, Ent- 
eteilung, Vcrächmelzung usw. einzelne Traute des Wortes, Silben 
oder ganze Worte des intendierten Satzes betrifft. 

Zur Erklärung dej- beobachteten Arten des Versprechens 
stellt Meringer eine verschiedene psychische Wertigkeit der 
Spraehlaute auf. Wenn wir den ersten Laut eines Wortes, das 
erste Wort einc5 Satzes innervieren, wendet sich der Erregungs- 
vorgang bei-eits den späteren Lauten, den folgenden Aborten, zu, 
und soweit di&se Innervationen miteinander gleichzeitig sind, 
können sie einander abändernd bcoüiflussen. Die Erregung des 
psychisch intensiveren Lautes klingt vor oder hallt nach und 
stört so den minderwertigen Innervations vor gang. Es handelt 
sich nun darum zu bestimmen, welche die lujchst wertigen Laut« 
eines Wertes sind. Meringer meint : „Wenn man wissen will, 
welchem Laute eines Wortes die höchste Intensität zukommt, 
so beobachte man sich beim Suchen nach einem vergessenen Wort, 
z. B. einem Namen. Was zuerst wieder ins Bewußtsein kommt, 
hatte jedenfalls die größte Intensität vor dem Vergessen (S. I(i0). 
Die hochwei-tigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe und 
der- Wortanlaut und dei- oder die betonten Vokale" (S. 162). 
Ich kaJm nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. 
Ob der Anlaut de« Namens zu den hüchstwei'tigen Elementen 



i^rri 



V. DAS VERSPRECHEN. 

60 ■ ._._ ■ ~ 



\ 



im Falle des Wort^ergessons zuerst wicdei ms B««" . , , . , 
;L ol^l.el .st .1.0 unb..uc,.U. Wenn ..an s.eh W do. 

verhütnlsmäßig häufig di.Obor.eugung iiußorn mu..en, c fange 
:uit erneu, bestüu^uteu Buchstabeu.u. Diese mer.euguug c™._..t 
sieK nun ebenso oft als unbegründet wie als begründet. Ja^ rot 
„.oehle behaupten, man proklamiert in der Mehrzahl der F.aX« 
einen falschen Anlaut. Aueh in unserem Beispiel: S.gnorelli 
ist M dem Ersatznamen der Anlaut und sind die wesentbohen 
SUben verloren gegangen; gerade d,.s minderwertige Silbenpaar 
elli ist im Ersat^amen Bottieelli dem Bewußtsom wieder- 
gekehrt Wie wenig die Ersatznamen den Anlaut des cntlallenen 
Nahens respektieren, mag z. B. folgender Fall lehren : Eines 
Tages ist es mir unmöglich, den Namen des kleinen Landes zu er- 
innern, de.ssen Hauptort Monte Carlo ist. »ic Ersutzname 

für ihn lauten ^ 

PiemoiLt, Albanien, Montevideo, Colico. 
Für Albanien tritt bald M ontenegr o ein, und dann fällt mir. 
auf, daß die Silbe Mo nt (Mon ausgesprochen) doch allen Ersatz, 
namen bis auf den letzten zukommt- Es wird mir so erleichtert, 
vom Namen des Fürsten Albert aus das vergessene Monaco 
aufzufinden. Colico ahmt die Silbenfolge und llhythmik des 
vergessenen Namens ungefähr nach. 

"Wenn man der Vermutung Raum gibt, daß ein ahnlich 
Mechanismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene au. 
an den Erscheimingen des Versprechens Anteil haben könne, ^^ 
wird mal. zu einer tiefer begründeten Beurteilung der Fälle 
von Versprechen geführt. Die Stö^g in der Me, welche s.el. ^ 
als Verspi^hen kundgibt, kann erstens verursacht --^--1| 
den Einfluß eines anderen Bestandteils derselben Rede, also dua-^K 



V. DAS VEKSPKECHEW. " g^ 



das Vorklingen oder NaehJiallen, oder durcli eine zweite i^assung 
innerlialb des Satzes oder des Ziisaminenhanges, den auszuspre- 
chen maii intendiert ~ hieher gehören alle oben Mcringer 
und Mayer entlchnlen Beispiele — : zweitens abnr könnte die 
Störung analog dem Vorgang im Falle Signorelli zu stände 
kommen durch Einflüsse außerhalb dieses "Wortes, Satzes 
oder Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen 
man nicht intendiei-t, und von deren Erregung man erst durch 
eben die Störung Kenntnis erhält. In der Gleichzeitigkeit der 
Erregung läge das Gemeinsame, in der Stellung innerhalb oder 
außerhalb desselben Satzes oder Zusammenlianges das Unter- 
scheidende für die- beiden Entstehungsart^n des Versprechens. 
Der Unterschied erscheint zunächst nicht so groß, als er für ge- 
wisse Folgerungen aus der Symptomatologie des Versprechens 
in Betracht kommt. Es ist aber klar, daß man nur im erstereu 
Falle Aussicht hat, aus den ErHcheinungen des Versprechens 
Schlüsse auf einen Mechanismus zu ziehen, der Laute und "Worte 
zur gegenseitigen Beeinflussung ihrer Artikulation miteinander 
vorknüpft, also Schlüsse, wie sie der Sprachforscher aus dem 
Studium des Versprechens zu gewinnen hoffte. Im Falle der 
Störung durch Einflüsse außerhalb des nämlichen Satzes oder 
liedezusammenhanges würde es sich vor allem darum handeln, 
die störenden Elemente kennen zu lernen, und dann entstände die 
Frage, ob auch der Mechanismus dieser Störung die zu vermu- 
tenden Gesetze der Sprachbilduug verraten kann. 

Man darf nicht behaupten, daß Meringer und Mayer die 
Möglichkeit der Sprechstörung durch „komplizierte psychische 
Einflüsse", durch Elemente außerhalb desselben Wortes, Satzes 
oder derselben Hedefolge übersehen haben. Sie mußten ja be- 
merken, daß die Theorie der psychischen Ungleichwertigkeit der 
Laute streng genommen nur für die Aufklärung der Laut- 



-„ V DAS VERSPKECHKN. 
Dö -^ 



N 



Störungen, sowie de. Vor- und Naehkläage ausmeht. ^ o s.cH 
die mrtstörungea nicht auf Lautstöruag^n reduzieren assexx. 
z B bei den Substitutionen und Kontaminationen von Wortezx, 
haben auch sie unbedenklich die Ursache des Ver^prechex.« 
außerhalb des intendierten Zusainmoidianges gesucht und 
diesen Sachverhalt d^irch schöne Bci«piMe erwiesen- Ich zitiere 

folgende Stellen: 

(S. 02.) ,.Ku. erzählt von Vorgängen, die er in seinem Innerei 
für .Sehweinerden' erklärt. Er sucht aber nach einer mildej, 
Form und Iwginnt: .Dann aber sind Tatsachen zum V o ^^ 
Schwein gekommen . , ■' M a y e r und ich waren anwesend und 
Ru- bestätigiß, daß er .Schweinereien' gedacht hatte. Daß sicH 
dieses gedachte Wort bei ,Vorsehein' verriet und plötzlich wirk- 
sam wurde, findet in der Ähnlichkeit der Wörter seine genügende 

Erklärung." — 

(S. 73.) ,.Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den 
Kontaminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade dio 
.schwebenden' oder »vagiercnden' Sprachhilder eine große Rolle. 
Sie sind, wenn auch unter der Schwelle des Bewußtseins, so doch. 
noch in wirksamer Nähe, können leicht durch eine Ähnlichkeit 
des zu sprechenden Komplexes herangczo^n werden und führen 
dann eine Entgleisung herbei oder kreuzen den Zug der AVörtei;'. 
Die ,schwebenden' oder ,vagierenden' SprachbÜder sind, "ro-ie 
gesagte, oft die Nachzügler von kürzlich abgelaufenen Spraoli- 
prozesson (Nachklänge)-" 

(S 97.) „Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit mög, 
Uch, wenn ein anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewußt- 
ßeinlschwelle liegt, ohne daß es gesprochen zu werd^^ 
bestimmt wäre. Da^ ist der Fall bei den Substitutionen. 
- So hoffe ich, daß man beim Nachprüfen meine Regeln w^-^ ^^ 

bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, daß man (wenn ^u, 




V. DAS VKUS BRECHEN. Qg 



anderer spricht) sieh Klarheit darüber verschafft, 
an was alles dor Spreclier gedacht hat*. Hier ein 
lehrreicher Fall. Klassendirektor Li. sagte in unserer Gesell- 
schaft: ,Die Frau würde mir Furcht einlagen.' Ich wurde 
stutzig, denn da^ 1 schien mir unerklärlich. Ich erlaube mir, den 
Sprecher auf seinen Fehler ,e.inlagen' für ,einjagen' aufmerksam 
zu machen, worauf er sofort antwortete: ,Ja- das kommt daher, 
weil ich dachte: ich wäre nicht in der Lage' usw." 

„Ein. andei'or Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem 
kranken l'ferd gehe. Fr antworl«t-e : ,Ja, das draut.. dauert 
vielleicht noch einen Monat-' Das ,draut' mit einem r war mir 
unverständlich, denn das r von dauert konnte unmöglich so ge- 
wirkt haben. Ich machte also R- v. S. aufmerksam, worauf er 
erklärte, er habe gedacht, ,das ist eine traurige Geschichte*. 
Der Spi'echer hatte also zwei Antworten im Simie und diese ver- 
iiipiigten sieh." 

Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf 
die „vagierenden'- Sprachbilder, die unter der Schwelle des Be- 
wußtseins stellen und nicht zum Gesprochen werden bestimmt 
sind, und die Forderung, sich zu erkundigen, an was der Spre- 
cher alles gedacht lialie, an die \'erhältniaae bei unseren „Ana- 
lysoai" herankommen. Auch wir suchen unbewußtes Material, 
und zwar auf dem nämlichen "\^^ege, nur daß wir von den Ein- 
fällen des Befragten bis zur Auffindung des störenden Elements 
einen längeren Weg durch eine komplexe Assoziationsreihe zu- 
rückzulegen haben. 

Ich weile jioch bei einem anderen interessanten Verhalten, 
für das die Beispiele Meringers Zeugnis ablegen- Nach der 
Einsicht des Autors selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines 



i 



* Von mir hervorgehoben. * rf: . 



l 



V 



h 



64 



V. DAS VEUSPRECHRN. 




Wortes im ialendierien Satze mit einem andevon nicht inten- 
dierten, wclclie dem letzteren gestattet, sicli durch die Verur- ^ _ 
sachimg einei- Entstellung, Mischbildung, Kompromißbilauug 
(IConianünation) im liewußtscin zur Geltung zu bringen: 
lagen, dauert, Vorschein- 
jagen, traurig, ...schwein. 
Nun habe ich in meiner Sclirifl, über die „Traumdeutuixg"* 
dargetan, welchen Anteil die V er d ich tungsarbeit an der 
Entstehung des sogenannten manifesten Trauminhalts aus den 
latenten Traumgedanken hat. Irgend eine Ähnlichkeit der t>inge 
oder der "WoTtvorstellungen zwischen zwei Elemcnteji des -unbe- 
wußten Materials wird da zum Anlaß genommen, um ein l^r-ittes, 
eine Misch- oder ICompromiß Vorstellung zu sehaTfen, welclie im 
Trauminhalt ihre beiden Komponenieii vertritt, und die infolge 
dieses "Ursprungs so häufig mit widersprechenden Einzelbestim- 
mungen, ausgestattet ist. Die Bildung von Substitutionen -und 
Kontaminationen beim Versprechen ist somit ein Beginn jener 
Verdichtungsaj-beit, die wir in eifrigster Tätigkeit am Anf bau 
des Traumes beteiligt finden. 

In einem kleinen, für weitere Kreise bestimmten Auf gat« 
(Neue Freie Presse vom 23. Aug. 1900: „V/ie man sich verspre- 
chen kann") hat Meringer eine besondere praktische Bedeu- 
tung für gewisse Fälle von Wortvertauschungen in Anspru^ch 
genommen, für snlchc nämlich, in denen man ein Wort durch, saia 
Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert sich wohl noch 
der Art, wie vor einiger Zeit der Präsident des üsterreichiaeben 
Abgeordnetenhauses die Sitzung eröffnete: ,Hohes Haus! Icl. 
konstatiere die Anwesenheit von so und soviel Herren und erkläre 
somit die Sitzung für geschlossen!' Die allgemeine H^ito-^^ 
r^^Tx^umd.uUmg. Leipzig u.d Wien, 1900, ö. Au£l. 1019. 



V. DAS VKRSPRECHKN. ' — 



keit macht« ihn ei-st aufmerksam und er verbesserte den Fehler. 
Im vorliegenden ialle wird die Erklärung wohl diese sein, daß 
der Präsident sich wünschte, er wäre schon in der Lage, die 
Sitzung, von der wenig Gült;« zu erwarten stand, zu schlioUen, 
aber — eine häufige Erscheinung — der Nebengedanke setzte 
sich wenigstens teilweise dm-ch, und das Resultat war ,geschlos- 
sen' für eröffnet', also das Gegenteil dessen, was zu sprechen he- 
^ ahsichtigt war. Aber vielfältige Beobachtung hat mich belehrt, 
^ daß man gegensätzliche Worte überhaupt sehr häufig mitein- 
ander vertauscht; sie sind eben schon in unserem Sprachbewußt- 
sein assoziiert, liegen Iiart nebeneinander und werden leicht irr- 
tümlich aufgerufen." 

Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es 
so leicht, wie hier im Beispiel des Präsideutfin, wahrscheinlich 
zu machen, daß das Versprechen infolge eines Widerspruchs ge- 
schieht, der sicli im Innern des Bedners gegen den geäußerten 
Satz erhebt. Wir haben den analogen Mechanismus in der Ana- 
lyse des Beispiels: aliquis gefunden; dort äußeile sich der 
innere Widerspruch im Vergessen eines Wortes anstatt in seiner 
Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollten aber zur Ausglei- 
chung des Untersciüedes bemerken, daß das Wörtchen aliquis 
eines ähnlichen Gegensatzes, wie ihn „schließen" und „eröffnen" 
ergibt, eigentlich nicht fähig ist, und daß „eröffnen" als ge- 
bräuchlicher Bestandteil des Redesehatzes dem Vergessen nicht 
unterworfen sein kann- 

Zeigen uns die letzten Beispiele von M e r i ii g e r und Mayer, 
daß die Sprechsiorung ebensowehJ durch den Einfluß vor- und 
nachklingender Laute und Worte desselben Satzes entstehen 
kann, die zum Ausgesprochenwcrdeu bestimmt sind, wie durch 
die Einwirkung von AVorten außerhalb des intendierten Satzes, 
deren Erregung eich sonst nicht verraten hätte,' 

Prend, PBj-chnraniolojflrt äe» AIKagälehciü.. VI. Aufl. 5 



V DAS VEESPßECHEN. 

66 i: ' — 



i:'-.' ■, 



\^, 



^ we:^^ wir zunächst erfai.ren wollen, ob man "^^-n 
Klassen von Verspi^cto scharf sondern, und wie man em Be.- 
SL eüien von einem Falle der -^^/^-^ ^^^^^^^^^^ 
tarn An dieser Stelle der Erörterung muß man abex dei Au ße- 
^.^en Wundts gedenken, der in seiner eben crschemenden 
r— en Bearbeitung der EntwicUlnngsgeset.e ^^J^^^"": 
(VöD^erpsyehologie, 1- Band, L Teil, S- 371 u. iU 1900) auch 
W E^hoinungen des Versprechens behandelt- AATas b . diesen 
ExBcheinun^ und anderen, ihnen verwandten, niemals fehlt, 
da. Bind nach Wnndt gewiss psychische Einflüsse- M.n 
gehört zunächst als positive Bedingung der ungehemmte Fluß 
der von den gesprochenen Lauten angeregten L aut- und W o r t- 
aBSoziationeu. Ihm tritt der Wegfall oder der NachU« 
der diesen Lauf hemmenden AVirknngen des AVillens und d. 
auch hier als Willensfunktion sich betätigenden Animerksatn 
keit als negatives Moment zur Seite- Ob jenes Spiel der Asso 
ziation darin sich äußert, daß ein kommender Laut ahtizipi^ri 
odeo: die vorausgegangenen reproduziert, oder ein gcwohnheits^ 
mäßig eingeühter zwischen andere eingeschaltet wird, oder end- 
lich darin, daß ganz andere Worte, die mit den gesprochenen 
Lant-en in assoziativer Beziehung stehen, auf diese herühex- 
wirken ■- alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der Richtung 
und allenfalls in dem Spielraum der stattfindenden Assoziatio- 
nen, nicht in der allgemeinen Natur derselben. Auch kann ^ 
in manchen Fällen zweifelhaft sein, welcher Form man eine he- 
etimmteStörung zuzurechnen, oder ob man sie nicht mit größerem 
E^hte nach dem Prinzip der Komplikation der Ur- 
sachen* auf ein Zusammentreffen mehrei^r Motive zurück- 
zuführen hal>e-" (ß- ^SO und 381.) 



!■■> ■ ^ * Von mir iiervoi^bol^cii. 



• !■ 



I 



' f- DAS TEKSPBEOHEN 

' '. . 67 

Ich ialte diese Bemerkungen Wuudts fiu- vollbereehtirf 
-djehr inatruitiv. Vielleicht kannte n>an mit g.öW Ent- 
sehaed^ext ah. Wn nd t betonen, daß das positiv begun.tig.nde 
Moment der Sprechfehler - der ungehemmte FlnÄ d^ Assozia- 
tionen - mid das negative - der Nachla£ der hemmenden Auf- 
merfeamteit - regelmäßig mUeinander zu Wirkung gelangen 
.« d<Ui beide Momente nur .u verschiedenen Best^m^gen d"' 
n^hchen Vorganges werden. Mit dem Nachlaß der hemmenden 
Aufmerksamkeit tritt eben der ungehemmte Fluß dei- Assozia- 
lonen in Tätigkeit; noch unzweifelhafter ausgedrückt: durch 
üiesen Nachlaß. 

unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst ge- \ 

sammelt, finde ich kaum eines, bei dem ich die Spiechsttrung 
einzig und allein auf da., was Wund t „Kontaktwiriung der 
W nemit. zuiückführon müßte- Faat regelmäßig entdecke 
ich überdies amen störenden Einfluß von etwa^ außerhalb 
der infundierten Hede, und dai Störende ist entweder ein ein 
a^lner, unbewußt gebliebener Gedanke, der sich durch das Ver 
sprechen kundgibt und oft erst durch eingehende Analyse .um 
Bewußte gefördert werfen kann, oder es ist ein allgeLinere" 
P^yo^sch. Motiv welch, sich gegen die ga^e ^T^Z. 
Beispiel a): Ich will gegen meine Tochter, die beim Ein- 
zti!l:"' """^ ^^''' "" «^'^*'^^ ö^^-" «-»"-t'-n hat, 

Der Affe gar possierlich ist. 

Zumal wenn ar vom Apfel frißt 
loh beginne aber: Der Apfe... Dies scheint eine Kontamina- 
tion von „Affe" und „Apfel" (Kompromißbildung) oder kann 
auch ab Antizipation des vorbereiteten „Apfel" aufgefaßt wer 
den. Bei- genauere Sachverhalt ist aber der: Ich hatte da« Zitat 
.eben einmal begonnen und mich da. ei^temal dabei nichtig 



i* 



V DAS VEESPRECHEN. 

68 : 



s 



, . ,, ^„™rach laich erst bei der Wiederhol™«, die si cli 

Bproohcn. Ml ™-P'-^ Angesprochene, von andezw Seite 

als notwendig «-gab, weü die Ang P ^yi^^^rf^ohmg. die 

■h :rd:to::!Lun/de. Bp^chlehlers. der sich al. eine Ve. 
dichtungsleistung darstellt, mit einreehnen. 

,) Meine Toehter sagt. Ich sehreibe der Fran Sohre.üx 
™, : Die Frau heißt Sehlesinger. Dieser bpx^hfoMer hangt 
^ohl mit einer Tendenz zur Erleichterung der Artikulation ^- ; 
sa^en, denn das 1 ist nach wiederholte» r schwer auszuspre- 
chen leh muß aber hirrzuf ügen, daß sich dieses Verspreehen -faei 
meiner Tochter ereignete, nachdem ich ihr wenige Minuten auvor 
Apfe" anstatt „AHe" vorgesagt hatte. Nun ist das \ erspre- 
chen in hohem Maße ansteckend, ähnUch wie das Namenvergessen, 
bei dem M er ing er und Mayer diese Eigentümhchkeit be- 
merkt haben- Einen Grund für diese psychische Kontagioeität ^, 
weiß ich nicht anzugeben- ^- 

c) „Ich Uappe zusammen wie ein Tassenmesche r - | 
Taschenmesser", sagt eine Patientin zu Beginn der Beh.and- 
Jungsstunde, die Laute vertauschend, wobei ihr wieder die Arti- 
kulationssehwieiigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen waschet 
weiße Wäsche" — „Fischflosse" und ähnliche Prüfworte) ^ur ■ ;< 
Entschuldigung dienen kann- Auf den Spreehfehler aufiaerk ^ 
slm gemacht, ei-widert sie prompt: „Ja, das ist nur, weil Sie 
. heute .Enischf gesagt haben-" Ich hatte sie wirklich «üt a« 
Eede empfangen : „Heute wird es also Ernst" (weü es die Utz. 
Stunde vor dem Urlaub werden sollte) imd ^^t^f^ 
scherzhaft zu „Ergeht" vchreitert- Im ^-^^ «1- jtund^^-^ 
snricht sie sich immer wieder von neuem, und leh merke endlicl^ 
d^ßtl mich nicht bloß imitiert, sondern daß sie einen !,,,„, 



V. DAü VERSPRECHEN. 
. d9 



deren' Grund hat, im UnbewTißten bei dem Worte Ernst als 
Namen zu verweilen *. 

d) „Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die Aae 
natmen— Haseatme n"- passiert dci-selben Patientin ein 
andermal. Sie weiß sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler 
kommt. „Ich steige jeden Tag in der H asenauerstraße in 
die Tramway, und heute früh ist mir während des Wartens anf 
den Wagen eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, würde ich 
Asenauer aussprechen, denn die Franzosen lassen das H im 
Anlaut immer weg - Sie bringt dann eine Eeihe von Eeminis- 
zen^cai an Franzosen, die sie kennen gelernt liat, und langt nach 
weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, daß sie als 14- 
jähriges Mädclien in dem kleinen Stück „Kurmärker und Picarde" 
die Picarde gespielt und damals gebrochen Deutsch gesprochen 
hat. Die Zufälligkeit, daß in ihrem Logierhaus ein Gast aus 
Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinnerungen 
waeligerufen. Die Lautvertauschung ist also Folge der Störung 
durch einen unbewußten Gedanken aus einem ganz fremden Zu- 
sammenhang. 

e) Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer 
anderen Patientin, die mitten in der Beproduktion einer längst 
verachollenen Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen 
wird. An welche Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand 

* Sie sfcind nämlich, wie sich zeigte, unter dem EinHuß von unbe- 
wußten Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhütung. Mit den 
Worten: „zusammengeklappt wie ein Taschenmesser", welche sie bewußt 
als Klago vorbrachte, wollte sie die Haltung des Kindes im Matterleibe 
beschreiben. Das Wort „Ernst" in mWner Anrede hatte sie an den Namen 
(S. Ernst} der bekannten Wiener Firma in der Kämtnerstiaße gemahnt 
welche Eich als Verkaufslätte von Schutzmitteln gegen die Konzeption zu 
annoncieren pflegt. 



rjQ " V. DAS VERSl-'KECHEN. 



des anderen gegriffen hat, will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen. 
Sie macht unmittelbar darauf einen Besuch bei einer Freundin 
und unterhält eich mit ihr über Sommerwohnungen. Gefragt, 
wo denn ilir Häuschen in M. gelegen sei, antwortet sie : an der 
Berglende anstatt Berglehne. 

f) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde 
frage, wie es ihrem Oniel geht, antwortet: „Ich weiÜ nicht, ich 
sehe ihn jetzt niu: in flagranti." Am nächsten Tage begingt 
sie: „Ich habe mich recht geschämt, Ihnen eine so dumme Ant- 
wort gegehen' zu haben. Sie müssen micli natürlich für eine ganz 
ungebildete Person halten, die beständig Premdwörter verwecK- 
seit. Ich wollte sagen: cn passant." Wir wußten daiuals 
noch nicht, woher eie die unrichtig angewendeten Fremdworte 
genommen hatte. In dereelbcn Sitzung aber brachte sie als Fort- 
setzung des vortägigen Themas eine Reminiszenz, in welcher das 
EiH^pptwcrden in flagranti die Hauptrolle spieli«. Der 
Spreehfehler am Tage vorher hatte also die damals noch nicKt ^ 
bewußt g-ewordene Erinnerung antizipiert. | 

g) Gegen eine andere muß' ich an einer gewissen Stelle der 
Analyse die Veimutung aussprechen, daß sie sich zu der Zeit, ^ 
von welcher wir eben handeln, ihrer Familie geschämt und ihrem 
Vater einen uns noch unbekannten Vorwurf gemaclit habe. Sie 
erinnert sich nicht daran, erklärt es übrigens für un wahr scli ein. 
lieh. Sic setzt aber das Gespräch mit Bemerkungen über i\\y>^ '• 
Familie fort: „Man muß ihnen das eine lassen: Es sind doch 
besondere Menschen, sie haben alle Geiz — ich wollte sagten 
Geist." Das war auch denn wirklich der Vorwui'f, den sie aus 
ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Daß sich in dem Verspi-^. 
oben gerade jene Idee durchdrängt, die man zurückhalten -wiU, 
ist ein häufiges Vorkommnis (vgl- den Fall von Meringej.. 
2UIII Vorechwein gekommen). Der Unterschied liegt nur darin, 



>^ 



' I 



V. DAti VJERSPKECHEN. -j 



daß die Person bei M er inger etwas zurüeklialten will, was ihr 
bewußt ist, während meine Patientin das Zurückgehaltene nicht 
weiß, oder wie man auch sagen kann, nicht weiß, daß sie etwas, 
und was sie zurückhält. 

h) Auf absichtliche Zurückhaltung geht auch das nach- 
ßtehende Beispiel von Versprechen zurück. Ich treffe einmal in 
den Dolomiten mit zwei i)amcn zusammen, die als Touristinnen 
verkleidet sind. Ich begleite sie ein Stück weit, und wir be- 
sprechen die Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristischen 
LebenBweise. Die eine der Damen gibt zu, daß diese Art, den 
Tag zu verbringen, manches Unbequeme hat Es ist wahr, sagt 
sie, daß es gar nicht angenehm ist, wenn man so in der Sonne 
den ganzen Tag marschiert hat, und Bluse und Hemd ganz 
durchgeschwitzt sind. In diesem Satze hat sie einmal eine kleine 
Stockung- zu überwinden. Dann setzt sie fort: "Wenn man aber 
dann nach Hose kommt und sich umkleiden kann . . . Ich meine, 
es bedurfte keines Examens, um dieses Versprechen aufzuklären- 
Die Dame hatte offenbar die Absicht gehabt, die Aufzählung 
vollständiger zu halten und zu sagen: Bluse, Hemd und Hose. 
Dies dritte Wäschestück zu nennen, unterdrückte sie dann aus 
Gründen der "Wohlanständigkcit. Aber im nächsten, inhaltlich 
unabhängigen Satz setzte sich das unterdrückte Wort als Ver- 
unstaltung des ähnliehoTi Wortes „nach Hause" wider ihren 
Willen durch. 

i) „AVenu Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu 
Kaufmann in der Matthäusgasse. Ich glaube, ich' kann Sie dort 
auch empfehlen," sagt mir eine Dame. Ich wiederhole: „Also bei 
Matthäus — bei Kaufmann will ich sagen." Es sieht aus 
wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an Stelle 
des anderen wiederliole. Die Rede der Dame hat mich auch 
wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerk'samkeit 



72 



V. DAS VERSPRECHEN. 



auf anderes gelenkt, was mir weit wichtiger ist als Teppiche^ In 
der Matthäusgasse steht nämlich das Ha^s. ii^ dem meine Praxi 
als Braut gewohnt hatte. Der Eingang des Hau^ war in eiuer 
anderen Gasse, und nun merke ich, daß ich deren Namen ver- 
gessen hahe und ihn mir ei^st auf einem Umweg bewußt machen 
muß. Der Name Matthäus, bei dem ich ver^veile, ist mir also ein 
Ersatzuame für den vergessenen Namen der Straße. Er eignet 
sich besser dazu als der Name Kaufmanu, denn Matthäus ist aus- 
schließlich ein Personenname, was Kaufmann nicht ist, und die 
vergessene Straße heiLU auch nach einem rei-soneimamcn : R a- 

detzky. 

k) Folgenden Fall könnte ich ebensogut bei den später zu 
besprechenden „In-tümern" unterbringen, führe ihn aber hier an, 
weil die Lautbeziehungen, auf Grund deren die Wortersetzung 
erfolgt, ganz besonders deutlich sind. Eine Patientin erzählt mir 
ihrein Traum: Ein Kind hat beschlossen, sieh durch einen 
Schlangenbiß zu töten. Es führt den Beschluß aus. Sie sieht zti^ 
wie es sich in Krämpfen windet usw. Sie soll nun die Tagog- 
auknüpfung für diesen Traum finden. Sie erinnert sofort, daß 
sie gestern abends eine populäre Vorlesung über erste Hilfe bei, 
Schlangenbissen mitangehört hat. Wenn ein Erwachsener und 
ein Kind gleichzeitig gebissen worden sind, so soll man zuer-st. 
die Wunde des Kindes behandeln. Sie erinnert auch, welche A^ot- ' 
Schriften für die Beliandlung der Vortragende gegeben hat. J^g 
käme sehr viel darauf an, hatte er auch geäußert, von welche^ 
Art man gebissen worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage :j 
Hat er dran nicht gesagt, daß wir nur sehr wenige giftige Artej 
in unserer Gegend haben, und welche die gefürchteten sind?] 
„Ja, er hat die Klapperschlange hervorg-ehoben." Mein L, ^ 
chen macht sie dann aufmerksam, daß sie etwas Unrichtige 
gesagt hat. Sie korrigiert jetzt aber nicht etwa den Namen, 



"^ 



V. DAS VERSPRECHEN. ^q 



sondern sie nimmt ihre Aussa^ zurück. „Ja so, die kommt ja 
bei uns nicht vor, er hat von der Viper gesproclien. "Wie gerate 
ich nur auf die Klapperschlange?" Ich vermutete, durch die 
Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem Traum ver- 
borgen hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiß kann kaum 
etwas anderes sein, als eine Anspielung auf die schöne Kleopatra. 
Die weitgehende Lautähnlichkeit der beiden Worte, die Über- 
einstimmung in den Buchstaben Ki..p..r in der nämlichen 
Reihenfolge und in dem betonten a sind nicht zu verkennen. 
Die gute Beziehung zwischen den Namen Klapperschlange 
und Kleopatra erzeugt bei ihr eine momentane Einschrän- 
kung des Urteils, derzufolge sie an der Behauptung, der Vor- 
tragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung von 
Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoß nimmt Sie 
weiß sonst so gut wie ich, daß diese Schlange nicht zur Fauna 
unserer Heimat gehört. AVir wollen es ihr nicht verübeln, daß 
sie an die Versetzung der Klapperschlange nach Ägypten ebenso- 
wenig Bedenken knüpfte, denn wir sind gewohnt, alles Außer- 
europäische, Exotische zusammenzuwerfen, imd ich selbst mußte 
mich einen Moment besinnen, ehe icli die Behauptung aufstellte, 
daß die Klapperschlange nur der neuen "Welt angehört. 

Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der 
Analyse. Die Träumerin hat gestern zum ci-stemnal die in 
der Nähe ihrer Wohnung aufgestellte Antoniusgruppe von 
Straßer besichtigt. Dies war also der zweite Traumanlaß 
(der erste der Vortrag über Schlangenbisse). In der Fortsetzung 
ilires Traumes wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu welcher 
Szene ihr das Gretchen eiofällt. Weitere Einfälle bringen Ee- 
miniszenzen an „Arria und Messalina". Das Auftauchen 
so vieler Namen' von Theaterstücken in den Traumg«danken läßt 
bereits vermuten, daß bei der Träumerin in früheren Jahren eine 



74 



V. DA9 VERSPKECHEN. 



geheim gehaltene Schwänneroi für den Beruf der SchauBptelerxn 
Lw. Der Anfang des Traumes: „Em Kind hat beschlossen, 
sein Leben durch einen Sehlangenbiß zu enden", bedeutet wirklich" 
nicht, anderes als : Sie hat sich als Kind Vorgenommen, ernst eiixe 
berühmte Schauspielerin zu werden. Von dem Namen Messa- 
li na zweigt endlich der Gedantenweg ab, der zu dem wesent- 
lichen Inhalt di^es Traumes führt. Gewisse Vorfalle der letzten 
Zeit haben in ihr die Besorgnis erweckt, daß, ihr einziger Bruder 
eine nicht standesgemäße Ehe mit einer Nicht-A r i e r i n, eine 
Mesalliance eingehen könnte- 

l) Ein völlig harmloses oder vielleicht uns nicht genügend 
in seinen Motiven aufgeklärtes Beispiel will ich hier wiedergeben, 
weü es einen durchsichtigen Mechanismus erkennen läßt : 

Ein in Italien reisender Deutscher bedarf eines Riemens, nm 
seinen schadhaft gewordenen Koffer zu umschnüren. Das Wörter- 
buch liefert ihm für Biemen das italienische Wort coreggi a. 
Bieses Wort werde icK mir leicht merken, meint er, iji<lem idi 
an den Maler (Correggio) denlte. Er geht dann in einen Laden 
und verlajLgt: unaribera. 

Es war ihm anscheinend nicht gelungen, das deutsche AV"ox- 
in seinem Gedächtnis durch das italienische zu ersetzen, aber sein, 
Bemühung war doch nicht gänzlich ohne Erfolg geblieben. J; 
wußte, daß er sich an den Namen eines Malers halten müsse, unt_ 
so geiiet er nicht auf jenen Malcmamcn, der an das italienische' 
AVort anklingt, sondern an einen anderen, der sicli dem deutschen 
Worte Eiern en annähert. Ich hätte dieses Beispiel natürlich 
ebensowohl beim Namenverg«s&en wie hier beim Versprechen 

unterbringen können- 

Als ich Erfahrungen von AVsprcehen für die erste Auflage 
dieeei- Schrift sammelte, ging ich so vor, daß ich alle Fälle, die 
ich beobachten konnte, darunter also auch die minder eindructs- 



^ 




tX 



V. DAS VEESPBECHEN. „^ 
■ 75 



vollen, der Analyse unteog. Seither haben manche ande,^ «ich 
der amüsanten Mühe, ^^eI^pI^chen zu eammebi und zu analy- 
sieren, unterzogen und mich so in den Stand gesetzt, Auswahl 
auß einem reichereu Material zu schöpfen. 

w.; Ein junger Mann sagt zu seiner Schwester: Mit den D. 
bin ich jetzt ganz zerfallen, ich grüße sie nicht mehr. Sie ant^ 
wortet: Überhaupt eine saniere Lippschaft. Sie wollte 
sagen: Sippschaft, aber sie drängte noch zweierlei in dem 
Sprechirrtum zusammen, daß ihr Bruder einst selbst mit der 
Tochtei- dieser Familie einen Flirt begonnen hatte, und daß es 
von dieser hieß, sie habe sich hü letzter Zeit in eine ernsthafte 
unerlaubte Liebschaft eingelassen. 

n) Ein junger Mann spricht eine Dame auf der Strai3e mit 
den Worten an: „Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte 
ich Sie begleit -di gen." Er dachte offenbar, er möchte sie 
gern' begleiten, hrchtete aber, sie mit dem Antrag zu be- 
leidigen. Daß diese beiden einander widerstreitenden Gefühls- 
regungen in einem Worte - eben dem Vei-sprechen - Ausdruck 
fanden, weist darauf hin, daß die eigentlichen Absichten des 
jmgen Mannes jedenfalls nicht die lautersten waren und ihm 
dieser Dame gegenüber selbst beleidigend ei^cheinen mußten. 
Während er aber gerade dies vor ihr zu verbergen sucht, spielt 
ibm das Unbewußte den Streich, seine eigentliche Absicht zu 
verraten, wodurch er abei- anderseits der Dame gleichsam die 
konventionelle Antwort: „Ja, was glauben Sie denn von mir, 
wie können Sie mich denn so b e le i d i ge n" vorwegnimmt. (Mit- 
geteilt von O. Rank.) 

o) Eine Anzahl von Beispielen entnehme ich einem Aufsatz 
von W. Stekel aus dem „Berliner Tageblatt» vom 4. Jänner 
1904, betitelt „Unbewußte Geständnisse". 



V. DAS VERSPRECHEN. 



„Ein .na^gcn^m^ Stück n.ciue. unbewußten Gedanken 
..tKum. da. folg^d. Bei.piol. Ich Bchicke voraus, daß .cW 
..i.er Eigenschaft ab Arzt nieraals auf me.uen E-e':b Macht 
bi. und immei- nur da. Interesse dos Kranken im Auge habe, 
wa« j. eine selb.tverständUchc Sache ist. Ich befmde mich be. 
einer Kranken, dei" ich nach schwerer Krankheit in emem Re- 
konvaleszentenstadium meinen ärztlichen Beistand leiste. Wir 
haben schwere Tage und Nächte mitgemacht. Ich bin glückha^. 
■ sie besser zu finden, male ihr die Wonnen eines Aufenthaltes in 
Abbazzia aus und gebrauche dabei den Nachsatz i ,wenn Sie, 
was ich hoffe, das Bett bald n i c h t verlassen werden -'■ Offen- 
bar entsprang das einem egoistischen Motiv des Unbewußten, 
diese wohlhabende Kranke noch länger behandeln zu dürfen, 
einem Wunsche, der meinem wachen Bewußtsein vollkommen 
fremd ist und den ich mit Entrüstung zurückweisen würde." 

p) Ein anderes Beispiel (W. Stekel). „Meine Frau nimmt ^ 
eine Französin für die Nachmittage auf und will, nachdem man 
sich über die Bedingungen geeinigt hatte, ihre Zeugnisse zurück- ' - 
behalten. Die Französin bittet, sie behalten zu dürfen, mit d-er 
Motivierung: Je cherche encore pour les apres-midis, pardon, i 
pour les avant-midis. Offenbar hatte sie die Absicht, sich noch " 
anderweitig umzusehen und vielleicht bessere Bedingungen zu er- 
halten ^- eine Absicht, die sie auch ausgeführt hat,'* 

n) „Ich soll einer Frau die Leviten lesen, und ihr Mann, auf 
dessen Bitte das gescliicht, steht lauschend hinter der Tür. Am 
Ende meiner Predigt, die einen sichtlichen Eindruck gemacht 
hatte, sagt-e ich : ,Küss' die Hand, gnädiger Herr V Dem' Kundigen 
hatt^ ich damit verraten, daß die Worte an die Adresse des Herrn 
achtet waren, daß ich sie um seinetwillen g-esprochen hatte." 

r) Dr Stekol berichtet von sich selbst, daß er zu emer Z^ü V 
^wei Patienten aus Triest iu Behandlung gehabt habe, die er 



Y. DAS VERSPRECHEN. rjr- 



immci- vermehrt zu begrüßen pflegte. „Guten Morgen, Herr Pe- 
loni," sagte icli zu Askoli, — „Guten Morgen, Herr Askoli," zu 
Peloni. Er war anfangs geneigt, dieser ^^erweehslimg keine tie- 
fere Motivierung zuzuschreiben, sondern sie durch die mehrfachen 
Gemeinsamkeiten der beiden Herren zu erklären. Er ließ, sich 
aber leicht überzeugen, daß die Namenvertaus ehung hier einer 
Art Prahlerei entspracli, indem er durch sie jeden seiner italie- 
nischen Patienten wissen lassen konnte, er sei nicht der einzige 
Tnestiner, der nach Wien gekommen sei, um seinen ärztlichen 
Rat zu suchen. 

s) Dr. Stekcl selbst in einer stürmischen Gener'alver- 
sammlung: Wir streiten (schreiten) nun zu Punkt 4 der 
Tagesordnung. 

t) Ein Professor in 'seiner Antrittsvorlesung: „Ich bin nicht 
geneigt (geeignet), die Verdienste meines sehr geschätzten Vor- 
gängers zu schildern." 

u) Dr. Stekel zu einer Dame, bei welcher er Basedowsehe 
Krankheit vermutet: „Sie sind um einen Kropf (Kopf) größer 
als Ihre Schwester." 

v^ Dr. Stekel berichtet; Jemand will das Verhältnis zweier 
Preunde schildern, von denen einer als Jude charakterisiert wer- 
den soll. Er sagt; Sie lebten zusammen wie Kastor und 
Pollak. Das war durchaus kein Witz, der liedner hatte das 
Versprechen selbst nicht bemerkt und \vurde erst von mir darauf 
aufmerksam gemacht. 

w) Gelegentlich ereetzt ein ^Versprechen eine ausführliche 
Charakteristik. Eine junge Dame, die das Regiment im Hause 
iülirt, erzählt mir von ihrem leidenden Manne, er sei beim Arzt 
gewesen, mn ihn nach der ihm zuträglichen Diät zu befragen. Der 
Arzt habe aber gesagt, darauf käme es nicht an. „Er kann essen 
und trinken, was ich will." 



-ö V. DAS VEEBPRECHEN. 



Bie folgenden zwei Beispiele von Th- Heik (Intemation. 
Zeitechr. für Psychoanalyse, III, 1915) stammen aus Situationen, >j^ 

in denen sich Versprechen besonders leicht ereignen, weil in ihnen l 

mehr zurückgehalten wird, als gesagt werden kann- 

x) Ein Herr spricht einer jungen Dame, deren Gatte kürzlich 
gestorben ist, sein Beüeid aus und setzt hinzu: „Sie werden Trost 
finden, indem Sie sich völlig Ihren Kindern widwen." Der 
unterdrückte Gedanke wies auf andersartigen Trost hin: eine 
junge schöne Witwe wird bald neue Sexualfreuden genießen. 
y) Derselbe Herr unterhält sich mit derselben Dame in einer 
Abendgesellschaft über die großen Vorbereitungen, welche in 
Berlin zum Osterfeste getroffen werden, und fragt; „Haben Sie 
heute die Auslage bei Wertheim gesehen? Sie ist ganz de- 
kolletiert" Er hatte seiner Bewunderung über die Dekolletage 
der schönen Frau nicht laut Ausdruck geben dürfen, und nun 
setzte sich der verpönte Gedanke durch, indem er die Dekoration V 
einer Waienauslage in eine DekoUetage verwandelte, wobei da« 
Wort Auslage unbewußt doppelsinnig verwendet wurde. 

Dieselbe Bedingung trifft auch für eine Beobachtung zu, 
über welche Hanns Sachs ausführliche Rechenschaft zu g^. 
. ben versucht: 

2:) „Eiüe Dame erzählt mir von einem gemeinsamen Be- 
kannten, er sei, als sie ihn das letztemal sah, so elegant angezogen 
gewesen wie immer, besonders habe er hervorragend schöne, 
braune Halbschuhe getragen. Auf meine Frage, wo sie ihn denn 
getroffen habe, lierichiete sie: ,Br hat an meiner Haustür ge- 
läutet und ich hab' ihn durch die heruntergelassenen Eouleanx 
gesehen. Ich habe aber weder geöffnet noch sonst ein Lebens- 
zeichem gegeben, denn ich wollte nicht, daß er es erfährt, d^Q 
ich echon in der Stadt bin.' Ich denke mir beim Zuhören, da.ß 
sie mir dabei etwas verschweigt, am wahrschcinHchsten wo^j^ 



i 



V. DAS VEBSFRECHEW. -„ 



daß sie deswegen nicht ^öffnet habe, weil sie nicht allein und 
nicht m der Toüette war, um Besuche ^u empfangen, und frag^ 
ein wenig ironisch r ,Also durch die geschlossenen Jalousien hin- 
durch haben Sie seine Hausschuhe - seine Halbschuhe bewun- 
dem können?' In .Hausschuhe' kommt der von der Äußerung 
abgehaltene Gedanke an ihr Hauskleid zum Ausdruck. Das 
Wort ,Halb' wurde anderseits wieder deswegen zu beseitigen 
versucht, weil gerade in diesem Worte der Kern der verpönten 
Antwort: ,Sie sagen mir nur die halbe Wahrheit und ver- 
schweigen, daß Sie halb angezogen waren' enthalfen ist. Be- 
fördert wurde das Versprechen auch dadurch, daß wir unmittel- 
bar vorher von dem Eheleben des betreffenden Herrn, von seinem 
.häuslichen Glück' gesproolien hatten, was wohl die Verschiebung 
auf seine Person mitdeterminierte. Schließlich muß ich gestehen, 
daß vielleicht mein Neid mitgewirkt hat, wenn ieh diesen ele- 
ganten Herrn in Hausschuhen auf der Straße stehen ließ; ich 
selbst habe mir erst vor kurzem braune Halbschuhe gekauft, die 
keineswegs mehr .hervorragend schön' sind." 

KriegBzeiten wie die gegeuwärtig-en bringen eine Reihe von 
Versprechen hervor, deren Verständnis wenig Schwierigkeiten 
macht. 

«) „Bei welcher Waffe befindet sieh Ihr Herr Sohn?" wird 
eine Dame gefragt. Sie antwortet: „Bei den 42er Mördern." 

ß) Leutnant Henrik Kaiman schreibt aus dem Eelde*: 
Ich werde aus der Lektüre eines fesselnden Buches herausgerissen, . 
um für einen Moment den A.ufklärungstelephonisteu zu vertreten. 
Auf die Leitungspi-obe der Geschützstation reagiere ich mit: 
Kontrolle richtig, Ruhe. Reglementmäßig sollte es lauten: 
Kontrolle richtig, Schluß. Meine Abweichung erklärt eich dui-ch 
den Arger über die Störung im Lesen- 

* Intern. ÄeitBchr. für Psj-choiLna.lyse, IV, 19] 6/17. 






V DAS VEESPEECHEN. 

80 ^ : 

,) Da. nachstehende, hervorragend schöne nnd durch seinen 

t^r. lacht nnd sie orschäpfend analysiert hat Ich gehe_ .eu.e 
^11. mit unwesentlichen Auslassungen im folgenden w.eder: 
ich gestatte n>ir, emen Eall von .Versprochen' m.t.uteaen. 
der Herrn Professor M. N. in 0. bei einer seiner im ehea ver- 
flossenen Son^ei-semester ahgehatencn Vorträge über die 
Psychologie der Empfmdungcn unterlief. Ich muß voraussenden, 
daß diese Vorlesungen rn der Aula der Universität unt^r großem 
Zndrann- der zum großen Teile aus französischen internierten 
Kriegsgefangenen und im übrigen meist ans entschieden eutente. 
freundlich gesinnten Französisch-Sehweizern bestehenden Stu- 
dentenschaft besteht. In O. wird, wie in Franlaeick selbst, das 
Wort Bo che jetzt allgemein und ausschließlich zur Bezeichnung 
der Deutschen gebraucht. Bei öffentlichen Kundgebungen aber. 
sowie bei Vorlesungen u. dgl. bestreben sich höhere Beamte, Pro- 
fessoren und sonst verantworlUche Personen aus Neutralitäts- 
gründcn, das ominöse Wort zu veimeiden. 

Professor N. nun war gerade im Zuge, die praktische Be- 
deutung der Affekte zu besprechen, und beabsichtigte, ein. Bei- 
s iel zu zitieren für die zielbewußte Ausbeutung eines Affekt* 
ir eine an sich uninteressant« Muskelarbeit mit Lustgefühl» 
zu laden und so intensiver zu gestalten. Er erzählte also, natür 
lieh in französischer Sprache, die gerade damals von hresigO 
Blättern au. einem alldeutschen Blatte abgedruckte Geschieh« 
ni deutechen Schulmeister, der seine Schüler im ^^ 
ir lieft und um sie zu intensiverer Arbeit anzufeuern, s* 
Srersr;orus.llen, daß sie statt ^^^^^^^ 
Iranzüsischeu Schädel einschlügen. Beim Vortrag seiner G. 



« 



V. DAS VERSPRECHEN. gl 



Bchichtc sagte N. natüiiicli jedesmal, wo von Deutschen die Rede 
war, ganz korrekt Allemand und nicht Boche- Doch als es zur 
Pointe der Geschichte kam, trug er die Worte des Schulmeisters 
fülgenderweise vor: Imagincz vous, qu'en chaque moche vouk 
pcrasez le eräne d'un Fran^ais- Also statt motte — moche! 

Sieht man da nicht förmlich, wie der korrekte Gelehrte vom 
Anfang der Erzählung ' sicli zusammennimmt, um ja nicht der 
Gewohnheit und vielleicht auch der Versuchung nachzugehen 
und das sogar durch einen Bundeserlaß ausdrücklich verpönte 
"Wort von dem Katheder der Universitätsaula fallen zu lassen ! 
Und gerade im Augenblick, wo er glücklich das letztemal ganz 
korrekt ,instititeur allenannd' gesagt hat und innerlich aufatmend 
zum unverfänglichen Schlüsse eilt, klammert sich die mühsam 
zurüekge-drängte Vokabel an den Gleiehklang des "Wortes motte 
und — das Unlieil ist geschehen- Die Angst vor der politischen 
Taktlosigkeit, vielleicht eine zunieligcdrängte Lust, das ge- 
wohnte und von allen erwartete Wort doch zu gebrauchen, sowie 
der Unwillen des geborenen Republikaners und Demokraten gegen 
jeden Zwang in der freien MeinungsäuiJerung interferieren mit 
der auf die korrekte Wiedergabe des Beispiels gerichteten Haupt- 
absicht. Die interferierende Tendenz ist dem Itedner bekannt 
und er hat, wie nicht anders anzunehmen ist, unmittelbar vor 
dem Versprechen an sie gedacht- 

Sein Versprechen hat Professor N- nicht bemerkt, wenigstens 
hat er es nicht verbessert, was man doch meist geradezu auto- 
matisch tut. Dagegen wurde der Lapsus von der meist franzö- 
sischen Zuhörerschaft mit wahrer Genugtuung aufgenommen und 
wirkte vollkommen wie ein beabsichtigter Wortwitz. Ich aber 
folgte diesem anscheinend harmlosen Vorgang mit wahrer innerer 
Erregung. Denn wenn ich mir auch aus naheliegenden Gründen 
vereagen mußte, dem Professor die sich nach psychoanalytischer 

Fr.ud, P.j-r-hopftthoWie dea AUtttneUtsn«. VT. AhB. q 



go " ' V. DAS VERSPRECnEN. 



Methode aufdrängenden Eragen zu stellen, so war docli dieses 
Versprechen für mich ein schla^gender Beweis für die Richtigkeit 
Ihrer Lehre von der Det^minierung der Eehlhandlnngen ima 
den tiefen Analogien und Zusammenhängen zwischen dem Ver- 
sprechen und dem "Witz." 

8) Auf ein ganz ■besonders lehrreiches Beispiel von Verspi^- 
chen möchte ich nicht verzichten, obwohl es sich nach Angabe 
meinee Gewährsmannes vor etwa 20 Jahren zugetragen }i^i_ 
„Eine Dame äußsrte einmal in einer Gesellschaft — man höxt 
GS den Worten an, daß sie im Eifer und unter dem Drucke allerlei 
geheimer Regungen zu stände gekommen sind: Ja, eine iPi-a,!! 
muß schön sein, wenn sie den Männern gefallen soll- Da hat ©s 
ein Mann viel besser; wenn er nur seine fünf geraden Glieder 
hat, mehr braucht er nicht! Dieses Beispiel gestattet uns ein^n 
guten Einblick in den intimen Mcclianismus eines Versprechens 
durch Verdichtung oder einer Kontamination (vgl. 
S. 59). Es liegt nahe, anzunehmen, daß hier zwei sinnähnlic^jp 
Redeweisen verschmolzen sind : 

wenn ei- seine vier geraden Glieder hat 
wenn er seine fünf Sinne beisammen hat. 

Oder aber idas Element gerade ist das Gemeinsame zweier Hede- 
intentionen gewesen, die gelautet haben: 

wenn er nuv seine geraden Glieder hat 
alle fünf gerade sein lassen. 
Es hindei-t uns auch nichts anzunehmen, daß beide Redeng. 
arten, die von den fünf Sinnen und die von den geraden fünf jj^-^, 
gewirkt haben, um in den Satz von den geraden Gliedern zunäcligt 
eine Zahl und dann die geheimsinnige fünf anstatt der simp^i^ 
vier einzuführen. Diese Verschmelzung wäre aber gewiß nicht 
erfolgt, wenn sie nicht iu der als Versprechen reeultiereuden 



^ 



Y. DAS VERSPRECHEN. «o 



:Porm einen eigenen guten Sinn hätte, den einer zynischen "Wahr- 
heit, wie sie von einer Erau allerdings nicht ohne Bemäntelung 
bekannt werden darf. — Endlich wollen wir nicht versäumen, 
aufmerksam zu machen, daß die Rede der Dame ihrem "Wortlaut 
nach ebonsowohl einen vortrefflichen Witz wie ein lustiges Ver- 
sprechen bedeuten kann. Es hängt nur davon ab, ob sie diese 
Worte mit bewußter Absicht oder — mit unbewußter Absicht 
gesprochen hat- Das ßenehmen der Eednerin in unserem Falle 
widerlegte allerdings die bewußte Absicht und schloß den Witz 



aus." 



Die Annäliening eines Versprechens an einen Witz kann so 
weit gehen wie in dem von O. Rank mitgeteilten Ealle, in dem 
die Urheberin des Versprechens es schließlich selbst als Witz be- 
lacht (Internat. Zeitachr. f. Psychoanalyse, T, 1913): 

e) „Ein jung verheirateter Ehemann, dem seine um ihr mäd- 
chenhaftes Aussehen besorgte Erau den häufigen Geschlechts- 
verkehr nur ungern gestattet, erzählt mir folgende, nachträglieh 
auch ihn und seine Frau höchst belustigende Geschichte : Nach 
einer Nacht, in welcher er das Abstinenzgebot .meiner Frau wieder 
einmal übertreten hat, rasiert er sieh morgens in ihrem gemein- 
samen Schlafzimmer und benützt dabei — wie schon öfter aus 
Bequemlichkeit — die auf dem Nachtkästchen liegende Puder- 
quaste seiner noch ruhenden Gattin- Die um ihren Teint 
äußerst besorgte Dame hatte ihm auch dies schon mehrmals 
verwiesen und ruft ihm darum geärgert zu: ,Du puderst mich 
ja schon wieder mit deiner Quaste I' Durch des Mannes Ge- 
lächter auf ihr Versprechen aufmerksam g-emacht (sie wollte 
sagen: du puderst dich schon wieder mit meiner Quaste), 
lacht sie schließlieh belustigt mit (.pudern' ist ein jedem Wiener 
geläufiger Ausdruck für koitieren, die Quaste als phallisches 
.Symbol kinm zweifelhaft)." 



6* 



Q . V. DAvS VEKSPRECHBN. 



T,) Ich reilie liier einen anderen Pall von Yerspreelien ^n, 
dessen Beutung wenig Kiinst erfordert. „Der Professor -fae- \ 
mülit «ieh in der Anatomie um die Erklärung der Nasenhöhle, 
eines bekanntlieli sehr schwierigen Ahschnittes der Eingeweide- 
lehre. Auf seine Frage, oh die Hörer seine Ausführungen er- 
faßt hatten: wird ein allgemeines ,Ja' vernehmlich. Darauf -be- 
merkt der bekannt selbstbewußte Professor : ,Ich glaube kaxim, 
denn die Leute, welche die Nasenhöhle verstehen, kann i^an 
selbst in einer Millionenstadt wie "Wien an einem Finder; 
pardon, an den Fingern einer Hand wollte ich sagen, abzählen.^' 
i) Derselbe Anatom ein andermal : „Beim weiblichen Geni- 
tale hat man trotz vieler Verauchungen — pardon, Ver- 
suche. .." 

y.) Hen-n Dr. Alf. Kobitsek in "Wien verdanke ich den 
Hinweis auf zwei von einem altfranzösischeu Autor bcinerhio 
Fälle von Versprechen, die ich unübersetzt wiedergeben werde. 

Brantöme (1527—1614) Vies desDames galantes, Discoui-s 
eecond : „Si ay-je cogneu une tres belle et hoaneste dame de p^r 
ie monde, qui, devisant avec un honneste gentühomme de la cour 
des affaires de la guerre durant ces civiles, eile luy dit: ^J'^y 
ouy dirc que le roy a f aiet rompre tous Ics e . . . de ce pay^ lä. 
EUe vouloit dire lea ponts- Pensez que, venant de eoucher 
d'avec son mary, ou songeant ä son amant, eile avoit encoi- ce 
nom frais en la beuche; et le gentühomme .s'en cschauffei^ ^ 
amours d^elle pour ce mot-'" 

„TJne autre dame que j'ai cogneue, entretenant une autr« 
grand dame plus qu'cUe, et luy louant et exaltant ses beautez, 
eile luy dit apres: .Neu, madame, ce que je vous en dis, ce ^^^^^^ 
point pour vous adulterer; voulant dire adulater, co^^g ^ 
eile le rhabilla ainsi: pensez qu'elle songeoit a adulterer.'- 



V. DAS VEKSl^RECHEX. g- 



Bei dem psyehothorapeutischeii Verfahren, dessen ich mich 
zur Auflösung und Beseitigung' neurotischer Symptome bediene, 
ist sehr häufig die Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vor- 
gebrachten Reden und Einfällen des Patienten einen Gedanken- 
inhalt aufzusjaüren, der zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber 
doeh nicht umhin kann, sich in mannigfaltigster "Weise unab- 
sichtlich zu verraten. Dabei leistet oft das Versprechen die 
wertvollsten Dienste, wie ich an den überzeugendsten und ander- 
seits sonderbarsten Beispielen dartun könnte- Die Patienten spre- 
chen z. B. von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das 
Vei-sprechen zu merken, ,, meine Mutter", oder bezeichnen ihren 
Mann als ihren „Bruder". Sie machen mich auf diese "Weise 
aufmerksam, daß sie diese Personen miteinander ,, identifiziert", 
in eine Eeihe gebracht haben, welche für iiir Grefühlsleben die 
"Wiederkehr desselben Typus bedeutet. Oder: ein junger Mann 
von 20 Jahren stellt sich mir in der Sprechstunde mit den "Worten 
vor: Ich bin der Vater des N. N., den sie behandelt haben. 
— Pardon, ich will sagen, der Bruder; er ist ja um vier Jahre 
älter als ich. Ich verstehe, daß er dxirch dieses Versprechen 
ausdrücken will, daß er wie der Bruder durch die Schuld des 
Vatci-s erkrankt sei, wie der Bruder Heilung verlange, daß aber 
der Vater derjenige ist, dem die Heilung am dringlichsten wäre. 
Andere Male reicht eine ungewöhnlich klingende Wortfügung, 
eine gezwungen erscheinende Ausdrucksweise hin, um den Anteil 
eines verdrängten Gedankens an der anders motivierten Rede des 
Patienten aufzudecken. 

In groljen wie in solelien feineren Rudestörungen, die sich 
eben noch dem „Verspi-echcn" subsumieren lassen, finde ich also 
nicht den Einfluß von Kontaktwirkungen der Laute, sondern den 
von Gedanken außerhalb der Redeintention maßgebend für die 
Entstehung des Versprechens und hinreichend zur Aufhellung des 



gg V. DAS VEE8PRECHEN. 



ZU Stande gekommenen Spreclifehlers. Die Gesetze, nach denen 
die Laute verändernd aufeinander einwirken, möchte Ich nicht au- 
zweifehi; sie scheinen mir aber nicht wü-ksam genug, um für ^ 
sich allein die korrekte Ausführung der Bede zu stören. In ^en 
Fällen, die ich genauer studiert und durchschaut habe, stellen, sie 
bloß den vorgebildeten Mechanismus dar, dessen sich ein fe^nei. 
gelegenes psychisches Motiv bequemerweise bedient, ohue sich 
aber an den Machtboreich dieser Beziehungen zu binden. j^ 
einer großen Seihe von Substitutionen wird beim 
Versprechen von solchen Lautgesetzen vÖlXi«r 
abgesehen- Ich befinde mich hiebe! in voller Übereinatira- 
mung mit "Wundt, der gleichfalls die Bedingungen des. Ver- 
sprechens als zusammengesetzte und weit über die Kontalct- 
wirkungen der Laute hinausgehende verrautet- 

"Wean ich diese ,, entfernteren psychischen Einflüsse" nach 
AVundts Ausdruck für gesichert halte, so weiß- ich anderseits 
von keiner Abhaltung, um auch zuzugeben, daß, bei beschleu- 
nigter Hede und einigermaßen abgelenkter Aufmerksamkeit din 
Bedingungen fürs Versprechen sieh leicht auf das von Moriii »■ 
und Mayer bestimmte Maß einschränken können. Bei eii-^ 
Teile der von diesen Autoren gesammelten Beispiele ist -op- >,i 
eine komjiliziertere Auflösung wahrscheinlicher. Ich greife et 
den vorhin angeführten Fall heraus: 

Es war mir auf der S c h w e s t . . . 

Brust so schwor. 

• Geht es hier wohl so einfach zu, daß das schwe das ffleich^^ 
wGTÜge Bru als Vorklang verdi-ängt? Es ist kaum abzuweis^Q^ 
daß die Laute schwe außerdem durch eiae besondere R-elation 
zu dieser Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann V 
keine andere sein als die Assoziation:. Schwester — ^^^^der, 



I 




V. DAS VERSPRECHEN. 



87 



etwa noch: Brust der Schwester, die zu anderen Gedanken- 
kreisen hinüberleitet. Dieser hinter der Szene unsichtbare Helfer 
verleiht dem sonst harmlosen s c h w e die Macht, deren Erfolg 
sich als Spi'eclifeliler äußert. 

Für anderes ^■ersprechen läßt sich annehmen, daß der An- 
klang an obszöne Worte und Bedeutungen das eig-entlich Stö- 
rende ist. Die absichtliche Entstellung und Verzerrang der 
Worte und Ecdensarten, die bei unartigen Menschen so beliebt 
ist, bezweckt nichts anderes, als beim liarmlosen Anlaß an das 
Vorpönte zu mahnen, und diese Spielerei ist so häufig, daß es 
nicht Avunderbar wäre, wenn sie sich auch imahsichtlicli und wider _ 
AVillen durchsetzen sollte. Beispiele wie: Eiseheiß weibchen 
für Ei weißschei bellen, Apopos Fritz für Apropos, 
Lokus kapital für Lotus kapital usw., vielleicht noch 
die Alabüsterbachse (Alabasterbüchse) der hl. Magdalena gehören 
wohl in diese Kategorie *. — „Ich fordere Sie auf, auf das AVohl 
unseres Chefs auf zustoßen,*' ist kaum etwas anderes als eine 
unahsichtliche Parodie als Nachklang einer beabsichtigten. AVcnn 
ich der Chef wäre, zu dessen Feierlichkeit der Festredner diesen 
Lapsus beigetragen hätte, würde ich wohl daran denken, wie 
klug die Römer gehandelt haben, als sie den Soldaten des trium- 
phierenden Imperators gestatteten, den inneren Einspruch gegen 
den Gefeierten in Spottüedern laut zu äußern. — Meringer 
erzählt von sich selbst, daß er zu einer Person, die als die älteste 
der Gesellschaft mit dem vertrauliehen Ehrennamen „Sencxl" 
oder , .altes Scnexl" angesprochen wurde, eimnal gesagt habe: 
„Prost, Senex altesl!" Er erschrak selbst über diesen Fehler . 
(S. 50'). Wir können uns vielleicht seinen Affekt deuten, wenn 



* üei einer meiner Pal:.!i.Mitiunen setzte sich das Versprecheil als Sym- 
ptom so lang© fort., bis es auf den Kinderstceich, da« Wort rulaiereu 
durch urinieren su ersetzen, zurückgeführt war. 



88 



V. DAS VEKSPKECHEN. 



wir daran mahnen, wie naho „Altesl" an den Schimpf „alter 
Esel" kommt. Auf die Verletzung der Ehrfurcht vor dem 
Alter (d.i., auf die Kindheit reduziert: vor dem Vater) sind 
große innere Strafen gesetzt. 

Ich hoffe, die Leser worden den "W^ortunterschicd dieser 
Deutungen, die sich durch nichts heweisen lassen, und der Bei- 
spiele, die ich selbst gesammelt und durch Analysen erläute^-t 
habe, nicht vernachlässigen- "Wenn ich aber im stillen imiuer 
noch an der Erwartung festhalte, auch die scheinbar ciiifac>i^jj 
Fälle von Versprechen würden sich auf Störung durch eine halb 
unterdrückte Idee außerhalb des intendierten Zusammen, 
banges zurückführen lassen, so verlockt mich dazu eine sehr 
beachtenswerte Bemerkung von M e r i n g e r. Dieser Autor sa^^ 
es ist merkwürdig, daß niemand sich versprochen haben wiXj 
Es gibt sehr gescheite und ehrliche Menschen, welche beleidigt 
sind, wenn man ihnen sagt, sie hätten sich versprochen. Xcli 
getraue mich nicht, diese Behauptung so allgemein zu nchm^ii 
wie sie durch das , .niemand" von Meringer hingestellt "wifd 
Die Spur Affekt aber, die am Nachweis des Versprechens häuo-t 
und offeaibar von der Katur des Schämens ist, hat ihre Bed** 
tung. Sie ist gleichzusetzen dem Arger, wenn wir einen vero- 
scnen Kamen nicht erinnern, und der ^'^erwmidenmg über d " 
Haltbai'keit einer scheinbar belanglosen Erinnerung und Tvei + 
allemal auf die ^Beteiligung eines Motivs am Zustandekomin^ 
der Störung hin- 

Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähuti» 
wenn es absichtliclL geschieht, und dürfte in einer ganzen Reij^^g 
von Fällen, wo es als unabsichtliches Versprechen auftritt, die- 
selbe Bedeutung haben. Jene Person, die nach Mayers Beri^jj^ 
einmal „Freu der" sagte anstatt Freud, weil sie kurz dar^tif 
den Namen „Breuer" vorbrachte (S. 38), ein andermal von cin^j. 




V. DAS VEKÖPÜECHEN. gn 



Freuer-Breudschen Methode (S. 28) sprach, war wohl ein 
i''achgenosse und von dieser Methode nicht sonderlich entzückt. 
Einen gewiß nicht anders aufzuklärenden Fall von Namenentstel- 
lung werde ich weiter unten heim Verschreiben mitteilen*. 

In diesen Fällen mengt sich als störendes Moment eine Kritik 
ein, welche beiseit-e gelassen werden soll, weil sie gerade in dem 
Zeitpunkte der Intention des Redners nicht entapiiclit. 

Timgekehrt muß die Namenersclzung, die Aneignung des 
fremden Namens, die Identifizierung mittels des Namenverspre- 
chens, eine iinerkennung bedeuten, die im Augenblick aus ii'gend 
welchen Gründen im Hintergrunde verbleiben soll. Ein Erlebnis 
dieser Art erzählt S. Ferenczi aus seinen Schuljahren: 



* Man kann auch bemerken, daß gerade Aristokraten besonders hä-ufig 
die NameJi von Ärzten, die sie konsultiert haben, entstellen, und darf 
daraus schließen, daß sie dieselben innerlich gering schätzen, trotz der 
Höfliclilceit, mit welclier sie ihnen zu begegnen, pflegen. — Ich zitiere 
Mer einige treffende Bemerkungen über das Namenvexgeasen aus der eng- 
lischen Bearbeitung unseres Themas durch Prof. E. Jones in Toronto 
(The Psychopathology of Everyday Life in American J, of Psyeb'ology Oct. 
1911): 

„Wenige Leute können sich einer Anwandlung von Arger orweliren, 
wenn sie finden, daß mau ihren Namen vergessen hat, besonders daoin, 
wenn sie von der betreffenden Person geliofft oder erwartet hatten, sie 
würde den Namen behalten haben. Sie sagen sich sofort ohne Überlegung, 
daß die Person den Namen nicht vergessen hätte, wenn mau einen stär- 
keren Eindruck bei ihr hinterlassen hätte; denn der Name ist ein wesent- 
licher Bestandteil der Persönlichkeit. Anderseits gibt es wenig Dinge, die 
schmeichelhafter empfunden worden, als wenn man von einer hohen Per- 
sönlichkeit, wo man es nicht erwartet hätte, mit seinem Namen angeredet 
wird. Napoleon, ein Meister in der Kunst, Menschen zn behandeln, gab 
während des unglücklichen Peldzuges von 1814 eine erstaunliche Probe 
seines Gedächtnisses nach dieser Richtung. Als er sich in einer Stadt 
bei Graonne befantl, erinnerte er sich, daJ3 er deren Bürgeraie ister De 



QQ V. DAS YlüttSrHE CHEN. 



,ln der ersten Gymnasialkla«.c habe ich (zum erstei>n,al 
iiL meinem Leben) öffentlich (d- h, vor der ganzen Klasse) ein 
Gedicht rezitieren müssen. leh war gut N-orb.reitet und war be- 
stürzt, gleich beim Beginne durch eine Lachsalve gestört zu 
werden. Der Professor erklärte mir dann diesen sonderbaren 
Empfang: ich sagte nämlich den Titel des Gedichtes ,Aus der 
l-'ernG' ganz richtig, nannte aber als Autor nicht den wirklichen 
Dichter, sondern - mich selber. Der Name des IJiclitcrs ist 
Alexander (Sander) Petöfi. Die Gleichheit des Vornamens 
mit meinem eigenen begünstigte die Verwechslung; die eigent- 
liche Ursache derselben aber wax sicherlich die, daß ich mich 
damals in meinen geheimen AVünschen mit dem gefeierten Dichter- 
Bus ay etwa awa,uziij Oalirc vorher in einem bestimmten Rcgimont kenj^ 
gelernt hatte; die Folge war, daß der entzückte De Bussy aich soine 
Dienst mit schrankenloser Hingebung widmete. Dementsprecliend gibt . 
auch kein verläßlicherea Mittel, eineu Menschen zu beleidigen, als imje 
man ao tut, ala habe ma-n seinen Namen vergessen; man drückt da-uiit, 
aus, die Person sei einem so gleichgültig, daß man sich nicht die Mühe 
zu nehmen brauche, sich ihren Namen zu merken. Dieser Kunstgi-iff spi^n 
auch in der Literatar eine gewis^o Rolle. So heißt es in Turgcnje-ws 
.Rauch' einmal: ,Sie finden Baden noch immer amüsant, Herr — l^it- 
vinov*?' Katmirov pHegte LiLvinovs Samen immer Kögernd auszusprechen 
als ob er sich erst auf ihn besinnen müßte. Dadurch, wie durch die hoch- 
mütige Art, wie er -seinen Hut beim Gi'uß lüftete, wollte er Litviaov j^^" 
seinem Stolze kränken." An einer anderen Stelle in „Väter und Söhne** 
schreibt der Dichter: „Der Gouverneur lud Kirsanov und Bazai'ov ^^^ 
Balle ein und wiederholte diese ]i]inladung einige Minuten später, Wobei 
er sie als Brüder zu betrachten schien und Kisarov ansprach." Hier ^iv 
gibt da^ Vergessen der früheren Einladung, die Irrung in den Namen ^^^ 
die Unfähigkeit, die beiden jungen Männer auseinander zu halten, gerad^„ 
eine Häufung von kränkenden Momenten. Namenentstellung hat dieselbe 
Bedeutung wie NB,menverges8en, 98 ist ein erster Schritt gegen Aaa Ver- 
gefisen hin. 



tu 
es 
m 



V. DAS VERSPRECHEN. q. 



helden identifiziert-e- Ich liogte für ihn auch bewußt eine an 
Anbetung grenzende Liebe und Hochachtung. Natürlich stockt 
auch der ganz© leidige Ambitions komplex hinter dieser :FehI- 
leistung." 

Eine ähnliche Identifizierung mittels des vertauschten Na- 
mens wurde mir von einem jungen Arzt berichtet, der sieh zag- 
liaft und verehrungsvoll dem berühmten Virchow mit den 
AVorten vorstellte : Dr. V i r c li o \y. Der Professor wendete sicli 
erstaunt zu ihm und fragte: Ah, heißen Sic auch Virchow? 
Ich weiU nicht, wie der junge Ehrgeizige das Versprechen recht- 
fertigte, ob er die anmuteni^e Ausrede fand, er sei sich so klein 
neben dem großen Namen vorgekommen, daß ilim sein eigener 
entschwinden mußte, oder ob er den Mut hatte zu gestehen, er 
hoffe auch noch einmal ein so großer Mami wie Virchow zu 
werden, der Herr Geheimrat möge ihn darum nicht so gering- 
schätzig behandeln. , Einer dieser beiden Gedanken — - oder viel- 
leicht gleichzeitig beide — mag den jungen Mann bei seiner 
Voretellung in Verwirrung gebracht haben. 

Aus höchst persönlichen Jfotiveu muß. ich es in der Schwebe 
lassen, ob eine ähnliche Deutung auch auf den nun anzuführenden 
Fall anwendbar ist. Auf dem internationalen Konß-reß in Am- 
sterdam 1907 war die von mir vertretene Hystcrielehre Gegen 
stand einer lebhaften Diskussion. Einer meiner energischesten 
Gegner soll sich in seiner Brandi-ede gegen mich wiederholt in 
der Weise versprochen haben, daß- er sich an meine Stelle setzte 
und in meinem Namen sprach. Er sagte z. B.: Breuer und 
i c h haben bekanntlich nachgewiesen, während er nur zu sagen 
beabsichtigen konnte: Breuer und Ereud- Der Name dieses 
Gegners zeigt nicht die leiseste Klangähnliehkeit mit dem mei- 
nigen- Wir werden durch dieses Beispiel wie durch viele andere 
Fälle von Namenvertauschung beim Versprechen daran gemahnt, 



ng V. DAS VERSPEECHEN. 



daß das Versprechea jener IlrlGichtenm-, die ihm der Gleich- 
Itlang gewährt, völlig entbehren und sich nur auf verdeckte |, 
iulmltliclie Beziehungen gestützt durchsetzen kann. 

In anderen und weit bedeutsameren Fällen ist es Selbstkritik, 
innerer AViderspruch gegen die eigene Äußerung, was zum Ver- 
sprechen, ja zum Ersatz des Intendierten durch seinen Gegensatz 
nötigt. Man merkt dann mit Erstaunen, wie der AVortlaut eiuer 
Beteuei-ung die Absicht derselben aufhebt, und wie der Sprech- 
fehler die innere Unaufriehtigkeit bloßgelegt hat*. Das Ver- 
sprechen, wird hier ku einem mimischen Ausdrueksmittel, freilidi 
oftmals für den Ausdruck dessen, was man nicht sagen wollt^e, 
zu einem Mittel des Selbstverrates. So z.B. wenn ein Mann, der 
in seinen Beziehungen zum "Weihe den sogenannten normalen 
^''erkehr nicht bevorzugt, in ein Gespräch über ein für kokett 
erklärtes Mädchen mit den Worten einfällt: Im Umgang j^j^ 
mir würde sie sich das Kocttieren schon abgewöhnen. Kein 
Zweifel, daß es nur das andere "Wort koitieren sein kaun, 
dessen Einwirkung auf das intendierte kokettieren solclie 
Abänderung zuzuschreiben ist. 

Die zufällige Gunst des Spraehmaterials läßt oft Beispiele 
von Versprechen entstehen, denen die geradezu niederschmLot. 
ternde Wirkung einer Enthüllung oder der volle komische Ef f okt 
eines Witzes zukommt. 

So in nachstehendem von Dr. lieitler bgobachteten und 
mitgeteilten Falle: 

„.Diesen neuen, reizenden Hut haben Sie wolil sich selbst 
auf gepatzt?' sagte eine Dame in bewunderndem Tone zu eijier 
anderen-" 

* Durch solches Versprechen brandmarkt z. B. Anzengruber j^ \^ 
G'wissensi™rm" den heuchlerisciieu Erbschleicher. 



V. DAS VERSPRECHEN. go 



„Die Fortsetzung des beabsichtigten Lobes mußte nun- 
mehr unterbleiben ; iJena die im stillen geübte Kritik, der Hut- 
aufputz sei eine .Patzerei', iiatte sich denn doch viel zu deut- 
lich in dem unliebsamen Verspreclien geäußert, als daß irgend 
welche Phrasen konventioneller Bewunderung noch glaubwürdig 
erscliienen wären." 

Oder in folgendem von Dr. Max Graf erlebten Beispiel: 

„In der Geiieralversammiung des Joui'nalistenvereines ,Con- 
cordia' hält ein junges, stets geldbedürftiges Mitglied eine hef- 
tige Oppositionsrede und sagt in seiner Erregung: ,Die Herren 
V r s e h u ß mitglieder' (anstatt Vorstands- oder Ausschuß- 
mitglieder). Dieselben liaben das Kecht, Darlehen zu bewilligen, 
und auch der junge Redner hat ein Darlehensgesuch einge- 
bracht." 

Das nachstellende Beispiel zeigt einen ernsthaften Fall von 
Selbstverrat durch Versprechen. Einige ÜSTebenumsiände berech- 
tigen seine vollständige AViedergabe aus der Mitteilung von A. A. 
Brill im Zentralblatt für Psychoanalyse, IT. Jahrg., 1* 

„Eines Abends gingi-n Dr. Frink und ich spazieren und be- 
sprachen einige Angelegenheiten der New Yorker Psychoanaly- 
tischen Cresellschaft. Wir l^egegneten einem Kollegen, Herrn 
Dr. E., den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, und von dessen 
Privatleben ich nichts wußte. — "Wir freuten uns sehr, uns 
wieder zu treffen, und gingen auf meine Aufforderung in ein 
Kaffeehaus, wo wir uns zwei Stunden lang augeregt unterhielten. 
Er schien von mir Näheres zu wissen, denn nach der gewöhn- 
lichen Begrüßung erkundigte er sich nach meinem kleinen Kinde 
und erklärte mir, daß er von Zeit zu Zeit über mich von einem 
gemeinsamen Freunde hürc und sich für meine Tätigkeit intcr- 

* Im Zentralbl. i'Qr Psyuli. in-Lümliclienveis« E. Joii^s ziigesclirieljeü. 



94 



V. DAS VERSPHECHEN. 



cssiere, nachdem er darüber in den medizinischen Zeitschrift«n 
gelesen hatte. — Auf meine Frage, ob er verheiratet sei, gab er 
eine verneinende Auskunft und fügte hinzu: ,Wozu soll ein 
Mensch wie ich heiraten?'" 

„Beim Verlassen des Kaffeehauses wandte er sich plötzlich 
an mich: ,Ich möchte wissen, was Sie in folgendem Falle tun 
würden: Ich kenne eine Krankenpflegerin, die als Mitschuldige 
in einen Eheseheidungsprozeß verwickelt war. Die Ehefrau 
klagte ihren Mann auf Scheidung und bezeichnete die Pflegerin 
als Mitschuldige und er bekam die Scheidung*.' — Ich unter- 
brach ihn: ,Sie wollen sagen, sie bekam die Scheidung.' — Er 
verbesserte sofort: jNatürlich, sie bekam die Scheidung,' Und 
erzählte weiter, daß die Pflegerin sich derart über den Prozeß 
und Skandal aufgeregt habe, daß sie zu trinken begann, schwer 
nervös wurde usw., und fragte mich uni meinen Hat, wie er sie 
hf^haiidcla soUcr" 

„Sobald ich den Fehler korrigiert hatte, hat ich ihn, ihn. z\x 
erklären, aber ich bekam die gewöhnlichen erstaunten Antworten : 
ob es nicht eines jeden Menschen gutes ßecht sei, sich zu ver- 
sprechen, daß das nur ein Zufall sei, nichts dahinter zu suchen 
sei usw. Ich erwiderte, daß. jedes Fehlsprechen begründet sein 
müsse, und daß ich versucht wäre zu glauben, daß er selbst der 
Held der Geschichte sei, wenn er mir nicht früher mitgeteilt 
hätte, daß er unvermählt sei, denn dann wäre das Versprechen 
durch den "Wuasch erklärt, seine Frau und nicht er hätte den 
Prozeß verlieren sollen, damit er nicht (nach unserem Eherecht) 
Alimente zu zahlen brauche und in der Stadt New York wieder 
heiraten könne. Er lehnte meine Vermutung hartnäckig ab, "be- 

* „Nach unseren Gesetzen wird die Ehescheidung nur ausgesprochen, 
wcnu bewiesen wird, daß der eine Teil die Ehe gebrochen hat, und zwj^j, 
wird die Scheidung' nur dem betrogenen Teile bewilligt.'" 



\ 



V. DAS VEBSPBECHEN. 95 



stärkte sie al>er gleiclizcitig durch, eine übertriebene Affekt- 
reaktion, deutliche Zeichen von Erregung und danach Gelächter. 
Auf meinen. Appell, die Wahrheit im Interesse der Wissenschaft- 
liclien Klarstellung zu sagen, bekam ich die Antwort: ."Wenn 
Sie nicht eine Lüge hören wollen, müssen Sie an mein Jung- 
gesellentum glauben, imd daher ist Ihre psychoanalytische Er- 
klärung durchaus falsch-' — Er fügte noch hinzu, daß solch ein 
Mensch, der jede Kleinigkeit Ijeaehte, direkt gefährlich sei. Plötz- 
licli fiel ihm ein anderes Rendezvous ein, und er verabschiedete 
sich." 

„AVir beide, Dr. Frink und ich; waren dennoch von meiner 
-Vuflösung seines Versprecliens übRrzeugt, und ich beschloß, durch 
Erkundigung den Beweis oder Gegenbeweis zu erhalten- — Einige 
Tage später besuchte ich einen Nachbar, einen alten Freund des 
J)r. R., der mir vollinhaltlich meine Erklärung bestätigen konnte. 
Der Pro2eß hatte vor wenigen Wochen stattgefunden und die 
Tflegerin war als Mitschuldige vorgeladen worden- — Dr. R- ist 
jetzt von der Richtigkeit der Freu decken Mechanismen fest 
überzeugt." 

Der Selbstverrat ist ebenso unzweifelhaft in folgendem von 
0. Bank mitgeteilten Falle; 

„Ein Vater, der keinerlei patriotisches Gefühl besitzt und 
seine Kinder auch von diesem ihm überflüssig erscheinenden 
Empfinden frei erziehen will, tadelt seine Söhne wegen ihrer 
Teilnahme an einer patriotischen Kundgebung und weist ihre 
Berufung auf das gleiche Verhalten des Onkels mit den Worten 
zurück : ,Gerade dem sollt ihr nicht nacheifern ; der ist ja ein 
Idiot.' Das über diesen ungewohnten Ton des Vaters erstaunte 
Geeicht der Kinder macht ihn aufmerksam, daß er sich ver- 
sprochen habe, und entschuldigend bemerkt er : Ich wollte natür- 
lich sagen ■' Patriot." 



9Ü 



V. DAS VERSPRECHE^'. 



Als Selbstverrat wird auch von. der Partnerin des Gesprächs 
ein Vei-sprccKen gedeutet, das J. Stärcke (1. c) berichtet, und 
zu dem er eine treffende, wenn auch die Aufgabe der Deutung 
überschreitende Bemerkung hinzufügt- ■ 

„Eine Zahnärztin hatte mit ihrer Scliwestcr verabredet, daß 
sie bei ilir einmal nachsehen würde, ob sie zwischen zwei Backen- 
zähnen wohl Kontakt hätte (d.h. ob die l^ackenzähne mit ihren 
Seitenflächen einander berühren^ so daß keine Nahrungsreste da- 
zwischen bleiben können). Ihre Schwester beklagte sich jetzt 
darüber, daß sie auf diese Untersuchung so lange warten mußte, 
und sagte im Seherze: , Jetzt behandelt sie wohl eine Kollegin, 
aber ihre Schwester muß noch immer warten.' — 13ie Zalin- 
ärztin untersucht sie jetzt, findet wirklich ein kleines Loch iu 
dem einen Backenzahn, und sagt: ,Tch dacht« nicht, daß es go 
schlimm war; ich dachte, daß du nur kein Kontant hät- 
test kein Kontakt hättest.' — .Siehst du wohl,' j-i^ 

ihre Schwester lachend, ,daß es nur wegen deiner Habsuclit ist. 
daß du mich soviel länger warten läßt als deine zahlenden pg 
tienten?!'" — 

„(Ich darf sei Iwit verständlich meine eigenen Einfälle uichi 
den ihrigen hinzufügen oder daraus Schlüsse ziehen, aber heim 
- Vernehmen dieser Versprechung ging mein Gedankengang sofort 
dahin, daß diese zwei lieben und geistreichen jungen E'rauen 
unverheiratet sind und auch sehr wenig mit jungen Mänueru 
uükgehen, und icli fragte mich selbst, ob sie mehr Kontakt uüt 
jungen Leuten haben würden, wenn sie mehr Kontiuit hätten.)" 

Den AVert eines Solbstverrates hat auch nachstehendes, von 
Th. Reik (1. e-) mitgeteiltes Versprechen: 

„Ein junges Mädchen sollte einem ilir unsympathischen 
jungen Manne verlobt werden. Um die beiden jungen Leute eJu- "\ 
ander näherzubringen, verabredeten deren EI Lern eine Zusamraon- 



V. DAS VERSPRECHEN. 97 

kunft, der auch Braut und Bräutigam in spe beiwohnten. Das 
junge Mädchen besaß Selbstüberwindung genug, ihren Freier, 
der eich sehr galant gegen sie benahm, ilire Abneigung nicht 
merken zu lassen. Doch auf die Frage ihrer Mutter, wie ihr der 
junge Mann gefiele, antwortete sie höflich: ,Gut. Er ist sehr 
liebenswidrig!'" 

Nicht mindei- aber ein anderes, das 0. Rank (Internat. 
Zeitfichr. f. Psychoanalyse) als „witziges Versprechen" beschreibt. 
„Einer verheirateten Frau, die gern Anekdoten hört und von 
der man behauptet, daß sie auch außerehelichen Werbungen 
nicht abhold sei, wenn sie durch entsprechende Geschenke unter- 
stützt werden, erzählt ein junger Mann, der sich auch um ihre 
Gunst bewirbt, nicht ohne Absicht folgende altbekannte Ge- 
schichte. Von zwei Geschäftsfreunden bemüht sich der eine um 
die Gunst der etwas spröden Frau seines Kompagnons; schließ- 
lich will sie ihm diese gegen ein Geschenlc von 1000 Gulden gc- 
währea. Als nun ihr Mann verreisen will, borgt sich sein Kom- 
pagnon von ihm 1000 Gulden aus und verspricht, sie noch am 
nächsten Tage seiner Frau zurückzustellen. Natürlich gibt er 
dann diesen Betrag als vermeintlichen Liebeslohn der Frau, die 
sich schließlich noch entdeckt glaubt, als ihr zurückgekelirter 
Älann die 1000 Gulden verlangt, und zum Schaden noch den 
Schimpf hat. — Als der junge Mann in der Erzählung dieser 
Geschichte bei der Stelle angelangt war, wo der Verfülirer zum 
Kompagnon sagt: ,Ich werde das Geld morge^n deiner Frau 
zurückgeben', unterbrach ihn seine Zuhörerin mit den viel- 
sagenden Worten: ,Sagen Sie, haben Sie mir das nicht schon -- 
zurückgegeben? Ah, pardon, ich wollte sagen — erzählt?' 
— Sie könnte ihre Bereitwilligkeit, sich unter denselben Bedin- 
gungen hinzugeben, kaum deutlicher knindgeben, ohne sie direkt 
auszusprechen." 

frend, Psycliopatholojlo da» AlltHB«l«l>o[is. VI. Anfl, 7 



B' . 



98 V. DAS VEHSPEECHEN, 

Einen scliönen Fall von soleliein Selbstverrat mit harmlosem 
Ausgang bsrichtet V. Tausk (Internat. Zeitsclir. f. Psycho- 
analyse, IV, 1916) imter nachstehendem Titel: 

„Der Glauben der Väter." 

„Da meine Braut Christin war", erzählte Herr A., „-umJ 
nicht zum Judentum übertreten wollte, mußte ich selbst vom 
Judentum ztun Christentum übertreten, um heiraten zu können- 
Ich wechselte die Konfession nicht ohne inneren A^'^iderstand 
aber das Ziel schien mir den Konfessionswechsel zu rechtfertigen, 
und dies um so eher, als ich nur eine äußere Zugehörigkeit z^ua 
Judentum, keine religiöse Überzeugung, da ich eine solche nicht 
besai3, abzulegen hatte. Ich habe mich trotzdem später immer 
zum Judentum bekannt, und wenige meiner Bekannten wissen 
daß ich getauft bin. 

Aus dieser Ehe entstammten zwei Söhne, die christlich ge- 
tauft wurden. Als die Knaben entsprechend herangewachsen 
waren, erfuhren sie von ihrer jüdischen Abstammung, damit sie 
«ich nicht, durch antisemitische Einflüsse der Schule bestimmt 
aus diesem überflüssigen Grunde gegen den Vater kehrten. 

Vor einigen Jahi-en wohnte ich mit den Kindern, die damals 
die Volksschule besuchten, zur Sommerfrische in D. bei ein 
Lehrerfamilie. Als wii- eines Tages mit unseren, übrigens freund- 
lichen, Wirtsleuten bei der Jause saßen, machte die Erau ^^ 
Hauses, da sie von der judischen Herkunft ihrer Sommerpartei 
nichts ahnte, einige recht scharfe Ausfälle gegen die Juden. Xch 
hätte nun tapfer die Situation deklarieren sollen, um meinen 
Söhnen das Beispiel vom ,Mut der Überzeugung' zu geben, fürch- 
tete aber die uuerquickliclien Auseinandersetzungen, die einem 
solchen Bekenntnis zu folgen pflegen. Außerdem bangte jj^^. \ 
davor, die gute Unterkunft, die wir gefunden hatten, eventuell 



V. DAS VERSPRECHEN. gg 



verlassen zu müssen und mir und meinen Kindern so die ohnehin 
kurz bemessene Erholungszeit zu verderben, falls unsere "Wirts- 
leute ihr Benehmen gegen uns, weil wir Juden waren, in un- 
freundlicher "Weise verändern sollten- 

Da ich jedoch erwarten; durfte, daß meine Knaben in frei- 
mütiger AVeise und unbefangen die folgenschwere "Wahrheit ver- 
raten würden, wenn eie noch länger dem Gespräche beiwohnten, 
wollte ich sie aus der Gesellschaft entfernen, indem ich sie in 
den Garten schickt«- 

,Gefat in den Garten, Juden — * sagte ich und korrigierte 
ßchnell: ,Jungen'. Womit ich also durch eine Fehlleistung 
meinem ,Mut der Überzeugung' zum Ausdruck verhalf. Die 
anderen hatten zwar aus diesem "Versprechen keine Konsequenzen 
gezogen, weil sie ihm keine Bedeutung zumaßen, ich aber mußte 
die Lehre ziehen, daß der .Glauben der Väter' sich nicht unge- 
straft verleugnen läßt, wenn man ein Sohn ist und Söhne hat." 

Erheiternd wirkt das Versprechen, wenn es als Mittel be- 
nutzt wird, um während eines "Widerspruches zu bestätigen, was 
dem Arzte in der psychoanalytischen Arbeit sehr willkommen 
sein mag. Bei einem meiner Patienten hatte ich einst einen 
Traum zu deutea, in welchem der Name Jauner vorkam. Der 
Träumer kannte eine Person dieses Namens, es ließ sich aber 
nicht finden, weshalb diese Person in den Zusammenhang des 
Tranmee aufgenommen war, und darum wagte ich die Vermu- 
tung, es könne bloß wegen des Namens, der an den Schimpf 
Gauner anklinge, geschehen sein. Der Patient widersprach 
rasch und energisch, versprach sich aber dabei und bestätigte 
meine Vermutung, indem er sich der Ersetzung ein zweitesmal 
bediente. Seine Antwort lautete: Das erscheint mii- doch zu 
j e wagt. Als ich ihn auf das Versprechen aufmerksam machte, 
gab er meü^ Deutung nach- _,.,-:■•" 

7* 



lUO 



V. DAS VEKSPRECHEN. 



Wenn im emstliaiten AVortstreit ein solches Versprechen, 
welches die ßedeabsicht in ihr Gegenteil verkehrt, sich dem einen 
der beiden Streiter ereignet, so setzt es ihn sofort in Nachteil 
gegen den anderen, der es selten versäumt, sich seiner verbes- 
serton Position zu bedienen- 

Es wird dabei klar, daß die Menschen ganz allgemein dem 

Versprechen wie ajidercn Fehlleistungen dieselbe Deutung geben, 

wie ich sie in diesem Buche vertrete, auch wenn sie sich in der 

Theorie nicht für diese Auffassung einsetzen, und wenn sie für 

ihre eigene Pereon nicht geneigt sind, auf die mit der Duldung 

der Fehlleistungen verbundene Bequemlichkeit zu verzichten. 

Die Heiterkeit und der Hohn, die solches Fehlgehen der Rede im 

entscheidenden Moment mit Gewißheit hervorrufen, zeugen gegen 

die angeblich allgemein zugelassene Konvention, ein Versprechen 

sei ein; Lapsus linguae und psychologisch bedeutungslos. Es war 

kein geringerer als der deutsche Reichskanzler Fürst B ü 1 o w, 

der durch solchen Einspruch die Situation zn i-etten versuchte, 

als ihm der "Wortlaut seiner Verteidigungsrede für seinen Kaiser 

(Nov. 1907) durch ein Versprechen ins Gegenteil umsehlug. 

„Was nun die Gegenwart, die neue Zeit Kaiser "Wilhelms II., 
angeht, so kann ich nur wiederholen, was ich vor einem Jahre ge- 
sagt habe, daß es unbillig und ungerecht wäre, Von 
einem Hing verantwortlicher Ratgeber um un- 
seren Kaiser zu sprechen — (Lebhafte Zurufe: Un- 
verantwortlicher), unverantwortlicher Ratgeber zu spre. 
chen. Verzeihen Sie den Lapsus linguae.*' (Heiterkeit.) 

Indes, der Satz des Fürsten B ü 1 o w war durch die Häufung 
der Negationen einigermaßen undurchsichtig ausgefallen; (Ji^ 
Sympathie für den Redner und die Rücksicht auf seine schwie- 
rige Stellung wirkten dahin, daß dies Verspreclien nicht weiter 
gegen üin ausgenützi, wurde. Schlimmer erging es ein Jahr 



\. 



V. DAS VEHSPEECHEN. 



101 



Später an demselben Orte einem anderen, der zu einer rückhalt- 
losen Kundgetiang an den Kaiser auffordern wollte und dabei 
durch ein böses Versprechen an andere in seiner loyalen Brust 
■wohnende Gefühle gemahnt wurde : 

„Lattmann (Dtsch.-nat.): Wir stellen uns bei der Frage 
der Adresse a,uf den Boden der Geschäftsordnung des 
Reichstags. Danach hat der Reichstag das Recht, eine solcbo 
Adresse an den Kaiser einzureichen. Wir glauben, daß- der ein- 
heitliche Gedanke und der Wunsch des deutsclieii Volkes dahin 
geht, eine einheitliche Kundgebung auch in dieser An- 
gelegenheit zu erreichen, und wenn wii- das in einer Form tun 
können, die den monarchischen Gefühlen durchaus Rechnung 
trägt, so sollen wir das auch rückgratlos tun- (Stürmisehe 
Heiterkeit, die minutenlang anhält.) Meine Herren, es hieß nicht 
rückgratlos, sondern rückhaltlos (Heiterkeit), und solche 
rückhaltlose Äußemng des Volkes, das wollen wir hoffen, nimmt 
auch unser Kaiser in dieser schweren Zeit entgegen." 

Der „Vorwärts" vom 12. November 1908 versäumte es 
nicht, die psychologische Bedeutung dieses Versprechens aufzu- 
zeigen : 

„Rückgratlos vor dem Kaiserthron." 
„Nie ist wohl je in einem Parlament von einem Abgeord- 
neten in unfreiwilliger Selbstbezichtigung seine und der Parla- 
mentsmelu-heit Haltung gegenüber dem Monarchen so treffend 
gekennzeicluiet worden, wie das dem Antisemiten Lattmann 
gelang, als er am zweiten Tage der Interpellation mit feierlichem 
Pathos in das Bekenntnis entgleiste, er und seine Freunde wollten 
dem Kaiser rüekgratlos ihre Meinung sagen. 

Stürmische Heiterkeit auf allen Seiten erstickte die wei- 
teren Worte des Unglückliclien, der es noch für notwendig hielt, 



102 



Y. UAS VEKSrKEOHEN. 



ausdrücklich eatschuldigend zu stammeln, er meine eigentlich 
.rückhaltlos*." 

Ein schönes Beispiel von Versprechen, welches nicht' so sehr 

den Vei-rat des Redners als die Orientierung des außer der Szene 

stehenden Hörers bezweckt, findet sich im Wallenstein (Picco- 

lomini, I. Aufzug, 5. Auftritt) und zeigt uns, daß der Üichtex, 

der sich hier dieses Mittels bedient, Mechanismus und Sinn des 

Versprechens wohl gekannt hat. Max Piccolomini hat in der 

vorhergehenden Szene aufs leidenschaftlichste für den Herzog 

Partei genommen und dabei von den Segnungen des Friedens 

geschwärmt, die sich ihm auf seiner Reise enthüllt, während er 

die Tochter Wallensteins ins Lager begleitete- Er laut seinen 

Vater und den Abgesandten des Hofes, Questenberg, in voller 

Bestürzung zurück. Und nun geht der fünfte Auftritt weiter ; 

Queetenberg: weh uns! Steht es so? 

Freund, und wir lassen ihn in diesem "Wahn 
Dahingehen, rufen ihn nicht gleich 
Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle 
Ihm öffnen? 

Octavio (aus einem tiefen Nachdenken zu sich kommend) 

Mir hat er sie jetzt geöffnet, 
Und mehr erblick* ich, als mich freut. 

Queötenberg: "Was ist Freund? 

Oetavio: Fluch über die«e Reise! 

Questenberg: AVieso? Was ist es? 

Octavio: Kommen Sie! Ich muß 

Sogleich die unglückselige Spur verfolgen, 
Mit meinen Augen sehen — kommen Sie — 

(will ihn fortführen). 

Questenberg; Was denn? Wohin? 



V. DAS VERSPRECHEX. 503 



Octavio (pressiert) : Zu üir 1 

Questenberg: Zu — 

Octavio (korrigiert sich): Zum Herzog! Gehen wir! usw. 

Dies kleine Versprechen: Zu ihr anstatt: Zu ihm soll uns 
verraten, daß der Vater das Motiv der Parteinahme seines Sohnes 
durchschaut hat, während der Höfling klagt: ,,da& er in lauter 
Rätseln zu ihm i-ede". 

Ein anderes Beispiel von poetischer Verwertung des Ver- 
sprechens hat Otto Rank bei Shakespeare entdeckt. Ich 
zitiere Ranks Mitteilung nach dem Zentralblatt für Psycho- 
analyse, I, 3: 

„Ein dichterisch überaus fein motiviertes und technisch 
glänzend vei'wertetes Versprechen, welches wie das von 
Freud im Wallenstein aufgezeigte (Zur Psychopathologiü 
des AUtag-slebcns, 2. Aufl., S. 48) verrät, daß die Dichter Me- 
chanismus und Sinn dieser Fehlleistung wohl kennen und deren 
Verständnis auch beim Zuhörer voraussetzen, findet sich in 
Shakespeares „Kaufmann von Venedig" (UI. Auf- 
zug, 2. Szene). Die durch den Willen ihres Vaters an die AVahl 
eines Gatten durcli das Los gefesselte Porzia ist bisher allen 
ihren unliebsamen Freiern durch das Glück des Zufalls entronnen. 
Da sie endlich in Bassanio den Bewerber gefunden hat, dem si« 
wirklieh zugetan ist, muß sie fürchten, daß auch er das falsche 
Los ziehen werde. Sie möchte ihm nun am liebsten sagen, daß 
er auch in diesem Fall ihrer Liebe sicher sein könne, ist aber 
durch ilir GelüMe daran gehindert. In diesem inneren Zwiespalt 
läßt sie der Dichter zu dem willkommenen Freier sagen : 

Ich bitt' Eucli, wartet; ein, zwei Tage noch, . , 
Bevor Ihr wagt: denn wählt Ihr falsch, so büße 
Ich Euem Umgang ein ; darum verzieht. 



J04 - V. DAS VERSPKKCHE!?. 



Ein Etwas sagt mir (docK es ist nicht Liebe), 

Ich möcht' Euch nicht verlieren; ■— 

Ich könnt' Euch leiten . . "■- - - 

Z\xv rechten "Wahl, dann hräch' ich meinen Eid ; 

Das will ich nicht; so könnt Ihr mich verfehlen. 

Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen. 

Ich hätt' ihn nur gehrochen. 0, der Augen, 

Die mich so übersehn und mich geteilt! 
Halb bin ich Euer, die andre Half ie Euer — 
Mein wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer, 
Und so ganz Euer- 

(Nach der Überaetzniig von Schlegel aud Titjck) 

Gerade das, was sie ihm also bloß leise andeuten möchte, weil 
sie es eigentlich ihm überhaupt verschweigen sollte, daß sie näiu- 
lieh schon vor der Wahl ganz die Seine sei und ihn liebe, dag 
läßt der Dichter mit be^vunderns wertem psychologischen Fein- 
gefühl in dem Verepreelien sich offen durchdrängen und weiß 
durch diesen Kunstgriff die unerträgliche Ungewißheit des Lie_ 
hendcn sowie die gleichgestimmte Spannung dos Zuhörers über 
den Ausgang der Wahl zu beruhigen." 

Bei dem Interesse, welche solche Parteinahme der großen 
_ Dicliter für unsere Auffassun.s^ des Versprechens verdient, halte 
ich es für gerechtfertigt, ein drittes solches Beispiel anzuführen 
welches von E. Jones mitgeteilt worden ist*: 

„Otto Rank niucht in einem unlängst publizierten Auf- 
satz** auf ein schönes Beispiel aufmerksam, in welchem Shake- 
speare eine seiner G-estaltcn, die Poizia, ein , Versprechen' \^ 
gehen läßt, durch welches ihre geheimen Gedanken einem auf- 

* Ein Beispiel von literarischer Verwertung des Veraprecheus, ^.eü- 
tralblatt für Psychoanalyse, I, 10. 

** Zcntralbl. für Psych., I, Tioft 3, S. 109. 



V. DAS VElföPKECHEN. jq^ 



merksamen Hörer offenbar werden. Ich habe die Absicht, ein 
ähnliches Beispiel ans ,The Egoist', dem Meisterwerke des gröiiten 
englischen Romanschriftstellers, George Meredith, zu er- 
zählen- Die Handhmg des Romans ist kurz folgende : Sir "Wil- 
loughby Patterne, ein von seinem Kreise sehr bewunderter Aristo- 
krat, verlobt sich mit einer Miß Koustantia Durham. Sic ent- 
deckt in ihm einen intensiven Egoismus, den er jedoch vor der 
Welt geschickt verbirgt, und g'eht, um der Heirat zu entrinnen, 
mit einem Kapitän namens Oxford durch. Einige Jahre später 
verlobt er sich mit einer Miß, Klara Middleton. Der größte Teil 
des Buches ist nun. mit der ausführlichen Beschi-eibung des Kon- 
fliktes erfüllt, der in Klara Middletons Seele entsteht, als sie 
in ilirem Verlobten denselben hervorstechenden Charakterzug ent- 
deckt. Äußere Umstände und ihr Ehrbegriff fesseln sie an ihr 
gegebene« "Wort, während ihr Bräutigam ihr immer verächtlicher 
ei-schcint. Teilweise macht sie Vcrnon "W^hitford, dessen Vetter 
und Sekretär (den sie zuletzt auch heiratet), zum Vertrauten- 
Er jedoch hält sich aus Loyalität Patterne gegenüber und aus 
anderen Motiven zurück- 
in einem Monolog über ihren Kummer spricht Klara fol- 
gendermaßen: ,"\Venn doch ein cdlei* Mann mich sehen könnte, 
wie ich bin, und es nicht zu gering erach1:ete, mir zu helfen - 
Oh! befreit zu werden aus diesem Kerker von Dornen und Ge- 
strüpp. Ich kann mir allein meinen AVeg nicht bahnen. Ich bin 
ein Feigling. Ein Fingerzeig* — ich glaube, er würde mich 
verändern. Zu einem Kameraden könnt' ich flichn, blutig zer- 
risBBii und umbraust von Verachtung und Geschrei Kon- 



* Anmerkung des Übersetaera: Ich wollte urspriinglicli das Original 
„beckoning of a finger" mit. „leiser Wink" übersetzen, bis mir klar wurde, 
daß ich durch Untersclilagiuig des Wortes „Finger" den Satz einer psj'cho- 
lugischeu Feinheit beraube. 



-( 



106 V. DAS VERSPBECHEN. 



etantia begegnete einem Soldaten. Vielleicht betete sie, und ihr 
Gebet ward erhört. Sie tat nicht recht- Aber, oh, wie lieb* ich 

eie darum. Sedn Name war Harry Oxford Sie schwankte 

nicht, sie riß die Ketten, sie ging offen zu dem andern über. 
Tapferes Mädchen, wie denkst du über mich? Ich aber hahc 
keinen Hai-ry AVhitford, ich bin aliein-* — — 

Die plötzliche Erkenntnis, daß sie einen anderen Namen für 
Oxford gebraucht habe, traf sie wie ein Faustschlag und tiber- 
goß sie mit flammender Röte. 

Die Tatsache, daß die Namen beider Männer mit ,f o r d* 
endigen, erleichtert das Verwechseln der beiden offensiciitlich und 
würde von vielen als ein hinreichender Grund dafür angeselieu 
werden. Der wahre tieferliegende Grund jedoch ist von d^j^ 
Dichter klar ausgeführt. 

An einer anderen Stelle kommt dasselbe Versprechen "wiotiei 
vor. E« folgt ihm jene spontane Unschlüssigkeit und jener plötz- 
liche Wechsel des Themas, mit denen uns die Psychoanalyse und 
Jungs Werk über die Assoziationen vertraut machen, und die 
nur eintreten, wenn ein halbbewußter Komplex berührt wird. 
Patteme sagt in patronisierendem Tone von Whitford : ,FalscKer 
Alarm! Der gute alte Vernon ist gar nicht im stände, etwas XJn- 
gewöhnliches zu tun.' Klara antwortet: ,AVcnn aber nun Oxfoixl 
Whitford ... da — Ihre Schwäne kommen gerade den See 
durchsegelnd; wie schön sie auHsehen, wenn sie indigniert siudl 
\\iLS ich Sie e!jen fragen wollte. Männer, die Zeugen einer offia^, 
sichtlichen Bewunderung für jemand anderen sind, werden -wolil 
natürlicherweise entmutigt?' Sir Willoughby traf eine plötzlich« 
Erleuchtung, er richtete sich steif auf. 

Noch an einer anderen Stelle verrät Klara durch ein anderes 
Versprechen ihren geheimen Wunsch nach einer innigeren Ver- ^ 
bindung mit Vernon '\\^hitford. Zu einem Burscheu ßprechend. 



T. DAS VEBSPEECEEN. IQ7 



e&gi sie: ,Sage abends dem Mr. Vernon — sage abends dem 
Mr. Whitford .... iisw.' " 

Die hier vertretene Auffassung des Versprechens hält tibri- 
gens der Probe an dem! Kleinsten stand. Ich habe wiederholt 
zeigen können, daß die geringfügigsten und naheliegendsten Pälle 
von Eedeirmng ihren guten Sinn haben und die nämliche Lösung 
zulassen wie die auffälligeren Beispiele- Eine Patientin, die 
ganz gegen meinen Willen, aber mit starkem eigenen Vorsatz 
einen kurzen Ausflug nach Budapest unternimmt, rechtfertigt 
sich vor mir, sie gehe ja nur für drei Tage dahin, verspricht 
sich aber und sagt: nur für drei Wochen. Sie verrät, daß sie 
mir zum Trotze lieber drei Wochen als drei Tage in jener Ge- 
sellschaft bleiben will, die ich als unpassend für sie erachte. — 
Ich soll mich eines Abends entschuldigen, daß ich meine Prau 
nicht vom Theater abgeholt, und sage: Ich war 10 Minuten 
nach 10 Uhr beim Theater. Man korrigiert mich: Du willst 
nagen: vor 10 Uhr. Natürlich wollte ich vor 10 Uhr sagen. 
Nach 10 Uhr wäre ja keine Entschuldigung. Man hatte mir 
gesagt, auf dem Theaterzettel stehe: Ende vor 10 Uhr. Als ich 
beim Theater anlangte, fand ich das Vestibül verdunkelt und das 
Theater entleert. Die Voretellung war eben früher zu Ende ge- 
wesen, und meine Frau hatte nicht auf mich gewartet. Als ich 
auf die Uhr sah, fehlten noch fünf Minuten zu 10 Uhr. Ich nahm 
mir aber vor, meinen Fall zu Hause günstiger darzustellen und 
zu sagen, es hätten noch zehn Minuten zur zehnten Stunde ge- 
f<_-hlt. Leider verdarb mir da^ Versprechen die Absicht und 
stellte meine Unaufrichtigkeit bloß, indem es mich selbst mehT 
bekennen ließ, als ich zu bekennen hatte- 

Maii gelangt von hier aus zu jenen Eedestorungen, die nicht 
mehr als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das ein- 
zelne Wort, sondern Rhythmus und Atisführung der ganzen Rede 



108 



V. DAS VEKSPRECHEN. 



r^ 



■beeinträcKtigen, wie z. B. das Stammeln und Stottern der Ver- 
legenheit. Aber hier wie dort ist es der innere Konflikt, der uns 
durch die Störung der Ecde verraten wird- Ich glaube wirklich 
nicht, daß jemand sich versprechen würde in der Audienz "bei 
Seiner Majestät, in einer ernstgemeinten Liebeswerhung, in einer 
Verteidigungsrede um Ehre- und Namen vor den GescliworeneHi 
kurz in all den Pällen, in denen man ganz dabei ist, wi© -vs^ir 
so bezeichnend sagen. Selbst bis in die Schätzung des Stils, den 
ein Autor schreibt, dürfen wir und sind wir gewöhnt, das Er- 
klärungsprinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung des 
einzelnen Sprechfehlers nicht entbehren können. Eine klare und 
unzweideutige Schreibweise belehrt uns, daß der Autor hier mit 
sicli einig ist, und wo wir gezwungenen und gewundenen Aus- 
druck finden, der, wie so richtig gesagt wird, nach mehr als einem 
Scheine schielt, da können wir* den iVnteil eines nicht genug^sam 
erledigten, komplizierenden Gedankens erkennen oder die er- 
stickte Stimme der Selbstkiiiik des Autors heraushören*. 

Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches haben fremd- 
eprachigo Freunde und Kollegen hegonnen, dem Versprechen, 
das sie in den Ländern ilirer Zunge beobachten konnten, üiw 
A ufmcrksamkeit zuzuwenden- Sie haben, wie zu erwarten stand, 
gefunden, daß die Gesetze der Fehlleistung vom Sprachmat^rial 
unabhängig sind, und haben dieselben Deutungen vorgenonuueu. 
die hier an Beispielen von Deutsch redenden Personen erläutert 
wurden. Ich führe nur ein Beispiel anstatt ungezählter vieler »ji: 
D. A- A. Brill (Ncuyork) berichtet von sich: A friend de- 
scribed to me a nervous patient and wished to know "whethex 



Ce qa'on congoit bien 

S'annonce clairement 

Et les mots poiar ie dire 

Arrivent ais6ment. Boiloau, Art pOötiqu«; 



y. DAS VERSPRECHEN. ' -„„ 



I coulcl benefit him. I remarked, I believe that in time I could 
remove all his Symptoms by psycho-analysis because it is a 
(lurable caso wishing to say „curable"! (A contribution to 
the Psycbopatbology of Everyday Life aus Psychotberapy vol. 
ni, Nr. 1, 1909.) 

Schließlich will ich für diejenigen Leser, die eine gewisse An- 
ßtrengung nicht scheuen und denen die Psychoanalyse nicht 
fremd ist, ein Beispiel anfügen, aus dem zu ei-sehen ist, in welche 
seelischen Tiefen auch die Verfolgung eines Versprechens fü]iren 
kann. 

L. Jeliels (rntern. Zeitschr. für Psychoanalyse, I, 1913). 

■ „Am 11. Dezember werdp ich von einer mir befreundeten 

Dame in polnischer Sprache etwas herausfordernd und übermütig 

mit den "Worten apostrophiei-t ; jWarum habe ich heute 

gesagt, da ßichzwöHFingerhabe?' ' - 

Sie reproduziert nun über meine Aufforderung die Szene, in 
der die Bemerhung gefallen ist- Sie habe sieh angeschickt, mit 
der Tochter auszugehen, um einen Besuch zu machen, habe ihre 
Tochter, eine in Remission befindliche Dementia praecox, auf- 
gefordert, die Bluse zu wechseln, was diese im anstoßenden Zim- 
mer auch getan hat. Als die Tochter wieder eintrat, fand sie die 
Mutter mit dem Eeinigen der Nägel beschäftigt; und da ent- 
wickelte sich folgendes Gespräch : 

Tochter: ,No siehst du, ich bin schon fertig und du noch 
nicht !• 

Mutter: ,Du ha-st ja aber auch nur eine Bluse und ich 
zwölf Nägel. 

Tochter: ,Was?' 

Mutter (ungeduldig): ,No natürlich, ich habe ja doch 
zwölf Finger.' 



V. DAS VERSFEECHEN. 



Die 3?rage eines die Erzählung mitanliöreiideii Kollegen. 1 
was ilir zu zwölf einfalle, wird ebenso prompt wie bestiimnt ^ 
antwortet: .Zwölf iBt für micli kein Datum (von 

Bedeutung).' 

Zu Finger wird unter einem leichten Zögern die Assozia- 
tion geliefert: ,In der Familie meines Mannes kamen Bechs Fin- 
ger an den Füßen (im Polnischen gibt es keinen eigenen Ausdru, 
für Zehe) vor. Als unsere Kinder zur Welt kamen, wurden 
sofort darauf untersucht, ob sie nicht sechs Finger haben/ Aus' 
äußeren Ursachen wurde an diesem Abend die Analyse nichi 

fortgesetzt. 1 

Am nächsten Morgen, dem 12. Dezember, besucht mich di? 
Dame und erzählt mir sichtlich erregt: .Denken Sie, was mir 
passieii. ist ; seit etwa 20 Jahren gratuliere ich dem alten. Oniel 
meines Mannes zu seinem Geburtstag, der heute fällig ist, schreibe 
ihm immer am 11- einen Brief ; und diesmal habe ich es vergesse* 
und mußte eoeben telegraphieren.' 

Ich erinnere mich und die Dame, mit welcher Bestimratheü 
sie am g-estrigen Abend die Frage des Kollegen nach den zwölf- 
die doch eigentlich selir geeignet war, ihr den Geburtstag in Er 
innerung zu bringen, abgetan hat mit der Bemerkung, ^er 
Zwölfte sei für sie kein Datum von Bedeutung- 

Nun gesteht sie, dieser Onkel ihres Mannes sei ein Erboak«!. 
auf dessen Erbschaft sie eigentlich immer gerechnet habe, g«u 
besonders in ihrer jetzigen bedrängten finanziellen Lage. 

So sei er, respektive sein Tod, ihr sofort in den Sinn ge 
kommen, als ihr vor einigen Tagen eine Bekannte aus Karw» 
piK)ph6zeit habe, sie werde viel Geld bekommen. Es schoß ihr 
sofort durch den Kopf, der Onkel sei der einzige, von dem si^ 
respektive ihre Kinder, Geld erhalten könnten; auch erinnerte s* 
Sich bei dieser Szene augenblicklich, daß schon die Fran di«** 



£ 



T. DAS VERSPHECHEN. jj. 



► 



r 



Onkels versprochen habe, die Kinder der Erzählerin testamen- 
tarisch zu bedenken ; nun ist sie aber ohne Testament gestorben ; 
vielleicht hat sie ihi-em Manne den bezüglichen Auftrag gegeben. 

Der Todeswunsch gegen den Onkel muß offenbar sehr in- 
teoBiv aufgetreten, sein, wenn sie der ihr prophezeienden Dame 
gesagt hat: ,Sie verleiten die Leute dazu, andere umzubringen.' 

In diesen vier oder fünf Tagen, die zwisclien der Proplie- 
zeiung und dem Geburtstage des Onkels lagen, suchte sie stets 
in den im A^^ohnorte des Onkels erscheinenden Blättern die auf 
seinen Tod bezügliche Parte. 

Kein Wunder sarait, daß, bei so intensivem AVunsche nacli 
eeinem Tode, die Tatsache und das Datum seines demnächst zu 
fftiernden Geburtstages so stark untordrückt wurden, daß, es nicht 
bloß zum Vergessen eines sonst seit Jahren ausg-eführten Vor- 
satzes gekommen ist, sondern auch, daß sie nicht einmal durch 
die Frage des Kollegen ins Bewußtsein gebracht wurden- 

lii dem Lapsus , zwölf Finger' hat sich nun die unterdrückte 
Zwölf durchgesetzt und hat die Fehlleistung mitbestimmt. 

Ich meine mitbestimmt, denn die auffällige Assoziation zu 
.Finger' läßt uns noch weitere Motivierungen ahnen ; sie erklärt 
uns auch, warum der Zwölfer gerade diese so harmlose Bedensart 
von. den zehn Fingern verfälscht hat. 

Der Einfall lautete: ,In der Familie meines Mannes kamen 
sechs Finger an den Füßen vor-' 

Sechs Zehen sind Merkmale einer gewissen Abnormität, so- 
mit sechs Finger ein abnormes Kind und 

zwölf Kinder zwei abnorme Kinder. 

Und tatsächlich traf dies in diesem Falle zu. 

Die in sehr jungem Alter verheiratete Frau hatte als einzige 
Erbschaft nach ihrem Manne, der stets als exzentrischer, ab- 
normer Mensch galt und sich na<;h kurzer Ehe das Tjebcn nahm, 



)12 



V. DAS VEESPKECHEN. 



zwei Kinder, die wiederholt voa Ärzten als väterlicherseits 
schwer hereditär belastet und abnonn bezeichnet wurden. 

Die ältere Tochter ist nach einc^m schweren katatonen Anfall 
vor kurzem nach Hause zurückgekehrt ; bald nachher erkrankt« 
auch die jüngere, in der Pubertät befindliche Tucliter an einer 
schwerem Neurose. 

Daß die Abnormität der Kinder hier zusammengestellt -wirf 
mit dem Sterhevnansche gegen den Onkel und sich mit diesen 
ungleich stfirker unterdrückten und psychisch valenteren Element 
verdichtet, lü ßt uns als zweite Determinierung dieses Ver 
Sprechens den Todes wunseh gegen die abnormen ICi»- 
(I er annehmen. 

Die prävalierende Bedeutung des Zwölfers als Sterbewiins(Ji 
erhellt aber schon daraus, daß in der Vorstellung der Erzählendet 
der Geburtstag des Onkels sehr innig assoziiert war mit de» 
Todesbegi-iffe. Denn ihr Mann hat sich am 13. das Leben g«^ 
nommen, also einen Tag nach dem Geburtstag- ebendesselben On- 
kels, dessen Frau zu der jungen "Witwe gesagt hatte: ,Gesteri 
gratulierte er noch so herzlich und lieb, — und heute!' 

Ferner will ich uoeh hin^iufügen, daß die Dame auch g^nuj 
reale Gründe hatte, den Kindern den Tod zu "wünschen, von dene* 
sie gar keine Freude erfuhr, sondern nur Kummer und arge Eir 
schränkungen ihrei' Selbstbestimmujig zu leiden hatte, und dene* 
zuliebe sie auf jegliches Liebesglück verzichtet hatte. 

Auch diesmal war sie außerordentlich bemüht, jeglidi«« 
Anlaß zur Vei"stimmung der Tochter, mit der sie zu. Besu^ 
ging, zu vermeiden ; und man kann sich vorstellen, welchen Auf 
■wand an Geduld und Selbstverleugnung bei einer Dementi* 
praecox dies verlangt, und wie viele "Wutregungen dabei unter 
drückt Averden müssen. 



^ 



V. DAS VERSPRECHEN. j^g 



^ 



Demzufolge würde der Sinn der Fehlleietung lauten: 

Der Onkel soll sterben, diese abnormen Kinder sollen sterben 
(sozusagen diese ganze abnorme Familie), und ich soll das Geld 
von ihnen haben. 

Diese Fehlleistung besitzt nach, meiner Ansicht mehrere 
Merkmale einer ungewöhnlichen Struktur, und zwar: 

1- Das Vorhandensein von zwei Determinanten, die in einem 
Element verdichtet sind- 

2. Das Vorhandensein der zwei Determinanten spiegelt sich 
in der Doppelung des Versprechens (zwölf Nägel, zwölf Finger). 

3. Auffällig ist, daß die eine Bedeutung des Zwölfers, näm- 
lich die die Abnormität der Kinder ausdrückenden zwölf Finger, 
eine indirekte Darstellung repräsentieren ; die psychisclie Ab- 
normität wird hier durch die physische, das Oberste durch das 
Unterste dargestellt." 



Franil, Psyuliopatliologie ils» AlUagulelieu«. VI. AuB. 



VI- •■ 

VERLESEN UND TERSCHllEIBEN. 

Daß für die Fehler im Lesen und ScKreilM^n die nämlicliM 
Gesichts]3unkte und Bemerkungen Geltung haben wie fltr die 
Sprech. fehler, ist bei der inneren Verwandtschaft dieser P\mfe- 
tionen nicht zu verwundern. Ich werde mich hier darauf be- 
schränken, einige sorgfältig analysierte Beispiele mitzuteilen, im^ 
keinen Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen zu 
umfassen- 

A. Verlesen- 

a) Ich durchblättere im Kaffeehaus eine Nummer der „Xiexp- 
ziger Illustrierten", die ich scliräg vor mir halte, und lese aU 
TJntersclirift eines sich über die Seite erstreckenden Bildes : ^iot 
Hochzeitsfeier in der Odyssee. Aufmerksam geworden, und 
verwundert rücke ich mir das Blatt zurecht und korrigiere jetii ^ 
Eine Hochzeitsfeier ander Ostsee- Wie komme ich zu diesen 
unsinnigen Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich sofort auf 
ein Buch von Ruths „Esperimentaluntersuchungen über Musik- 
phantome usw.", das mich in der letzten Zeit viel beschäftigt 
hat, weil es nahe an die von mir behandelten psychologisjj^^ 
Probleme streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ei» 
Werk, welches „Analyse und Grundgesetze der Traumpl^^jj^y. 
mene" heißen wird. Kein Wunder, daß ich, der ich eben eine 



"VX VERLESEN UND VERSCHREIBEN. ijf^ 



„Traumdeutung" veröffentlicht habe, mit größter Spannung 
diesem Buche entgegensehe- In der Schrift Ruths über 
Musikphantome fand ich vom im Inhaltsverzeichnis die Ankün- 
digTjng des ausführlichen induktiven Nachweises, daß die alt- 
hellenisdien Mythen und Sagen ihre Hauptwurzeln in Schlum- 
mer- und Musikphantomen, in Traumphänomenen und auch in 
Delirien haben. Ich schlug damals sofort im Texte nach, um 
herauszufinden, ol> er auch um die Zurückführung der Szene, wie 
Odysseus vor N a u s i k a a erscheint, auf den gemeinen Nackt- 
heitstraum wisse. Mich hatte ein Freund auf die schöne Stelle 
in G. Kellers „Grünem Heinrich" aiTf merksam gemacht, 
welche diese Episode der Odyssee als Objektivienmg der Träume 
des fem von der Heimat irrenden Schiffers aufklärt, und ich 
hatte die Beziehung zum Exhibitionsiraum der Nacktheit hin- 
zugefügt (5. Aufl., S. 170). Bei Ruths entdeckte ich nichts 
davon. Mich beschäftigen in diesem Falle offenbar Prioritäts- 
gedanken. 

b) "Wie kam ich dazu, eine-s Tages aus der Zeitung zu lesen: 
„Im Faß durch Europa", anstatt zu Fuß? Diese Auflösimg 
bereitete mir lange Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfälle 
deuteten allerdings : Es müsse das Faß des Diogenes gemeint sein, 
und in einer Kunstgeschichte hatte ich unlängst etwas über die 
Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. Es lag dann nahe, an die 
bekannte Rede Alexanders zu denken : "Wenn ich nicht Alexander 
wäre, möchte ich Diogenes sein- Auch schwebte mir etwas von 
einem gewissen Hermann Zeitung vor, der in eine Kiste ver- 
packt sich auf Reisen begeben hatte. Aber weiter wollte sich der 
Zusammenhang nicht herst^sUen, und es gelang mir nicht, die Seite 
in der Kunstgeschichf* wieder aufzuschlagen, auf welcher mir 
jene Bemerkung ins Auge gefallen war. Erst Monate später fiel 
mir das beiseite geworfene Rätsel plötzlich wieder ein, und dies- 



mal zugleich mit seiner Losung. Ich erinnßrte micli an die Be- 
merkung in einem Zeituugsart-ikcl, was für sonderbare Arten der 
Beförderung die Leute jetzt wählten, um nach Paris zur 
AVeltausstcllung zu kommen, und dort war auch, wie ich glaube, 
scherzhaft mitgeteilt worden, daß irgend ein Herr die Absicht 
habe, eich von einom anderen Herrn in einem Faß. nach Paris 
i-oUen zu lassen. Natürlich hätten die.se Leute kein andeiws 
Motiv, als durch solche Torheiten Aufsehen zu machen. Her- 
mann Zeitung war in der Tat der Name desjenigen Mannes, 
der für solche außergewühnliche Beförderung das erste Beispiel 
gegeben hatte. Dann fiel mir ein, daß ich einmal einen Patienten 
behandelt, dessen krankhafte Angst vor der Zeitung sich als Ke- 
aktion gegen den krankhaften Ehrgeiz auflöste, sich gedruckt 
und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu sehen. Der maze- 
donische Alexander war gewiß einer der ehrgeizigsten. Männer. 
die je gelebt. Er klagte ja, daß er keüien Homer finden, werde, 
der seine Taten besinge. Aber wie konnte ich nur nichtdaran 
denken, daß ein anderer Alexander mir näher stehe, daß 
Alexander der Name meines jüngeren Bruders ist! Ich fand n\m 
sofort den anstößigen und der Verdrängung bedürftigen Ge- 
danken in betreff dieses Alexanders und die aktuelle Veran- 
lassung für ihn. Mein Bruder ist Sachver.ständiger in Diuo^n- 
die Tarife und Transporte angehen, und sollte zu einer g^ 
wissen Zeit für seine Lehrtätigkeit an einer kommerziellen Hoch- 
schule den Titel Professor erhalten. Füi' die gleiche Beför- 
derung war ich an der Universität seit mehreren Jahren vor- 
geschlagen, ohne sie en-eicht zu haben- Unsere Mutter äußerte 
damals ihr Befremden darüber, daß ihr kleiner Sohn eher J>n3- 
fessor werden sollte als ihr gi'oßer. So stand es zur Zeit, alg ich 
die Lösung für jenen Leseirrtum nicht finden könnt«. Dann er- 
Iioben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



117 



Chancen, Professor zu werden, fielen noch unter die meinigen. 

I Da aber wurde mir plötzlich der Sirul jenes Verlesens offenbar ; 
es war, als hätte die Mindenmg' in den Chancen des Bruders ein 
Hindernis beseitigt. Tch hatte mich so benommen, als läse ich 
die Ernennung des Bruders in der Zeitung, und sagte mir dabei : 
Merkwürdig, daß man wegen solcher Dummheiten (wie er sie als 
Beruf betreibt) in der Zeitung stehen (d. h. zum Professor ernannt 
werden) kann ! Die Stolle über die hellenistische Kunst im Zeit- 
alter Alexanders schlug ich dann ohne Mühe auf und überzeugte 
mich zu meinem Erstaunen, daß ich während des vorherigen 
Suchens wiederholt auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie 
unter der Herrschaft einer negativen Halluzination den betref- 
fenden Satz übergangen hatte- Dieser enthielt übrigens gar 
nichts, was mir Aufklärung brachte, was des Vergessens wert 
gewesen wäre- Ich meine, das Symptom des' Kichtauffindens im 
Buche ist nur zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich 

w sollte die Fortsetzung der Gedankenverknüpfung dort Stichen, 
wo meiner Naehforschxing ein Hindernis in den \yeg gelegt war, 
also in irgend einer Idee über den mazedonischen Alexander, und 
sollte so vom gleichnamigen Bruder sicherer abgelenkt werden. 
Dies gelaaig auch vollkommen ; ich richtete alle meine Bemühun- 
gen darauf, die verlorene Stolle in jener Kunstgeschichte wieder 
aufzufinden. 

Der Doppelsinn des "Wortes „Beförderung" ist in diesem 
Falle die Assoziationsbrücke zwischen den zwei Komplexen, dem 
unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem 
interessanteren, aber anstößigen, der sich hier als Störung des 
zu Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus diesem Bei- 
spiel, daß es nicht immer leicht wird, Vorkommnisse wie diesen 
Lesefehler aufzuklären. Gclegentlicli ist man auch genötigt, die 
Losung des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu. verschieben. Je 



22g VI. VERLESEN UND VEHSCHREIBEN. 

• scKwici-iger sicK aber die Lösungsarbeit erweist, desto sicherer 
darf man erwarten, daß der endlich aufgedeckte störende Gg. 
danke von unserem bewußten Denken als fremdartig und gegen- 
sätzlicli beurteilt werden wird. 

c) Ich erhalte eines Images einen Brief aus der Nähe ^\"iens 
der mir eine erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch 
sofort meine Frau an und forderte sie zur Teilnahme daran auf 
daJi die arme "Wilhelm M. so seliwer erkrankt und von den 
Ärzten aufgegeben ist- An den. "Worten, iu v.'clchü ich mein Be- 
dauern kleide, muß aber etwas falsch geklungen haben, denn uieiue 
Frau wird mißtrauisch, verlangt den Brief zu sehen und äußert 
als ihre Überzeugung, so könne es nicht darin stehen, denn nie- 
mand nenne eine Frau nach dem Namen des Mannes, und über- 
dies sei der Korrespondentin der Vorname der Frau sehr Wohl 
bekannt. Ich verteidige meine Behauptung hartnäckig und ver- 

. weise auf die so gebräuchlichen Visitkart^n, auf denen eine Frau 
sich selbst mit dem Vornamen des Mannes bezeichnet. Ich Uiuß 
endlieh den Brief zur Hand nehmen, und wir lesen darin tatsäch- 
lich „der arme AV. M.", ja sogar, was ich ^anz übersehen hatte- 
„der arme Dr. "W. M.". Mein Versehen bedeutet also einen so- 
zusagen krampfhaften Versuch, die traurige Neuigkeit von dem 
Manne auf die Frau zu überwälzen. Der zwischen Artik^j 
Beiwort und Name eingeschobene Titel paßt schlecht zu der 
Forderung, ca müßte die Frau gemeint sein. Darum wurde er 
auch beim Lesen heseitigt. Das Motiv dieser Verfälschung -^g« 
aber nicht, daß mir die Frau weniger sympathisch wäre .als der 
Mann, sondern das Schicksal des armen Mannes hatte meine B«. 
eorgnisse um eine andere, mir nahe stehende Person rege o^. 
macht, welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingun&en 
mit diesem Falle gemeinsam hatte. 

d) Ärgerlich und lächerlich ist mir ein Verlesen, dem ieh 



VI. VERLESEN UKD VEESCHKEIBEN. 1J9 

sehr häufig unterliege, wenn ich in den Fei'ien in den Straßen 
einer fremden Stadt spaziere. Ich lese dann jede Ladentafel, die 
dem. irgendwie entgegenkommt, als Antiquitäten. Hierin 
äußert sich die Abenteuerlust des Sammlers. 

e) Bleuler erzählt in seinem bedeutsamen Buche ,,Affek- 
tivität, Suggestibilität, Paranoia" (1906), S. 121: „Beim Lesen 
hatte ich einmal das intellektuelle Gefühl, zwei Zeilen weiter 
unten meinen Namen zu sehen. Zu meinem Erstaunen finde ich 
nur das AVort ,BIutkörperclien'. Unter vielen Tausenden von 
mir analysierten Verlesungen des peripheren wie des zentralen 
Gesichtsfeldes ist dieses der krasseste Fall Wenn ich etwa 
meinen Namen zu sehen glaubte, so war das Wort, das dazu 
Anlaß gab, meist viel ähnlicher meinem Namen, in den meisten 
Fällen mußten geradezu alle Buchstaben des Namens in der 
Nähe vorhanden sein, bis mir ein solcher Irrtum begegnen konnte. 
In diesem Falle ließ sich aber der Beziehungswahn und die Illu- 
sion sehr leicht begründen: Was ich gerade las, war das Ende 
einer Bemerkung über eine Art schlechten Stils von Wissenschaft 
liehen Arbeiteij, von der ich mich nicht frei fühlte." 

f) H. Sachs: „An dem, was die Leute frappiert, geht 
er in seiner Steif leine nheit vorüber." DiesAVort fiel mir 
alwr auf und ich entdeckte bei näherem Hinsehen, daß es StiL 
feinhoit hieß. Die Stelle fand sich in einer überschwenglich 
lobenden Auslassung eines von mir verehi-ten Autors über einen 
Historiker, der mir unsympathisch ist, weil er das ,Deutsch-rro 
fessorenhafte' zu stark hervorkehrt." 

g) Über einen Fall von Verlesen im Betriebe der philologi- 
schen Wissenschaft berichtet Dr. Marcell Eibenschütz im 
Zentralbl. für Psychoanalyse. I, ÖJQ. „Ich beschäftige mich mit 
der "Überlieferung des ,Buche.s der Märtyrer*, eines mittelhoch- 
deutschen Legendenwerkes, das ich in den ,Deutschen Texten des 






120 



VI. VEKLESEN UND VERSCHKEIBEN. 



Mittelalters', herausgegeben von der Preußischen Akademie <ier 
Wissenschaften, edieren eoU- Über das bisher noch "ungedruckte 
Werk war recht wenig bekannt; es bestand eine einzige Abhand- 
lung darüber von J. Haupt ,über das mittelhochdeutsche Buch 
der Märtyrer', "Wiener Sitzungsberichte, 18G7, 70. Bd., S. 101 ff 
— Haupt legte seiner Arbeit nicht eine alte Handschrift 
Grunde, sondern eine aus neuerer Zeit (19. Jahrhundert) stam- 
mende Abschrift der Haupthandschrift C (Klosterneuburg), ^j^g 
Abschrift, die in der Hofbibliothek aufbewahrt wird. Am Enrle 
dieser Abschrift steht folgende Subscription : 

Anno Domini MDCCCL in vigilia exaltacionis sancte crucis 
ceptus est iste liber et in vigilia pasce anni subsequentis f üiitus 
cum adiutorio omnipotentis per me Hartmanum de Krasna tun- 
temporis ecclesie oiwenburgensis cust-odem- 

Haupt teilt nun in seiner Abhandlung diese Subscriptio 
mit, in der Meinung, daß sie vom Schreiber von C selbst hey. 
rühre, und läßt C, mit konsequenter Verlesung der römisch g^. 
schriebenen Jahreszahl 1850, im Jahre 1350 geschrieben sei^ 
trotzdem daß er die Subscriptio vollständig richtig kopiert hat' 
trotzdem daß sie in der Abhandlung am angeführten Orte vou' 
ständig richtig (nämlich MDCCCL) abgednickt ist. 

Die Mitteilung Haupts bildete für mich eine Quelle vo» 
Verlegenlieit^n. Zunächst stand ich als blutjunger Anfänger ü, 
der gelehrten Wissenschaft ganz unter der Autorität Haupts 
luid las lange Zeit aus der vollkommen klar und richtig gedruckt 
vor mir liegenden Subscriptio wie Haupt 1350 statt I85Q. 
doch in der von mir benutzten Haupthandschrift war heinQ 
Spur irgend einer Subscriptio zu finden, es stellte sich fei'Qer 
heraus, daß im ganzen 14. Jahrhundert zu Klosterneuburg ^^^ 
Mönch namens Hartman gelebt hatte. Und als endlich ^ 
Schleier von meinen Augen sank, da hatte ich auch schon d^j, 



VI. VERLESEN UND VEfiSüHRElBEN. , „^ 



ganzen SacHverlialt erraten, und die weiteren Nachforschungen 
bestätigen meine Vermutung : die vielgenannte Subsoriptio steht 
nämlich nur in der von Haupt benutzten Abschrift und rührt 
von ihrem Schreiber her, P. Hartman Zeibig, geb. zu Ivrasna 
in Mähren, Augustiner chorliorr zu Klosterneuburg, der im Jahre 
1850 als Kirchenschatzmeister des Stiftes die Handschrift C ab- 
geschrieben und sich am Ende seiner Abschrift in altertümlielier 
"Weise selbst nennt. Die mittelalterliche Diktion und die alte 
Orthographie der Subscriptio haben wohl bei dem Wunsche 
Haupts, über das von ihm behandelte Werk möglichst viel 
mitteilen zu können, also auch die Handschrift C zu da- 
tieren, mitgeholfen, daß er immer statt 1850 1350 las. (Motiv 
der Fehlhandlung.)" 

h) In den „Witzigen und Satirischen Einfällen" von 
Lichtenberg findet sich eine Bemerkung, die wohl einer Be- 
obachtung entstammt und fast die ganze Theorie des Verlesens 
enthält: Erlas immer A gam emnon statt „angenommen", 
«o sehr hatte er den Homer gelesen. 

In einer übergroßen Anzahl von Fällen ist es nämlich die 
Bereitschaft des Lesers, die den Text verändert und etwas, worauf 
er eingestellt oder womit er beschäftigt ist, in ihn hineinliest. 
Der Text selbst braucht dem Verlesen nur dadurch entgegenzu- 
kommen, daß er irgend eine Ähnlichkeit im Wortbild bietet, die 
der Leser in seinem Sinne verändern kann. Flüchtiges Hin- 
schauen, besondei-s mit unkorrigiertem Auge, erleichtert ohne 
Zw&ii&l die Möglichkeit einer solchen Illusion, ist aber keines 
Wegs eine notwendige Bedingung für sie. 

i) Ich glaube die Kriegszeit, die bei uns allen gewisse feste 
und langanhaltende Präokkupationen schafft, hat keine andere 
Fehlleistung so sehr begünstigt wie gerade das Verlesen. Ich 
konnte eine große Anzahl von solchen Beobachtungen machen, 



^22 VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



von denen icli leider nur einige wenige bewahrt habe. Eines 

Tages greife ich nach einem der Mittags- oder Alwndhlätter und 

finde darin groß gedruckt: D er Fr iedc v on G o r z. Aber 

nein, es heißt ja nur: Die Feinde vor Görz. Wer gerade 

zwei Söhne als Kämpfer auf dii-sem Kricgsachauplatze hat, xaag 

sicli leicht so verlesen. Ein anderer findet in einem gewissen 

2usammenhani?e eine alte Brotkarte erwähnt, die er bei 

besserer Aufmerksamkeit gegen alte Brokate eintaiisclico 

muß. Es ist immerhin mitteilenswert, daß er sich in einem 

Hanse, wo er oft gern gesehener Gast ist, bei der Hausfrau durch 

die Abtretung von Brotkarten beliebt zu machen pflegt. Ein 

Ingenieur, dessen Ausrüstung der im Tunnel während des Baues 

herrschenden Feuchtigkeit nie lang gewachsen ist, liest zu seinem 

Erstaunen in einer Annonce Gegenstände aus „Schundleder"" 

angepriesen. Aber Händler sind selten so aufrichtig ; was da 

zum Kaufe empfohlen wird, ist Seehundleder. 

Der Beruf oder die gegenwärtige Situation des Lesers be- 
stimmt auch das Ergebnis seines Verlesens. Ein Philologe, der 
( wegen seiner letzten trefflichen Arbeiten im Streite mit seinen 

; Fachgenossen liegt, liest „Sprachstrategie" anstatt Scbaeh- 

ßtrategie. Ein Mann, der in einer fremden Stadt spaziere» 
geht, gerade um die Stunde, auf welche seine durch eine Kur 
I hergestellte Darmtätigkeit reguliert ist, liest auf einem großea 

i Schilde im ersten Stock eines hohen Warenhauses: „Klos-et- 

haus"; seineo- Befriedigung darüber mengt sich doch ein Be- 
fremden über die ungewöhnliche Unterbringung der wohltätigen 
Anstalt bei. Im nächsten Moment ist die Befriedigung doch ge- 
>; seh wunden, denn die Tafelaufschrift heißt richtiger: Korset- 

h a u s. 

j) In einer zweiten Gruppe von Fällen ist der Anteil des 
Textes am Verlesen ein bei weitem größerer. Er enthält etwas, 



^ 



t 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



123 



wae die Abwehr des Lesers i-ogc maclit, eine iiim peinliche Mit- 
teilung oder Zuimitung-, und erfahrt darum durch das Verlesen 
eine KoiTcktur im Sinne der Abweisung oder "VVunschorfüUung. 
Ks ist dann natürlich unabweisbar anzunehmen, daßj der Text 
zunächst richiig aufgenommen und beurteilt wurde, ehe er diese 
Korrektur erfuhr, wenngleich das Bewußtsein von dieser ersten 
Lesung niclits erfahren Iiat. Das Beispiel c auf den vorstellen- 
den Seiten ist von dieser Art ; ein anderes von höchster Aktuali- 
tät teile ich hier nach Dr. M. Kitingon (z- Z- im Kriegsspital 
in Iglö, Internat- Zeitschr. f. Psychoanalyse, II, 1915) mit. 

„Leutnant X., der sicli mit einer kriegstraumatischen Neu- 
rose in unserem Spital befindet, liest mir eines Tages den Schluß- 
vers der letzten Stroplie eines Gcdiclitcs des so früh g'efallenon 
Dichters Walter Hey mann* in sichtlicher Ergriffenheit fol- 
gendermaßen vor : 

jWo aber steht's geschrieben, frag' ich, daß von allen 
Ich übrig bleiben soll, ein andrer für mich fallen? 
Wer immer von euch fällt, der stirbt gewiß für mich ; 
Und ich soll übrig bleiben? warum denn nicht?' 

Durch mein Befremden aufmerlvsam gemacht, liest er dann, 
etwas betreten, richtig; 

,Und ich soll übrig bleiben? wainim denn ich?' 

Dem JFall X. verdanke ich einigen analytischen Einblick in 
das psychische Material dieser ,Traumatischen Neurosen des 
Krieges', und da war es mir möglich, trotz der unserer Art zu - 
arbeiten so wenig günstigen A'erhältnisse eines Kriegslazaretls 
mit starkem Belag und wenig Ärzten, ein wenig über.diei als 
(Ursache' hoehbewerteten üranatexplosionen hinauszusehen- 

* W. Heymanii: Kriegsgedichte urni Feldpostbriefe, p. 11: „Den 
Ausziehenden." 



X24 VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



Es "bestanden auch in diesem Falle die scliweren Tremores, 
die den ausgesprochenen Fällen dieser Neiirosen eine auf den 
ersten Blick frappante Ähnlichkeit verleihen, Ängstlichkeit, 
"Weinecrlichkeit, Neigung zu AVutanfällön mit konvulsiven, in- 
fantilmotorischen Entäußerungen und zu Erbrechen (,bei gering- 
sten Aufregungen')- 

Gerade des letzteren Symptoms Psycliogeneität, zunächst 
im Dienste sekxuidären Krankheitsgewinnes, mußte sich jedem 
aufdrängen: Das Erscheinen des Spitalskommandanten, dei* von 
Zeit zu Zeit die Genesenden sich ansieht, auf der Abteilung-, ^{^ 
Phrase eines Bekannten auf der Straße : ,Sie schauen ja prächtig 
aus, sind gewiß schon gesund,' genügen zur prompten Auslösunir 
eines Breehanfalls. 

,Gesund . . . wieder Gini'ückeu . . . wai'um denn ich?...*** 

k) Andere Fälle von „Krie^" -Verlesen hat Dr. Hanns 
Sachs (Wi<m) in der Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, 

IV, 1916/17, mitgeteilt: 

I. 

jiEin naher Bekannter hatte mir wiederliolt erklärt, er werde 
wenn die Reihe an ihn komme, keinen Gebrauch von seiner, durch 
ein; Diplom bestätigten Fachausbildung machen, sondern auf den 
dadm-ch begründeten Anspruch auf entsprecliende Verwendung 
im Hinterlande verzichten vjid zum Frontdienst einrücken. Kurs 
bevor der Termin wirklich herankam, teilte er mir eines Tag^g in 
knappster Form, ohne weitere Begründung mit, er habe die JsTach- 
weise seiner Fachbildung an zuständiger Stelle vorgelegt und 
werde infolgedessen demnächst seine Zuteilung für eine indu- 
striell© Tätigkeit erhalten- Am näclisten Tage trafen wir uns 
in einem AmtalohaL Ich stand gerade vor einem Pulte ^xad 
schrieb; er trat heran, sah mir eine Weile über die Schulter 



r 



^^ 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



125 



und sagte dauu: Ach, das Wort da oben heißt .Druckbogen' 
— ich habe es für , Drückeberger' gelesen." 

IL ' '" ' 

„In der Tramway sitzend, dachte ich darüber nach, daß 
manche meiner Jugendfreunde, die immer als zart und schwäch- 
lich gegolten hatten, jetzt die allerhärtc^tcn Strapazen zu er- 
tragen im stände sind, denen ich ganz bestimmt erliegen würde. 
Mitten in diesem unerfreulichen Gedaukenzuge las ich im Vor- 
üherfahi'en mit halber Aufmerksamkeit die großen schwarzen 
Lettern einer Firmatafel: ,Eisenkonstitution'. Einen 
Augenblick später fiel mir ein, daß dieses Wort füi' eine Ge- 
schäftsauf Schrift nicht recht passe ; mich rasch lundrehend, er- 
hasche ich noch einen Blick auf die Inschrift und sah, daß sie 
richtig jEisenkons truktion' laute." 

IIL 

,,In den Abendblättern stand die inzwischen als unrichtig 
erkaante Hßuterdepesehe, daß Hughes zum Präsidenten der Ver 
einigten Staaten gewählt sei- Anschließend daran erschien ein 
kurzer Lebenslauf des angeblich Gewählten und in diesem stieß 
ich auf die Mitteilung, daß Huglies in Bonn Univei-sitäts- 
Studien absolviert habe- Es schien mir sonderbar, daß dieses Um- 
standes in den wochenlangen Zeitungsdebatten, die dem Wahl 
tag vorangegangen waren, keine Erwähnung geschehen -war. 
Nochmalige Überprüfung ergab denn auch, daß nur von der 
,Browii.'-Universität die Eede war- Dieser krasse Eall, bei 
dem füi* das Zustandekommen des Vcrlesens eine ziemlich große 
Gewaltsamkeit notwendig war, erklärt sieh außer aus der Elüch- 
tigkeit bei der Zeitungslektüre vor allem daraiis, daß mii' die 
Sympathie des neuen Präsidenten füi- die Mittelmächte als Grund- 



1 



/ 



126 



VI. VERLESEN UND VERSCHKEIBEN. 



^■ 



läge künftiger guter Beziehungen nicht hloß- aus politischen, 
sondern auch darüber hinaus aus persönlichen Gründen wün- 
sclienswert schien." 

jB. Verschreiben. 

a) Auf einem Blatte, welches kurze tügliche Aufzeichnungen 
meist von geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner 
Überraschung mitten unter den richtigen Daten des Monats Sep 
tember eingeschlossen das verschriebene Datum „Donnerstag, ^^^ 
20. Okt.". Es ist nicht schwierig, diese Antizipation aufzuklaren- 
und zwar als Ausdinick eines Wunsches. Ich bin "wenig-e Ta^ 
vorher frisch von der Ferienreise zurückgekelirt und fühle mich 
bereit für ausgiebige ärztliche Bescliäftigung, aber die Anzahl 
der Patienten ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich eine« 
Brief von einer Kranken vor, die sieh für den 20. Oktober 
ankündigte. Als ich die gleiche Tageszahl im September nieder- 
schrieb, kann ich wohl gedacht haben : Die X. sollte doch schon 
da sein; wie schade um den vollen Monat! und in diesem Ge- 
danken rückte ich das Datum vor. Der störende Gedanke ist in 
diesem Falle kaum ein anstößiger zu nennen ; dafür weiß ich auch 
sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem ich ihn erst 
bemerlct habe. Ein ganz analoges und ähnlich motiviertes Ver 
schreiben wiederhole ich dann im Herbst des nächsten Jahres. — 
E. Jones hat ähnliche A'erschreibungen im Datum' studiert un^ 
sie in den meisten Fällen leicht als motivierte erkannt. 

h) Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum Jahres- 
bericht für Neurologie und Psychiatrie und muß natürlich mit 
besonderer Sorgfalt die Automamen revidieren, die, weil ver 
schiedenen Nationen angehörig, dem Setzer die größten Sehwierif^ 
keiten zu bereiten pflegen. Manchen fremd klingenden J^amen 
finde ich wirklich nocli zu korrigieren, aber einen einzigen l^amen 



VL VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 127 

hat merkwürdigerweise der Setzer gegen mein. Manuskript 
verbessert, und zwar mit vollem Hechte. Ich hatte nämlich 
Buekrhard gesclirieben, während der Setzer Burckhard 
erriet. Ich hatte die Abhandlung eines Geburtshelfers über den 
Einfluß der Geburt aui die Entstehung der Kinderlähmungen 
selbst als verdienstlich gelobt, wüßte auch nichts gegen deren 
Autor zu sagen, aber den gleichen Namen wie er trägt auch ein 
Schriftsteller in Wien, der mich durch eine unverständige Kritik 
über meine „Traiundeutung" geärgert hat- Es ist gerade so, als 
hätte ich mir bei der Niederschrift des Namens Burckhard, 
der den Geburtshelfer bezeichnete, etwas Arges über den anderen 
B-, den Sehriftsteller, gedacht, denn Namenverdrehen bedeutet 
häufig genug, wie ich schon beim Versprechen erwähnt habe, 

Schmähung *■ 

c) Diese Behauptung wird selir schön dxirch eine Selbstbeol)- 
aclitung von A. J. Storfer bekräftigt, in welcher der Autor 
" mit rühmenswesrter Offenheit die Motive klarlegt, die ihn den 
Namen eines vermeintlichen Konkurrenten falsch erinnern und 
dann entstellt niederschreiben hießen (Internat. Zeitschrift für 
Psychoanalyse, II, 1914). 

„Eine hartnäckige Namenverunglimpfung. 
Im Dezember 1910 sah ich im Schaufenster einer Züricher 
Buchhandlung das damals neue Buch von Dr. Eduard Hitsch- 
mann über die Freudsche Neurosenlehre. Ich arbeitete damals 

* Vgl. etwa die Stelle im Julius Oä.sar III, 3: 

Cinna. Ehrlich, mein Name ist CinniL 

Bürger. Beißt ihn in Stücke! er ist ein Verschworener. 

Cinna. Ich bin Cinna, der PoetI Ich bin nicht Cinna der Ver- 

»chworene. 
^ Bürger. Es tut njclita ; sein Name ist Ciona, reißt ihm den Namen 

aus dem Herzen uad laßt ihn laufen. '- 



128 - VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



X 



gerade am Manuskript eines Vortrags, den ich demnächst in einw 
akademischen Verein über die Grundzüge der Freudschen Ps-yckfr 
logie halten sollte. In der damals schon nieder geschrie'be»« 
Einleitung des Vortrags hatte ich auf die historische Entwicjrliiif 
der Freudschen Psychologie aus FoTschungen auf einem an» 
wandten Gebiete, auf gewisse, daraus folgende Schwierigkeit« 
einer zusammenfassenden Darstellung der Grundzüge hinpe 
wiesen, und darauf, daß noch keine allgemeine Darstcllujj„ bt 
st«he- Als ich das Buch (des mir bis dahin unbekannten Autor?' 
im Schaufenster sah, dachte ich 2unächst nicht daran, ^s Jt 
kaufen. Einige Tage nachher beschloß ich aber, es z\x tu» 
Das Buch war nicht mehr im Schaufenster. Ich nannte de» 
Buchhändler das vor kurzem erschienene Buch ; als Autor uann* 
ich ,Dr. Eduard Hartmann'. Der Buchhändler verbessert»: 
,Sie meinen wohl Hitschmann', und brachte mir das länch. 

Das unbewußte Motiv der Fehlleistung war naheliegend. U. 
hatte es mir gewissermaßen zum Verdienst angerechnet, di« 
Grundzüge der psychoanalytischen Lehren zusammengefaßt n 
haben und habe offenbar das Buch Hitschmanns als Hiadewr 
meines Verdienstes mit Neid und Ärger angesehen. Die Abänd.^ 
rung des Namens sei ein Akt der unbewußten Feindseligteil- 
sagtß ich mir nach der .Psychopathologie des Alltags'. mü 
dieser Erklärung gab ich mich damals zufrieden. 

Einige Wochen später notierte ich mir jene Fehlleistung, ^ 
dieser Gelegenheit warf ich auch die Frage auf, waruji^ iok 
Eduard Hitsehmann gerade in Eduard Hartmann umgeändert 
hatte. Sollte mich bloß die Namensähnlichkeit auf den iM'aro« 
des bekannten Philosophen geführt haben? Meine erste 4^0- 
ziation war die Erinnerung" an einen Ausspruch, den ich einmsl 
von Professor Hugo Meltzl, einem begeisterten Schopenhauer 
Verehrer, gehört hatte und der ungefähr so lautete: ,Jldnard 



i 



p 



VI. VERLESEN TIND VEESCHREIBEN. jgg 



V. Hartmann ist der verhimzte, der auf seine linke Seite umge- 
stülpte Schopeniiauer'. Die affektive Tendenz, durch die das 
Ereatzgetilde für den vergessenen ^Tarnen determiniert war, war 
alßo : ,Ach, an diesem Hitschmann und seiner zusammenfassenden 
Dai-stellmig- wird wohl nicht viel daran Fein; er verhält sich 
wohl zu Freud wie Hai-tmann zu Schopenliauer.' 

Ich hatte also diesen Fall eines determinierten Vergessens 
mit Ersatzeinfall niedergeschrieben. 

Nach einem halben Jahre kam mir das Blatt, auf dem ich 
die Aufzeichnung gemacht hatte, in die Hand. Da bemerkte ich, 
daß ich statt Hitschmann durchwegs Hintschmann geschrieben 
hatte." 

d) Ein anscheineiif] ernsterer Fall von Verschreiben, den ich 
vielleicht mit ebensoviel Becht dem „Vergreifen" einordnen 
tonnte: Icli habe die Absicht, mir aus der Postsparkasse die 
Summe von 300 Kronen kommen, zu lassen, die ich einem zum 
Kurgebrauch abwesenden Verwandten scJiicken will- Ich be- 
merke dabei, daß meia Konto auf 4380 K lautet und nehme mii' 
vor, es jetzt auf die runde Summe von 4000 K herunterzusetzen, 
die in dei- näclisten Zeit nicht angegriffen werden soll- Nachdem 
ich den Scheck ordjiiungsmäßig ausgeschrieben und die der Zahl 
entsprechenden Ziffern ausgeschnitten habe, merke ich plötzlich, 
daß ich nicht 380 K., wie ich wollte, sondern gerade 438 bestellt 
habe, und erschrecke über die TJnzuverlässigkeit meines Tuns. 
Den Schreck erkenne ich bald als unberechtigt ; ich bin ja jetzt 
nicht ärmer geworden, als ich vorJior war. Aber ich muß eine 
ganze Weile darüber naclisinnen, welcher Einfluß hier meine erste 
Intention gestört hat, ohne sich meinem Bewußtsein anzukün- 
digen. Ich gerate zuerst auf falsche "VVege, will die beiden 
Zahlen, 380 und 438, voneinander abziehen, weiß aber dann 
nicht, was ich mit der Differenz anfangen soll. Endlich zeigt 



130 VI. VEELE9EN UND VERi?CHRETREN. 

mir ein plötzliclier Einfall den wahren Zusammenhang. 438 ent- 
spricht ja zehn Prozent des ganzen Kontos von 4380 K*. 
10 o/o ßahatt hat man aber beim Buchhändler. Ich besinne 
mich, daß ich vor wenigen Tagen eine Anzahl medizinischer 
Werke, die ihr Interesse für mich verloren haben, ausgesTicht. 
um sie dem Buchhändler gerade für 300 K anzubieten. Er fand 
die Forderung zu hoch und versprach, in den nä^shsten Tagen 
endgültige Antwort zu sagen- AVenn er mein Angebot annimmt, 
so hat er mir gerade die Summe ersetzt, welche ich für <Jen 
Kranken verausgaben soll. Es ist nicht zu verkennen, daß. es 
mir um diese Ausgabe leid tut. Der Affekt bei der Walinxeh- 
mung meines Irrtums läßt sieh besser ver.'^t-ehen als Furcht, durch 
solche Ausgaben arm zu wei'den. Aber beides, das Bedauern 
wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte ^'^era^nungsan^st- 
ßind meinem Bewußtsein völlig fremd; ich habe das Bedauern 
nicht verspürt, als ich jene Summe zusagte, und fände die Moti- 
vierung desselben lächerlich. Ich würde mir eine solche Eegunj 
wahrscheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich nicht durch die 
llbung in Psychoanalysen bei Patienten mit dem Verdrängten 
im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, und wenn ich nicht vor 
einigen Tagen einen Traum gehabt hätte, welcher die nämlich« 
Lösung erforderte*. 

e) Nach AV- St ekel zitiere ich folgenden Fall, für dessen 
r Authentizität ich gleichfalls einstehen kann : „Ein geradezu un- 

[ glaubliches Beispiel im Verschreiben und Verlesen ist in der 

f.- Redaktion eines verbreiteten AVoclienblattes vorgekommen. X)\e 

. Ijetreffende I^itung wurde öffentlich als ,käuflich' bezeichnet; 

* Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Äbhan<H^jjjj. 
„Ober den Traum", Nr. VIII der „Grenzfrag«n des Nerven- und Seelea- 
Jebens", herausgegeben von Löwenfeld und Kurella, 1901, zum Para- 
digma genommen habe. 



ii 



r 



VI. VERLESE?^ UND VEESCHREIBEV. jgj 



es galt, einen Artiltel der Abwehr und Verteidigimg zu schi-eiben. 
Das geschah auch, ~~ mit großer Wärme und großem Pathos. 
Der Chefredakteur des Blattes las den Artikel, der Verfasser 
Belbstverständiich mehrniaia im Manuskript, dann noch im Bür- 
stenabzug, alle waren sehr befriedigt. Plötzlich meldet sich der 
Korrektor und macht auf einen kleinen Fehler aufmerksam, der 
der Aufmerksamkeit aller entgangen war. Dort stand es ja- 
deutUch : Unsere Leser werden uns das Zeugnis ausstellen, daß 
wir immer in' eigennützigster Weise fui- das Wohl der 
Allgemeinheit eingetreten sind. Selbstverständlich sollte es u n. 
eigennützigster Weise heißen. Aber die wahren Gedanken 
brachen mit elementarer Gewalt durch die pathetische Rede." 

f) Einer Leserin des „Pester Lloyd", Prau Kata Levy in 
Budapest, ist kürzlich eine ähnlich unbeabsichtigte Aufrichtig- 
keit in einer Äußerung aufgefallen, die sieh das Blatt am 11. Ok-, 
tober 1918 aus Wien hatte telegraphieren lassen: 

„Als zweifellos darf auf Grund des absoluten Vertrauens- 
verhältnisses, das während des ganzen Krieges zwischen uns und 
dem deutschen Verbündeten geherrscht hat, vorausgesetzt werden, 
daß die beiden' Mächte in jedem Falle zu einer einmütigen Ent- 
schließung gelangen würden. Es ist überflüssig, noch ausdrück- 
lich zu erwähnen, daß auch in der gegenwärtigen Pliase ein reges 
und lückenhaftes Zusammenarbeiten der vei'bündeten Di- 
plomatien stattfindet." 

Nur wenige Wochen später konnte man sich über dieses 
„ Vertrauens verhältcQis" freimütiger äußern, brauchte man nicht 
mehr zum Verschreiben (oder Verdrucken) zu flücliten. 

g) Ein Arzt hat ein Kind imteraucht und schreibt nun ein 
Rezept für dasselbe nieder, in. welchem Aleohol vorkommt- Die 
Mutter belästigt ihn während dieser Tätigkeit mit törichten und 
überflüssigen Prägen. Er nimmt sich innerlich fest vor, sich jetzt 

9* 



132 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



darü"ber niclit zu ärgern, führt diesen Vorsatz auch durch, hat 
eich aber wähi-eud der Störung verschrieben. Auf dem Rezept 
steht anstatt Alcohol zu lesen Achol*- 

Der stofflichen Verwandtschaft wegen reihe ich hier einen 
Fall an, den E- Jones von A, A. Brill berichtet. Letzterer 
hatte sich, obwohl sonst völlig abstinent, von einem Freunde ver- 
leiten lassen, etwas "Wein zu trinken. Am nächsten Morgen gab 
ihm ein heftiger Kopfschmerz Anlaß, diese Nachgiebigkeit zu 
bedauern. Er hatte den Namen einer Patientin niederzuschreiben. 
die Ethel hieß, und schrieb anstatt dessen Ethyl**. Es kam 
dabei wohl auch in Betracht, daß die betreffende Dame selbst 
mehr zu trinken pflegte, als ihr gut tat. 

Da ein Verschreiben des Arztes beim Eezeptieren eine Be- 
deutung beansprucht, die weit über den sonstigen praktischen 
"Wert der Fehlleistungen hinausgeht, bediene ich mich des An- 
lasses, um die einzige bis jetzt publizierte Analyse von solchem 
äi-ztUchen Veirschxeiben ausführlich mitzuteilen (Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913). 



Ein wiederholter Fall von Verachreiben bei der 

Rezeptierung. 

Von Dr. Ed. Hitschmann. 

„Ein Kollege erzählte mir, es sei ihm im Laufe der Jahr« 
mehrmals passiert, daß er sieh beim Verschreiben eines be- 
stimmten Medikaments für weibliehe Patienten vorgeschi'itt-enen 
Alters irrte- Zweimal verschrieb er die zehnfache Dosis xxoA 
mußte nachher, da ihm dies plötzlich einfiel, unter größter 
Angst, der Patientin, geschadet zu haben und selbst in größte 



* Etu-a: Keine Galle. 

*"■' Äthylalkohol. 



r 



» 



"V'I. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. [oo 



Unannelunliclikeit zu kommen, eiligst die Zurückziehung des He- 
zeptß anstreben. Diese sonderbare Symptomhandlung verdient 
durch genauere Darstellung der einzelnen Fälle und durch Ana- 
lyse klargelegt zu werden. 

1. Fall: Der Arzt verschreibt einer an der Schwelle des 
Greisenaltcrs stehenden armen Frau g-egen spastische Obstipation 
zehnfach zu starke Belladonna-Zäpfchen. Er verläßt das Ambu- 
latorium und etwa ©ine Stunde später fällt ihm zu Hause, während 
er Zeitung liest und frühstückt, plötzlich sein Irrtum ein; es über- 
fällt ihn Angst, er eilt zunäclist ins Ambulatorium zurück, um 
die Adresse der Patientin zu requirieren, und von dort in ihre 
weit entlegene Wohnung. Er findet das alte Weiblein noch mit 
unausgeführtem Eezept, worüber er höchst erfreut und beruhigt 
heimkehrt. Er entschuldigt sich vor sich selbst niclit ohne Be- 
rechtigung damit, daß ihm der gesprächige Chef der Ambulanz 
während der Rezeptur über die Schulter geschaut und ihn ge- 
stört hatte. 

2. Fall : Der Arzt muß sich aus seiner Ordination von einer 
koketten und pikant schönen Patientin losreißen, um' ein älteres 
Fräulein ärztlich aufzusuchen. Er benützt ein Automobil, da er 
nicht viel Zeit für diesen Besuch übrig hat; denn er soll um eine 
bestimm to Stunde, nahe von ihrer "Wohnung, ein geliebtes junges 
Mädchen heijnlich treffen. Auch hier ergibt sich die Indikation 
für Belladonna wegen analoger Besclxwerden wie im ersten Falle. 
Es wird wieder der Fehler begangen, das Medikament zehnfach 
zu stark zu rezeptieren. Die Patientin bringt einiges nicht zum 
Gegenstand gehörige Interessante vor, der Arzt aber verrät Un- 
geduld, wenn er sie auch mit Worten verleugnet, und verläßt die 
Patientin, so daß er reichlich zurecht zum Rendezvous erscheint. 
Etwa zwölf Stunden nachher, gegen sieben Uhr morgens, erwacht 
der Arzt ; der Einfall seines Verschreibens und Angst treten fast 



\ 



134 VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



.gleichzeitig in sein Bewußtsein, und er sendet rasch zu der Kran- 
ken, in der Hoffmuig. daß das Medikament noch nicht aus der 
Apotheke geholt sei, und hittet um Rückstellung des .Rezepts, 
um es zu revidieren. Er erhält jedoch das bereits ausgefüi^.^^ 
Eezept zurück und begibt sich mit einer gewissen stoischen. Re- 
eignation und dem Optimismus des Erfahrenen in die Apotheke, 
wo ihn der Provisor damit beruhigt, daß er selbstverstäii.d.lich 
(oder vielleicht auch durch ein Versehen?) das Medikament in 
einer geringeren Dosis verabreiclit habe- 

3. Fall : Der Arzt will seiner greisen Tunte, Schwester seiner 
Mutter, die Mischung von Tinct. belladonnae und Tinot. opü j^ 
harmloser Dosis verschreiben. Das Rezept wird sofort durch das 
Mädchen in die Apotheke getragen. Ganz kurze Zeit später 
fällt dem Arzt ein, daß er anstatt tinciura ,extraetum' geschrie- 
ben habe, und gleich darauf telephoniert der Apotheker, i&her 
diesen Irrtum interpellierend. Der Arzt entschuldigt sich mii 
der erlogenen Ausrede, er hätte das Rezept noch nicht voUenclet 
gehabt, es sei ihm diirch die unerwartet rasche AVcgnehinuiis 
des Rezepts vom Tische die Schuld abgenommen. 
^. IJift auffällig gemeinsamen Punkte dieser drei Irrtümer in 

der Verschreibung sind darin gelegen, daß es dem Arzte jxMr hei 
diesem einen Medikament bisher passiert ist, daß es sieh jede«- 
'f- mal um eine weibliche Patientin im vorgeschrittenen Alter han- 

delte xuid daß die Dosis immer zu stark war. Bei der kuraen 
Analyse stellte sich heraus, daß das Verhältnis des Arztes i\a 
Jfutter von entscheidender Pedeutung sein mußte. Es fiel ih» 
nämlich ein, daß er einmal — und zwar höchst wahrscheinUck 
pV vor diesen Symptomhandlungen — seiner gleichfalls greisen 

r. : . ' ■ Mutter dasselbe Rezept verschrieben hatte, und zwar i^j^ ^^^ 

Dosis von 003, obwohl die gewöhnliche 002 ihm geläufigst -war, _^ 
um ihr radikal zu liclfen, wie er sich dachte. Die Reaktion d«r 



i^ 



^ 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. jqk 



zarten Mutter auf dieses Medikament war Kopfkongestion und 
unangenehme Trockenheit im Rachen. Sie beklagte sieh dar- 
über mit einer halb scherzhaften Anspielung auf die gefährlichen 
Ordinationen, die von einem Sohne ausgehen können. Auch sonst 
hat die Mutter, übrigens Arztes tochter, gegen gelegentlich vom 
ärztlichen Sohne empfohlene :Medikamente ähnlich ablehnende, 
halb scherzhafte Einwendungen erhoben und vom Vergiften ge- 
sprochen. 

Soweit Ecferent die Beziehungen dieses Sohnes zu seiner 
Afutter durchschaut, ist er zwar ein instinktiv liebevolles Kind, 
aber in der geistigen Schätzung der Mutter und im persönlichen 
Respekt keineswegs übertrieben. Mit dem um ein Jahr jüngeren 
Bruder und der Mutter in gemeinsamem Haushalt lebend, emp- 
findet er dieses Zusammensein seit Jahren für seine erotische 
Freiheit als Hemmung, wobei wir allerdings aus psychoanalyti- 
scher Erfalu'ung wissen, daß. solche Begründungen zum Vorwand 
für inneres Gebundensein gern mißbraucht werden. Der Arzt 
akzeptierte die Analyse unter ziemlicher Befriedigung über die 
Aufklärung und meinte lächelnd, das "Wort Belladonna -= schöne 
l'Vau, könnte auch eine erotische Beziehung bedeuten. Er hat 
das Mexlikament früher gelegentlich auch selbst verwendet." 

Ich möchte urteilen, daß solche ernsthafte Fehlleistungen 
auf keinem anderen Wege zu stände kommen als die harmlosen, 
die wir sonst untersuchen. 

iij "Für ganz boj?ondcrs harmlos wird man das nachstehende, 
von S. Ferenczi berichtete Verschreiben halten. Man k'ami 
eß als Verdi chtiuigsleistung infolge von Ungeduld deuten (vgl. 
da* Versprechen: Der Apf e, S. 67) und wird diese Auffassung 
verteidigen dürfen, bis uicht etwa eine eingehende Analyse des 
Vorfalle ein stärkeres störendes Moment nachgewiesen hätte: 



^3g VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



„Hiezu paßt die Anektode" — schreibe ick ^in^^ 
in mein Notizbuch. NatürUch meinte ich Anekdote, i^ad 
zwar von einem zu Tode vemrfceilten Zigeuner, der sict die 
Gnade erbat, selber den Baum zu wählen, auf den er gehangt 
werden soll. (Er fand trotz eifrigsten Suchens keinen passenden 
Baum.) _ ,. 

i) Andere Male kann im Gegensatz hiezu der unscheinbarste 
Schreibfehler gefährlichen geheimen Sinn zum Ausdi'uck brin- 
gen- Ein Anonymus berichtet: ■ ^ ■ 

„Ich schließe einen Brief mit den Worten: .Herzlichste 
Grüße an Ihre Frau Gemahlin und ihren Sohn.' Knapp bevor 
ich das Blatt ins Kuvert stecke, bemerke ich den Irrtum im 
Anfangsbuchstaben bei ,ihrcn Sohn' und verbessere ihn. Auf 
dem Heimweg von dem letzten Besuche bei diesem Ehepaar batt« 
meine Begleiterin bemerkt, der Sohn sehe einem Hausfreund 
frappant ähnlich und sei auch sicher sein Kind." 

j) Eine Dame richtet an ihre Schwester einlg-e begltick- 
wünschende Zeilen zum Einzug in deren neue und geräuiaige 
Wohnung. Eine dabei anwesende Freundin bemerkt, daß, ^i^ 
Sehreiberin eine falsche Adresse auf den Brief gesetzt hat, und 
zwar nicht die der eben verlassenen AVohnung. sondern die der 
ersten, längst aufgegebenen, welche die Schwester als eben ver- 
heiratete Frau bezogen hatte- Sie macht die Schreiberin darauf 
aufmerksam. Sie haben Recht, muß diese zugeben, aber -«ie 
komme ich darauf? AVarum habe ich das getan? Die Freundin 
meint: "Wahrscheinlich gönnen Sie ihr die schöne große Wohnung 
nicht, die sie jetzt bekommen soll, während Sie sich selbst im 
Raum beengt fühlen, und versetzen sie darum in die erste ^Voh- 
nung zurück, in dei- sie es auch nicht besser hatte. — G«-wiß 
görnie ich ihr die neue Wohnung nicht, gesteht die andere ebrlici 



'taik. 



VI. VERLESEN tJND VERSCHREIBEN. 



13T 



ZU- Sie setzt daiüi fort: "Wie schade, daß man ])ei diesen Dingen 
immer so gemein' ist ! . . ;- 

li) E. Jones teilt folgendes, ihm von A- A. Brill über- 
laßsene Beispiel von VerschreiSen mit: Ein Patient richtete an 
Dr. Brill ein Schreiben, in welchem er sich bemühte, seine 
Nervosität auf die Sor^e und Erregung über den Geschäftsgang 
während einer Baumwollkrise zurückzuführen. In diesem Sehrei- 
ben hieß es: my trouble is all duc to that damned frigid wave; 
there is'nt even any seed. Er meinte mit „wave" natürlich eine 
Welle, Strömung auf dem Geldmarkt; in "Wirklichkeit sclirieb 
er aber nicht wave, sondern wife. Auf dem Grunde seines Her- 
zens ruhten. Vorwürfe gegen seine Frau, wegen ihrer ehelichen 
Kälte und ihrer Kinderlosigkeit, und er war nicht weit entfernt 
von der Erkenntnis, daß die ihm aufgezwungene Entbehrung 
einen großen Anteil an der Verursachung seines Leidens habe. 

l) Dr. ß. "Wagner erzählt von sich im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 12 : 

„Beim Durchlesen eines alten Kollegienheftes fand ich, daß 
mir in der Geschwindigkeit des Mitschreibens ein kleiner Lapsus 
unterlaufen war. Statt , Epithel' hatte ich nämlich ,Edither 
geschrieben. Mit Betonung der ersten Silbe gibt das das. Dimi- 
nutiv um eines Mädchennamens. Die retrospektive Analyse ist 
einfach genug. Zur Zeit des Verschreibens war die Bekanntschaft 
zwischen mir und der Trägerin dieses Namens nur eine ganz ober- 
flächliche, und erst viel später wurde daraus ein intimer Verkehr. 
Dae Verschreiben ist also ein hübscher Beweis für den Dui'ch- 
bruch der unbewußten Neigung zu einer Zeit, wo ich selbst 
eigentlich davon noch keine Ahnung hatte, und die gewählte 
Form des Dirainutivums charaki^erisiert gleichzeitig die beglei- 
tenden Gefühle." . . - 



jgg • VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 

m) Frau Dr. v. Hug- Hellmuth, Beiträge zum Kapital 
„Verschreib&n und Verlesen", Zenü'albl. t Psychoanalyse, H, 5: 

„Ein Arzt verordnet einer Patientin Levitico- statt 
Levicowasser. Dieser Irrtum, der einem Apotheker -wiU. 
kommenen Anlaß zu abfälligen Bemerkungen gegeben hatte, 
kann leicht einer milderen Auffassung begegnen, wenn man nach 
den möglichen Beweggründen aus dem Unbewußten forscht und 
ihnen, sind sie auch nur subjektive Annahme eines diesem Ai'zte 
Ferastehendon, eine gewisse Wahrsclieinlichkeit nicht von vorn- 
herein abspricht: Dieser Arzt erfreute sich, trotzdem er sein« 
Patienten, ihre wenig rationelle Ernährung in ziemlich derhen 
"Woi-ten vorhielt, ihnen sozusagen die Leviten las, starken Zu- 
spruchs, so daß sein Wai-tezimmer vor und in der Ordinations- 
stunde dickt besetzt war, was den Wunsch des Arztes brecht- 
fei-tigte, das Ankleiden der absolvierten Patienten möge sich 
möglichst rasch, vite, vite vollziehen Wie ich mich riehtis 
zu erinnern glaubte, war seine Gattin aus Frankreich gebtirti^- 
was die etwas kühn scheinende Annahme, daßj er sich bei seinem 
AVunsche nach größerer Geschwindigkeit seiner Patienten gerade" 
der französischen Sprache bediente, einigermaßen rcchtforti«yt- 
Übrigens ist es eine bei vielen Personen anzutreffende Gewohn- 
heit, sole]i Icleinen AVünschen in fremder Spi'ache AA^orte zu ver 
leilien, wie mein eigener A'ater uns IClndei- bei Spaziergjtij^B 
gern durch den Zuruf .Avanti gioventiV oder ,Marchez au -näis- 
zui' Eile drängte, dagegen wieder ein schon recht bejahrter Ar»U 
bei dem ich als junges Mädchen wegen eines Halsübels ijj g^. 
handlung stand, meine ihm allzu raschen Bewegungen duni 
ein beschwichtigendes ,Piano, piano' zu hemmen suchte, g^ ^^ 
scheint es mir recht g-ut denkbar, daß auch jener Arzt dieser 
Gewohnheit huldigte; und so .verschreibt' er Lftvitico- — . ^^.^^ 
Levicowasser." 



^amm 



VI. VERLESEN U^^D VERSCHREIBEN. ^gg 

Andere Beispiele aus der Jiigenderiinierimg' der Verfasserin 
el>endaselbst (frazösiscli statt französisch — Verschi'eiben des 
Namens K a r 1). 

Auslassungen im Schreiben haben natürlich Anspruch auf 
dieselbe Beurteilung wie Verschreibungen. Im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 12, hat Jur. Dr. B- Dattner ein merkwür- 
diges Beispiel einer „historischen Fehlleistung" mitgeteilt. In 
einem der Gesetzesartihel über finanzielle Verpflichtungen der 
beiden Staaten, welche in dem Ausgleich zwischen Österreich 
und Ungarn im Jahre 1867 vereinbart wurden, ist das Wort ■ 
effektiv in der ungarischen Übersetzung weggeblieben, und 
Dattner macht es wahrscheinlicli. daß die unbewußte Strö- 
mung der ungarischen Gesctzesredaktoron, Osterreich möglichst 
wenig Vorteile zuzugestehen, an dieser Auslassung beteiligt ge- 
wesen sei. 

Wir haben auch allen Grund anzunehmen, daß die so hau 
figen Wiederholungen derselben AVoi-te beim Schreiben und Ab- 
schreiben — Perseverationen — gleichfalls nicht bedeutungslos 
sind. Setzt der Schreiber dasselbe AA^'ort, das er bereits ge- 
schrieben' Hat, noch ein zweites Mal hin, so zeigt er damit wohl, 
daß er von diesem Worte nicht so leicht losgekommen ist, daß er 
an dieser Stelle mehr hätte äußern können, was er aber unter- 
lassen hat, oder ähnliches. Die Perseveration beim Abschi-eiben 
scheint die Äußeining eines „auch, auch ich" zu ersetzen. Ich 
habe lange geiichläärztliche Gutachten in der Hand gehabt, 
welche Perseverationen von .seilen des Abschreibers an besonders 
ausgezeichneten Stellen aufwiesen, und hätte sie gern so ge- 
deutet, als ob der seiner unpersönlichen Rolle Überdrüssige die 
k Glosse einfügen würde: Ganz mein Fall, oder ganz so wie 
bei omis. .. ■ - ^ .-, 



1 



140 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. 



Eb steht femer nichts im Wege, die Dmckfehler a-ls „Ver 
schjeibuu^n'* des Setzers zu. behandeln und sie als größten-teQä 
motiviert aufzufassen. Eine systematische Sammlung Solcher 
Fehlleistungen, die recht amüsant und lehrreich ausfallen feöimte, 
habe ich nicht angelegt. Jones hat in seiner hier mehrfadi 
erwähnten Arbeit den „Miaprints" einen besonderen Absatz ge- 
Avidmet. Gelegentlich sind von Anderen Druckfehler aufgezeigt 
worden, denen man eine Tendenz nicht leicht streitig machen 
kann, so von Storfer (im Zentralblatt für Psychoanalyse, H, 
1914: „Der politische Druckfehlerteufel") und ibid. III, 1925. 
die kleine Notiz, die ich hier abdrucke: 

,,Ein; politischer Druckfehler 

findet sich in der Kümmer des ,]März' vom 25. April d. J, j^ 
einem Briefe aus Argyrokastroü werden Äußerungen von Zo- 
graphos, dem Eührer der aufstäaidischen Epiroten in Albanien 
(oder wenn man will : dem Präsidenten der unabhängigen Regie- 
rung des Epirus) wiedergegeben. U. a- heißt es : »Glauben Sie 
mir; ein autonomer Epii-us läge im ureigensten Interesse des 
Eüi-sten AVied. Auf ihn könnte er sich stürzen...' Daß die 
Annahme der Stütze, die ihm die Epiroten anbieten, seines 
Sturz bedeuten würde, weiß wohl der Fürst von Al- 
banien auch ohne jenen fatalen Druckfehler." (Mitgeteilt voB 
A. J. Storfer.) 

Ich las selbst vor kurzem in einer unserer Wiener Tages- 
zeitungen einen Aufsatz „die Bukowina unter rumänisclxer 
Herrschaft", dessen Überschrift man zum mindesten als verfrüht 
erklären diu-fte, denn damals hatten sich die Rumänen noch Jiichl 
zu ihrer Eeindseligkeit bekannt. Es hätte nach dem Inhalt un- 
zweifelhaft russisch anstatt rumänisch lieißen müssen, a|,gj 



^.. 



r 



VI. VERLESEN UND VEBSCHEEIBEN. 24^ 

auch dem Zensor scheint die Zusammenstellung so wenig befrem- 
dend gewesen zu sein, daß. er selbst diesen Druckfehler 
übersah. 

"Wundt gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht 
zu bestätigende Tatsache, daß wir uns leichter vei'schreiben als 
vereprechen (1. c S. 374.). „Im Verlaufe der normalen Rede ist 
fortwährend die Hemmungsfunhtion des AVillens dahin gerichtet, 
Vorstellungsverlauf und Artikuiationsbewegung miteinander in 
Einklang zu bringen. "Wird die den Vorstellungen folgende AuS' 
druckshewegung durch mechanische Ursachen verlangsamt wie 
beim Schreiben . . . , so treten daher solche Antizipationen be- 
sonders leicht ein." 

Die Beobachtung der BetUnguugen. unter denen das Verldsen 
auftritt, gibt Anlaß zu einem Zweifel, den ich nicht unenvälmt 
lassen möchte, weil er nacli meiner Schätzung der Ausgangspunkt 
einer fruchtbaren Untersucliung werden kann. Es ist jedermann 
bekannt, wie häufig heim Vorlesen die Aufmerksamkeit des 
Lesenden den Text verläßt und sich eigenen Gedanken zuwendet. 
Die Folge dieses Abschweifens der Aufmerksamkeit ist nicht 
selten, daß er überhaupt nicht anzugeben weiß, was er gelesen 
hat, wenn man ihn im Vorlesen unterbricht und befragt. Er hat 
dann wie automatisch gelesen, aber er hat fa^t immer richtig 
vorgelesen. Ich glaube nicht, daß die Lesefehler sich unter 
solchen Bedingungen merklich vermehren. Von eiaer ganzen 
Reihe von Funktionen sind wir auch gewohnt anzunehmen, daß 
sie automatisch, also von kaum bewußter Aufmerksamkeit be- 
gleitet, am exaktesten vollzogen werden. Daraus scheint zu 
folgen, daß die Aufmerksamkeitsbedingung der Sprech-, Lese- 
und Schreibfehler andei-s zu bestimmen ist, als sie bei Wundt 
lautet ("Wegfall oder Nachlaß der Aufmerksamkeit). Die Bei- 
gpiele, die wir der Analyse unterzogen haben, gaben uns eigent- 



142 



VI. VERLESEN UND VEKSCHEEIBEN. 



lieh nicht das Recht, eine quantitative Verminderung der Auf- 
merksamkeit anzunehmen; wir fanden, was vielleicht nicht gani 
dasselbe ist, eine Störung der Aufmerksamkeit durch einen 
fremden, Anspruch erhebenden Gedanken *. 

* Zwischen ,, Verschreiben" und „Vergessen" darf man den Fall ei& 
schalten, daß jemand eine Unterschrift anzubringen vergißt. Ein nicht 
unterschriebener Scheck ist soviel wie ein vergessener. Für die Bedeutung 
eines solchen Vergessens will ich eine Stelle aus einem Roman anfüliren. 
die Dr. H, Sachs aufgefallen ist: 

,,Ein sehr lehrreiches und durchsichtiges Beispiel, mit welcher 
Sicherheit die Dichter den Mechanismus der Fehl- und Symptomhaudlung.eß 
im Sinne der Psychoanalyse zu verwenden wissen, enthält der Roman von 
John Oalsworthy: ,The Island Pharisees.' Im Mittelpunkte steht das 
Schwanken eines jungen Mannes, der dem reichen Mittelstand angehört, 
Jimschen tiefem, sozialen Mitgefühl und den gesellschaftlichen Konvea- 
tionen seiner Klasse. Im XXVI. Kapitel wird geschildert wie er a«i 
einen Brief eines jungen Vag-abunden reagiert, den er, durch seine origi- 
nelle Lebensauffassung angezogen, einigemal unterstützt hatte. Der Brief 
enthält keine direkte Bitte um Geld, aber die Schilderung einer großen 
Notlage, dia keine andere Deutung zuläßt. Der Empfänger weist zunäcJisE 
den Gedanken von sich, das Geld an einen Unverbesserlichen wegzuwerfei, 
statt damit wohIU=Ltig6 Anstalten zu unterstützen. .Eine helfende Haad 
ein Stück von sich selbst, ein kameradschaftliches Nicken einem Mit' 
geschöpf m geben, ohne Rücksicht auf einen Anspruch, nur weil eg n,^ 
oben schlecht ging, welch ein sentimentaler Unsinnl Irgendwo muß der 
Scheidestrich gezogen werdenl' Aber während er diese Schlußfolgerung 
vor sich hinmurmelte, fühlte er, wie seine Aufrichtigkeit Einspmch erhob- 
,Schwindler! Du willst dein Geld behalten, das ist alles!'" 

Er schreibt daraufhin einen freundlichen Brief, der mit den "Wort^ 
endigt; „Ich achließe einen Scheck bei. Aufrichtig Ihr Ricliard Shel ton.- 

„Bevor er noch den Scheck geschrieben hatte, lenkte eine Motte 
die um dio Kerze schwirrte, seine Aufmerksamkeit ab; er ging daiaa, sj' 
zu Üangen und im Freien loszulassen, darüber vergaß er aber, daß ft 
Scheck nicht in den Brief eingeschlassen -war." Der Brief wird auch Tvipt 
lich, so wie er ist, befördert. ^ 



VI. VERLESEN UND VERSCHREIBEN. j^g 

Das Vergessen ist alier noch feiner motiviert als durch die Durch- 
ebtznng der echeinbar überwundenen selbst-süohUgen Tendenz, sich die 
Aasgabe zu erspareü, 

Shelt on fülilt sicli auf dem Landsitz seiner k:ünftig-en Schwieger- 
©Itera mitten zwischen seiner Br<Lut, ihrer i'amilie und deren Gästen ver- 
einsamt; durch seine Tehlhaudluno- wird angedeutet, daU er sich nach 
seinem Schützling sehnt, der durch seine Vergangenheit und Leben,s- 
auffassung den vollsten Gegensatz zu der ihn umgebenden tadellosen. 
oach ein und derselben Konvention gleichförmig abgeateni] elten Umgebung 
bildet. Tatsächlich kommt dieser, der ohne die Unterstützung sich auf 
seinem Posten nicht mehr halten kann, einige Tage na<>hher an, um sich 
Aufklärung über die firiinde der Abwesenhpif- des angekündigten Schecks 
2u verschaffen," 



-■ -Jli"-- 



VII. 



VERGESSEN VON EINDliÜCKEN UND V0RSÄT2EN- 

"Wenn jemand geneigt sein sollt«, den Stand unserer gegen- 
wärtigen Kenntnis vom Seelenleben zu überschätzen, so braucht* 
man ihn nur an die GedächtnistunJction zu mahnen, um ihn 2ur 
Bescheidenheit zu zwingen. Keine psychologische Theorie hat es 
noch vermocht, von dem fundamentalen Pliünomen des Eriim^mj 
und Vergesseitö im Zusammenhange Kechenscliaf t zu geben ; ja. 
die vollständige Zergliederung dessen, was man als tatsächlich be- 
obachten kami, ist noch kaum in Angriff genommen. Vielleicht 
ist uns heute das Vergessen rätselhafter geworden als das Eria- 
nem, seitdem uns das Studium des Traumes und pathologisch« 
Ereignisse gelehrt hat, daß auch das plötzlich wieder im ßg. 
wußtseiu auftauchen kann, was wir für längst vergessen ge- 
schätzt haben. 

Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichts- 
punkte, für welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. "Wjj 
nehmen an, daß das Vergessen ein spontaner 'N^'organg ist, de» 
man einen gewissen zeitlichen Ablauf zuschreiben kann. "Vfü- 
heben hervor, daß beim Vergessen eine gewisse Auswahl untor 
den dargebotenen Eindi'ücken stattfindet und ebenso unter d« 
Einzelheiten eines jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir kenn« 
eiai'^e dei- Bedingungen für die Haltbarkeit im Gedächtnig ^^ 
für die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen wtirde. Bei 
unzähligen Anlässen im täglichen Leben können wir aVr ^e- 



Vn. VERGESSEN VON KINDitÜCKEN UND VORSÄTZEN. 145 

merken, wie unvollständig und unbefriedigend unseie Erkenntnis 
ist. Man höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam äußere 
Eindrücke empfangen, z. B. eine Reise miteinander gemacht 
haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen austauschen. "Was 
dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der andei-e 
oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre, und zwar ohne daß 
man ein Recht zur Behauptung hättc; der Eindruck sei für den 
einen psychisch bedeutsamer gewesen als für den anderen. Eine 
ganze Anzahl der die Auswahl fürs G-edächtnis bestimmenden 
Momente entzieht sich offenbar noch unserer Kenntnis. 

In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Ver- 
gessens einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, 
in denen mir das Vergessen selbst widerfährt, einer psychologi- 
schen Analyse zu unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel 
nur mit einer gewissen Gruppe dieser Eälle, mit jenen nämlich, 
in denen das Vergessen micli in Erstaunen setzt, weil ich nach 
meiner Erwartung das Betreffende wissen sollte. Ich will noch 
bemerken, daß ich zur Vergeßlichkeit im allgemeinen (für Er- 
lebtes, nicht für Gelerntes!) nicht neige, und daß ich durch 
eine kurze Periode meiner Jugend auch außergewöhnlicher Ge- 
dächtnis leistungen nicht unfähig war. In meiner Schulknaben- 
zeit war es mir selbstverständlich, die Seite des Buches, die ich 
gelesen hatte, auswendig hersagen zu können, und kurz vor der 
Universität war ich im stände, populäre Vorträge wissenschaft- 
lichen Inhalts unmittelbar nachher fast wortgetreu niederzu- 
schreiben. In der Spannung vor dem letzten medizinischen 
Eigorosum muß ich noch Gebrauch von dem Reste dieser Fähig- 
keit gemacht haben, denn ich gab in einigen Gegenständen den 
Prüfern wie automatisch Antworten, die sich getreu mit dem 
Texte des Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur einmal in 
der größten Hast durchflogen hatte. 

Freud, Pii-ulioputbologle dos AIUfljjfBluljeiii. VI. Aufl. " 10 



14H VII. VEKGESSEN VON EINDRÜCKEN UN13 VORSÄTZEN. 






Die Verfügung über den Gedächtnisschatz ist seither bei mir 
immer schlechter geworden, doch habe ich mich bis in die letzt? 
Zeit hinein überzeugt, daß iclv mit Hilfe eines Kunstgriffes weit 
mehr erinnern, kann, alß ich mir sonst zutraue. "Wenn z. ß. ei« 
Patient in der Sprechstunde sich darauf beruft, daß ich ihn schoB 
einmal gesehen habe, und ich mich weder an die Tatsache noch u 
den Zeitpunkt erinnern kann, so helfe ich mir, indem ich rate, d-h- 
mir rasch eine Zahl von Jahren, von der Gegenwart an gerechnet, 
einfallen lasse. "\\'o Aufschreibungen oder die sichere Angabe de« 
Patienten eine Kontrolle meines Einfalls ermöglichen, da zeio-tes 
sich, daß ich selten um mehr als ein Halbjahr bei über zeh> 
Jahren geirrt habe*. Ahnlich, wenn ich einen entfernteren B^ 
kannten treffe, den ich aus Höflichkeit nach seinen kleinen Kin- 
dern frage. Erzählt er von den Forts cliritten derselben, so snelK 
ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt ist, hontroUieK 
durch die Auskunft des Vaters und gehe höchstens um. ein« 
Monai., bei alleren Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ick 
nicht angeben kann, welche Anhaltspunkte ich für diese Schät- 
zung hatte. Ich bin zuletzt so kühn geworden, daß ich meiiK 
Schätzimg immer spontan vorbringe, und laufe dabei nicht G*- 
fa.hr, den Vafer durch die Bloßstellung meiner Unwissenheit 
üljer seinen Sprößling zu kränken. Ich erweitere so mein b^ 
wüßtes Erinnern durch Anrufen meines jedenfalls weit r^^jr 
haltigereu unbewußten Gedächtnisses- 

Ich werde also über auffällige Beispiele von Verg^gg^j, 
die ich zumeist an mir selbst beobachtet, berichten. Ich unt€r 
scheide A'ergessen von Eindrücken und Erlebnissen, also vo» 
"Wissen, imd Vergessen von Vorsätzen, also Unterlassungen. Da; 
einförmige Ergebnis der ganzen Keihe von Beobachtungen JjanR 

* Gewöhnlich pflegen daan im Laufe dor Bespreclmng die fii^u^ 
heiteii des damaligen ersten Ba'üK'hee be\™ßt aufzuLauclien. 



TIT. YERflESSEN VOX KINDKUCKEN tJND VORSITZEN. X47 

ich voranstellen: In allen Fällen erwies sich das Ver- 
gessen als begründet durch ein Unlustmotiv. 

Ä. Vergessen von Eindrücken und Kfinntnissen. 

a) Im Sommer gab mir meine Prau einen an. sich harmlosen 
Anlaß zu heftigem Ärger. "Wir saßea an der Table d'höte einem 
Herrn aus Wien gegenüber, den ich kannte, und der sich wohl 
auch an mich zu erinnern wußte Ich hatte aber meine Gründe, 
die Behanntschafi nicht zu erneuern. Meine Prau, die nur den 
ansehnlichen Namen ihres Gegenüber gehört hatte, verriet zu 
sehr, daß. sie seinem Gespräcli mit den I'Taehbarn zuhörte, denn 
sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit Fragen, die den 
dort gespomiennen Faden aufnahmen. Ich wurde ungeduldig und 
endlich gereizt. Wenige WocJien später führte ich bei einer Ver- 
wandten Klage über dieses Verhalten meiner Frau. leh war aber 
nicht im stände, auch nur ein Wort' von der Unterhaltung jenes 
Herrn zu erinnern- Da ich sonst eher nachtragend bin und keine 
Einzelheit eines Vorfalls, der mich geärgert hat, vergessen kann, 
ist meine Amnesie in diesem Falle wohl durch Rücksichten auf 
die Pei-son der Ehefrau motiviert. Ähnlich erging es mir erst vor 
kurzem wieder. Ich wollte mich gegen einen intim Bekannten 
über eine Äußerung meiner Frau lustig machen, die erst vor 
wenigen Stunden gefallen war, fand mich aber in diesem Vorsatz 
durch den bemerkenswerten Umstand gehindert, daß ich die be- 
treffende Äußerung .spurlos vergessen hatte. Ich mußte erst 
meine Frau bitten, mich an dieselbe zu erinnern. Es ist leicht 
zu vei-stehcn, daß dies mein Vergessen analog, zu fassen ist der 
typischen Urtcilsstönmg, welclior wir unterliegen, wenn es sich 
um unsere nächsten Angehörigen handelt. 

h) Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien an- 
gekommenen Käme eine kleine eiserne Handlrassette zur Auf- 

10- 



148 Vn. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



bcwahrung ihrer Dokumente und Gelder zu besorgen. Als ich 
mich dazu erbot, schwebte inir mit ungewöhnlicher visueller Leb- 
haftigkeit das Bild einer Auslage in der Inneren Stadt vor, in 
welcher ich solche Kassen gesehen haben mußte. Ich konnte Oiich 
zwar an den Namen der Straße nicht erinnern, fühlte mich aber 
sicher, daß ich den Laden auf einem Spaziergang durch die Stadt 
auffinden werde, denn meine Erinnerung sagte mir, daß ich un- 
zähligemal an ihm vorübergegangen sei. Zu meinem Ärger so- 
lang es mir aber nicht, diese Auslage mit den Kassetten aufzu- 
finden, obwohl ich die Innere Stadt nach allen Riehtungen durch- 
streifte- Es blieb mir nichts anderes übrig, meinte ich, als mir 
aus einem Adressenkalender die Kiissenfabrikanten herauszu- 
suchen, um dann auf einem zweiten Rundgang die gesuchte Aus- 
lage zu identifizieren. Es bedurfte aber nicht soviel; unter den 
im Kalender angezeigten Adressen befand sicli eine, die sich 
mir sofort als die vergessene enthüllte. Es war richtig, daß ich 
ungezählte Male an dem Auslagefensler vorübergegangen -wät. 
jedesmal nämlich, wenn ich die Familie M. besucht hatt.©, die 
-- seit langen Jahren in dem nämlichen Hause wohnt. Seitdem 

dieser intime Verkehr einer völligen Entfremdung gewichen ^ar- 
pflegte ich, ohne mir von den Gründen Rechenschaft zu geben, 
^__ ^ auch die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem Spazier-' 

|- gang durch die Stadt hatte ich, als ich die Kassetten i^ der 

\ Auslage suchte, jede Straße in der Umgebung begangen, dieser 

fc einen aber war ich, als ob ein Verbot darauf läge, ausgeliehen 

■ Das Unlustmotiv, welches in diesem Falle meine Unorientiertheit 

g: verschuldete, ist greifbar. Der Mechanismus des Vergesseua ist 

-£ aber nicht mehr so einfach wie im vorigen Beispiel. Meine ak, 

^;. neigung gilt natürlich nicht dem Kassenfabrikanten, sondern 

. einem anderen, von dem ich nichts wissen will, imd tiberträtrt 
1^ sich von diesem anderen auf die Gelegenheit, wo sie das V*>r- 



I 



k 



VII- VERGE SSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. ^49 

gessen zu stände bringt. Ganz älmlich hatte im Falle Burck- 
hard der Groll gegen den einen den Schreibfehler im Namen 
hervorgebracht, wo es sich um den anderen handelte. Was hier 
die Namensgleichheit leistete, die Verknüpfung zwischen zwei im 
Wesen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das konnte 
im Beispiel von dem Auslagofenster die IContiguität im Räume, 
die untrennbare Nachbarscliaft, ersetzen. Übrigens war dieser 
letzte Fall fester gefügt ; es fand sich noch eine zweite inhalt- 
liche Verknüpfung vor, denn unter den Gründen der Entfrem^ 
düng mit der im Hause wohnenden Familie hatte das Geld eine 
Rolle gespielt. 

c) Ich werde von dem Bureau B. & R- bestellt, einen ihrer 
Beamten ärztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Woh- 
nung beschäftigt mich die Idee, ich müßte schon wiederholt in 
dem Hause gewesen sein, in welchem sieh die Pinna befindet. 
Es ist mir, als ob mir die Tafel derselben in einem niedrigen 
Stockwerk aufgefallen wäre, während ich in einem höheren einen 
ärztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich aber weder 
daran erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich dort be- 
sucht habe. Obwohl die ganze -Angelegenheit gleichgültig und 
bedeutungslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr und crfalire 
endlich auf dem gewöhnlicben Umweg, indem ich meine Einfälle 
dazu sammle, daß sich einen Stock über den Lokalitäten ider 
Firma B. & R. die Pension Fischer befindet, in welcher ich 
häufig Patienten besucht habe. Ich kenne jetzt auch das Haus, 
welches die Bureaus und die Pension beherbergt. Rätselhaft ist 
mir noch, welches Motiv bei diesem Vergessen im Spiele war. 
Ich finde nichts für die Erinnerung Anstößiges an der Firma 
selbst oder an Pension Fischer oder an den Patienten, die dort 
wohnten. Ich vermute auch, daß es sich um nichts sehr Pein- 
liches handeln kann; sonst wäre es mir kaum gelungen, mich | 



to 



150 VII, VEHGKSSKS VON EINDRÜCKEN UND VORPÄTZEM-. 



des Vergessenen auf einem Umwog wieder zu bemäciUigen, oKue, 
wie im vorigen Beispiel, äußere Hilfsmittel heranzuziehen. Es 
fällt mir endlich ein, daß mich eben vorhin, als ich den ^^eg 
zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Straße gegrüßt 
hat, den ich Mühe hatte zu erkennen, Ich hatte diesen Mann 
vor Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen 
und die Diagnose der progressiven Paralyse über ihn verhängt, 
dann aber gehört, daß er hergestellt sei, so daß mein Urteil un- 
richtig gewesen wäre. AVcim nicht etwa hier eine der Remis- 
sionen vorliegt, die sich auch bei Dementia paralytica finden, 
so daß meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wäre! Von 
dieser Begegnung ging der Einfluß aus, der mich an die Kach- 
barachaft der Bureaus von B- & R. vergessen ließ, und mein 
Interesse, die Lösung des Vergessenen zu finden, war von dieseiu 
Pall strittiger Diagnostik her übertragen- Die assoziative Yer- 

linüpfung aber wurde bei geringem inneren Zusammenhang 

der wider Erwarten Grenesene war auch Beamter eines großai 
Bureaus, welches mir Kranke zuzuweisen pflegte — durch eine 
Namensgleichheit besorgt. Der Arzt, mit welchem gemeinsam 
ich den fraglichen Paralytiker gesehen hatte, hieß anch Fi- 
scher, wie die in dem Hause befindliche, vom Vergesson be- 
troffene Pension. 

d) Ein Ding verlegen heißt ja nicht:! underes als ver- 
gessen, wohin man es gelegt hat, uud wie die meisten mit Schrif- 
ten und Büchern hantierenden Personen büi ich auf meinem 
Schreibtisch wohl orientiert imd weiß, das Gesuch+ß mit eij^eia 
Griffe hervorzuholen. "Was anderen als Unordnung erscheint, 
ist für mich historisch gewordene Ordnung. Warum habe ich 
aber unlängst einen Bücherkatalog, der mir zugeschickt "wrirde. "^ 
so verlegt, daß er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte d.och 
die Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, „Dbei- die 



vn. VERGESSEN VON ErNDKÜCKEN UND VORSÄTZEN. 151 

Spräche'S zu bestellen, weil es von einem Autor Iierrülirt, dessen 
geistreicb. belebten Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psycho- 
logie und dessen Kenntnisse in der Kultur historie ich zu schätzen 
weiß. Ich meine, gerade darum habe ich den Katalog verlegt. 
Ich pflege nämlich Bücher dieses Autors zur Aufklärung unter 
meinen Bekannten zu verleihen, und vor wenigen Tagen hat mir 
jemand bei der Eückstellung gesagt: ,,Der Stil erinnert mich 
ganz an den Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe." 
Der Kedner wußte nicht, an was er mit dieser Bemerlmiig rührte. 
Vor Jahren, als ich noch jünger und anschluß bedürftiger war, 
hat mir ungefähr das Nämliche ein äUei-er Kollege gesagt, dem 
ich die Schriften eines bekannten medizinischen Autors ange- 
priesen hatte. „Ganz Ihr Stil und Ihre Art.*' So beeinflußt 
hatte ich diesem Autor einen um näheren Verkehr werbenden 
Brief geschrieben, wurde aber durch eine kühle Antwort in meine 
Schranken zurückgewiesen. Vielleicht verbergen sich außerdem 
noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten, 
denn ich habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und 
bin durch dieses Vorzeichen wirklich abgehalten v^orden, das 
angezeigte Buch zu bestellen, obwoiil ein wirkliches Hindernis 
durch das Verschwinden des Katalogs nicht geschaffen worden 
ist. Ich habe ja die Namen des Buches und des Autors im Ge- 

däehtnis behalten *- 

c) Ein anderer Fall von Verlegen verdient wegen der Be- 
dingungen, unter denen das Verlegte wiedergefunden wurde, unser 
Interesse- Ein jüngerer Manu erzählt mir: „Es gab vor einigen 
Jahren Mißverständnisse in meiner Ehe, ich fand meine Frau zu 
kühl, und obwohl ich ihre vortrefflichen Eigenschaften gern an- 
erkannte, lebten wir ohne Zärtlichkeit nebeneinander. Eines Tages 

* Eür vielerlei Zufälligkeiten, die inan seit Th. Viachcr der „Tücke 
d08 Objekts" zusclireibt, möchte ich ähuHclie Erklärungen voröchlageu. 



152 Vn. VERGESSEN VON EINüUÜCKEN UND VORSÄTZEN. 



brachte sio mir von einem Spaziergange ein Buch mit, das eie 
gekauft hatte, weil es mich interessieren dürfte. Ich dankte für 
dieses Zeichen von , Auf merksam keif, versprach das Buch zu 
lesen, legte es mir zurecht und fand es nicht wieder. Monate ver- 
gingen so, in denen ich mich gelegentlich an dies verschollene 
Buch erinnerte und es aaich vergeblich aufzufinden versuchte 
Etwa ein halbes Jahr später erlirankte meine, getrennt von un' 
wohnende, geliebte Mutter. Meine Frau verließ, das Haus, -um 
ihre Schwiegermutter zu pflegen. Der Zustand der Kranken 
wm-de ernst und gab meiner Frau Gelegenheit, sieh von ihren 
best-en Seiten zu zeigen. Eines Abends komme ich begeistert von 
der Leistung meiner Erau und dankerfüllt gegen sie nach Haiase- 
Ich trete zu meinem Schreibtisch, öfl'no ohne bestimmte Absicht 
aber wie mit somnambuler Sicherheit, eine bestimmte Lade des- 
selben und zu Oberst in ihr finde ich das so lange vermißte, das 
verlegte Buch." 

Einen Fall von Verlegen, der in dem letzten (Charakter mü 
diesem zusammentrifft, in der merkwürdigen Sicherheit des 
^^'lederfxndens, wenn das Motiv des Verlegens erloschen ist .. 
Kählt J. Stärcke (L c). ' 

»Ein junges Mädchen hatte einen Lappen, aus welchem sie 
emen Kragen anfertigen wollte, im Zuschneiden verdorben. Kun 
mußte die Näherin kommen und versuchen, es noch zurechtzu 
bringen. Als die Näherin gekommen war und das Mädchen den 
zerschmttenen Kragen aus der Schublade, in die sie ihn gele«. 
zu haben glaubte, zum Vorschein holen wollte, konnte sie ih 
nicht finden. Sie warf da^ Unterste zu oberst, aber sie fand ih 
nicht. Als sie nun im Zorne sich setzte und sich abfragte. warmT 
er plötzlich verschwunden war und ob sie ihn vielleicht nicht 
finden wollte, überlegte sie, daß sie sich natürlich vor der 
Näherin schämte, weil sie etwas so Einfaclies wie einen Kragen 



i 



VII. VERGESSEN VON EINDEÜCKEX UND VOESItZEN. ]53 

doch noch verdorben hatte. Als sie das bedacht hatte, stand sie 
auf, ging auf einen anderen Schrank zu und brachte daraus beim 
ersten Griff den zerschnittenen Kragen zum Vorschein." 

f) Das nachstehende Beispiel von „Verlegen" entspricht 
einem Typus, der jedem Psychoanalytiker bekannt g'eworden ist. 
Ich darf angeben, der Patient, der dieses Verlegen produzierte, 
hat den Schlüssel dazu selbst gefunden; 

„Ein in psychoanalytischer Eehandlung stehender Patient. 
bei dem die sommerliche Unterbrechung der Kur in eine Periode 
des Widerstandes und schleclilen Befindens fällt, legt abends beim 
Entkleiden seinen Schlüsselbund, wie er meint, auf den gewohnten 
Platz. Dann erinnert er sich, daß er für die Abreise am nächsten 
Tag, dem letzten der Kur, an dem auch das Honorar fällig wird, 
noch einige Grogenstände aus dem Schreibtisch nehmen will, wo 
er auch das Geld verwahrt hat. Aber die Schlüssel sind — ver- 
schwunden. Er beginnt seine kleine "Wolmung systematisch, aber 
in steigender Erregung abzusuchen — ohne Erfolg- Da er das 
.Verlegen' der Schlüssel als Symptomhandlung, also als beab- 
sichtigt, erkennt, weckt er seinen Diener, um mit Hilfe einer ,un- 
befangenen* Person weiterzusuchen. Nach einer weiteren Stunde 
gibt er das Suchen auf und fürchtet, daß er die Schlüssel ver- 
loren habe. Am nächsten Morgen bestellt er beim Pabrikanten 
der SchreibtiscKkasse neue Schlüssel, die in aller Eile angefertigt 
werden. Zwei Bekannte, die ihn im Wagen nach Hause begleitet 
haben, wollen sich erinnern, etwas auf den Boden klirren gehört 
zu haben, als er aus dem "Wagen stieg. Er ist überzeugt, daß 
ihm die Schlüssel aus der Tascbe gefallen sind. Abends präsen- 
tierte ihm der Diener triumphierend die Schlüssel. Sie lagen 
zwischen einem dicken Buche und einer dünnen Broschüre (einer 
Arbeit eines meiner Schüler), die er zui* Lektüre für die Ferien 
mitnehmen wollte, so geschickt hingelegt, daß niemand sie dort 






154 VII. VEKGE8SEN VON KINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 

vermutet hätte. Es war ihm dann unmügHch, die Lage der 
Schlüssel so unsjchtbai- naclizualimen. Die unbewußte Geseliick- 
lichkeit, mit der ein Gegenstand infülg^c von o^eheinien. aber 
starken Motiven verleibt wird, erinnert ganz an die rsonmaiubulo 
Sicherheit'. Das Motiv war natürlich Unmut über die Unler- 
hrechung der Kur und die geheime Wut, bei so schlechtem Be- 
finden ein hohes Honorar zahlen zu müssen." 

g) Ein Mann, erzählt A. A. B r i 11, wurde von seiner I^^ay 
gedrängt, an einer geseUschaftlichen Veranstaltung teilzuneh- 
men, die ihm im Grunde sehr gleichgültig war. Er gab ihren 
Bitten endlich nach und begann seinen .Fc^tanzug aus dem Koffer 
zu nehmen, unterbrach sich aber darin und beschluß sich zuexst 
zu rasieren. Als er damit fertig geworden war, kehrte er zxaa 
Koffer zurück, fand ilm aber zugeklappt, und der Schlüssel war 
nicht aufzufinden. Ein Schlosser war nicht aufzutreiben, da 
es Sonntag abends war, und so mußten die beiden sich iu (j^. 
C4esellschaft entschuldigen lassen- Al^ der Koffer am nächsten 
Morgen geöffnet wurde, fand sieh dur Schlüssel drinnen. Der 
Mann hatte ilm in der Zerstreutheit in den Koffer fallen lassen 
und diesen ins Schloß geworfen. Er gab mir zwar die Versiche- 
rung, daß er ganz ohuö "Wissen und Absicht so getan habe, aber 
wir wissen, daß er nicht in dl« Gesellschaft gehen wollte. D^g 
Verlegen des Schlüssels ermangelte also nicht eines Motivs. 

E. Jones beobachtete an sich selbst, daß er jedesmal die 
Pfeife zu verlegen pflegte, nachdem er zuviel geraucht hatte und 
sich dai-um unwohl fühlte. Die Pfeife fand sich dann an allen 
möglichen Stellen, wo sie nicht hingehörte und wo sie für ^^ 
wöhulich nicht aufbewahrt wurde. ■. - 

k) Einen hai-mlosen Fall mit eingestandener Motivieruno \^ 
richtet Dora Müller (Internationale Zeitschrift für Psycho- 
ajialy.se, UI, 1915). 



B^. 



Vn. VERGESSEN VON EIKDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 155 

1. Frätilein Erna A. erzilhtt zwei Tage vor "Weihnachten : 

„Denken Sie, gestern abondy nahm ich aus meinem Pfeffer- 
kuchenpaket imd aß; ich denke daltei, daß ich Fräulein S. (der 
Gesellschafterin ihrer Mutter), wenn sie mir Gutenacht sanken 
komme, davon finbioten müsse, ich hatte keine rechte Lust dazu, 
nahm mir aber trotzdem vnt-, es zu tun- Wie sie nachher kam 
und ich nach meinem Tischchen hin die Hand ausstreckte, um 
das Paket zu nehmen, fand ich es dort nicht. Ich suchte danach 
und fand es eingeschlossen in meiaeni Schranke. Da halte ich 
das Paket ohne es zu wissen hineingestclit." Eine Analyse war 
überflüssig, die Erzählerin war sich selbst über den Zusammen- 
hang klar. Die eben verdrängte llegung, das Gebäck für sich 
allein behalten zu wollen, war gleichwohl in automatischer 
Handlung durchgedrungen, um freilich in diesem Falle durch 
die nachfolgende bewußte Handlung vrieder rückgängig gemacht 
zu werden. 

i) H- Sachs schildert, wie er sich einmal durch ein solches 
Verlegen der \'eipflichtung zu arbeiten entzogen liat- 

„Vergangenen Sonntag nachmittags schwankte ich eine 
Weile, ob ich arbeiten oder einen Spaziergang nüt daranschlie- 
ßcndem Besuche machen solle, entschloß mich aber nach einigem 
Kampfe für das erstere. Nacli etwa einer Stunde bemerkte ich, 
daß ich mit meinem Papiervorrat zu Ende sei- Ich wußte, daß 
ich irgendwo in einer Lade schon seit Jahren ein Bündel Papier 
aufbewahrt habe, suchte aber danaeh vergeblich in meinem 
Schreibtisch und. an anderen Stellen, wo ich es zu finden ver- 
mutete, obgleich ich mir große Mühe gab und in allen möglichen 
alten Büchern, Broschüren, Briefschafton u- dgl- herumwühlte. 
So sah ich mich doch genötigt, die Arbeit einzustellen und fort- 
zugehen. Als ich abends nach Hause kam, setzte ich mich auf 
das Sofa und sah in Gedanken, halb abwesend auf den gegenüber- 



>■ -1* 



156 VII. VERGESSEN VON EINDKÜCKEN VND VOKSATZEN. 

ßtehenden Bücliersclirank. Da fiel mir eine Lade in die Auo-en 
und ich erinnerte, daß ich ihren Inhalt schon lange nicht durch- 
gemustert habe. Ich ging also hin und öffnete sie. Zu obei-st 
lag eine Ledermappe und in dieser unbeschri ebenes Papier. A.ber 
erst als ich es herausgenommen hatte und im Begriffe stand es 
in der Schreibtischlade zu verwahi-en, fiel mir ein, daß dies ia 
dasselbe. Papier sei, das ich nachmittags vergeblich gesucht hatte. 
Ich muß hiezu noch bemerken, daß ich, obgleich sonst nicht spai^ 
sam, mit Papier sehr vorsichtig umgehe und jedes verwendbare 
Eestchen aufhebe. Diese von einem Triebe gespeiste Gewohnheit 
war es offenbar, die mich zur sofortigen Korrektur des Verg^ssens 
veranlaßte, sobald das aktuelle Motiv dafür verschwunden war." 

AVenn man die Fälle von Verlegen übersieht, wird es wirk- 
lich schwer anzunehmen, daß ein Verlegen jemals anders als in- 
folge einer unbewußten Absicht erfolgt. 

j) Im Sommer des Jahres 1901 erklärte ich einmal einem 
Preunde, mit dem ich damals in regem Gedankenaustauch über 
wissenschaftliche Fragen stand: Diese neurotischen Probleme 
smd nur dann zu lösen, wenn wir uns ganz und voll auf ^en 
Boden der Annahme einer ursprünglichen Bisexualitat des Inü. 
viduums stellen. Ich erhielt zur Antwort: „Das habe ich dir 
schon vor zweieinhalb Jahren in Br. gesagt, als wir jenen Abend- 
spaziergang machten. Du wolltest damals nichts davon hören" 
Es ist nun schmerzlich, so zum Aufgeben seiner Originalität 
aufgefordert zu werden. Ich konnte mich an ein solches Gespräch 
und an diese Eröffnung meines Freundes nicht erinnern. Ein^j. 
von uns beiden mußte sich da täuschen; nach, dem Prinzip A 
Frage cui prodest? mußte ich das sein Ich habe im L^iif 
der nächsten Woche in der Tat alles so eiinnert, wie mein Freu rl 
es in mir erwecken wollte ; ich weiß selbst, was ich damals zur 
Antwort gab; Dabei halte ich noch nicht, ich will mich darauf 



L 



Vn. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. xr^7 

nictt einlassen- Aber ich bin seitber um ein Stück toleranter 
geworden; wenn ich irgendwo in dur medizinischen Literatur 
auf eine der wenigen Ideen stoße, mit denen man meinen Namen 
verknüpfen kann, und wenn ich dabei die Erwähnung meines Na- 

imens vermisse. 
Ausstellungen an seiner Khefrau — Freundschaft, die ins 
Gegenteil umgeschlagen hat — Irrtum in ärztlicher Diagnostik 
— Zurückweisung durcli Gleichstrebende — Entlehnung von 
Ideen ; es ist wohl kaum zufällig, daß eine Anzahl von Beispielen 
des Vergessens, die ohne Auswahl gesammelt worden sind, zu 
ihrer Auflösung des Eingehens auf so peinliche Tliemata be- 
dürfen. Ich vermute vielmehr, daß jeder andere, der sein eigenes 

r Vergessen einer Prüfung nach (hju Motiven unterziehen will, 
eine ähnliche Musterkarte von Widerwärtigkeiten aufzeichnen 
können wird. Die Neigung ziim Vergessen des Unangenehmen 
scheint mir ganz allgemein zu sein ; die Fähigkeit dazu ist wohl 

^ bei den verschiedenen Personen verschieden gut ausgebildet. 

\ Manches Ableugnen, das uns in der ärztlichen Tätigkeit be- 
gegnet, ist wahrscheinlich auf Vergessen zurückzuführen*. 



) 



} 



* Wenn man sich bei einem Menschen erkundigt, ob er vor 10 oder 
15 Jahren eine luetische Infektion durchgemitclit hat, vergißt ma>D zu leicht 
daran, daJl der Eefi-agte diesen Krank lieitszuf all psychisch ganz anders 
behandelt hat als etwa einen akuten Eheoniatisnius. — In den Anamnesen, 
welche Eltern über ihre neurotisch erkrankten Töchter geben, ist der 
Anteil des Vergessens von dem des Yci-bergens kaum Je mit Sicherheit 
zu sondern, weil alles, was der simteren Verheiratung des Mädchens im 
Wege steht, von den Eltern systematisch beseitigt, d. h. verdrängt wird. 
— Ein Mann, der vor kurzem seine geliebte Frau an einer Lungenaffektion 
verloren, teilt mir nachstehenden Fall von Irreführung der ärztlichen Er- 
kundigung mit, der nur auf solches Vergessen zurückführbar ist: „Als 
die Pleuritis meiner armen Frau nach vielen Wochen noch nicht weichen 
wollte, wurde Dr. P, als Konsiliarius berufen. Bei der Aufnahme der 



lf)8 VII. VERGESSEN VON EINDHÜCKEN Ul^D VOESÄTZEN. 



Unsere Auffassung eines solchen Vergessens beschränkt den Un- 
terschied zwischen dem und jenem Benehmen allerdings auf rein 
psychologische Verhältnisse und gestattet uns, in beiden Heak- 
tionsweis«! den AiTsdriick desselben Motivs zu sehen. Von all 
den zahlreichen Beispielen der Verleugjiung unangenehmer Er- 
innerungen, die ich bei Angehörigen von Kranken gesehen habe 
ist mir eines als besonders seltsam im Gedächtnis geblieben. Eine 
Mutter informierte mich über die Kinderjalire ihres nerven- 
kranken, in der Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei, 
daß er wie seine Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen 
gelitten habe, was ja für eine neurotische Krankengeschichte 
Anamaoso stellte er die üblichen Fragen, u. a.. auch, ob in der Pajnili« 
meiner Frau etwa Luugenkrankhei ten vorgekommen aeien. Meine Fraa 
verneinte nnd auch Seh erinnerte mich nicr'it. Bei der Verabschiediuu; 
dea Dr. P. kommt das Gespräch wie zufällig auf Ausflüge, und meiae 
Erau sagt: Ja, auch bis LangersdorJ", wo mein armer Bruder be- 
graben liegt, ist eine weite Eei«e. Dieser Bnider war vor etwa 15 
Jahren nach mehrjährige in tuberknilösea Leiden gestorben. Meiae Fr^i 
hatte ihn eelir geliebt und mir oft von ihm gesprochen. Ja, es fiel mir 
ein, daü sie seiaerzeil^ aJs die Plouritia festgestolU wurde, sehr bü3(»et 
war und trübsinnig meinte: Auch mein Bruder ist an der Lunee 
gestorben. Nun aber war die Erinnerung datan so aelir Yerdrän<rt^ ^^ 
sie auch nach dem vorhin angeführten Ansspmch über den Ansflul ^^^ 
L. keine Veianlasanng fa^d, ihre Auskunft über Erkrankungen ia ihr,-* 
Familie zu korrigieren. Mir selbst fiel das Vergessen in demselben Homent 
wieder ein, wo sie von Langeradorf spiuch." ~ Ein völlig analoges Er- 
lebnia erzählt E. Jones in der lüer bereits meiu-mals erwähnten .V^beit 
Ein Ar^t, dessen Frau an einer diagnostisch unklaren Unterleibs er krantuns 
litt, bemerkte zu ihr wie trüslend: „Es ist doch gut, daß in deiner Fa- 
milie kein Fall von Tuberkulose vorgekommen ist." Die Frau antwort-ete 
aufs äußerste überrascht: „Ha.st du denn vergessen, daß meine Mutter an 
Tuberkulose gestorben ist, und daß meine Schwester von ihrer TiiV» 
kulose nicht eher hergestellt ■wurde, als bis die Jlrzte siß ^mf^e^^iw, 
hatten?" ... 



■»• 



VIT. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN CND VORSATZ KN. 15g 



nielit bedeutungslos ist- Einige "Woclien später, als sie sich Aus- 
kunft über den Stand der Behandlung holen wollte, hatte ich 
Anlaü, sie auf die Zeichen konstitutioneller Krankheitsveran- 
lagung bei dem jungen Manne aufmerlisam zu machen, und berief 
mich hiebei auf das anamnestisch erhobene Bettnässen. Zu 
meinem Erstaunen bestritt sie die Tatsache sowolil für dies als 
auch für die anderen Kinder, fragte mich, woher ich das wissen 
könne, und hörte endlich von mix, daß sie selbst es mir vor kurzer 
Zeit erzählt hal^, was also von ihr vergessen worden war *. 



* In den Tagen, während ich "mit der Nioderschvift dieser Seiten 
beschäftigt -war, ist mir folgender, fast unglaublicher Fall von Vergossen 
Widerfabren: Ich revidiere am 1. Jänner mein äxztliches Bach, um meine 
Honomirechnungen aussenden zu können, stoße dabei im Juni auf den 
Namen M . . . 1 und kann mich an eine v.a ihm gehörige Person nicht er- 
innern. Mein Befremden wuchst, indem ich beim Wei torblättern bemerke, 
daß ich den Fall in einem Sanat,orinm behandelt, im,l daß ich ihn durch 
Wochen täglich besucht Iia.bc. Einen Kmnkcii, mit dem man sich unter 
solchen BetliDgimgeu beschäftigt, vergißt iiian als Ar/.t nicht nach kaum 
sechs Monaten. Sollte es ein Manu, ein Paralytiker, ein Fall ohne Interesse 
gewesen sein, fm^^e ich mich? Endlich bei dem Vermerk Über das emp- 
fangene lionorai- kommt mir all die Kenntnis wieder, die sich der Er- 
innerung enti^iehcu wollte. M . . . 1 war ein l-tjährigcs Mädchen gewesen, 
ier merkwürdigste Fall meiner IctKten Jaliru', welclier mir ciuo Lehre 
hinterlassen, die ich kaum je vergC3s>-n werde, und dessen Ausgang mir 
die peinlichsten Stunden l>erciLcl hat. Ua,s Kind erkiwikte an unzweideu- 
tiger Hysterie, die sich auch unt^r meinen Händen rasch und gründlich 
besserte. Nach dieser Besserung wurde mir daa Kind von den Eltern 
entzogen; es klagte noch über abdominale Schmerzen, denen die Haupt- 
rolle im Symptombild der Hysterie zugefallen wai-. Zwei Monate später 
war es an Sarkom der Unterleibsdrüsen gestorben. Die Hysterie, zu der 
das Kind nebstbei prädisponiert war, liatte die Tumorbilduug zur provo- 
zierenden Ursache genommen, und ich hatte, von den lärmenden, aber 
harmloeen Erscheinungen der Hysterie gefesselt, vielleicht die ersten 
Amäeichen der schleichenden und uulieil vollen Erki-ankung übersehen. 



160 VII. VERGESSEN' VON EISDKÜCKEN UND VORSITZEN. 

Man findet also auch bei gesimden, nicht neurotischen Mm- 
sehen reichlich Anzeichen dafür, daß sich der Erinnerung an pein- 
liche Eindrücke, der Vorstellung- peinlicher Gedanken, ein "W'ider 
stand entgegensetzt *. Die volle Bedeutung dieser Tatsache läßt 
sich aber erst ermessen, wenn man in die Psychologie neurotischer 
Personen eingeht. Man ist genötigt, ein solches elementare> 
Abwehrbestreben gegen Vorstellungen, welche XJnlust- 
empfindungen enveeken können, ein Bestreben, das sich nur dea 
Fluchtreilex bei Schmerzreizen an die Seite stellen läßt, zxl eine» 
der Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen, welcher die hyste- 
rischen Symptome trägt. Man möge gegen die Annahme einer 
, solchen Abwehrtendenz nicht einwenden, daß wir es im Gegenteil 
häufig genug unmöglich finden, peinliche Erinnerungen, die uns 
verfolgen, los zu werden und peinliche Affektregungen wie Beue. 
Gewissensvorwürfe zu verscheuchen. Es wird ja nicht beha-uptet 
daft diese Abwehrtendenz sich üljerall durchzusetzen vermag 
daß sie nicht im Spiele der psychischen Kräfte auf Faktor« 
stoßen kann, welche zu anderen Zwecken das Entgegengesetzte 
anstreben und ihr zum Trotze zu stände bringen. Als das 

architek tonische Prinzip des seelischen Apparat' 

* A Pick hat kürzlicU {Zar Psychologie des Vergessmis bei G«j _ 
.■nd Nervenkranken, Archiv für KnminaI-AnLhropoio{rio und Krimi^iali.^ 
von II. Groß) eine ßeiJ.e von Autoren zusammengestellt, die den Einfl^ 
affektiver J-aktoren auf das Gt^dachtnia würdigen und — mehr oder txüoLi 
deutlich — den P.eiliag anorkonnon, den das Abwehrbestreben gegen TTfr 
lust zum Vergessen leistet. Keiner von uns allen hat aber das PhH» 
und seine psychologische Begründung so erschöpfend und zugleich 
eindrucksvoll darstellen können wie Nietzsche in einem seiner a k>. 
rismeu (Jenseits von Gut und Uöse, II. Ilauptstück 68): „Das habe ' 
getan, sagt mein ,G edäch tnis*. Das kann ich nicht ^ 
haben, sagt moiu Stolz und bltit;t u ne r hi 1 1 li eh. Enrti- ^ 
— gibt das Gedächtnis nach." , 



VII. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VOßSÄTZEX. ^gj 

laß t sich die Schichtung, der Aufbau aus einander 
überlagernden Instanzen erraten, und es ist sehr 
wohl mög-lich, daß dies Abwehrbestrehen einer niedrigen psyclii- 
schen Instanz angehört, von külieren Instanzen aber gehemmt 
npird. Es spricht jedenfalls für die Existenz und Mächtigkeit 
dieser Tendenz zur Abwehr, wenn wir ^'^orgänge wie die in 
unseren. Beispielen von Vergessen auf sie zurückführen können. 
Wir sehen, daß manches um seinei' selbst willen vergessen wird ; 
wo dies nicht möglich ist, verschiebt die Abwehrtendcnz ihr Ziel 
und bringt wenigstens etv\'as anderes, minder Bedeutsames, zum 
Vergessen, was in assoziative Verknüpfung mit dem eigentlich 
Anstößigen geraten ist- 

Der hier entwickelte Gesichtspunkt, daß peinliche Erinne- 
rungen mit besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen 
verfallen, verdiente auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in 
denen er heute noch keine oder eine zu geringe Beachtung ge- 
funden hat. So erscheint er mir noch immer nicht genügend 
ßcharf hetonl bei der AVürdigung von Zeugenaussagen vor Ge- 
rieht*, wobei man offenbar der unter Eidstellung des Zeugen 
einen allzu großen purifizierendeu Ilinfluß auf dessen psychi- 
sches Kräftespiel zutraut. Daß man bei der Entstehung der 
Traditionen und der Sagengescliichte eines Volkes einem solchen 
Motiv, das dem Nationalgefiüil Peinliche aus der Erinnerung 
auszumerzen, Eeclinung tragen muß, wird allgemein zugestanden. 
Vielleicht würde sich bei genauerer Verfolgung eine vollständige 
Analogie herausstellen, zwischen der Art, wie Völkertraditionon 
und wie die Kindheitserimierungen des einzelnen Individuums 
gebildet werden. Der große Darwin hat aus seiner Einsicht 



fr * Vgl. Hana Groß, Kriuiinalpsychologie, 1898, . ■ 

Vrind, Paychoputbulogi« da* AUtagiisliBo). VI. äk". 11 









163 VII. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 

ia dies Unlustmotiv des Vergessens eine ,,goldene Hegel" für den 
wissenschaftlichen Arbeiter gezogen*. 

Ganz ähnlich wie beim Namenvergessen kann auch Tjeim 
Vergessen von Eindrücken Fehlerinnern eintreten, das dort, wo 
CS Glauben findet, als Erlnncrungstiiusehung bezeichnet wird. 
Die Erinnerungstäusehung in pathologischen Fällen — in der 
Paranoia spielt sie geradezu die KoUe eines konsütuierenden Mo- 
ments bei der "Wahnbildung — hat eine ausgedehnte Literatur 
wachgerufen, in welcher ich durchgängig den Hinweis auf eine 
Motivierung derselben vermisse. Da auch dieses Thema der 
Neurosenpsj'chologic angehört, entzieht es sich in unserem Zu- 
sammenhange der Behandlung. Ich werde dafür ein sonderbares 
Beispiel einer eigenen Erinnei'ungstäuschung initteilen, bei dem 
die Motivierung durch unbewußtes verdrängtes Material und 
die Art und "Weise der Verknüpfung mit demselben deutlich 
genug kenntlich werden. 



'') Darwin über das Vergessen. Tu Ohm- Autobiographie Dar- 
wins findet sich folgende Stelle, welche seine wissenscliaf bliche Ehr- 
lichkeit und seinen psychologischen Scharfsinn überzeugend widerspiegelt: 

,,1 iiJid, dllring many yeara, followed a golden rulo, namelj, that 
wheiiever a published fact, a new Observation or thought came acroaa me. 
which was opposed to iny gencral results, to make a inemoraadum pf jt 
whithout fall and at once; for I had found by esperience that such facts 
and thoughta were far more apt to escape from llie raemory than faviourable 
ones." Ernest Jones. 

„Viele Jahre hindurch bctolgte ich eine goldene Eegel. Pand ich 
nämlich eine veröffentlichte Tatsache, eine neue Beobachtung oder einen 
Gedanken, welcher einem meiner allgemeinen Ergebnisse widersprach so 
notierte ich den.selbcn sofort möglichst wortgetreu. Denn die Erfahrung 
hatte mich geleiirt, daß solche Tatsachen und Erfahrungen dem Gedächt- 
nisse leichter entsch^vindeu als die nna genehmen." (Übersetzung des Zen- 
ti-alblatt für Psychoanalyse.) 



Vn. VERGESSEN VON ErNDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 153 

Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traum- 
deutung schrieb, befand ich mich in einer Sommerfrische ohne 
Zugang zu Bibliotheken und Nachschlagebüchern und war genö- 
tigt, mit Vorbehalt späterer Korrektur, allerlei Beziehungen 
und Zitate aus dem Gedächtnis in das Manuskript einzutragen. 
Beim Abschnitt über das Tagträumen fiel mir die ausgezeichnete 
Figur des armen Buchhalters im „Nabab" von Alph. Daudet 
ein, mit welcher der Dichter wahrscheinlich seine eigene Träu- 
merei geschildert hat- Ich glaubte mich an eine der Phantasien, 
die dieser Mann — Mr. Jocelyn nannte ich ihn — auf seinen 
Spaziergängen durch die Straßen von Paris ausbrütet, deutlich 
zu erinnern und begann sie aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. 
Wie also Herr Jocelyn auf der Sti-aße sich kühn einem dm-ch- 
gehenden Pferde entgegenwirft, es zum Stehen bringt, der 
Wagenschlag sich öffnet, eine hohe Persönlichkeit dem Coupe 
entsteigt, Herrn Jocelyn die Hand drückt und ihm sagt: „Sie 
eittd mein Better, Ihuen verdanke ich mein Leben. Was kann 
ich für Sie tun?" 

Etwaige Ungenauigkciten in der Wiedergabe dieser Phan- 
tasie, tröstete ich mich, würden sich leicht zu Hause verbessern 
lassen, wenn ich das Buch zur Hand nähme- Als ich dann aber 
den „Nabab" durchblätterte, um die druckbereite Stelle meines 
Manuskripts zu vergleichen, fand ich zu meiner größten Be- 
schämung und Bestürzung nichts von einer solchen Träumerei 
des Herrn Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug gar nicht 
diesen Namen, sondern hieß Mr. J y e u s e. Dieser zweite Irr- 
tum gab dann bald den Schlüssel zur Klärung des ersten, der Er- 
innerungstäuschung. Joyeus (wovon der Name die feminine 
Form darstellt) : so und nicht anders müßte ich meinen eigenen 
Namen: Freud ins Französische übersetzen. Woher konnte 
also die fälschlich erinnerte Phaui asie sein, die ich Daudet zu- 



164 -Vn. VERGESSEN VON EINDEÜCKEN UND VORSÄTZEN. 

geschrieben hatte? Sic konnte niu' ein eigenes Produkt sein, 
ein Tagtraiun, den ich selbst gemacht und der mir nicht be-wußt 
geworden, oder der mir einst bewußt gewesen, und den ich seither 
gründlich vergessen habe. Vielleicht daß. ich ihn selbst ia Paris 
gemacht, wo ich oft genug einsam und voll Sehnsucht durch, die 
Straßen spaziert bin, eines Helfers und Protektors sehr bedürftig, 
bis Meister C h a r e o t mich dann in seinen Verkehr zog. Deo 
Dichter des „N a b a b" habe ich dann wiederholt im Hause C h a r- 
cots gesehen. Das Ärgerliche an der Sache ist nur, daß ich 
kaum irgend einem anderen Vorstellungskreise so feindselig^ ge- 
genüberstehe wie dem des Protegicrtwerdens. Was mau in 
unserem Vaterlande davon sieht, verdirbt einem alle Lust daran, 
und meinem Charakter sagt die Situation des Protektionskindes 
überhaupt wenig zu. Ich habe immer ungewöhnlich viel Jfei- 
gung dazu verspürt, „selbst der brave Mann zu sein*'. Und 
gerade ich mußte dann an solche, übrigens nie erfüllte, Tag- 
ti-äumo gemahnt werden. Außerdem ist der Vorfall auch ein 
gutes Beispiel dafür, wie die zurückgehaltene — in der Paranoia 
eiegreich hervorbrechende — Beziehung zum eigenen Ich "mis in 
der objektiven Erfassung der Dinge stört und verwirrt. 

Em anderer Fall von Erinnerungstäuschung, der sich be- 
friedigend aufklären Heß, mahnt an die später zu besprechende 
„fausse reconnaissance" : Ich hatte einem meiner Patienten. 
einem ehrgeizigen und befähigten Manne, erzählt, daß ein junger 
Student sich kürzlich durch eine interessante Arbeit „Der Ktinst- 
ler, Versuch einer Sexualpsychologie" in den Kreis meiner Sch-ul« 
eingeführt habe. Als diese Schrift eineinviertel Jahr später 
gedi-uckt vorlag, behauptete mein Patient, sich mit Sicherheil 
daran erinnern zu können, daß er die Ankündigung derselben V 
bereits vor meiner ersten Mitteilung (einen Monat oder ein halbes 
Jalir vorher) irgendwo, etwa in einer Buchhändleranzoig^^ o^. 



Vn. VERGESSEN VON ErNDliÜCKEN UND VORSÄTZKN. 165 

lesen habe. Es ßei ihm diese Notiz auch damals gleich in den 
Sinn gekomman und er konstatierte überdies, daßi der Autor den 
Titel verändert habe, da es nicht mehr „Versuch", sondern „An- 
sätze zu einer Sexualpsychologie" heiße- Sorgfältige Erkun- 
digung beim Autor und Vergleichung aller Zeitangaben zeigten 
indes, daß mein Patient etwas Unmögliches erinnern wollte.- 
Von jener Schrift war nirgends eine Anzeige vor dem Drucke 
erschienen, am wenigsten aber eineinvicrtel Jahr vor ihrer Druck 
legung. Als ich eine Deutung dieser Erinnerungstäusehung 
unterließ, brachte derselbe Mann eine gleichwertige Erneuerung 
derselben zu stände. Er meinte, vor kurzem eine Schrift über 
„Agoraphobie" in dem Auslage fen^^fcer einer Buchhandlung be- 
merkt zu haben, und suchte derselben nun durch ISfachforschung 
in allen Veriagskatalogen habhaft zu werden- Ich konnte ihn 
dann aufklären, warum dieae Bemühung erfolglos bleiben mußte- 
Die Schrift über Agoraphobie bestand erst in seiner Phantasie 
• als unbewußter Vorsatz und sollte von ihm selbst abgefaßt wer- 
den. Sein Ehrgeiz, es jenem jungen Manne gleichzutun und durch 
eine solche wissenschaftliche Arbeit zum Schüler zu werden, 
hatte ihn zu jener ersten wie zur wiederholten Eriunerungs- 
täuschung geführt- Er besann sich dann auch, daß die Buch: 
händleranzeige, welche ihm zu diesem falschen Erkeimen gedient 
hatte, sich auf ein Werk, betitelt: „Genesis, das Gesetz der 
Zeugung", bezog. Die von ihm erwähnte Abänderung des Titels 
kam aber auf meine Eechnung, denn ich wußte mich selbst zu 
erinnern, daß ich diese Ungenauigkeit in der Wiedergabe des 
Titels „Versuch — anstatt: Ansätze" begangen hatte- 

B. Das Vergessen von Vorsätzen- 

Keine andere Gruppe von Phänomenen eignet sich besser 
^ zum Beweis der These, daß die Geringfügigkeit der Aufmerk- 



lOfi VII. V£EGESSE>f VOK EINDKÜCKEN UND V0K8ÄTZEN. 



eamkeit für sich aliein niclit liiiireiclie, die Fehlleistung zu er- 
klären, als die des Vergessens von Vorsätzen. Ein Vorsatz ist 
ein Impuls zur Handlung, der bereits Billigung gefunden hat, 

. dessen Ausführung aber auf einen geeigneten Zeitpunkt ver- 
schoben wurde. Nun kann in dem so geseliaffenen Intervall aller- 
dings eine derartige Veränderung in den Motiven eintreten, daJ3 
der Vorsatz nicht zur Ausfülirung gelangt, aber dann wird er 
nicht vergessen, sondern revidiert und aufgehoben. Das Ver- 
gessen von Vorsätzen, dem wir alUäglidi und in allen müglicheo 
Situationen unterliegen, pflegen wir uns nicht durch eine Neue- 
rung in der Motivengleichuug zu erklären, sondern lassen e« 
gemeinhin unerklärt, oder wir suchen eine psychologische Erklä- 
rung in der Annahme, gegen die Zeit der Ausführung hin habe 
sich die erforderliche Aufmerksamkeit für die Handlung nicht 
mehr bereit gefunden, die docii für das Zustandekommen des Vor- 
satzes unerläßliche Bedingung war, damals also für die nämliche 
Handlung zur Verfügung stand. Die Beobachtung unseres nor- 
malen Verhaltens gegen Vorsätze läßt uns diesen Erklärungs- 
versuch als willkürlich abweisen. Wenn ich des Morgens einen 
Vorsatz fasse, der abends au.sgeführt werden soll, so kann ich 
im Laute des Tages einigemal an ihn gemahnt werden. Er braucht 
aber tagsüber überhaupt nicht mehr bewußt .u werden. AVenn 
sich die Zeit d:T i\,usführung nähert, fällt er mir plötzlich eia 

- und veranlaßt mich, die zur vorgesetzten Handlung nötigen A'or 
hereitungen zu treffen. TVenu ich auf einen Spaziergang einen 
Brief mitnehme, welcher noeli befördert werden soll, so brauche 
ich ihn als normales und nicht nervöses Individuum keineswegs 
die ganze Strecke über in der Hand zu tragen und unterdessen 
nach einem Briefkasten auszuspähen, in den ich ihn werfe, sondern 
ich pflege ihn in die Tasche ;^u stecken, meiner Wege zu gehen, 
meine Gedanken frei schweifen zu lassen, und ich rechne daraiif' 



\ 



r 

VI I. VERGESSEN VON EnfDBÜCKEN UND Y0B3ATZEN. 1 67 

daß einer d.i- midisten Briefkästen meine Aufmerksamkeit er- 
1 ,egen und miell veranlassen wüd, in die Tasche zn greifen nnd den 
Brief hervorzuziehen. Da. normale Verhalten beim gefaßten \ or- 
sate deckt sich vollkommen mit dem experimentell zu erzeugenden 
Benehmen von Personen, denen man eine sogenannte „posthypno- 
tlsche Suggestion auf lange Sicht" in der Hypnose eingegehen 
l; *. mL ist gewohnt, das Phänomen in folgender Art zu he- 
.chreihen: Der suggerierte Vorsatz schlummert in den betreff 
finden Personen, bis die Zeit seiner Ausführung herannaht. Dann 
wacht er auf und treibt zur Handlung. 

In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Kechen- 

.ehaft davon, daß das Vergessen in bezug auf ^^-^^^ ^;- ; 

:egs den Anspruch erheben darf, als ein nicht weiter zun ekf ,^r 

,L Eleincntarph.nonien zu geUeii. sondern ^^^_ 

„„eingestendene Motive berechtigt Idi ^^^^^ ^^^ ^^„. 

- - -^ - '- ^ThirS? erS^ ---^ -- -'- 
^ dezvous versäumt hat, wird sicli vcrg , 

1 selnildigcn. er habe leider ganz vergessen^ 8 «d n, 
^ «äumen, ihm zu antworten : „Vor einem Jahre hat est us 
vergessen. Es liegt dir eben nichts mehr an '-^^J^^ 
er nach der oben erwähnten psychologischen Erklärung = 
la sein Vergessen durch gehänfte «escliäfte;i^ ^^^ 
sollte, wfu-de er nur. erreichen, daß die Dame - -^ 
geworden wie der Ar.t in der F^y^^°<^-^'^^.. ^-^^^^ gtg„„gen 
^äbe: „Wie merkwürdig, daß sich solche gesoha tlicl^ St g 
Lher nicht ereignet haben.- O^^^^J'^^ ^^^,^^ 

-^S^i::r=,rd:::S.:-n vergessen 

' ^ , ■ w»,.P ^h.HLeii über Ilypnotismus, Suggestion und 

h * Vgl. Bei-nliGiiB, Neue isLuüieu uuo jf 

Psychotherapie, 1892. 



L 



168 VII. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN 



sei ungefähr der nämliche Schluß auf ein gewisses iVichlwollen 
zu ziehen wie aus der bewußten Ausflucht. 

Ähnlich wird im nnütärisehen Dienstverhältnis der Unter- 
schied zwischen der Unterlassung durcli Vergessen und der in- 
folge von Absicht prinzipiell, und zwar mit Recht, vernachlässigt 
Der Soldat darf an nichts vergessen, was der militärische Dienst 
von ihm fordert. Wenn er doch daran vergißt, obwohl ihm die 
Forderung bekannt ist, so geht dies so zu, daß sieh den Motiven 
die auf Erfüllung der militärischen Forderung dringen, aadei^ 
Gegenmotive entgegenstellen- Der Einjährige etwa, der sich beim 
ßapport entschuldigen wollte, er habe vergessen, seine Knöpf. 
Mank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber diese Strafe ist 
geringfiigxg z^x nennen im ^-ergleiche zu jener, der er sich ans 
setzte, werni er das Motiv semev Unt..rlassung sich und seinei. 
Vorgesetzten eingestehen würde: „Der elende Gamaschendienst 
^t mir ganz zuwider.'* Wegen dieser Strafersparnis, aus öko 
nomisehen Gründon gleichsam, bedient er sich des Vergessen« als 
Ausrede, oder es kommt als Kompromiß zu stände. 

Jrauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, daß 

Dingen, während r^,!^^^^^^^^^^^^ '^''' ''' unwiehti,.en 
sei In /i es bei wichtigen D.ngen ein Anzdchen davon 

™r? T -\--chtige behandeln wolle, ihnen also di 
^J^t abspreche*. Der Gesichtspunkt der psychi..ll 

ZV' von .lg3Tt,on scheid..cle Ca.. eine Weilo mit der Id.e. er d 

noch etwas vorgehabt wa=! ^^ ,^,^ .- ^°« 

B ßt, wa,s er jetzt verges..™. Endlich stellt sich he«„ 

wo^ Ca^ .ergeben hatto: von Kieopatra Abschied .« n.h.en. ^t^ 

d.e.en M.nen Zu, .oH ve....ha.HeU ..den - a.ri,e.. i. ^:Z 
Gegensatz zur h.tcrischon Wahrheit -, .,, .,,,, ,,,^ c^„, ^^^^ ^^- 
kleinen ägyptischen Prinzessin g-einacht hatte. 

(Nach E. .Jones I.' c, .S. las.) 




Vn. VEKOESSEK VON EINDRÜCKEN UND VOESÄTZEN. 1^9 



^ 



Wertechätzung ist hier in der Tat nicht abzuweisen. Kein Mensch 
vergißt Handkuigen auszuiuhren, die ihm selbst wichtig er- 
scheinen, ohne sich dem Verdachte geistiger Störung auszusetzen. 
Unsere Untersuchung kann sich also nur auf das Vergessen von 
mehr oder minder nebensächlichen Vorsätzen erstrecken; für 
ganz und gar gleichgültig werden wir keinen Vorsatz erachten, 
denn in diesem Falle wäi-e er wohl gewiß nicht gefaßt worden. 
Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die 
tei mir selbst beobacbteten Fälle von Unterlassung durch Ver- 
gessen gesammelt und aufzuklären gesucht und hiebei ganz all- 
gemein gefunden, daß sie auf Einmengung unbekannter und un- 
Tinge^tandener Motive ^ oder, wie man sagen kann, auf emen 
Gegenwillen - zurückzuführen waren. In einer Be.he dieser 
Fälle befand ich mich in einer dem Dienstverhältnisse ähnhchen 
Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es nicht ganz aut- 
gegeben hatte, mich zu sträuben, so daß ich durch Vergessen 
gegen ihn demonstrierte. Dazu ^hört, daß ich besonders leicht 
vergesse, zu Geburtstagen, Jubiläen. Hochzeits feiern undStande.- 
erköhungen zu gratulieren. Ich nehme es mü' immer wieder vor 
und überzeuge mich immer mehr, daß es mii- nicht gelingen wui- 
Ich bin jetzt im Begriffe, darauf zu verzichten, und den Motiven, 
die sich sträuben, mit Bewußtsein recht zu geben- lu emem 
Ubergangsstadium habe ich einen Frexmd, der mich bat, aucn 
für ihn ein Glückwunschtelegramm zum bestimmten Termin zu 
l^rgen, vorher gesagt, ich würde an beide vergessen, und es 
war nicht zu vei-^.m.dern, daß die Prophezeiung wahr wurde. Es 
hä^gt nämlich mit schmerzlichen Lebensei-fahrungen zusammen, 
daß ich nicht im stände bin, Äntoilnalnne zu äußern, wo diese 
Äußerung notwendigenveise übertrieben ausfallen muß, da für 
den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der entsprechende Aus- 
druck nicht zulässig ist. Seitdejn ich erkannt, daß ich oft vor- 



170 Vn. VERGESSEN VON EINDRÜ( KKN UND VOltSÄTZEN. 



geblicho Sympathie bei anderen für echte genommen habe, hefinde 
ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventionen der Mit- 
gefühls bezeigung, deren soziale Nützlichkeit ich anderseits ein- 
sehe. Kondolenzen bei Todesfällen sind von dieser zwiespältigen 
Behandlung ausgenommen ; wp.nn ich mich zu ihnen entschlossen 
habe, versäume ich sie auch nicht. Wo meine Gefühlsbctätigung 
mit gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu tun hat, da fhidet 
sie ihren Ausdruck auch niemals durch Vergessen gehemmt. 

Ahnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konven- 
tionellen Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schät- 
zung die Fälle, in denen man Handlungen auszuführen vergißt, 
die man einem anderen zu seinen Gunsten auszufüliren verspro- 
chen hat. Hier trifft es dann regehnäßig zu, daß nur der Gönner 
an die entschuldigende Kraft des Vergessens glaubt, während 
der Bittsteller sieh ohne Zweifel die richtige Antwort gibt: Er 
hat kein Interesse daran, sonst hätte er es nicht vergessen. E« 
gibt Menschen, die man als nllgeniein vergeßlich bezeichnet und 
darum in ähnlicher AVeisc als entschuldigt gelten läßt wie etwa 
den Kurzsichtigen, wenn er auf der Siraße nicht grüßt* Dies, 
lersonen vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie gegeben 
lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben er 
weisen sich also in kleinen Dingen als miverläßiich und erheWn 
dabei die Pordening, daß man ilmen diese kleineren Verstöße 
'^ übehiehmen, d. h. nicht durch il,ren Charakter erklären, 

-^ Frauen sind mit ihrem feinein VerstÜndnis für unbewußte serliso», 
Vorgang, in der l^agd eher gonoigl, e. nls Bclcidiguag anzusehen, wen! 
man si. auf der Straße nicht erbonut, ul.o nicht grüßt, als an di. nächst 
liegenden Erklärungen zu d.nken. daß der Säumige kurzsichtig sei oder 
in Gedanken versunken sie nicht bemerkt habf>. Sie schließen, man hätj 
Biß schon bemerkt, wenn inau öich „etwas aus ihnen macheu würde". 



S^ 



Vn. VERfiESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. rU 



r 



r 



eondem auf organisclio Eigentümliclikeit zurückführen solle*. 
Ict gehöre seihst nicht zu diesen Leuten und hahe keine Ge- 
legenheit gehabt, die Handlungen einer solchen Person zu analy- 
giercn, um durch die Auswahl des Vergessens die Motivierung 
desselben aufzudecken. Ich kann mich aber der Vermutung per 
analogiam niclit erwehren, daß liier ein ungewöhnlich großes 
Maß von nicht eingestandener Geringsehätzung des Anderen das 
Motiv ist, welches das konstitutionelle Moment für seine Zwecke 

ausbeutet**. " " ■ * 

Bei anderen Fallen sind die Motive des Vergessens weniger 
leicht aufzufinden und erregen, wenn gefunden, ein gi-ößeres Be- 
fremden. So merkte ich in früheren Jahren, daß ieh bei einer 

^TTerenczi berichtet von sich, daß er selbst ein „Zerstreuter" 
gewesen ist und seinen B.Icaamten d.roh die Häufigkeit und Sonderbarkeit 
seiner Fehlhandhmgen auffälüg war. Die Zeichen dieser „Zerstreutheit 
sind aber fast völlig geschwunden, seitdem er die psychoanalytische Bc- 
liandlung von Kranken zu üben begann und sich genötigt sah, auch der 
Analyse°seines eigenen Ichs Aufmerksamkeit zuzuwenden. Man verzichtet, 
meint er, auf die Fehllrnndlungcu, wenn man seine eigene Verantwort- 
lichkeit um so vieles auszudehnen lernt. Er liält daher mit Recht die ^ 
Zerstreutheit für einen Zustand, der von unbewußten Komplexen abhan- 
gig und durch die Psychoanalyse heill^ar ist. Eines Tages aber stand er 
unter dem Selbstvorwurfe, bei einem Patienten einen Kunstfehler m er 
Psychoanalyse begangen zu haben. Au diesem Tage stellten «ich a^ o 
.eine früheren „Zerstreutheiten" wieder ein. Kr stolperte mehrmals .m 
Gehen auf der Straße (Dnrstolhmg jenes „faux pas" in der Behandlung), 
vergaß seine BriefU.cho zu Hause, wollt, auf der Trambahn einen Kreuzer 
weniger zahlen, üatte seine Kleidungsstücke nicht ordentlich zugeknöpft 

u. dgl. 

*^^ K Jones bemerkt biezu; Oft^n üie resisUnce is of a general ordor. 
Tbus a busy man forgets to post letters entrusted to him - to bis sligbt 
anuoyanco - by his wife, just rb he may „forget" to carry out her sliop- 
ying Orders. • • • . 



17a Vn. VERGESSEN VON EINDKÜCKEN UND V0E9ÄTZEN. 

größei-en Anzahl von Kraiikenbesueliün nie an einen anderen Be- 
such vergesse als bei einem Gratispatienten oder bei einem 
Kollegen. Aus Beschämung hierüber hatte ich mir angewöhnt 
die Besuche des Tages schon am Morgen als Vorsatz zu notieren 
Ich weiß, nicht: ob andere Arzte auf dem nämlichen Wege zu der 
gleichen Übung gekommen sind. Aber man gewinnt so eine 
Ahnung davon, was den sogenannten Neurast heniker veranlaßt, 
die Mitteilungen, die er dem A.rzt machen will, auf dem berüeh" 
tigtm „Zettel" zu notieren. Angeblich fehlt es ihm an Zutrauen 
zur Eeproduktionsleistung seines Gedächtnisses. Das ist gewiß 
richtig, aber die Szene geht zumeist so vor sich: Der Kranke hat 
seine verschiedenen Beschwerden und Anfragen höchst langatmi- 
vorgebracht. Nachdem er fertig- geworden ist, macht er ein^ 
Moment Pause, darauf zieht er den Zettel hervor und sagt ent 
sch^ldigend: Ich habe mir etwas aufgeschrieben, weil ich mir 
^ gar nichts merke. In der Hegel findet er auf dem Zettel nichts 
Neues. Er wiederholt jeden Tunkt und beantwortet ihn selbst" 
Ja, danach habe ich schon gefragt- Er demonstriert mit dem 
Ze tel wahrscheinlich nnr eines .einer Symptome, die Häufigkeit 
mit der s.no Vorsätze durch Einmengung dunkler Motive .^' 
storfc werden. ^' 

loh rühi^ femer an Leiden, an welchen aueh der größer 
Teil der mir bekannten Gesunden krankt, wenn ich zugestehe 
daß ich (sonders in früheren Jahren sehr leicht und für Uj,^ 
Zeit vergessen habe, entlehnte Bücher zurückzugeben, oder d^Q 
CS mir besonders leicht begegnet ist, Zahlungen durch Vergessen 
aufzuschieben. Unlängst verließ ich eines Morgens die Tabak- 
trafik. in welcher ich meinen täglichen Zigarreneinkauf gemacht 
hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine höchst harmlose Unter- 
lassung, denn ich bin dort bekannt und koimte daher erwarten 
am näclist«n Tag an die Schuld gemahnt zu werden- Aber d" 



VTL VERGESSEN VON EINDRÜCKEN' UND VORSÄTZEN, ^73 

T kleine Vensäumnis, der Versuch, Schulden zxl machen, steht gewiß 
f nicht außer Zusammenliang mit den Budgeterwägiingen, die mich 
t den Vortag über beschäftigt hatten. In bezug auf das Thema von 
, Geld und Besitz lassen sich die Spuren eines zwiespältigen Ver- 
! halteuß auch bei den meisten sogenannten anständigen Menschen 
leicht nachweisen. Die primitive Gier des Säuglings, der sicli 
aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie zum Üunde zu 
führen), zeigt sich vielleicht allgemein als nur unvollständig 
durch Kultur und Erziehung überwunden *. 

Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach 
banal geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn 
ich auf Dinge stoße, die jedermann bekannt sind, und die jeder 
in der nämlichen Weise versteht, da ich bloß vorhabe, das All- 
tägliche zu sammeln und wissenschaftlich zu verwerten. Ich selio 
nicht ein, weshalb der Weisheit, die Niederschlag der gemeinen 
Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter die Erwerbungen der 
Wissenschaft vei-sagt sein sollte. Nicht die Verschiedenheit der 
Objekte, sondei-n die strengere Methode bei der Feststellung und 



* Der Einheit des Themas zuHebe daif ich hier die gewählte Ein- 
teilung durchbrechen und dem oben Gesagten anschließen, daß in bszug 
auf Geldsachen das Gedächtnis {[er ilenschen eine besondere partidJiciikeit 
zrägt. Erinnerungstäuschungen, eUi-as bta-eits bezahlt zu haben, sind, wjg 
ich von mir selbst weiß, oft sehr fiartnäckig. Wo der gewinnsüchtigen 
Absicht abseits von den großen Intoresseu der Lebensführung, und daher 
eigentlich zum Scherz, freier Lauf gelassen wird wie beim Kartenspiel, 
neigen die ehrlichsten Männer zu Irrtümern, Erinnei-ungs- und Becben- 
fehlei-n und finden sich seibat-, ohne recht zu wissen wie, in kleine Be- 
trügereien verwickelt. Auf solciien Freiheiten beruht nicht zum mmdesitea 
der psychisch erfrischend© Charakter des Spieles. Das Sprichwort, daß 
man beim Spiel den Charakter des Menschen erkennt, ist znzug'ebe», 
wenn man hinzufügen will: den unterdrückten Charakter. — Wenn es un- 
absichtliche Rechenfehler bei Zaiilkellnern noch gibt, so unterliegen «ie 



174 Vn. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VOKSÄTZEN. 

das Streben nach weitreichendem Ziisammenliang machen den 
wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus. 

Für die Vorsätze von einigem Belang haben wir allgemein 
gefunden, daß sie dann vergessen wurden, wenn sich dunkle Mo- 
tive gegen sie erheben. Bei noch weniger wichtigen Vorsätzen 
erkennt man als zweiten Mechanismus des Vergessens, da0 ein 
GegenwiUe sich von wo anders her auf den Vorsatz überträft- 
nachdem zwischen jenem anderen und dem Inhalt des Vorsatzes 
eine äußerliche Assoziation hergestellt worden ist Hiezu ge- 
hört folgendes Beisinel: Ich lege "Wert auf schönes Löschpapier 
und nehme mir voi-, auf meinem heutigen Nachmittags weg in die 
Innere Stadt neues einzukaufen. Aber an vier aufeinanderfolo-en- 
den Tagen vergesse ich daran, bis ich mich befrage, welchen 
Grund diese Unterlassung hat. Ich finde ilm dann leicht, nach- 
dem ieh mich besonnen habe, daß ich zwar „Löschpapier" zu 
schreiben, aber „Fließpapier" zu sagen gewohnt bin. „Fließ' 
ist der Name eines Freundes in Berlin, der mir in den nämlichen 
Tagen Anlaß zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben 
hatte. Diesen Gedanken kann ich nicht los werden, aber die 

offenbar derselben Beurteilung. - loi Kaufmanns tande Itann man häu% 
eine gewisse Zögemag ix^ dor Vemusgabung von Geldsummen, bei d« 
Bezahlung von Rechnungen u. dgl. beobachten, die dem Eigner keinen 
Gewinn bringt, sondern nur psychologisch ku vßrstehcn ist als eine Auße- 
rung des Gegemvillcns, Geld von sich zu tun. — Erill bemerkt hierüber 
mit epigrammatischer Schärfe: We aj-e more apt to mislay lettera con- 
taining bill.s than checks. — Mit deu intimsten und am wenigsten klar 
gewordenen Hegungen hängt es zusammen, wenn gei-fide iTrauen eine be- 
sondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben gewöhnlich 
ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordinn-tion nicht zahlen. 
vergessen dann regelmäßig, this Honorar vom Hause aus zu schicken, und 
setzen es so durch, daß man sie umsonst — ),uni ihrer schönen Amren 
willen" — behandelt Jiat. Sie zahlen gleichsam mit ilircjn Anblick 



VK. VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. X75 






Abwehrneigung (vgl. S. 160) äußert sich, indem sie sich mittels 
der "Wortgleichheit auf den indifferenten und darum wenig re- 
sistenten Vorsatz überträgt. 

Direkter Gcgenwüle und entferntere Motivierung treffen in 
folgendem Falle von Aufschub joisanimcn: In der Sammlung 
..Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens" hatte ich eine kurze 
Abhandlung über den Traum geschrieben, welche den Inhalt 
meiner „Traumdeutung" resümiert. Bergmann in "Wiesbaden 
sendet eine Korrektur und bittet um umgehende Erledigung, 
weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben will. Ich 
mache die Korrektur noch in der Xacht und lege sie auf meinen 
Schreibtisch, um sie am nächsten -Alorgen mitzunehmen. Am 
Morgen vergesse ich daran, erinnere mich erst nachmittags beim 
Anblick des Kreuzbandes auf meinem Schreibtisch- Ebenso ver- 
gesse ich die Korrektur am Nachmittag, am Abend und am näch- 
fiten Morgen, bis ich mich aufraffe und am Nachmittag des 
zweiten IVges die Korrektur -zn einem Briefkasten trage, ver- 
wundert, was der Grund dieser Verzögerung sein mag. Ich wiU 
sie offenbar nicht absenden, aber ich finde nicht, warum. Auf 
demselben Spaziergang trete ich aber bei meinem Wiener Ver- 
leger, der auch das Traumbuch publiziert hat, ein, mache eine 
Beßtellung und sage dann, wie von einem plötzlichen Einfall, 
getrieben^ „Sie wissen doch, daß ich den ,Traum' >^m zweites 
Mal gesehrieben habe?" - ,=Ah. da würde ich doch bitten." - 
„Beruhigen Sie sich, nur ein kurzer Aufsatz für die Löwen- 
feld - K u r o 1 1 a sehe Sammlung.^^ Es war ihm aber doch nmht 
recht; er besorgte, der Vortrag würde dem Absatz dos Buches 
schaden. Ich widersprach und fragte endlich : „Wenn ich mich 
früher an Sie gewendet hätte, würden Sie mir die Publikation, 
unterlagt haben?" — „Nein, das keineswegs." Ich glaube selbst, 
daß ich in meinem vollen Keeiit gehandelt und nichte anderem 



\ 



176 VII. VERGESSEN VON KIN DliÜCKPiN UND VORSÄTZEN. 

getan habe, als was allgemeüi üblich ist; doch scheint es mir 
gewiß, daß eia ähnliches Bedenkj?n, wie es der Verleger äußerte, 
das Motiv meiner Zögerung war, die Korrektur abzusenden- 
Dies Bedciüten geht auf eine frühere Gekgenlieit zurück bei 
welcher ein anderer Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, 
■wie unvenneidlich, einige Blätter Text aus einer früheren in 
anderem Verlage erschienenen Arbeit über zerebrale Kinder- 
lähmung unverändert in die Bearbeitung desselben Themas im 
Handbuch von Nothnagel hiuübernalun. Dort findet aber 
der "N^orwurf abermals keine Anerkennung ; ich hatte auch da- 
mals meinen ersten A^erlegcr (identisch mit dem der „Traum- 
deutung") loyal von meiner Absicht verständigt. Wenn aber 
diese Erinnerungsreihe noch weiter zurückgeht, so rückt sie mir 
einen nocli früheren Anlaß vor, den einer Übei-setzung aus dem 
Französischen, bei welchem ich wirklicli die bei einer Publikation 
in Betracht kommenden Eigentumsrechte verletzt habe. Ich liatt* 
dem übersetzten Text Anjuerkungen beigefügt, ohne für diese 
Anmerkungen die Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haben 
und habe einige Jalu-c später Grund zur Annahme bekommen' 
daß der Autor mit dieser Eigenmächtigkeit unzufrieden war. 

Es gibt ein Sprichwort, welches die populäre Kenntnis verrät 
daß das Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. „Wa^^iaa 
einmal zu tun vergessen hat, das vergißt man dann noch öfter.^' 
Ja, man kann sicli mitunter des Eindrucks nicht erwehren, 
■daß alles, was man über das Vergessen und die Pehlliandluu.^ 
überhaupt sagen kann, den Menschen olmedies wie etwas Selhst- 
verständlichas bekannt ist. "Wunderbar genug, daß es doch not- 
wendig ist, ihnen dies so Wohlbekannte vors Bewußtsein zu 
rücken! ^^'ic oft habe ich sagen gehört: Gib mir diesen Auf- 
trag nicht, ich werde gewiß an ihn vergessen. Das Eintreffen 
dieser Vorhersagung hatte dann sicherlicli nichts Mystisches an 




Vn. VERGESSEN TON EINDRÜCKEN UND VORSÄTZEN. 177 

sich. Ber so sprach, verspürte in sich den Vorsatz, den. Auf- 
W trag nicht auszuführen, und weigerte sich nur. sich zu ihm zu 
bekennen. 

Das Vergessen von Vorsätzen erfährt übrigens eine gute Be- 
leuchtung durch etwas, was man als „Fassen von falschen Vor- 
sätzen'' bezeichnen konnte- Ich hatte einmal einem jungen Autor 
vereproehen, ein Referat über sein kleines Opus zu schreiben, 
eehob es aber wegen innerer, mir nicht unbekannter "Widerstände 
auf, biß ich mich eines Tages durch sein Drängen bewegen ließ 
zu veraprechen, daß es noch am selben Abend geschehen werde. 
Ich hatte auch die ernste Absicht, so zu tun, aber ich hatte ver- 
gessen, daß die Abfassung eines unaufschiebbaren Gutachtens für 
den nämlichen Abend angesetzt war. Nachdem ich so meinen 
Voreatz als falsch erkannt hatte, gab ich den Kampf gegen meine 
Widerstände auf und sagte dem Autor ab. 



Fretid, Fsycbop&tlmloiji« des AllMgelebeas. TJ. A.aB. 



IS 



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V' .• r.r 



VUI. 



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^ DAS VEBGREIFEN. 

Der oben erwähnt-en Arbeit von Meringer und Mayer 
eninehme ich noch die Stelle (S. 98) : 

„Die Sprechfehler stellen nicht ganz allein da. Sie ent- 
sprechen den Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten den Menschen 
sich oft einstellen und ziemlich töricht .Vergeßlichkeiten' ge- 
nannt werden." 

Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absiclit 
hinter den kleinen Funktionsstörungen des täglichen Lehens Ge 
sunder vermutet *. 

wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische 
Leistung ist, eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt e-s 
nahe, auf die Fehler unserer sonstigen motorischen Verrichtungen 
die nämliche Erwartung zu übertragen. Ich habe hier zwei Grup- 
pen von Fällen gebildet; alle die Fälle, in denen der Fehleffekt 
das Wesentliciie scheint, also die Abirrung von der Intention, 
bezeichne ich als „Vergreifen", die anderen, in denen eher 
die ganze Hanidluug unzweckmäßig erseheint, benenne icli 
„Symptom- und Z u falls han dlunge n". Die Scheidung 

* Eine zweite Publikation Meriugers bat mir später jjezeigt, wie 
seiir ich diesem Autor unrecht tat, als ich ihm solches Verständnis zu- 
nnibete. 



VIII. DAS VERGREIPEN. jyg 



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ist aber wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen 
ja wohl zui' Eii^icht, daß alle in dieser Abhandlung gebrauehlea 
Eiateiluaigen nur deeki-ipüv bedeutsame sind und der inneren 
Einheit des Erschein ungsgebietj^s wLdei-spi'cchen- 

Das psychologische Verständnis des „Vergreifens" erfährt 
offenbar keine besondei-e Förderung, wenn wir es der Ataxie und 
speziell der „kortikalen Ataxie" subsumieren. Versuchen wir 
lieber, die einzelnen Beispiele auf ihre jeweiligen Bedingungen 
zurückzuführen. Ich werde wiederum Selbstbeobachtungen hiezu 
verwenden, zu denen sich die Anlässe bei mir nicht besonders 
häufig finden. 

a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei l'atienten 
noch häufiger machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, daß 
ich, vor der Tür, an die ich anklopfen oder läuten sollte, ange- 
kommen, die Schlüssel meiner eigenen "\^^ohnung aus der Tasche 
zog, um — sie dann fast beschämt wieder einzustecken. "Wenn 
ich mii" zusammenstelle, bei welchen Patienten dies der Fall war, 
so muß ich annoiimen, die Fehlhandlung — Schlüssel heraus- 
ziehen anstatt läut(?n — bedeutete eine Huldigung für das Haus, 
wo ich in diesen Mißgriff verfiel. Sie war äquivalent dem Ge- 
danken: „Hier bin ich wie zu HauseS denn sie ti-ug sich nur 
zu, wo ich den Kranken liebgewonnen hatte. (An meiner eigenen 
Wohnungstür läutete ich natürlich niemals.) 

Die Eehlhandlung war also eine symbolische Darstellung 
eines doch eigentlich nicht für ernsthafte, bewußte Annahme 
bestimmten Gedankens, denn in der Realität weiß der Nerven- 
arzt genau, daß der Kranke ihm nur so lange anhänglich bleibt, 
als er noch Vorteil von ilim erwartet, und daß er selbst nur zum 
Zwecke der psychischen Hilfeleistmig ein übermäßig warmes 
Interesse für seine Patienten bei sich gewähren läßt. 

■ - j o* 



180 VIII. DAS VERGKEIFEN. 

Daß daa sinnvoll fehlerhafte Hautieren mit dem Schlüssel 
keineswegs eine Besonderheit meiner Person ist. geht aus zahl- 
reichen Selbstbeobaclitiuigen anderer hervor. 

Eine faist identische Wiederholung meiner Erfahrungen be- 
schreibt A. Slaeder (Contrib. a la Psychopathologie de la vie 
quotidienne, iVrch. de Psychol-, VI, 1906) : II est arrivo a chacun 
de sortir son trousscau, en arrivant ä la porte d'un, ami particulie- 
rement eher, de se surprendre pour ainsi dire, oii train d'ouvrir 
avec sa cle comme ehez soi. C'eat un retard, puisqu'il faut sonner 
malgre tout, mais c'est une preuve qu'on se sent — ou qu'on 
voudrait se sentir — comme chez sei, aupre.« de cet ami. 

E. Jones (Lc, p.509): The use of Iceys is a fertile source 
of occurrences of this kind of which two exaniples may be given. 
If I am disturbed in the midst of somc engrossing work at honie 
by havmg to go to the hospital to carry out some routine work, 
I am very apt to find myself trying to open tlie door of my labo- 
ratory there with the key of my dcsk at home, although the two ^ 

keys are quite unlike each other. The mistake uneonsciously P 

denionstrat^es where I would raiher be at the moment- 

Some years ago I was aeting in a subordinate position at a 
certain institution, the front door of which was kept locked. so 
that it was necessary to ring for admission. On several occassions 
I found myself making serious attempts to open the door with my 
house key. Each one of the pez-maneni visiting staff, of which I 
aspired to be a member, was provided with a key to avoid the 
ti-ouble of having to wait at the door. My mistakes thus ex- 
pressed my desire to be on a similar footing, and to be quite 
„at home" there. 

Ähnlich berichtet Dr. Hanns Sachs (Wien): Ich trag« stets 
zwei Schlüssel bei rnii', von denen der eine die Tür zur Kanzlei 



\ 






Ji 



VIII. DAS VEliGRÖFEN. X81 



Ä 



der andere die zu meiner Wohnung- öffnet. Leicht verwechselbar 
sind sie durchaus nicht, da der Kanzleischlüssel mindestens drei- 
mal so groß ist wie der Wohnungsschlüssel- Überdies trage ich 
den ei-stei^n in der Hosentasche, den anderen in der "X^-este. 
Trotzdem geschah es öfters, daß ich vor der Tür stehend be- 
merkte, daß ich auf der Treppe den falschen Schlüssel vorbereitet 
hatte. Ich beschloß, einen statistischen Versuch zu machen; 
da ich ja tägUch ungefähr in derselben Gemütsverfassimg- vor 
den beiden Türen stehe, mußte auch die Verwechslung der beiden 
Schlüssel, weom anders sie psychisch determiniert sein sollte, 
eine regelmäßige Tendenz zeigen. Die Beobachtung bei späteren 
Fällen ergab dann, daß ich regelmäßig den Wohnungsschlüssel 
vor der Kanzleitür herausnahm, nur ein einziges Mal war das 
Umgekehrte der Pall: ich kam ermüdet nach Hause, wo, wie 
ich wußte, ein Gast meiner wartete- Vor der Tüi- machte ich 
einen Versuch, sie mit dem natürlich viel zu großen Kanzlei- 
Schlüssel aufzusperren. 

h) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sech>^ Jahren 
zweimal täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Tür im zweiten 
Stock auf Einlaß wai-te, ist es mir während dieses langen Zeit- 
raumes zweimal (mit einem kurzen Intervall) geschehen, daß ich 
um einen Stock höher gegangen bin, also mich „verstiegen' 
habe Das eine Mal befand ich mich in einem ehrgeizigen Tag- 
traum, der mich „höher und immer höher steigen" ließ. Ich über- 
hörte damalB sogar, daß sich die fragliehe Tür geöffnet hatte, 
ak ich den Fuß auf die ersten Stuf«i des dritten Stockwerks 
setzte. Das andere Mal ging ich wiederum „in Gedanken ver- 
sunken" zu weit; als ich es bemerkte, umkehrte und die mich 
beherrschende Phantasie zu erhaschen suchte, fand ich, daß ich 
mich über eine (phantasierte) Kritik meiner Schriften ärgerte, in 
welcher mir der Vorwui-f gemacht wurde^ daß ich immer ,,zu weit 



t82 ■ - Vin. DAß VERGREIFEK. 

ginge'S und in die icli nun den wenig i-espektvollen Ausdruck 
„verstiegen." einzusetzen liatt«. 

(z) Auf meinem Schreibtiscli liegen seit vielen Jaliren neben- 
einander ein. Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tao^s 
eile ich nach Schluß der Sprechstunde fort, weil ieh einen l>e- 
stimmten Stadtbahnzug eri-eicheu will, stecke bei vollem Tages- 
licht anstatt des Hammers die Stimmgabel in die Bocktasche imd 
werde durch die Schwere des die Tasche herabziehenden Gegen- 
standes auf meinen Mißgriff aufmerksam gemacht. Wer sich 
über so kleine Vorkommnisse Gedanken zn machen nicht gewohnt 
ist, wird ohne Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Moment« 
erklären und entschuldigen. leJi habe es trotzdem vorgezogen, 
mir die Frage zu stellen, waruiöHch eigentlich die Stimmgabel 
anstatt des Hammers genommen. Bio Eilfertigkeit hätte ebenso 
wohl ein Motiv sein können, den Griff richtig auszuführen, um 
nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen. 

Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die 
. J'rage, die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tao-en 
ein Idiotisches Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf 
Sinueseimlrucke prüfte, und das durch die Stimmgabel so gefesselt 
wurde, daß ich sie ihm nur schwer entreißen konnte. Soll das 
also heißen, ich sei ein Idiot? Allerdings scheint es so, denn der 
nächste Einfall der sich an Hammer assoziiert, lautet „Cha- 
nier" (hebraisdi : Esel). , ■■ 

Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muß. hier die Situa- 
tion befrngen. Ich eile zu einei-Konsultation in einem Orte an 
der Wcstbahnstrecke, zu einer Kranken, die nach der brieflich 
mitgeteilten Anamnese vor Monaten vom Ballcon herabgestürzt 
ist und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der mich einlädt 
schreibt, er wisse ti-otzdem nicht, ob es sich um Jiückenmaxks- 
verletzung oder um traumatische Neurose — Hysterie — handle.' 



fc-w. 



» 



VIU. DAS VERGKEIFfiN. 183 






t 



Da soll ich nun entscheiden. Da wäre also eine Mahnung- am 
Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besondei-s vorsichtig 
zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel 
zu leichtsinnig Hysterie, wo es sich um erastei-e Dinge handle. 
Aber die Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es 
kommt hinzu, daß die kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, 
an dem ich vor Jahren einen jungen Mann gesehen^ der seit 
einei- Gemütsbewegung nicht ordentlich gehen konnte. Ich dia- 
gnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken später in 
psychische Behandlang, und dann stellte es sich heraus, daß ich 
freilich nicht unrichtig diagno-sti ziert hatte, aber auch nicht 
richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war- 
hystei-isch gewesen, und diese schwanden auch prompt im Laufe- 
der Behandlung. Aber hinter diesen wurde nun ein für die The- 
rapie unantastbarer Best sichtbar, der sich nur auf eine multiple 
Sklerase beziehen ließ. Die den Kranken nach mir sahen, hatten 
CS leicht, die organische Affektion zu erkennen; ich hätte kaum 
anders vorgehen und anders urleilen können, aber der Eindruck 
war doch der eines schweren Irrtums ; das Versprechen der Hei- 
lung, das ich ihm gegeben hatte, war natürlich nicht zu halten. 
Der Mißgriff nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer 
ließ sich also .so in Worte übersetzen : Du Trottel, du Esel, nimm 
dich diesmal zusammen: daß du nicht wieder eine Hysterie dia- 
gnostiziert, wo eine unheilbare Krankheit vorliegt, wie bei dem 
armen Mann an demselben Ort vor Jahren! Und zum Glück für 
diese kleine Analyse, wenn audi zum Unglück für meine Stim- 
mung, war dieser selbe Mann mit schwem- spastischer Lähmung 
wenige Tage vorher und einen Tag nach dem idiotischen Kmd 
in meiner Sprechstunde gewesen. 

Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die 
sich durch das Fehlgreifen vemehmUch macht. Zu solcher Ver- 



184 Vm. DAS VERGREIFEN. 



Wendung ak Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders ge- 
eignet. Der Mißgriff hier will den Mißgriff, den man anderswo 
begangen hat, darstellen. 

d) SeUKtvea-ständlich kann das Fehlgreifen auch einer gaozen 
Reihe anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: 
Es kommt sehr selten vor, daß ich etwas zerschlage. Ich bin 
nicht besonders geschickt, aber infolge der anatomischen Inte- 
grität meiner Nervmuskelapparate sind Gründe für so imge- 
echickte Bewegungen mit unerwünschtem Erfolge bei mir offen- 
bar nicht g-egeben. Ich weiß also kein Objekt in meinem Hause zu 
ennnem, dessengleichen ick je zerschlagen hätte. Ich war durch 
die Enge in meinem Studierzimmer oft g-enötigt, in den unbe- 
quemsten Stellungen mit einer AnKahi von antiken Ton- und 
Steinsachen, von denen idi eine kleine Sammlxmg habe, zu han- 
tieren, so daß Zuschauer die Besorgnis a,u.^drückten, ich würde 
etwa« heruntei-schleudem und zerschlagen. Es ist aber niemals 
geschehen. Warum habe ich also einmal den marmornen Decke] 
meines einfachen Tintengefäßes zu Boden geworfen, so daß er 
zerbrach ? 

Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger 
Marmor, die für d.e Aufnahme des gläsernen Tinten fäßchens aus- 
gehöhlt .st ; da. Tin Waß trägt einen Deckel mit Knopf aus dem- 
selben Stein. Ein Kran^ von Brouzestatnetten und Tei-rakotta- 
figurchen ist hinter diesem Tintenzeug aufgestellt. Ich setze 
mich an den Tisch, um zu schreiben, mache mit der Hand, welche 
den Eedei-stiel hält, eine merkwürdig ungeschickte, ausfahrende 
Bewegung' und werfe so den Deckel des Tintenfasses, der bei-eits 
auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung ist nicht schwer 
zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im 
Zimmer gewesen, um sich einigr; neue Erwerbungen anzusehen. 
Sie fand sie sehr schön und äußerte dann: „Jetzt sieht dein 




Vnr. DAS VERGREIFEN. 185 



Schreibtisch wirkiicli liübsch aus, nur das Tintenzeug paßt niclit 
dazu. Du muüt ein schöneres liaben." Ich liegleitete die 
Schwester liinaus und kam erat nach Stunden zunick. Dann 
aber habe ich, wie es scheint, an dem verurteilten Tintenzeug die 
Exekution vollzogen. Schloß, ich etwa aus den Worten der 
Schwester, daß sie sich vorgenommen habe, mich zur nächsten 
festlichen Gelegenheit mit einem schöneren Tintenzeug zu be- 
schenken, und zerschlug das unschöne alte, um sie zur Verwirk- 
Uchung ihrer angedeuteten Absicht zu nötigen? Wenn dem so 
ist, so war meine schleudernde Bewegung nur scheinbar unge- 
schickt ; in Wirklichkeit war sie höchst geschickt und zielbewußt 
und verstand es. aUen wertvolleren, in der Nähe befindlichen 
Objekt«! schonend auszuweichen- 

Ich glaube wirklich, daß man dieee BeurteUimg für eine 
gajize Reihe von anscheinend zufällig ungeschickten Bewegungen 
aimehmön muß. Es ist richtig, daß diese etwas Gewaltsames. 
Schlendex-ndes. wie Spastisch- Ataktisches zur Schau tragen, aber 
aie erweisen sich als von einer Intention beherrscht und treffen 
ihr Ziel mit einer Sicherheit, die man den bewußt wiUkür- 
Uchen Bewegungen nicht allgemein nachrühmen kann- Beide 
Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben 
sie übrigens mit den motorischen Äußerungen der hysterischen 
Ne-urose und zum Teile auch mit den motorischen Leistun^n 
des Somnambulismas gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die 
i^Uche unbekannte Modifikation des Innervatiousvorganges 

■ !>: 
hinweist- . 

Auch eine von Frau Lou A udreas-Salome mitgeteilte 

ft Selbstbeobaelitung kann überzeugend dartun, wie eine hart- 

■ nackig festg^^haltene ..UngesehickUchkeit" in sehr geschickter 

if Weise unein gestandenen Absichten dient. 

„G«nau von der Zeit an, wo die Milch seltene und kost- 



. 1 
V 



186 . ; ■ Vm. DAS VERGREIFEN. 



bare Ware geworden war, geschah es mir, zw meinem ständigen 
Schrecken und Ärgernis, sie beständig überkochen zu lassen. 
Umsonst mühte ich mich, dessen Herr zu werden, obwohl ich 
durchaus nicht sagen kann, daß ich mich bei sonstigen Gele- 
genljeiteu zerstreut oder unachtsam bewiesen hätte. Eher hätte 
das Ursache gehabt nach dem Tode meines lieben weißen Ter- 
riei-s (der so berechtigterweise wie nur je ein Mensch jPreimd' 
[russisch Drujok] hieß). Aber — siehe da! — niemals seitdem 
ist die Milch auch nur um ein Tröpfchen überkocht. Mein 
nächster Gedanke darüber lautete: ,TVie gut ist das, da das 
auf Herdplatte oder Fußboden sich Ergießende nun nicht ein- 
mal Verwendung fände!' — Und gleichzeitig sah ich meinen 
.Freund' vor mir, wie er gespannt dasaß, die Kochpi-ozedur 
2U beobachten: den Kopf etwas schiefgeneigt und mit dem 
Schwanzende schon erwai-tungsvoll wedelnd, — mit getroster 
Sicherheit des sich vollziehenden prächtigen Unglücks gewär-" 
tig. Damit war freilich alle« klar, und auch dies ; daß er mir 
noch mehr lieb gewesen war, als ich .selb.st Avußte." " 

Es ist mir in den letzten Jahren, seitdem ich solche Be- 
obachtungen sammle, noch einigemal geschehen, daß ich Gegen- 
stände von gewissem Werte zerschlagen oder ze^bl^ochen habe, 
abe,r die Untersuchung dieser Fälle hat mich überzeugt, daß es 
t, niemals ein Erfolg de,s Zufalls oder meiner absichtslosen Un- 

I geschicklichkeit war. So habe ich eines Morgens, als ich im 

L_^- Badekostüm, die Füße mit Strohpantoffeln bekleidet, durch ein 

I Zimmer ging, einem plötzFichen Xmpuk folgend, eijien der Pan- 

toffel vom Fuß weg gegen die Wand gcschleudei-t, so daß er 
eine hübsehe kleine Venus von Marmor von ihrer Konsole her- 
linterholte. AVährend sie in Stücke ging, zitierte ich ganz un- 
gerührt, die Verse von Busch: 



VIII. DAS VERGREIFEN. Ig-J 



Ach! diß Veaus ist perdü — 
Klickeradoms! — von Medicü 



^C . - . 



Uiefios tolle Treilmn und meine Ruhe bei dem Schaden finden 
ikre Aufklärung in der damaligen Situation. Wir hatten eine 
schwer Kranke in der l^arailie, an deren Genesung ich im stillen 
bereits verzweifelt hatte. An jenem Morgen hatte ich von einer 
großen Besserung erfahren; ich weiß, daß ich mir gesagt halte: 
also bleibt sie doch am Lehen. Dann diente mein Anfall von 
Zerst-örungswut zum Ausdruck einer dankbaren Stimmung gegen 
das Schicksal und gestattete mir. eine „Op fcrhandlung'^ zu 
vollziehen, gleichsam als hätte ich gelobt, wenn sie gesund wird, 
bringe ich dies oder jenes zum Opfer! Daß ich für dieses Opfer 
die Vemis von Medici ausgesucht, sollte gewiß nichts anderes als 
eine galante Huldigung für die Genesende sein; iinbcgreüiich 
bleibt mir aber auch diesmal, daß ich- so rasch entschlossen, bo 
geschickt gezielt und kein anderes der in so großer Nähe befind- _ 
liehen Objekte getroffen habe 

Ein anderes Zerbrechen, für das ich mich wiederum des der 
Hand entfahi^enden Federstiels bedient habe, hatte gleichfalls dw 
Bedeutimg eines Opfers, aber diesmal eines Bittopfers zur Ab- 
wendung- Ich hatte mir einmal darin gefallen, einem treuen nnd 
verdi^ten Preunde einen Vorwiu-f zn machen, der sich auf die 
Deutung gewisser Zeichen aus seinem Unbe^vußt^n, auf nicht« 
andere«, stützte. Er nahm e^ übel auf und schrieb mir einen 
Brief in dem er mich bat, meine Freunde nicht psychoanalytisch 
zu behandeln. Ich mußte ihm recht geben und beschwichtigte 
ihn durch meine Antwort. Während ich di^en Brief schrieb, 
hatte ich meine neueste Erwerbung, ein prächtig glasiertes ägyp- 
tisches Figürchen, vor mir stehen. Ich zerschlug es auf die be- 
schriebene Weise und ^vußte dann sofort, daß ich dies Unheil 



188 Vm. BAS VERGREIFEN. 



angerichtet, um ein größeres abzuwenden. Zum G-lücke ließ sieh 
beides — die Freundschaft wie die Figur — so leimen, daß, man 
den Sprung nicht merken würde. 

Ein drittes Zerbreclien stand in weniger ernsthaftem Zu- 
Bammenhang; es war nur eine maskierte „Exekution", um den 
Ausdruck von Th. Vischer („Auch einer") zu gebrauchen, an 
einem Objekt, das sich meines Gefallens nicht mehr erfreute. Ich 
hatte eine Zeitlang einen Stock mit Öilbergrif f getragen ; als die 
dünne Silberplatte einmal ohne mein Verschulden beschädigt 
worden war, wui-de sie schlecht repariert. Bald nachdem der 
Stock zurückgekommen war, benützte ich den Griff, um im tlibei-- 
mut nach dem Beine eines meiner Kleinen zu angebi. Dabei 
brach er natürlich entzwei und ich war von ihm befreit. 

I Der Gleicluuut, mit dem man in all diesen i'ällen den ent- 

^— etandenen Schaden aufnimmt, darf wohl als Beweis für das Be- i 

stehen einer unbewußten Absicht bei der Ausführung in An- ^ 

Spruch genommen werden. 

Gelegentlich stüßt man, wemi man den Begründungen einer 
80 geringfügigen Fehlleistung nachforscht, wie es das Zerbrechen 
eines Gegenstandes ist, auf Zusammenhänge, die tief in die Vor- 
geschichte eines Menschen hineinführen und überdies an der 
gegenwartigen Situation desselben haften. Xüchstehende Ana- 
lyse von L. Jekels (Internat. Zeitsehr. f. Psychoanalyse, I. 
1913) soll hiefür ein Beispiel geben- 

„Ein Arzt befindet sich im Besitze einer, wenn auch nicht 
kostbaren, so doch sehr Jiübschen irdenen Blumonvase. Dieselbe 
wurde ihm seinerzeit nebst vielen anderen, darunter auch kost- 
bareoi, Gegenständen von einer (verheii-atet^n) Patientin o^ 
schenkt. Als bei derselben die Psychose manifest wurde, hat er 
all die Geschenke den Angehörigen der Patientin zurückerstattet 



vm. DAS VJEBÖREIFEN. jgg 



— bis auf die eine weit weniger kostspielige Vase, von der er 
eich nicht trennen konnte, angeblich wegen ihrer Schönheit- 

Doch kostete diese Unterschlagung den sonst so skrupulösen 
Menschen einen gewissen inneren Kampf, war er sich doch der 
Ungehörigkeit dieser Handlung vollkommen bewußt und half 
sich bloß über seine Gewissensbisse mit dem Vorhalt hinweg, 
die Vase habe eigentlich keinen Materialwert, sei schwerer ein- , 
zupacken usw. 

Als er nun einige Monate später im Begriffe war, den ihm 
streitig gemachten Restbetrag für die Behandlung dieser Pa- 
tientin durch einen Rechtsanwalt reklamieren und eintreiben zu 
lassen, meldeten sich die Selbstvorwürfe wieder; flüchtig befiel 
ihn auch die Angst, die venneintliche Unterschlagung könnte 
von den Angehörigen entdeckt und ihm im 8traf verfahren ent- 
gegengehalten werden- . r • 

Besonders jedoch das erste Moment war eine Weile hindurch 
60 stark, daß er schon daran dachte, auf eine etwa hundcrimal 
höhere Forderung zu verzichten — quasi als Entschädigung für 
dem unterschlagenen Gegenstand — , ei- überwand jedoch alsbald 
diesen Gedanken, indem er ihn als absurd beiseite schob- 

Während dieser Stimmung passiert es ihm nun, daß er, der 
sonst außerordentlich selten etwas zerbricht und seinen Muskel- 
apparat gut beherrscht, beim Erneuern des Wassers in der Vase 
dieselbe durch eiae organisch mit dieser Handlung gar nicht zu- 
sammenhängende, sonderbar .ungeschickte' Bewegung vom Tische 
wirft, so daß sie etwa in fünf oder seclis größere Stücke zerbricht. 
Und dies, nachdem er am Abend zuvor, nur nach vorherigem 
starken Zögern, sieh entschlossen hatte, gerade diese Vaseblumen- 
o-efüUt vor die geladenen Gäste auf den Tisch des Speisezimmers 
2U stellen, und nachdem er knapp vor dem Zerbrechen an sie ge- 



190 VIII. DAS VERGKEIPEN. 



dacht, sie in seiaem Wohnzmimer angstvoll vermißt und eio^n- 
händig aus dem anderen Zimmer geholt hat! ' 

Als er nun nach der anfäng-Uchen Bestürzung die Stiicko 
aufsammelt, und gei-ade als er durch Zusammenpassen derselben 
konstatiert, es werde noch möglich sein, die Vase fast lüekenlo^ 
2u rekonstruieren, da — gleiten ihm die zwei oder drei größei-en 
Bruchstücke aus den Händen; sie zerstieben üi tausend Splitter 
und mit ihnen auch jegliche Hoffnung auf diese Vase. 

i^'raglos hatte diese h^ehlleistung die aktuelle Tendenz, dem 
Arzte das \'erfolgen seines Eechtes zu ermöglichen, indem die- 
selbe das beseitigte, was er zurückbehalten hatte- und was ihn 
einigei-maßen behinderte, das ku verlangen, was man ihm isurtick 
behalten hatte- 

Doch außer dieser dü'ekten, besitzt für joden Psychoanaly- 
tiker diese Fehlleistung noch eine weitere, ungleich tiefere und 
wichtigere, symbolische Determinier iing ; ist doch Vase ein 
unzweifelhaftes Symbol der Frau. ■ -■ 

Der Held die.ser kleinen Geschichte hatte seine schöne, jun^ 
und heißgeliebte Frau auf tragische Weise verloren; er verfrei 
in eine .Veurose, deren Grundnote war, er sei an dem Unglück 
schuld (,er habe eine schöne Va^ zerbroclien'). 

Auch fand er kein Verhälhiis mehr zu den Frauen und hatte 
Abneigung vor der Ehe und vor dauernden Liebesheziehungen. 
die im Unbewußten als Untreue gegen seine \'erstorbene Frau 
gewertet, im Bewußten aber damit rationalisiert wurde, er brin«^ 
den Frauen Unglück, es könnte sich eine seinetwegen töten usw. 
(Da durfte er natürlich die Vase nicht dauernd behalten 1) 

Bei seiner starken Libido ist es nun nicht verwunderlich, daß 
ihm als die adäquatesten die ihrer Natur nach doch passageren 
Beziehungen zu verheiratel^n Frauen vorschwebten (daher Zu- 
rückhalten der Vase eines anderen). ' -*.■-. 



i 




r 






VIII. DAS \TaJGREIFEN. iqi 



Eine schöne Bestätio-ung für diese Symbolik findet sicli in 
nachstehenden zwei Momenten : Infolge der Neurose unterzog er 
sich, der psyclioanaly tischen. Behandlung. 

Im Verlaufe der Sitzung, in der er von dem Zerbrechen der 
.irdenen' Va^e erzählte, kam er viel später wieder einmal auf sein 
Verhältnis zu den Frauen zu sprechen und meinte, er sei bis zui' 
ünsinnigkeit anspruchsvoll ; so verlange er z. B- von den Frauen 
.unirdißche Schönheit'. Doch eine sehr deutliche Betonung, daß 
er noch an seiner (verstorbenen i. e. unirdischen) Frau hänge und 
von »irdischer Schönheit' nichts wissen wolle j daher das Zer- 
brecheiD. der ,ii-denen' (irdischen) Vase. 

Und genau zur Zeit, als er in der Übertragung die Phantasie 
bildete, die Tochter seines Arztes zu heiraten, — da vordirte er 
demeeibon eine — Vase, quasi als Andeutung, nach welcher 
Richtung ihm die Eevanche erwünscht wäre- 

Voraussichtlich läßt sich die symbolische Bedeutung der 
Fehlleistung noch mannigfaltig variieren, z- B. die Vase nicht 
füllen wollen usw. interessanter erscheint mir jedoch die Er- 
wägung, daß das Vorhandensein von melu-eren, mindestens 
zweien, wahrscheinlich auch getrennt aus dem A'or- und Unbe- 
wußten wirksamen Motiven, sich in der Doppelung der Fehl- 
leistung — Umstoßen und Entgleiten der Vase — widerspiegelt.'' 

e) Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen 
derselben scheint sehr häufig zum Ausdruck unbewußter Ge- 
dankengänge vei-wendet zu werden, wie man gelegentlieh durch 
Analyse beweisen kami, häufiger aber aus den abergläubisch 
oder scherzhaft daran geloiüpffen Deutungen im Volksmunde 
erraten möchte. Es ist bekannt, welche Deutungen sich an das 
Ausschütten von Salz, Umwerfen eines "Weinglases, Stecken- 
bleiben eines zu Boden gefallenen Messers u. dgl- knüpfen. "Wel- 
ches Anrecht auf Beachtung solche abergläubische Deutungen 



192 "PltJ- ^AS VEUGKEIFEK. 



haben, werde ich erst an späterer Stelle erörtern; hieher gehört, 
nur die Bemerkung, daß die einzelne ungescliickte Verrichtung 
beineeweg-s einen konstanten Sinn hat. sondern je nach Umständen 
sich dieser oder jener Absicht als Darstellungsmittel bietet. 

Voi' kurzem gab es in meinem Hause eine Zeit, in der Tin- 
gewöhnlich viel Grlas und Porzellangeschirr zerbrochen wiu-de; 
ich selbst trug mehreres zum Schaden bei- Allein, die ^kleine 
psychische Endemie war leicht aufzuklären ; es waren die Tage 
vor der ^''e^mählung meiner ältesten Tochter, Bei solchen Feiern 
pflegte man sonst mit Absicht ein Gerät zu zerbrechen und ein 
glückbringendes Wort dazu zu sagen. Diese Sitte mag die Bedeu- 
tung eine*! Opfers und noch anderen symbolischen Sinn haben. 

A^'enn dienende Personen zerbrechliche Gegenstände dui^h 
Fallenlassen vernichten, so wird man an eine psychologische Er- 
klärung liiefür gewiß nicht in erster Linie denken, doch ist auch 
dabei ein Beitrag dunkler Motive nicht unwahrscheinlich. Nichte 
liegt dem Ungebildeten ferner als die Schätzung dei' Kunst und 
der Kunstwerke. Eine dumpfe Feindseligkeit gegen dei-en Er- 
zeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn die Gegen- 
stände, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle von .ixbeits- 
anforderung für sie werden. Leute von derselben Bildungsstufe 
und Herkunft zeiclinen sich dagegen in wissenschaftlichen 
Instituten oft durch große Geschicklichkeit und Verläß- 
lichkeit in der Handhabung heikler Objekte aus, wenn sie 
erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn zu identifizieren und 
sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu rechnen. 

Ich schalte hier die Mitteilung eines jungen Technikers ein. 
welche Einblick in den Mechanismus einer Sachbeschädigung 
gestattet- ' ' ' ' " 

„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehi-eren Kollegen im 
Laboratorium der Hochschule an einer Reihe komplizierter Elasti- 



vni. DAR VERGREIFEN. )93 



Zitats versuche, eine Arbeit, die wii' freiwillig übernommen hatten, 
die abei- begann, mehr Zeit zu beanspruchen, als wir erwartet 
hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem Kollegen F. ins 
Laboratorium ging, äußerte dieser, wie unangenehm es ihm ge- 
rade heute sei, so viel Zeit zu verlieren, er hätte zu Hause so viel 
anderes zu tun; ich konnte ihm nur beistimmen und äußerte 
noch halb scherzhaft, auf einen Vorfall der vergangenen \\' oche 
anspielend : ,Hof fentlich wird wieder die Maschine versagen, so 
daß wir die Arbeit abbrechen und früher weggehen können !',,,,. ■ 

Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das 
Ventil der Tresse zu steuern bekommt, d. h. ei- hat die Druck- 
fiüsöigkeit aus dem Akkunioiator dmch vorsichtiges Offnen des 
Ventils lang-sam in den Zylmder dea- hydraulischen Presse ein- 
zulassen; der Leiter des Versuches steht beim Manometer und 
ruft, wenn dea' richtige Druck erreicht ist. ein lautes ,Half. 
Aul'' dieses Kommando faßt F. das Vent il und dreht es mit aller 
Kraft — nach links (alle Ventile worden ausnahmslos nach rechts 
geschlossen !> Dadurch wii-d plüt^ilich der volle Druck des Ak- 
kum-ulatore in der Presse wirksam, worauf die Rohrleitung nicht 
eingerichtet ist, so daß sofort eine Rohrverbindung platzt — 
ein ganz harmloser Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt, für 
heute die Arbeit einzustellen und nach Hanse zu gehen- 

Charakteristisch ist übrigens, daß einige Zeit nachher, als 
wir diesen Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von mir 
mit Sicherheit erinnerte Äußerung absolut niclit. erinnern 

wollte-" \ : 

Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, 

braucht gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlachtagen 

motorischer Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppel- 

injx dieser Ausdrücke weist bereits auf die Art von verhaltenen 

PbaJitasien hin, die sich durch solches Aufgeben des Körper- 

r««od, Psyohopftihologia du AlK^elebena, Tl. Aufl. , 18 



]94 Vlir. DAS VERGREIFE??. 



gleichgewichtes darstellen können. Ich erinnere mich an yine 
Anzalil von leiehtei-en nervösen Erkrankun^n bei Frauen und 
Mädchen, die nach einem PaUe ohne ^'crletzung aufgetreten 
waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim 
Falle aufgefaßt wurden- leli bekam schon damals den Eindruck, 
■d\s ob die Dinge anders zusammenhingen, als wäre das Fallen 
bereits eine Veranstaltung der Neurose und ein Ausdruck der- 
selben, unbewußten Phantasien sexuellen Inhaltj^ gewesen, die 
man als die bewegenden Kräfte hinter den Symptomen vermuten 
darf. Sollte dasselbe nicht auch ein tjprithwort sagen wollen, 
welch«? lautet: „Wenn eine Jungfrau fällt, fällt sie auf den 
Kücken?" 

Zum Vergreifen kaim man auch den Fall rechnen, daß 
jemand einem Bettler anstatt einer Kupfer- oder kleinen Silbei-- 
mimze ein Goldstück gibt. Die Auflösung solcher Fehlgriffe ist 
leicht; es sind Opferhajidhmgen, bestimmt, das Schicksal zu ein- 
weichen. Unheil abzuwehren u. dgl. Hat man die zäriliehe Mutter * 
odei- Tante unmittelbar vor dem Spaziergang, auf dem sie sich 
so widenvülig großmütig erzeigt, eine Besorgnis über die Gesund- 
heit eines Kindes äußern gehört, so kann man an dem Sinne des 
angeblich unliebsamen Zufalls nicht mehr zweifeln. Auf solche 
Art ermöglichen unsere Fehlleistungen die Ausübung aller jener 
fi-ommen und abergläubischen Gebräuche, die wegen des Sträu- 
bens unserer ungläubig gewordenen Vernunft das Lieht des Be- 
wußtseins scheuen müssen. 

f) Daß zufällige Aktionen eigentlich ahsiclitliche sind, wird 
auf keinem anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem 
der sexuellen Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Art4>n 
sich wirklich zu verwischen scheint. Daß eine scheinbar un- 
geschickte Bewegung höchst raffiniert zu sexuellen Zwecken aus- 
genützt werden kann, davon habe ich vor einig-en Jahren an mir 



1 



VIII. DAS VERGRErFEK. 



195 



I selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich traf in einem befreundeten 
Hau^ ein als Gast angelangtes junges Mädchen, welches ein 
längst für erloschen gehaltenes "Wohlgefallen bei mir erregte und 
mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend stimmte. Icli 
habe damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen dies zu- 
ging; ein^ Jahr vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl ge- 
lassen. Als nun der Onkel des Mädchens, ein sehr alter Herr, 
ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf, um ihm einen in der 
Ecke stehenden Stulil zu bringen. Sie war behender als ich, 
wohl auch dem Objekt näher; so hatte sie sich zuei-st des Sessels 
bemächtigt und trug iiui mit der Lehne nach rückwärts, beide 
Hände auf die Sesselründer gelegt, vor sich liin. Indem ich später 
hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht 
aufgab, stand ich plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme 
von rückwärts um sie geschlungen, und die Hände ti'afen sich 

'. ' einen Moment lang vor ihrem Schoß. Ich löste natürlich die 
Situation ebenso rasch, als sie entstanden war. Es schien auch 
keinem aufzufallen, wie geschickt ich diese ungeschickte Bewe- 
gung ausgebeutet hatte. 

Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, daß das ärger- 
liche- ungeschickte Ausweichen auf der Straße, wobei man durch 
'•inige Sekunden hin und her. aber doch stets nach der nämlichen 
Seite wie der oder die andere. Schritte macht, bis ejidlich beide 
vor einander stehen bleiben, daß auch dieses „den Weg Ver- 
ti^ten'' ein unartig pi-ovo zierendes Benehmen früherer Jahre 
wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der Ünge- 
«ehickliclikeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalysen Neuro- 
tischer weiß ich, daß die sogenannte Naivität junger Leute und 
Kinder häufig nur solch eine Maske ist, um das Unanständige 
unbeirrt durch Genieren aussprechen oder tun zu können. 

Ganz älinliche Beobachtungen hat ~W. Stekel von seiner 

I 13* 



-1 



196 



Vm. DAS VEItGREIFEN. 



eigenen Person mitgeleilt ; „Ich trete in ein Haus ein und reicHe 
der Dame des Hauses meine Rechte- Merk würdiger weise löse ich 
dabei die Schleife, die ihr loses Morgenkleid zusammenhält. Ich 
bin mir keiner unehrbaren Absicht tewußt, und doch habe ich 
diese ungeschickte Bewegung mit der Geschicklichkeit eines 
Eskamoteui-s vollbracht." 

Ich liabe schon wiederlvolt Proben dafür gel>en können, daß 
die Dichtei- FeliUeistungen ebenso als sinnvoll und motiviert auf- 
fassen, wie wir es hier vertreten. Es wird uns darum nicht ver- 
wundern, an einem neuen Beispiel zu ersehen, wie ein Dichter 
auch eine ungeschickte Bewegung bedeutungsvoll macht und 
zum Vorzeichen späterer Be^benheiten werden läßt. 

In Theodor Fontanes Koman: „L'Adultera" heißt es 
(Bd. II, S. 64 der gesammelten "Werke, Verlag S- Fischer): 
„ . . - und Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zui' 
Begrüßung, einen der großen Bälle zu. Aber sie hatte nicht 
richtig gezielt, der Ball ging seitwärts und Eubehn fing ihn 
auf." Bei der Heimkehr von dem Ausflagc. der diese kleine 
Episode gebracht hat, findet ein Gespräch zwischen Melanie 
und ßubehn statt, das die erste Andeutung einer keimenden Nei- 
gung verrät. Biese Neigung wächst zur Leidenschaft, so daß 
Melanie schließlich ihren Gatten verläßt, um dem geliebten 
Manne ganz anzugehören. (Mitgeteilt von H- Sachs-) 

g) Die Effekte, die durcli da-s Fehlgreifen normaler Men- 
schen zu stände kommen, sind in der Regel von harmlosester Art 
Gerade darum wird sich ein hesünderes Interesse an die Frage 
knüpfen, ob Fehlgriffe von erheblicher Tragweite, die von be- 
deutsamen Folgen begleitet sein können, wie z- B. die des Arztes 
oder Apothekers, nach irgend einer Richtung unter unsere Ge- 
sichtspunkte fallen- 



r 



Vni. DAS VERGEEIPEN. 197 



Da ich sehr seiton in die Lage komme, ärztliche Eingriffe 
vorzunehmen, hahe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem Ver- 
greifen aus eigener Erfahrung zu berichten- Bei einer sehr 
alten Dame, die ich seit Jahren zweimal täglich besuche, be- 
schränkt sich meine ärztliche Tätigkeit beim Älorgenbesuch auf 
2wei Akte: ich 1 räufle ihr ein paar Tropfen Augenwasser ins 
Auge und gebe ihr eine Morphium üijektion. Zwei Pläschchen, 
ein blaues für das KoUyrium und ein weißes für die Morphin- 
lösuBg. sind regelmäßig vorbereitet. "Während der beiden Ver- 
richtungen beschäftigen sich meine Gedanken wohl meist mit 
etwas anderem ; das hat sich eben schoa so oft wiederholt, daß 
die Aufmerksamkeit sieh wie frei benimmt. Eines Morgens be- 
jnerke ich, daß der Automat fajgcli gearbeitet hatte, das Ti-opf- 
röhrchen hatte ins weiße anstatt ins blaue Pläschchen eingetaucht 
und nicht K&Uyrium. sondern Morphin ins Auge geträufelt. Ich 
erechrak heftig und beruhigte mich dann durch die Überlegung, 
daß einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphinlösimg auch 
^ im Bindehautsack kein Unlieil anzurichten vennbgen- Die 
Schi'eckempfindung war offi^nbar anderswoher abzuleiten- 

Bei dem Vei-suche, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel 
mir zunächst die Phi-asc ein: „sich an der Alten vergreifen", die 
den kurzen AVeg zui- Lösung weisen konnte. Ich stand unter 
jgjji Eindruck eines Traumes, den mir am Abend vorhat- ein 
iTinger Majm erzählt hatte, dessen Inhalt sich nua- auf den 
eexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten ließ*. Die 
Sonderbarkeit, daß die Sage keinen Anstoß an dem Alter der 
Königin Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu 

"T^^ÖdJpustraumes, wie ich ilm zu nennen pflege, weil er 
aen Sctüüasel zum Verständnis d«r Sage von König ödipus enthält. Im 
Text des Sophokle« ist die Beziehung auf «inen solchen Traum der Jokaste 
■„ den Mund gelegt. (Vgl. „Tiaumdeutung-, S. 182, V. Aufl., S. 183.) 



r>5? 



198 



VIIl. DAS VEKGKEIFEN. 



stimmen, daß es sich bei der Verliebtheit in die eigene Mutter 
niemals um deren gegenwärtige Person handelt, sondern um ihr 
j ugeiidlichee Erinnerungsbild a,us den Kinderjalu-en. Solche In- 
kongmenzen stellen sich immer heraus, wo eine zwischen zwei 
Zeiteoa schwankende Phantasie bewußt gemacht ujid dadurch au 
eine bestimmte Zeit gebuuden wii'd- In Gedanken solcher Arl 
versimken, kam ich zu meiner über neiinzig-j ährigen Patientin, 
und ich muß wohl auf dem Wego. gewesen sein, den allgemein 
menschlichen Charakter der Ödipusfabel als das Korrelat des 
Verhängnisses, da« sich in den Orakeln äußert, zu erfassen, denn 
ich vergriff mich dann „bei oder an der Alten". Indes dies Ver- 
greifen war wiederum harmlos: ich hatte von den beiden mög- 
lichen In-tüniern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwendeti 
oder das Augenwassor zur Lijektion zu nehmen, den bei weitem 
harmloseren gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man 
bei Fehlgriffen, die schwei-en Schaden stiften können, in älmlielier 
AA'eise wie bei den hier behandelten eine unbewußte Absiclit in 
Erwägung ziehen darf. . . . ., . 

Hier läßt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im 
Stiche, und ich bleibe auf ^-ermutungen und Annä.lierungen an- 
gewiesen. Es ist bekannt, daß bei dm schwei-eren Fällen von 
J'syehoneuro^e Selbstlxsehädigungen gelegentlieh als Krankheit^- 
symptome auftreten, und daß der Ausgang des psychi^elieu Kon- 
flikts in Selbstmord bei ilmeii aiemals auszuschließen ist. Ich 
hai>e nun erfahren und werde es eines Tages durch gut auf- 
gekläi-te Beispiele belegen, daß viele scheinbar zufällige Scliädi- 
guiigen. die solelie Kraaüce treffen, eigentlich Selbstbeschädi- 
gungen sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur Selbst- 
b<Ätrafung, die sich sonst als Sclbstvorwurf äußert; oder ihren 
Beitrag zur Symptombildung stellt, eine zufällig gebotene äußere 
Situation geschickt ausnützt, oder ilir etwa noch bis zur Errei- 



Vin. DAS VERGHEIFEN. 



199 



chung d^ gewünschten Kcliadigenden Effekts nachhilft. Solche 
Vorkommnisse sind aucli hei mittelschweren Fällen keineswegs 
selten, imd sie verraten den Anteil der unbewußten Absicht 
durch eine Reihe von besonderen Zügen, z. B. durch die auffällige 
Faesung; welche die Kranken bei dem angeblichen Unglücksfalle 
bewahi-ön *. 

Aus meiner ärztlichen Erfahrung will ich anstatt vieler nur 
ein einzige Beispiel ausführlich berichten: Eine junge Erau 
bricht sich bei einem Wagenunfall die Knochen des einen Unter- 
schenkels, so daiS sie für Wochen bettlägerig wii-d, fällt dabei 
durch den Mangel an Schmerzensäußerungen und die Ruhe auf, 
mit der eie ihr Ungemach erträgt. Dieser Unfall leitet eine 
lange und schwere neurotische Erki'ankung ein, von der sie end- 
lich durch Ps,>-choanalyse hergestellt wird. In der Behandlung 
erfahre ich die Kebenumstäjide des Unfalls sowie ge^visse Ein- 
drücke: die ihm vorausgegangen sind. Die junge Frau befand 
«ich mit ihrem sehr eifersüchtigen Manne auf dem Gute einer 
verheirateten Schwester in Gesellschaft ihrer zahlreichen übrigen 
üeechwister und deren Männer und Frauen. Eines Abends gab 
öje in diesem intimen Kreise eine Vorstellung in einer ihrer 
Künste, sie tanzte kunstgerecht Cancan unter großem Beifall 
der Verwandten, aber zur geringen Befriedig-ung ihre^ Mannes, 
der ihr nachhei- zuzischelte: Du hast dich wieder benommen wie 
*,iDß Dirne- Das Wort traf; wir wollen es dahingestellt sein 
laßseo^ ob gerade wegen der Tanzproduktion. Sie schlief die 



* Die Selbstbeschädigung, die nicht auf volle Selbatvernichtung liin- 

"elt, liat in unserem gegenwärtigen Kult-urzustnnd überhaupt keine andere 

Wahl, als sich hinter der ZufälHgkeit zu verbergen, oder sich durch Simii- 

I lation einer spontanen Erki^nkung durchzusetzen. Früher einmal war sie 

-n e-e braue blicbes Zeichen der Trauer; zu anderen Zeiten konnte sie Ideen 

1^ der Frömmigkeit und Weltentsagung Ausdruck geben, v . . 



200 



VIU. DAS VERGREIFEN. 



Nacht unruhig, am nächsten Vormittag begehrte sie eine Aus- 
fahi-t zu machen. Aber sie wählte die Pferde selbst, refüsierte 
das eine Paar und verlangte ein anderes. Die jüngste Schwester 
wollte ihi-on Säugling mit seiner Amme im "VVagen mitfahi-en 
lassen; dem widersetzte sie sich energisch. Auf der Fahrt zeigte 
sie sich nervös, mahnte den Kutscher, daß die Pferde scheu 
würden, und als die uni'uhigen Tiere wirklich einen Augenblick 
Sebwierigkeiten maeliten, sprang sie im Sclirecken aus dem 
Wagen und brach sicli den Fuß, während die im "Wagen Ver- 
blicbejien heil davonkamen. Kann man nach der Aufdeckung 
dieser Einzelheiten kaum mehr l)e2weifelii, daß dieser Unfall 
eigentlich eine Veranstaltung war, so wollen wir doch nicht ver- 
säumen, die Geschicklichkeit zu bewundem, welche den Zufall 
nötigte, die Strafe so passend für die Schuld auszuteilen. Denn 
nun war- ihr das Cancauianzcn für längere Zeit unmöglich ge- 
macht. 

Von eigenen Selbstbeschädigung-en weiß ich in ruhigen 
Zeiten wenig zu berichten, aber ich finde mich solcher unter 
außerordeoitlichen Bedingungen nicht unfähig. Wenn eines der 
Mitglieder meiner Familie sich beklagt, jetzt habe es sich auf die 
Zunge gebissen, die Finger gequetscht usw., so erfolgt anstatt 
der erhofften Teilnahme von meiner Seite die Frage : Wozu hast 
du das getan? Aber ich habe mir selbst aufs schmerzhafteste 
den Daumen eingeklemmt, nachdem ein jugendlicher Patient in 
der Behandluagsstundo die (natüiiich nicht ernsthaft zu neh- 
mende) Absicht bekannt hatte, meine älteste Tochter zu heiraten, 
während ich wußte, daß sie sich gerade im Sanatorium in äußer- 
ster Lebensgefahr befand- 

Einer meiner Knaben, dessen lebhaftes 'remperament der 
Krankenpflege Schwierigkeiten zu bereiten pflegte, hatte eines 



VIII. DAS VEEGREIFEK. g^j 



Morgens einen Zornanfall gehabt, weil man ihm zug-emutet hatte, 
den \'oi'iiüttag im Bette zuzubringen, und gedralit sich umzu- 
bringen, wie es ihm aus der Zeitung bekannt geworden war. 
Abends zeigte er mir eine Beule, die er sich durch Anstoßen an 
die Türklinke an der Seile des Brustkorbs zugezogen hatte. Auf 
meine ironische Frage, wozu er das getan und was er damit g-e- 
wollt habe, antwortete das 1 1jährige Kind wie erleuchtet: Das 
war mein Selbstmordver-such, mit dem ich in der Früh gedroht 
habe. Ich glaube übrigens nicht, daß meine Anschauimgen über 
die Selbstbeschädigung meinen Kindern damals zugänglich 
waren. 

Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbst- 
beschädigung ~ wenn der ' uiigescEiclcte Ausdi-uck gestattet ist 
^ glaubt, der wird dadurch vorbereitet, anzunehmen, daß ea 
außer dem bewußt absichtlichen Selbstmord auch halb absicht- 
liche Selbstvemiclitung — mit unbewußter Absicht — gibt, die 
^ eine Lebens bednjhung gescliickt auszunützen und sie als zufalUg-e 

Verunglückung zu maskiei-eu weiß. Eine solche braucht keines- 
wegs selten zu sein. Denn die Tendenz zur Selbstvernichtung 
ist bei sehr viel mehr Menschen in einer gewis.sen Stärke vor- 
handen, als bei denen sie sich durchsetzt; die Selbstbeschädi- 
o-ungen süid in der Regel ein Kompromiß zwischen diesem J^^e 
und den ihm noch entgegenwirkenden Kräften, und auch wo es 
wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die Neigung dazu eine 
lange Zeit vorher in geringerer Stärke oder als unbewußte und 
unterdrückte Tendenz vorhanden gewesen. 

Auch die bewußte Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel 
und Grelegenheit ; es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbe- 
wußte einen Anlaß abwartet, der einen Teil der Verursachung 
auf sich nehmen und sie durch Inanspruchnahme der Abwehr- 



iJ02 ■ Vm. DAS VEKGREIPEN. 

kräfte dci Person von ihrer Bedrückung frei machen kann *. Es 
sind keineswegs müßige Erwägungen, die ich da vorbringe ; mir 
ist mehr als ein Fall von anscheinend zufälligem Verunglücken * 

{zu Pfei"do, oder aus dem Wagen) bekannt geworden, dessen nähere 
Umstände den Verdacht auf unbewußt zugelassenen Selbstmord 
rechtfei'tigen. Da stürzt z. B. während eines Offiziers Wettrennens 
ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so schwer, daß er 
mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er zu sich 
gekommen, ist in manchen. Stücken auffällig- Nocli bemerkens- 
werter ist sein Benehmen verlier gewesen. Er ist tief verstimmt 
diu'ch den Tod seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen 
in der Gresollscliaft seiner Karaoradon befallen, er äußert Lebens- 
überdruß gegen seine vertrauten -JTxeunde, will den Dienst 
quittie7'en, um an einem Kriege in Afrika Anteil zu nehmen, der 
ihn sonst nicht berührt**; früher ein schneidiger Reiter, weicht 

* Bei- Fall ist dann schlioiUich kein andorei ;vl5 der dos sesuoUen J| 

Attentats auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch die ^ 

volle Jliiakelkrafl. des MVibes abgewehrt worden kann, wfil ihm ein Teil 
d<^r unbewußten Regungen der Angegriffenen fördernd encgegoakommt . 
Jlan sagt ja wohl, eine solclie Sitiia-tion lähme die Kräfte der Frau: 
man braucht dann nur noch die Ciriinde für diese Lähmung hinzuzufügen. 
Insülern ist der geistreiche .Richterspruch des Sancho Pansa, den er 
al« Gouverneur auf seiner In.sei fällt, psychologisch ungerecht (Don Quijote. 
ir. Teil, Kap. XLV). Eine I'rau zerrt einen Mann vor den ßiohter, der 
sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre beraubt hat. Sancho entschädigt 
öie durch die volle Oeldbörso, die er dem Angeklagton abnimmt, und 
gifit diesem nach dem Abgange der Trau die Erlaubnis, ihr nachzueilen 
und ihr die Börse wieder zu entreiJJen. Sic kommen beide ringend wieder, 
und die Fi-au rühmt sich, daß der Bösewicht uiciib itn sta.nde gewesen 
sei. sich der Börse zu bemächtigen. Darauf Sancho: „Hättest du deiae 
Ehre halb so ernsthaft verteidigt wie diese Börse, so hätte sie dir der 
Mann nicht rauben können." 
;-■ **) Dali die Situation des Schlachtfeldefi eine solche ist, wie sie der *«^ 

bewuJ3ten Selbstmords bricht on Ige genkommt, die doch den direkten Weg 



^ 



Vm. DAS VEBGBKIFEK. 



203 



er jetzt dBin Reiten aus, wo es nur möglich ist. Vor dem Wett- 
rennen endlicli. dem er sich nicht entziehen kann, äußert er eine 
trübc' Ahnung ; wir werden uns bei unserer Auf fassung nicht mehr 
verwundern. dai5 diese Ahnung recht behielt. Man wird mir ent- 
gogenJialten, es sei ja ohne weiteres vei-ständlich, daß ein Mensch 
in solch nervöser Depression das Tier nicht zu meistern \-ersteht 
wie in gesunden Tagen. Jch bin ganz einverstanden ; nur möcht« 
ich den Mechanismus dieser motorischen Hemmung dui'ch die 
J.Nervosität" in der hier bei-onten Selbstvcrnichiuugsabsicht 
suchen. 

S. Perenczi in Budapest hat mir die Analyse eines Falles 
von angeblich zufälliger SchußverJetzung, den er für einen un- 
bewußten Selbstmord vei-such erklärt, zur Veröffentlichung über- 
lassen- ich kann mich mit seiner Auffassung nur einverstanden 
erklären; 

,,J. Ad-, 22jähriger Tischlergeselle, suchte mich am 18. Jän- 
ner 1908 auf. Er wollte von mir orfahi'en. ob die Kugel, die 
ihm am 20. März 1907 in die linke Schläfe eindi-ang, operativ 
entfei'iit werden könne oder müsse. Von zeitweise auftretenden, 
nicht allzu heftigen Kopfschmerzen abgesehen, fühlt er sich ganz 
ffeßund, auch die objektive Unierauehung ergibt aaißor der charak- ■ 
teristischen, pulvergeschwärzten Schußnaj-be an der linken 
Schläfe gar nichts, so daß ich die Operation widerrate. Cber die 
Umstände de« Falles befragt, erklärt er, sich zufällig verletzt zu 
haben. Kr spielte mit dem Revolver des Bruders, glaubte, 
(iaß er nicht geladen ist, drückte ihn mit der linken Hand 
aji die lijiA-e Schläfe (er ist nicht Linkshänder), legte den Fing(U- 
auf den Plahn. und der Schuß ging los. Drei Patronen 
waren in der sechsläufigen Schußwaffe- Ich frage ihn: 
s^jeutTiat 'einleuchtend. Vgl. im „Wallcns tein" die Wone des achwe- 
dischen Hauptmannes über den Tod des Max Piccolomiiii : ,,ilaii sagt, 
er wollte sterben." 



S 




204 



vni. 1)AS VERGR!i;iFßN. 



wie er auf die Idee kam, den Revolver zu sich -au. nehmen. Er 
erwidert., daß es zur Zeit seiner Asaentierung wax ; den Abend 
zuvor nahm er die Waffe ins Wirtsliaus mit, weil er Schlägereien 
befürchtete. Bei der Musterung wurde er wegen Krampfadern 
für untauglich erklärt, worüber er sich sehr schämte. Er ging 
nach Hause, spielte mit dem Revolver, iiatte aber nicht die Ab- 
eicht, sich wehe zu tun; da kam es zum Unfall. Auf dielweitere 
Frage, wie er sonst mit seinem Schicksal zufrieden gewesen sei, 
antwortete er mit einem Seufzer und erzählte seine Liebes- 
geechichte mit einem Mädchen, das ihn auch liebte und ihn trotz- 
dem verließ; sie wanderte i-ein aus Geldgier nach Amerika aus. 
Er wollte ihr nach, doch die Eltern hinderten ihn daran. Seine 
Geliebte reiste am 20- Jänner 1907, also zwei Monate vor dem 
Unglücksfalle, ab. Trotz all dieser Verdachtsmomente beharrte 
der Patient dabei, daß der Schuß ein ,Unfair war. Ich aber bin 
fest überzeugt, daß die Nachlässigkeit, sich von der Ladung der 
Waffe vor dem Spielen nicht überzeugt zu haben, wie auch die 
Seibetbeschädigung psychisch bestimmt waren. Er war noch 
ganz unter dem deprimierenden Eindruck der unglücklichen Lieb- 
schaft und wollte offenbar beim Militär ,vergessen'- Als ihm 
auch diese Hoffnung genommen wurde, kam es zum Spiele mit 
der Schußwaffe, d. h. zum unbewußten Selbstmordversuch. Daß 
er den Revolver nicht iu der rechten, sondern in der linken Hand 
hielt, spricht entschieden dafür, daß er wirklich nur ,spielte', 
d. h. bewußt keinen Selbstmoi-d begehen wollte." 

Eine andere, mir vom Beobachter überlassene Analyse einer 
anscheinend zufälligen Selbstbeschädigung bringt das Sprichwort 
in Erinnerung: „Weir anderen eine Grube gräbt, fällt selbst 
hinein" *. 

* Selbstbestmfung wegeu Abortua von Dr. J. E. G. vao Binden, r- 

Haag (Holland), Zentralblatt für Psychoanalyse 11, 12. i 






vm. DAS VERGREIFEN. 205 



„yrau X aus gutem bürgerlichen Milieu ist verheiratet und 
hat drei Kinder. Sie ist zwar nervös, aber brauchte nie eine 
energische Behandlung, da sie dem Leben doch genügend ge- 
wachsen ist. Eines Tages .og sie sich m folgender AVeise eine 
momentan ziemlich imponierende, aber vorübergehende Entstel- 
lung ihres Gesichtes zu- 

In einer Straße, welche zurecht gemacht wui-de, stolperte sie 
über einnn Steinhaufen und kam mit dem Gesichte in Berührung 
mit einei- Hansmauer. Das ganze Gesicht war geschrammt, die 
Augenlider wurden blau und ödematos, und da sie Angst bekam, 
es möchte mit ihren Augen etwas passieren- ließ sie den Arzt 
rufen. Nachdem sie deswegen beinihigt war, fragte ich: .Aber 
warain. sind Sie eigentlich so gefallen- Sie erwiderte daß. sie 
^vade zuvor ihren Mann, der seit einigen Monaten euie Gelenks- 
affektion hatte, wodurch er schlecht zu Fuß war, gewarnt hatte, 
in dieser Straße gut aufzupassen, und sie hatte ja schon öfters 
die Erfahrung gemacht, daß in derartigen Fällen merkwürdiger- 
weise ihr selber dasjenige passierte, wogegen sie eine andere Pt^r- 

gon: gewarnt hatte- 

Ich war mit dieser üeterminierung ihi-es Unfalls nicht zu- 
frieden und fragte, ob sie nicht vieUeicht etwas mehr zu erzählen 
wußte. Ja. gerade vor dem Unfall hatte sie in einem Laden von 
der entgegengesetzten Seite dor Straße ein hübsches Bild geseher. 
das sie sich ganz plötzlich als Schmuck für die Kinderstube 
wünschte und darum sofort kaufen wollte: da ging sie geradeaus 
auf den Laden zu, ohne auf die Straße zu achten, stolperte über 
den Steinhaufen und fiel mit ihrem Gesichte gegen die Haus- 
mauer, ohne auch nur den leisesten Versuch zu machen, sich mit 
den Hände.1 zu schützen. Der ^•orsat2, das Bild zu kaufen, war 
bleich vergessen, und sie ging eiligst nach Hause. 

,Aber warum haben Sie nicht besser zugeschaut?' fragte ich. 



206 



Vm. DAS VERGREIFEN. 



r 



. ^ ,Ja.- antwortete sie. ,es war vielleicht dücJi eine Strafe' 
,■ Weg^n der Geschichte, welehe ich Urnen schon im Vertrauen 
erzählt habe.^ .Hat diese Ge«ehiehte Sie dann noch i..mer so 
g-equält y' ■ ■ 

.Ja - nacliher habe ich .. sehr bedauert „üch »elbst bo. 
halt, vorbrecheriseh und unmoralisch gei^len. aber ich war da- 
mals fast verrückt vor Nervosität.' 

nn.Z!'T ■'''!: "" '""' ■"»^'"■^ abhandelt, welchen sie mit 

ar.t hatte zu Ende bringen l„s,en. 

lOfters mache ich mii- ^^n \' " ,. i 
Kind tüt^,i I. Vorwurf: aber da hast doch dein 

daß mit d«n 4„ r ' " •^'' ""■ ™''-'i"''»t li.al>en. 

™>.i«t: i!r,t T '" '°''""""" "^■"''•^*' "'" '^" S-. b«: 

-Uiesei' Unfall w^ i - 
für ihr. Untat zuT „! '"" Selbstbe.slrafung einerseits, um 

^•K.1 grOlteren .mbehai"; "t"'"' ^'"^ "'" '"''' ^'^"''''' 
fortwährend .Angsi hatte. .J::^^ ^^"'""^'- ^^^ -°-*«'->=" 

.ich LtM '"'r"f ■ ^'^ ^'" ''^^ ''-■ ^^''-' ^-t"-*e. um 
sicii das iiiid zu kaufen, war rlJ« i,' ■ 

.^ch^chte mit all ihren Belür.uZLZ'lr -7 ^T *"",' "" 

äer Warnung ihre« .Alanne.s ,n ih "el ul T ^".'™,t''""' 
r„„+ -i ..-,,. ^ Unbewußten zieml ch stark 

de.artigen 1\ ortlaut Ausdruck finden können: 

Aber wofür brauchst du emen Schmuck für die Kinderstube. " 

du hast dem Kind umbringen lassen! n. bist eine Mörderin' ^ 

JJiß grofle Strafe naht ganz gewiß! ... .. 



* 



VIU. DAS VERGREIFEN. 207 

Dieser Gedanke wurd. nicht bewußt, aber statt de^en be^ 
f Xin diesem, ich luöchl. sagen psyehologisohen Motn.nt 
nützte ßie m aiesem, a . ihr dafür ffceignet schien, 

A- (in+iiation, um den Stemhauten, der ihr daiur gc „ 

die Situation, um 4i,„<:trnfnno- zu verwenden; 

,^ und ;!;;""• ,.^,^ i„g,^ Det.™mierung ihres Un- 

:iCit1a .ut a..u,a.e„, a. a» Mann, ehen weU . 
1.. .« ¥uß war, sehr vorsiciitig ging. . . ■ a 

Am Tage vor aei Ataeise na ._^ ^^^^, j^^^^^e 

,„„,,.. -- "Tir^f :. ' — a. .nu.. i..e 1*„ 

ka„» -■'d -1- "l'"*,r„ PantofTeln üuea Mannes vertauselü 

^-^ ^T::" rpLl .oehenae. Snppe vo. Ke.e.- 
hatte. Ali. sie eine ^.^^ ^^^^^^^j^ ^,^^,1,,,, 

, r^Ur., Heß .le ^^ *:"-,:"„ ,^,,,,„, ^ei- vom offenen Fan 



I 



::S'::^^^^""-^- -^ ™- "*^™- "-- 



^08 vnr. das vergrkipek. 



toffel nichi geschützt wurde. — Selbstverständlich wurde dieser 
Unfall von jedermann auf Rechnung ihrer beg-reiflichen .Nervo- 
sität' geschrieben. Die ersten Tage nach diesem Brandopfer wai" 
sie mit heißen Gegenständen sehr vorsichtig, wodurch sie aber 
nicht gehindert wurde, sich wenige Tage später den einen Püla 
mit heißer Brühe zu verbrühen." 

Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das 
eigene Leben hinter anscheinend zufälliger Ungeschicklichkeit 
und motorischer Unzulänglichkeil verborgen seü; kann, so braucht 
man keinen großen Schritt mehr zu tun, um die Tbertragung der 
na,müchen Auffassung auf Fehlgriffe möglich zu finden, welche 
Leben und Gesundheit andei^r ernstlicli in Gefalu- bringen. Wa« 
ich an Belegen für die Triftigkeit dieser Auffassung vorbringen 
kann, ist der Erfahrung an Keurotikern entnommen, deckt sich 
also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich werde über einen Fall 
berichten, m dem mich nicht eigentlich em Fehlgriff, sondern. 
wa. man eher eme Symptom- oder Zufallshandlung nennen kann, 
dl P f'T ''"^''' "'^^'^ '^^" '"^ '^'^'^^ des Konflikts bei 
e^es Ih T.r'^'"'"'- '^' ^^^^^^ - ----1' die Ehe 
kXen m- T^'' ''^^^^^ '^ ^---' dessen Mißhellig- 

una,bl,.ig mit de. G J^f ^ S^t"' ^'i "^^^ '''' 
„ ., ™ ^^^ bcheidung, den er dann wieder 

verwarf, weil er seine beiden kleinen Kinder zärtlich liebte. 
Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz zurück und ver- 
suchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich zu 
gestali^n. Solches Nichtfertigwerden mit einem Konflikt gilt 
mir als Beweis dafür, daß sich unbewußte und verdrängte Mo- 
tive zur Verdrängung der miteinander streitenden bewußten be- 
reit gefunden haben, und ich unternehme es in solchen Fällen, 



E**. 



vni. DAS VEBr.RKIFE>'. 



309 



■ H™ IConflikt durch psychische Analyse ™ heenden. Der Mann 
I erzählte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs 
' an Berste ersehreckt hati«. Er „hetzte" mit seinem älteren Kmde, 
ar^eitans beliebteren, höh es hoch nnd ließ es n.eder und 
;^.l an solcher Stelle und so hoch, daß das K.nd m.t dem 
sXitel fa.i an den schwer herabhängenden Gasluster angestoßen 
,e F"t. '>ter doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! 
rl' Kinde war nichte geschehen, ater es wurde vor Schreck 
rindliE- Der Vater blieb entsetzt mit dem Kinde im Arme 
f rr die Mutter bekam einen hysterischen Anfall. Die besondere 
reS^'ckliehkeit dieser unvorsichtigen Bewegung die Heftigke.t 
^t B^-kt,on bei den Elte™ legten es mir nahe, in d.cser Zufalhg- 
t t^e Sympt.mhandlung zn suchen, welche eine böse Abs.eht 
teiXs ^liebte Kind zum Ausdruck bringen sollte. Den W.der- 
""^th^e^n dre aktuelle Zärtlichkeit dieses Vaters zn semem 
:Cdc konnte ich aufheben, wenn ich den Impuls zur ScMd.gung 
'"die Zeit .urtokverlegte, da die«s Kind das einz.ge und so klem 
„In war, daß sieh der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe 
f:T^n.sieren brauchte. Dann hatte ich es leicht anzunehm» 
Tr der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den Ge 
TJ^ gehabt oder den Vo.atz gefaßt: Wenn dieses k.«n 
t!^ L dem mir gar mcht« liegt, stirbt, dam. bin mh frei und 
TTmi* von der ^au scheiden lassen. Ein Wunsch naeh den 
''"'' Tis ,etzt so geliebten Wesen, mußte also unbewußt 
''"*'*' tteLr^on hter ab war der Weg zur unbewußten Fi.«- 
-^rrl W— leicht zu finden. Eine mächtige Dete. 

""CT-g^t ^i-^- -'^'''■* "'^ '- ^"'''"TT Mutter 
° Tn daß der Tod eines kleinen Brudeß, den die Mutter 

^"^^^liäl gk ^des Vaters zur Last legte, zu heft.^n Aus- 

'^^'^ JaTrs— en zwischen den Eltern mit Scheidungsand^hiulg 

"^rhatte. Der weite. Verlauf der Ehe meine. Patienten 



210 Vm. DAS VERGKEIb'EN. 



teytäügtt jueine Kombination auch dui'eh den therapeutischeu 
Erfolg. --- - ■ 

J. Stärcke (1. c) hat ein Beispiel dafür gegciben, daß 
Dichter kein Bedenken irag-en, ein Vergreifen an die Stelle einer 
alj^ichtlichen Handlung- zu setzen und es somit zur Quelle der 
schwerstein Konsequenzen zu machen : 

„In einer der Skizzen von H e y e r m a n s * kommt ein Beispiel 
von Vei-greifen oder, genauer gesagt, Pehlgi-eifen vor, da« vom 
Autor als dramatisches Motiv angewandt wird. 

Es ist die Skizze /Pom und Teddie'. - ^ Von einem Taucher- 
paar - das in einem Spezialitäten thcater auftritt, längere Zeit 
unterm Wasser bleibt und dort Kunststücke ausfülirt in einem 
eiBem^n Ba^in mit gläsernen Wänden - hält die Frau es seit 
kurzen. m,t emein anderen Manne, einem Hit^^seur. Der Mann- 
laucher hat sie gerade vor der Vors^Uung zusammen im An- 
kleMezxmmer ertappt. Stille S.eae, drohende Blieke und der 
Taucher sagt: ,N,ehher." -- Die Voi^telluag fiü.gt an. - Der 
laucher wird das .schwierigste Kunststück machen, er bleibt 
,zwei xmd eine halbe Minute in einer hermetisch geschlossenen 
Kiste untcj-m Wasser' «; i, j-. >• v^ 

^^^^ ■ ~ ^le hatten :die.w^ Kunststück schon 

r/"pt-/" ^'"'^ "^^ ^^- ^--hl— -<i ■'t^^d<^- 
zeigt dem Publikum, das auf seinen Uhren die Zeit kontrollierte, 

den .sehlüs.sel'. Sie ließ auch absichtlich den Schlüssel ein paar- 
mal ms Bassin fallen und tauchte dann eiUg danaeh, um nicht 
zu spät zu sem, wenn der Koffer geöffnet werden mußt*. 

An diesem Abend des 31. Jänner wurde Tom wie gewöhn- 
lich von den kleinen Fingern des munter-frischen AVeibchens ein- 
gesperrt. Er lächelte lunter dem Guckloch — sie spielte mit 
dem Schlüs sel und wartete auf sein warnendes Zeichen. Zwischen 

* Hermann Heyermaniis, Sclietsen van Samuel Palklaiid, 18. Bun- ! 

del, Amstei-claiu, H. J. W. Becht, 1914. « 



VTII. DAS VERGREIFEN. 



211 



den Kulissen stand der Dresseur mit seinem tadellosen Frack, 
seinei- weißen Krawatte, seiner Reitpeitsche. Um ihre Aufmerk- 
samkeit auf .sie zu ziehen, pfiff er ganz kurz, der Dritte. Sie 
schaute hin. lachte mid mit der ungeschickten Gebärde von 
^emand. dessen Aufmerksamkeit abgelenkt wird, wai-f sie den 
Schlüssel so wild in die Höhe, daß er genau zwei Minuten 
zwaniiig Sekunden, gut gezählt, neben das Bassin, zwischen dem 
das ITußgestell v.-.rdeckcndcn Flag-eBtuch fiel. Keiner hatte es 
£^ehen. Keiner konnte es sehen, ^'om Saal aus gesehen, war 
^ optische Täuschung so. daß jedermann den Schlüssel ins 
Walser gleitxiu sah - un.l keiner der Theaterhelfer merkte es, 
?eil das Flaggentuch den Laut mildei-te. 

Lachend, ohne zu zaudern, klettert* Teddie über den Eand 
^des Bassins. Lachend - er hielt" es'wohl aus - ^" ^^^ 
Triter herunter. Lacl»end verschwand sie unter dem l^ußgestell, 
^ dort zu suchen, und als si« den Schlüssel nicht sofort fand, 
Tolcte SIC sich mLt einer Mimik zum Stehlen, mit einem Aus- 
druck auf ihrem Gesicht, als ob sie sagte: ,0 jemine, wie das 
dich lästig ist!' an der ^■ürderseite des Flaggentuches. 

Unterda^^on machte Tom seine drolligen Grimassen hinter 

-^deni Guckloch, wie wenn auch er unruhig würde. Man sah das 

' ^eiß seines falschen Gebisses, das Kauen seiner Lippen unter 

Flachsschnurrbart. die kümischen At^mblasen, die man auci 

Jim Apfelessen gesehen hatte. Man sah das Grabsen und Wühlen 

geLaei- bleichen Kuüchelfinger und man lacht*, so wie man diesen 

^bend schon öftei- gelacht hatte- 

2wei Minuten und acht uudfünf zig Sekunden ... 

Drei Minuten sieben Sekunden - . . zwölf Sekunden . - . 

Bravo! Bravo! Bravo 1 ... 

kDa entstand eine Bestürzung im Saale und ein Scharren mit 



215 Vm. DAS VEKGfKEIFEN. 



den Füßen, weil auch die Knechte und der Dresseur zu suchen ' 

anfingen und der Vorhang liel, bevor der Deckel aufg^^hohen war i 

Sechs englische Täjizerinnen traten auf - dann der Mann K 

mu den Ponys, Hunden und Affen. Und so weiter. 1 

Erst am nächsten Morgen vernahm das Publikum, daß ein ' 
Ungl,i.k geschehen war, daß Teddio als Witwe auf der Welt 
zurückblieb . . .■' 

Wtlor .elW da. We^n der Symptomhandlnng verstanden 
n:^.„rf;.."r; ."- '" '-«:™^ '^^ «^'- «.ao,. de. tadI,ohen 



Ung^chicklichkeif vorzuführen.' 



•f.- r. . 



dftV«^ 



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-^■*.. 



I 



\) 



IX. 

SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGEN. 

Die bisher beschriebeuen Handlungen, in denea wir die Aus- 
führiiiig einer unbewußten Absicht erkannten, traten als Stö 
rxingen anderer beabsichtigter Handlungen auf und deckten sieh 
mit dem Vorwand der Ungeschicklichkeit Die Zufallshand- 
lungen, von denen jetzt die Rede- sein soll, unterscheiden sich 
von denen des Vergreifens nur dadurch, daß sie die Anlehnung 
an eine bewußte Intention verschmähen und also des Vorwandes 
nicht bedürfen. Sie treten für sieh auf und werden zugelassen, 
weil man Zweck und Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man 
führt sie aus, :,ühne sich etwas bei ihnen zu denken", nur „rem 
z-ufällig", „wie um die Hände zu beschäftigen", und man rechnet 
darauf, daß solche Auskunft der Nachforschung nach der Be- 
deutung der Handlung ein Ende bereiten wird. Um sich diestir 
A-Usnahmstellung erfreuen zu können, müssen diese Handlungen, 
die nicht mehr die Entschuldigung der Ungeschioklichkcit in 
Anspruch nehmen, bestimmte Bedingungen erfüllen ; sie müssen 
u n a u f f ä 1 li g und ihre Effekte müssen geringfügig sein. 

Ich habe eine große Anzahl solcher Zufallshandlungen bei 
jair und anderen gesammelt, und meine nach gründlicher Unter- 
suchung der einzelnen Beispiele, daß sie eher den Namen von 
Symptom handlungen verdienen. Sie bringen etwas zum 
A^usdinick, was der Täter seihst nicht in ihnen vermutet und 



_^ 



214 IX. SYMPTOM- UND ZUKALLSHANDLUNGEN. 



was er in der Reg'el iiiclit mitzukileii, sondern für sich zu be- 
halten bealTsichtigt. Sie spielen also ganz so wie alle anderen 
bisher betrachteten Phänomene die -Rolle von Symptomen. f 

Die reichste Ausbeute an solchen Zufallis- oder Symptoni- 
handlnngcn ei-hält man allcrding-s bei der psychoanalytischen Be- 
handlung der Neurotiker. Ich kann es mir nicht versagen, an 
zwei Beispielen dieser Hcrkiuift zu zeigen, wie weit und wie fein 
die Determinierung dieser unsclio inbaren Vorkommuis&e durch un- 
bewußte Gedanken getrieben Lst- Die Grenze der Symptomhand- 
hingon gegen das Vergreifen ist so wenig scharf, daß ich diese 
Beispiele auch im vorigen Abschnitt hätte unterbringen können. 
a) Eine junge 1-Vaii erzählt als Einfall während der Sitzung, 
daß sie sich gestern beim Kägekcii neiden „ins Fleisch geschnitten, 
während sie das feine Häutcheu im Nagelbett abzutragen bemüht 
war". Da^ ist so wenig inl.eressant. daÜ man sielj verwundert 
fragt, wozu es überhaupt erinnert und erwähnt wird, und auf die 
Vermutung gerät, man habe es mit einer Symptomhandlung zu 
tun. Es war auch wirklich der Ringfinger, an dem das kleine 
Ungeschick vorfiel, d.r Pinger, an dem man den Ehering trägt. 
Es war überdies ihr Hochzeitstag, wa^ der Verletzung des feinen 
Hantchens erneu ganz bestimmten, leicht zu erratenden Sinn ver- 
eiht. Sie erzählt auch gleichzeitig einen Traum, der auf die 
Ungeschicklichkeit ihres Mannes und auf ihre Anästhesie als 
l^rau anspielt. Warum war es aber der Ringfinger der linken 
Hand, an dem sie sich verletzte, da man doch den Ehering an der 
rechten Hand trägt? Ihr Mann ist Jurist, „Doktor der Rechte", 
und ihre geheime Neigung hatte als Mädclien einem Arzt (scherz- 
haft: „Doktor der Linke") gehört. Eine Ehe zur linken Hand ' 
hat auch ihre bestimmte Bedeutung. 

h) Eine unverheiratete junge Dame erzählt: „Ich habe ge- ?! 

st^^rn gajiz unabsichtlich eine Hundertguldennotc in zwei Stücke 



IX. SYMPTOM- UND ZÜFÄT.tSHANDLXrNGEN. 215 



k 



gerissen und die Hälfts davon einer mich besuclienden Dame 
rregeben- Soll das auch eine Symptomhandlung sein?-' Die ge- 
nauere Eri'orechung deckt folgende Einzelheiten auf- Die Hun- 
dertguldennote: Sie widmet einen Teil ihrer Zeit und ihres 
Vermögens wohltätigen Werken. Gemeinsam mit einer anderen 
Dame sorgt sie für die Erziehung eines verwaisten Kindes. Die 
100 Gulden sind der ihr zugeschickte Beitrag jener Dame, den 
sie in ein Kuvert einschloß und vorläufig auf ihren Schreibtisch 
niederlegte. 

Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer 
anderen AVoliH ätigkoitsaktion beisieht. Diese Dame wollte eine 
Reihe Namen von Personen notieren, an die man sich um Unter- 
stützung wenden könnte. Es fehlte an Papier, da griff meine 
Patientin nach dem Kuvert auf ihrem Schreibtisch und riß es, 
ohne sich an seinen Inhalt zu besinnen, in zwei Stücke, von denen 
sie eines seifet l>ohielt, um ein Duplikat der Namenli-^tc zu haben, 
das andere ihi'er Pesucherin übergab. Man bemerke die Harm- 
losigkeit dieses unzweckmäßigen Vorgehens. Eine Hundertgulden- 
note erleidet bekanntlich keine Einbuße an ihrem Werte, wenn 
^ie zen-issen wird- falls sie sich aus den Uißstücken vollständig 
zusammensetzen läßt. Daß die Dame das Stück Papier nicht 
wegwerfen wüixle, war durch die Wichtigkeit der darauf stehen- 
aen Namen verbürgt, und ebensowenig litt es einen Zweifel, daß 
gie den wertvollen Inhalt zurückstellen würde, sobald sie ihn 
bemerkt hätte. 

AVelchem unbewußten Gedanken sollte aber diese Zufalls- 

haJidlung, die sich durch ein Vergessen ermöglicht*, Ausdruck 

ben'^ Die besuchende Dame hatte eine ganz bestimmte Be- 

!,« zu unserer Kur. Es war dieselbe, die mich seinerzei 

lU leidenden Mädchen als Arzt empfohlen, und wenn ich nicht 



2)6 IX. SYMPl'OÄi- UND ZUFALLSHANDLUNGEV. 

irre, hält sieh meine Patientin zum Danke für diesen Rat ver- 
pflichtet. Soll die halbierte Hundertguldenuote etwa ein Ho- 
norar füi' diese Vermittlung darstellen? Das bliebe noch reclxt 
l^fremdlich. - - ' " " " 

Eö kommt aber anderes Material hinzu. Einige Tage vorher 
hatte eine VermittlerLn ganz anderer Art bei einer \'erwandten 
angefragt, ob das gnädige Fräulein wohl die Bekamitsehaft eines 
gewissen Herrn machen wolle, und am Morgen, einige Stunden 
vor dem Besuche der Dame, war der "Werbebrief des Freiers ein- 
getroffen, der viel Anlaß ziu' Heiterkeit gegeben hatte. Als nun 
die Dame das Gespräch mit einer Erkunrligung nach dem Be- 
finden meiner Patientiii eröffnete, konnte diese wohl gedacht 
haben: „Den richtigen Arzt hast du mir zwar empfohlen, wenn 
du mir aber zum richtigen Manne (und dahinter: zu einem 
Kinde) vei-hcifen könntest, wäre ich dir doch dankbarer." Von 
diesem verdrängt gehaltenen Gedanken aus flössen ihr die beiden I 

Vermittlerinnen in eins zusammen, und sie überreichte der Be- 
sueherin das Honorar, das ihre Phantasie der anderen zu geben 
bereit war. Völlig vi^rbindUeh wird diese Losung, wenn ich 
hinzufüge, daß ich ihr er.st am Abend vorher von solchen Zufalls- 
oder Symplomhandlungen erzählt hatte. Sie bediente sich dann 
der nächsten Gelegenheit, um etwas Analoges zu produzieren. 

Eine Gruppierung der so überaus häufigen Zufalls- und 
Symptomhandlungen könnfe man voraehmcn, je nachdem sie ge- 
wohnlieitsraäßig, regelmäßig unter gewissen Umständen, oder ver- 
einzelt erfolgen. Die ersteren (wie das Spielen mit der Uhrkette, 
das Zwirbeln am Barte usw.), die fast zur Charakteristik der be- 
treffenden Pei-sonen dienen können, streifen an die mannigfaltigen 
Tikbewegungen und verdienen wohl im Zusammenhange mit 
letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten Gruppe rechne ich 



J 



IX. SYMPTOM- UND ZU KALLSHAN DLÜKGEN. 



217 



daß Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, wenn man 
einen Bleistift in der Hand hält^ das Klimpern mit Münzen in 
der Tasche; das Kneten von Teig und anderen i>lastischen 
St-offen, allerlei Hantierungen an seiner Gewandung u.dgl. mehr- 
Unter diesen spielenden Beschäftigungen verbergen sieh während 
der psychischen Bi^handluug regelmäßig Siim und Bedeutung, 
denen ein anderer Ausdruck versagt ist. Gewühnlich weiß die 
Ijet reffende Person nichts davon, daß sie dergleichen tut, oder daß 
sie gewisse Modifikationen an ihrem gewöhnlichen Tändeln vor- 

jy33jiinen liat, und sie übersieht und überhört auch die Effekte 
dieser Handlungen. Sie hört z. B. das Geräusch nicht, das sie 
■beim Klimpern mit Geldstücken hervorbringt, und l.enimmt sich' 
wie erstaunt und ungläubig, wenn mau sie darauf aufmerksam 
macht. Ebenso ist alles, was man. oft ohne es zu merken, mit 
seinen Kleidern vorniniuit, bedeutungsvoll und der Beachtung des 
Arztes werf. Jede Veränderung des gewohnten Aufzugs, jede 
kleine Nachlässigkeit, wie etwa ein nicht schließender Knopf, 
jede Spur von Entblößung will etwas besagen, was der Eigen- 
tiioif^^ der Kleidung nicht direkt sagen will, meist gar nicht zu 

a^n weiß- Die Deutungen dieser kleinen Zufallshandlungcn 
owiß die Beweise für diese T->,.,itungen orgeben sich jedesmal 

it zxu-eichender Sicherhei ius den Begleitumständen während 

der Sitzung, aus dem eben behandelten Thema und aus den Em- 

f -lien» die sich einstellen, wenn mau die Aufmerksamkeit auf die 

nscheiuende Zufälligkeit lenkt. Wegen dieses Zusammenhanges 

nterlasse ich es, meine Behauptungen durch Mitteilung von Bei- 

ielen mit Analyse zu untei-stützen ; ich erwähne diese Dinge 
•her, weil ich glaube, daß sie bei normalen Menschen dieselbe 
"Redeutuug liaben wie bei meinen Patienten- 

Ich kann es mir nicht versagen, an wenigstens einem Beispiel 
zeigen, wie innig eine gewohnheitsgemäß ausg-eführte Symbol- 



i 



218 IX. fiVMP'I'OM- U\D ZCFALLSHAKDLT'NG'KN. 



IT 



handlung mit dem Intimsten und AA'Icliti^sUm im Leben eines 
Gesunden verknüpft sein kann*: . . 

- „Wie Professur P'reud un? gelehrt, hat. spiidt die Symbolik 
im kindlichen Leben des Kormalen eine größere ßolle, als man 
nach frülieren psychoanalytischen Erfalirungen erwartete: im 
Hinblick darauf mag die folgende kurze Analyse von einigem 
Interesse sein, ii^besoiidere wegen ihrer medizinischen Ausblicke. 
Ein Arzt stieß bei der AViedereiniiehtung seiner Möbel in 
einem neuen Heim auf ein .einfaches' hölzernes Stethoskop. Nach- 
dem er einen Augenblick nachgedacht liaite, wo er es denn eigent- 
lich unterbringen solle, fühlte er sich gedrängt, es seitlich auf 
seinen Schreibtisch zu stellen, und zwar so, daß os genau zwischen 
seinem Stuhl und dem, worin seine Patienten zu sitzen pflegten, 
zu stehen kam- Die Handlung als solche war aus zwei Gründen 
ein wenig seltsam. Erstens braucht er überhaupt nicht oft ein 
Stethoykop (er ist nämlich Neurologe), und sobald er eines nötig 
hat, benützt ei' ein doppeltes für beide Ohren. Zweitens waren 
alle seine medizinischen Apparate und Instrumente in Schub- 
kästen untergebracht, mit alleiniger Ausnahme dieses einen. 
Gleichwohl dachte er nicht melir an die Sache, bis ihn eines Tages 
eine Patientin, die noch nie ein .einfaches' Stethoskop gesehen 
hHtte, fragte, was das sei. Er sagte es ihr, und sie fragte, warum 
er es g-erade hieher gestellt habe, worauf er schlagfertig er- 
widerte, daß dieser Plalz ctennogut wäre wie jeder andere. Dies 
machte ihn jedoch stutzig und er begann nachzudenken, oh dieser 
Handlung nicht irgend eine unbewußte Motivierung zu Grunde 
hege, und vertraut mit der p-^ychoanaly tischen Methode beschloß 
er, die Sache zu erforschen. 1*;-^.. " . 

* BeiLi-ag zur Symbolik im AUUtg von EraesL Jones, Torock). Aus 
dem EnglischerL Übersetzt von Otto Rank, Wien. Zenti-alblatt für Psycho- ^ 

analyse, 1, .% 1911. . - 



TX. SYMPTOM- UND ZUFALU^HAX DLUNG EN. 



219 



L 

I ' Als ei-ste Eriiuierimg fiel ihm die Tatsache ein, daß aU 
P Student dei- Medizin die Gewohnheit seines Spitalarztes auf ihn 
Bindruck gemacht hatte, der immerwährend ein einfaches Stetho- 
skop bei seinen Besuchen in den Krankensälen in der Hand ge- 
halten hatte, obgleich er es niemals benützte. Er hatte diesen 
Arzt sehr bewundm-t und war ihm außerordentlich zugetan. 
Später, als er selbst die Spit^lpraxis au^^übte. nahm er die gleiche 
Gewohnheit an und liätte sich unbehaglich gefühlt, wenn er 
durch ein Versehen sein Zimmer verlassen hätte, ohne das In- 
strument in der Hand zu schwingen. Uie Nutzlosigkeit dieser 
Gewohnlieit zeigte sich jedoch nicht nur in der Tatsache- daß 
das einzige Stethoskop, welches er in Wirklichkeit benutzte, eines 
für "beide Ohren war, das er in der Tasche trug, sondern auch 
^a,riix, daß sie fortgesetzt wurde, als" er auf der chirargiscli.n 
Abt^Uung war und überhaiipt kein Stethoskop mehr brauchte. 
De Bedeutung dieser Ifeobachtungeh wird sogleich klar, wenn 
^ij- auf die phallisehe Natur dieser symbolischen Handlung hin- 
weisen- 

Als nächstes erinnert« er die Tatsache, daß. ihn als kleinen 

Jimgen die Gewohnheit seines Hausarztes frappiert hatte, ein 

' -nfaches Stethoskop im Innern seines Hutes zu tragen; er fand 

interessant, daß der Doktor sein HauptiiLstrument immer zur 

Uajid habe, wenn er Patienten besuchen ging, und daß er nur den 

xj t (d- i- «"'^^en Teil .seiner Kleidung) abzunehmen und ,es herans- 

u2iehen= hatte. Er war als kleines Kind diesem Arzte überaus 

, ^j^glich gewesen und konnte kürzlich durch Selbstanalysc auf- 

decken, daß er im Alter von dreieinhalb Jahren eine doppelte 

plTa^tasie in betreff der Geburt einer jüngeren Schwester gehabt 

hatte: nämlich, daß sie das Kind war erstens von ihm selbst und 

liier Mutter, zweitens vom Doktor und üim selbst- In dieser 

Phantasie spielte er also sowohl die männlich, wie die weibliche 



220 IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHAKDT.UNGEN. 



Rolle. Er erinnerte ferner, im Alter von sechs Jahren von dem- 
Belben Arzt untersucht worden zu sein, und entsinnt sich deutlich 
der woUüstigm Empfindung, als er den Kopf des Doktors, der 
ihm das Stethoskop an die Brust druckte, in seiner Kälie fühlte, 
sowie der rhythmisch hin- und liergehenden Atmungsbewegung. 
Im Alter von drei Jahren hatte er ein chronisches Brustübel ge- 
höht und mußte wiederholt untersucht worden sein, wenn er das 
auch tatsächlich nicht melir erinnern konnte- 

Im Altei' von acht Jahren machte die Mitteilung eines ältei-cu 
Knaben Eindruck auf ihn, der ihm sagte, es sei Sitte des Arztes, 
mit seinen Patientinneji zu Bette zu gehen. Ea gab sicherlich in 
^Vahrheit einen Grund zu diesem Uerüchte, und auf alle Pälle 
waren die Frauen der ^Nachbarschaft, einschließlich seiner eigenen 
Mutter, dem jungen und netten Arzte sehr zugetan. Der Analy- 
sierte selbst hatte bei verschiedenen Gelegenheiten sexuelle Ver- 
suchungen in bezug auf seiue Patientinneu erfahren, hatte sieh- 
2weimal in solche verliebt und schließlich eine geheü-atet. Es ist 
kaum zweifelhaft, daß seine unbewußte Identifizierung mit dem 
Doktor der hauptsächlichste Grund war, der ihn bewog, den Be- 
ruf des Mediziners zu ergreifen. Aus anderen Analysen läßt sich 
vermuten, daß dies sicherlich das häufigste Motiv ist (obgleich es 
schwer ist .u bestimmen, wie häufig). Im vorliegenden Falle war 
es zweifach bedingt: erstens durch die bei mehreren Gelegen- 
heiten erwiesene Überlegenlieit des Arztes dem Vater gegenüber, 
auf den der Sohn sehr- eifersüchtig war, und zweitens durch des 
Doktors Kenntnis verbotener Dinge und Gelegenheiten zu 
sexueller Befriedigung. 

.. ■ Dann kam ein bereits anderwärts veröffeiitliclitx;r Traum * 
von deut lich homosexuell-mascjclListischer Natur, in welchem ein 

* „Friiuds Theoiy of Dreaias", Aiuuricsin Juuru. of Psytili^l Aijril ^ 

1910, p. 301, Nr. 7. 



i 






I 



IS. SYMPTOM- UND ZUFÄLLÖHAXULUNGEN. 



221 



ilann, dei' oi^i'-^ Ersatzfigur des Arztes ist. den Träumer mit einem 
Schwert' angriff- Das Seliwei-t erinnerte Ihn an eine Geschichte 
in der Völsiing-Nibplungpn-Sage. wo Sigurd ein bloßes Schwert 
zwischen sich nnd die schlafende Brünhilde legt. DiP 
gleiche Geschichte kommt in der Arthus-Sage vor, die unser 
JAann ebenfalls p;enau kennt. 

Üer Sinn der Symptomhandlung wird nun klar. Der Arzt 
hatte da« einfache Stethoskop zwischen sich und seine Patien- 
tiüneö gestellt, genau so wie Sigurd sein Schwert zwischen sich 
a die Frau legte, die er nicht berühren durfte. Die Handlung 
^ eine Kompromißbüdung; sie diente zweierlei üegungen; 
^ seiner Einbildung dem unterdrückten AVunsche nachzug-eben, 
""-^ irgend einer reizenden Patientin in sexuelle Beziehmigen zu 
^teu, ihi» a^^ zugleich zu erinnere, daß dieser Wunsch nicht 
verwirklieht wei-den konnte. Es war sozusagen ein Zauber g-egen 
die Anfechtungen der A'ersuchnng. - 

Ich möchte hinzufügen, daß auf den Knaben die Stelle aus 
Lord Lyttons Itichelieu großen Eindinick machte: 

,Beneath the rule of men entirely great 
The pen is migbtiev than the sword'*, 

dai* ei" ^^^ fruchtbarer Schriftsteller geworden ist und eüie außer- 
wohnlich große Füllfetler benützt, Als ich ihn fragte, wozu er 
?• e nötig habe, erwiderte er charakteristischerweise : ,Ieh habe 
eoviel auszudrücken-' 

Diese Analyse mahnt uns wieder einmal daran, welch weit- 
icliende Einblicke in das SeelonleU-n uns die ^harmlosen' und 
• T^xilosen' Handlungen gewähren, und wie frühzeitig im Leben 
j_ ^.^ Teiiden;^ zur Symbol isienmg entwickelt ist.'^ 

T^T'oidham.s „I wear my p^n as others do iheir sword^ 



^ 



222 IX. SYMPTOM- UND 2UFALLSHANDLUXGEN. 



Ich kann uoch etwa aus meiner psychotherapeutisclien Er- 
fahrung einen Fall erzählan, in dem die mit einem Klumpen Bmt- 
krume spielende Hand eine beredte AuHsag-c; ablegte. Mein Pa- 
tient war ein noch nicht ]3jähriger, seit fast zwei Jahren schwer 
hysterischer Knabe, den ich endlich in psychoanalytische Behand- 
lung nahm, nachdem ein längerer Aufenthalt in einer Wasser- 
heüanstaU- sich erfolglos erwiesen hatte- Er mußte nach meiner 
Voraussetzung sexuelle Erfala-ungen g-emacht haben und seiner 
Altersstufe entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich 
hütete mich aber, ihm mit Aufklärungen zu Hilfe zu kommen, 
weil ich wieder einmal eine Probe auf meine Voraussetzungen 
ajißtellen wollte. Ich durfte also neugierig sein, auf welchem 
Wege sich das Gesuchte bei ihm andeuten würde. Da fiel es 
mir auf. daß er eines Tages irgend etwas zwischen den Fingern 
der rechten Haaid rollte, damit in die Tasche fuhr, dort weiter 
spielte, es wieder hervorzog usw. Ich fragte nicht, was er in der 
^and habe; ei- zeigte es mir aber, indem er plötzlich die Hand 
Ol nete. Es war Brotknime. die zu einem Klumpen zusammen- 
geknetet war. In der nächsten Sitzung brachte er wieder einen 
solchen Khnupen mit, fonnte aber aus ihm, während wir das Ge- 
spräch führten mit unglaublicher Easchheit und bei goschlos- 
.se^en Augen ....en, die mein Interes.se ez^gten. Es waren 
unzweifelhaft Männchen mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie 
die i-ohestcn prähistorischen Idole, und einem Fortsatz zwischen 
beiden Bcmen, den er in eine lange Spitze auszog. Kaum daß 
dieser gefertigt wa^. knetete er das Männchen wieder zusammen; 
später ließ er es bestehen, zog; aber einen ebensolchen Fort.^atz 
an der Rückonflächo und an anderen Stellen aus, um die Be- 
deutung des ersten zu verhüllen. Ich wollte ihm zeigen, wie ich 
um verstanden hatt«, ihm aber dabei die Ausflucht benehmen, 
daß er sich bei dieser menschen formenden Tätigkeit nichts ge- 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLt^HANDLUNGEN. 



323 



dacht Kabe. Jn dieser Absicht fragte ich ihn plüUlich, ob er sieli 

an die Geschichte jftnes römischen Königs erinnere, der dem Al>. 

gesandten seines Sohnes eine pantomimische Antwort im harten 

eben Der Knabe wollte sich nicht an das erinnern, was er 

^fh vor so viel kürzerer Zeit als ich gelernt hahen mußte. Er 

frae-te. -ob das die Geschichte von dem Sklaven sei, aiii* dessen 

'lltträsierten Wchädel man die Antwort geschrieben habe. Nein, 

to gehört in die griechische Geschichte, sagte ich imd erzählte: 

O^^, König Tarquiniu« Superbus hatte seinen SoKn Sextus ver- 

laßt sich in eine f<Mndliche iatinische Stadt einzuschleichen. 

. n r söhn, der sich unt^ixle. Anhang in dieser Stadt verschafft 

wre schickte einen Boten an den König mit der Frage, was 

' weiter geschehen solle. Der König gab keine Antwort, 

.lern ging in seinen Charten, ließ^mch doit die Frage wieder- 

f f e ab Den Boten blieb nicht« übrig als dieses dem Sextus zu 
^^Vl.ten der den Vater verstand und es sich angelegen sein ließ, 
^r angesehensten Bürger der Stadt durch Mord zu beseitigen. 
AVährend ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten mne, 
d als ich mich anschickte zu erzählen, was der König m seinem 
G^rt^n tat, schon l>ei den Worten „schlug schweigend", hatte er 

ft einer blitzBclinellen Bewegung seinem Männchen den Kop 
"^ ^rissen. Er hatte mich also verstanden und gemerkt, daß er 
* ^^inir vei-standen worden war. Ich konnte ihn nun direkt be- 
T^^^> gab ihm die Auskünfte, um die es ihm zu tun war, und 

"^ hatten binnen kurzem der Neurose ein Ende gemacht. 
'^^'' Die Symptemlumdlungen, die man in fa^t unei-schöpflicher 
n. -chhaltigkeit bei Gesunden wie bei Kranken beobachten kann, 
dienen unser Interesse aus mehr als einem Grunde. Dem Arzte 
7\en sie oft als wertvolle Winke zur Orientierung in neuen oder 
^ wenig bekannten Verhältnissen, dem Meuschenbeobachter 



224 rx. SYMPTOM- und ZirPALTifHANDUTN-ftKN. 



verraten sie oft alles, und mitunter selbst mehr, als er zu wissen 
wünscht. Wer mit ihrer Würdigung vortraut ist, darf sich ge- 
legentlich wie der König Salomo vorkommen, der nach der orien- 
talischen Sage die Sprache dei- Tiere verstand. Eines Tages 
sollte ich einen mir fremden jungen Mann im Hause seiner Mutter 
ärztlich untei-suchen. Als er mir entgegentrat, fiel mir ein großer 
Eiwoißfleck, kenntlich an seinen eigentümlich starren Rändern 
auf seiner Hose auf. Der junge Mann entschuldigte sich nach 
kurzer Verlegenheit, er Jiabe sich heiser gefühlt und darum ein 
rohe^ El getrunken, von dem wahi-scheiiüicli etwa^ schlüpfrige. 
ExweiJ3 auf seine Kleidung herabg-eronnen sei, und konnte zur 
Bestätigung auf die Eierschale hinweisen, die noch auf einem 
Tellerehon im Zimmer zu sehen waa-. Somit war der suspekte 
Fleck m harmloser AVeise aufgeklärt; als aber ^ie Mutter uns 
allem gelassen hatte, dankte ich ihm, daß er mir die Diagnose 
so sehr erleichtert habe, und nahm ohne weite.res sein Geständnis, 
daß, er unter den Beschwerden der Masturbation leid., zur Grund- 
pT TT" ^^^'^^^*-^- Ein anderes Mal machte ich einen 

Dame, d.e dem Arzte die Aufgal. .u stellen pflegte, sich durch 
em Heer von Klagen durchzuarbeiten, ehe man zL simpeln Be- 
g..und.o.g .hrer Zustände gelangte. Als ich eintrat, saß sie b.i 
emcm hschohen damit beschäftigt. Silberguldcn in Häufeheu 
zu schichten, und während sie sieh erhob, wa.f sie einige der 
Geldstücke zu Boden. Ich half ihr beim Aufklauben derselben, 
unterbrach sie bald in der .Schilderung ihres Elends und fragte: 
Hat Sie also dei- vornehme Schwiegersohn um soviel Geld ge- 
bracht? Sie antwortete mit erbitterter Verneinung, um die kür- 
zeste Zeit naehher die klägliche Geschichte von der Aufregung 
über die Verschwendung des Schwiegei-sohnes zu erzählen, hat 
mich aber alIer<Ungs seither nicht wieder gerufen. Ich kann nicht 



t 



^ 



TX. SYMPTOM- UND ZUFATJÄHANDLUN"GEN. 



235 



r 

■ }y^}iauvt&n, daß man sich immer Freunde untei' denen wirbt, 
P ^^j^eii maa die Bedeutung ihrer Symptomhandhmgen mitteilt. 
Ein anderes „Eingeständnis durch Fehlhandlung" berichtet 
Dr. J. K. G. van Emden (Haag): „Beim Zahlen in einem 
feleüieii B^tÄurant in Berlin behauptete der Kellner, daß der 
Preis einer l->cstimmten Speise — des Krieges wegen — um 
10 Pfennig erhöht worden war; meine Bemerkung, warum das 
auf der Preisliste nicht angezeigt worden war, beantwortete er 
it der Erwiderung, daß dies offenbar eine Unterlassung sein 
^Ußte- daß es aber gewiß so war! Beim Einstecken des Be- 
tra^ges war ei- ungeschickt und ließ ein Zehnpfennigstück 
gerade für mich auf den Tisch niederfallen!! 

,Jetzt weiß ich aber sicher, daß Sie mir zuviel gerechnet 
haben, wollen Sie, daß ich mich an der Kasse erkundige?' 

,Bitte, gestatten Sie - . ■ einen Moment . . .' und fort war 

er schon. 

Selbstverständlich gönnte ich ihm den Rückzug und, naon- 

Jem «!• ^^^^ Minuten später sich entschuldigte, un begreif Ucher- 

L^eise mit einer anderen Speise im Irrtum gewesen zu sein, die 

^lijt Pfennige als Rcdoininiig für seinen Beitrag zur Psycho- 

jathologie des Alltagslebens." 

Wer seine Nebemnenschen während des Essens beobachten 
Lrill, -wird die schönsten und lehrreichsten Symptomhandlungen 
ihnen feststellen können. 
So erzählt Dr. Hanns Sachs: 

„Ich war zufällig zugegen, als ein älteres Ehepaar meiner 

[■Verwandtschaft das Abendessen einnahm. Die Dame war magen- 

"leide^d und mußte sehr strenge Diät halten. Dem Manne war 

eben ein Braten vorgesetzt worden- und er bat seine Frau, die 

^ich an dieser Sjwise nicht beteUigen dürft*, um den Senf. Die 

prau öffnete den Schrank, griff hinein und stellte vor iliren 

Fieud, Pajohop»tholOKie des AUtagtlebenB. VI. Aufl. ■* 



226 IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHAXDLUNQEN.. 



Mann das riäschclicu mit iliren Mageniroijfon auf den TiscJi. 
. Zwisclien dem i'aßfönnigi^n Senfglase uiid dem klemeii Tropf- ^ 
fläschcheii bestand natürli-eh keino Äluiliehkeit, aus der der Miß- 
griff erklärt, werden konnle; trotzdem bemerkte die li'rau ihre 
Verwechslung erst, als der Gatte sie lachend darauf aufmerksam 
machte. i 

Der Sinn der Symptom Handlung bedai-f keiner Erklärung." 

Ein köstliches Beispiel dieser Art, das vom Beobachter sehr 

g-eechickt ausgebeutet wurde, verdanke ich Dr. Beruh. D attner 

. (Wim) : 

„Ich sitze mit einem Kollegen von der Philosophie, Dr. H., 
im Restaurant beim Mittagessen. Er erzählt von den Unbilden 
der Probekandidatur, erwähnt nebenbei, daß ei- vor der Beendi- 
gung seiner Studien beim Gesandten resp. bevollmächtigten 
außerordentlichen Minister von Chile als Sekretär unf^rgekom- 
men war. ,Dann wurde ab.r der Minister versetzt und dem neu 
anti-etenden habe ich mich nicht vorgestellt.' Und während er 
dies^ letzten Satz ausspricht, führt er ein Stück Torte zum 
Munde, laßt es aber, wie aus UngeschieklieJikeit. vom Messer 
herabfallen. Ich ..-fasse sofort den geheimen Sinn dieser Sympt^m- 
handkmg und werfe dem mit der Psychoanalyse nicht vertrauten 
Kollegen wie von ungefähr ein: ,Da haben Sie aber einen fetten 
Bisson fallen lassen.' Er aber merkt nicht, daß sich meine Worte 
ebensogut .ui' seine Symptomhandlung beziehen können, und 
wiederholt mit einer sonderbar anmutenden, überraschenden Leb- 
haftigkeit, so als hätte ich ihm förmlich das Wort aus dem 
Mmido genommen, gerade dieselben Wort>c, die ich ausgesprochen : 
,Ja, das war wirklich ein fetter Bissen, den ich fallen gelassen 
habe' und erleichtert sich dann durch eine erschöpfende Darstel- 
lung seiner Ungeschicklichkeit, die ihn um diese gut bezahlte 
Stellung gebracht hat. 



i 




IX. SYMPTOM- UND ZUFAU^SHANDLUNGEN. 227 



u 



Der Sinn der symbolischen Öymptomhandlimg erlevielitet 
sich, wenn man ins Auge faßt, daß dor Kollege Skrupel empfand, 
UÜx, der ihm ziemlich ferne steht, von seiner prekären materiellen 
Situation zu erzählen, daß sich dann der vordrängende Gedanke 
in eine Symptomhandlung kleidete, die symbolisch ausdrückt, was 
hätte verhorgen werden sollen, und somit dem Sprecher aus dem 

Unbewußten Erleichterung schuf." — - ^"^ 

"VVie sinnreich sich ein scheinbar nicht beabsichtigtes Weg- 
nehmen oder Mitnehmen herausstellen kann, mögen folgende Bei- 
spiele zeigen. 

1. Dr. B- Dattner: ,.Ein Kollege stattet seiner verehrten 
Jugendfreundin das erstemal nach ihrer Eheschließung einen Be- 
such ab. Er erzählt mii- von dieser Visite und drückt mir sein 
Erstaunen darüber aus, daß e.. ihm nicht gelungen sei. sich nur 
ganz kurze Zeit, wie er es vor hatte, bei ihr zu verweilen. Dann 
al>6i- berichtet er von einer sonderbaren I'ehlleistung, die iluu dort 
grugestoßen sei. 

Der Mann seiner Freundin, der am Gespräche teagenommen 
habe, hätte eine Zündhölzchenschaehtel gesucht, die ganz bestimmt 
bei seiner Ankunft auf der Tischplatte gelegen sei. Auch der 
Kollege habe seine Taschen durchsucht, ob er ,sie' nicht zufällig 
.eingesteckt' habe, doch vergebens. Geraiune Zeit danach habe 
er -sie' tatsächlich in seiner Tasche entdeokt, wobei ihm aufge- 
fallen sei, daß nui- ein einziges Zündhölzchen in der Schachtel 
gelegen war. 

Ein paar Tage später bestätigt ein Traum, der die Schachtel- 
symbolik aufdringlich zeigt und sich mit der Jugendfreundin be- 
scUhigt, meine Ermrmig. daß der Kollege mit seiner Symptom- 
handlung Prioritätsreciitereklamiei-en und d/e Aussehlirßlichkeit 
seine. Besitzes (nur .in Zündhölzchen di-innen.) darstellen wollte." 

15* 



:^ 



228 IX. SYMPTOM- UND ZU FALLSHANDLIJXGEN. 



1 



2. Dr. Haiuis SaclisN . - 

„Uiistu' Mädchen ißt eine bestimmte Toric bfisonders gern. 
An dieser Tatsache ist kein Zweifel möglich, denn es ist die 
einzigü Speise, die sie ausnahmslos gTit zubereitet. Eines Somx- 
tags brachtß sie uns eben die?o Torte, stellte sie auf der Kredenz 
ab, nahm die beim vorigen Gang benutzten Teller und Bestecke 
und häufte sie auf dir Tasse, auf der sie die Torte hereingetragen 
hatte; auf die Spitze dieses Haufens piaeierte sie dann wieder 
die Torte, anstatt sie uns vorzusetzen, und vcr.-^chwand damit in 
die Küche. Wir meinten zuerat. sie habe an der Torte irgend 
etwas zu verbessern gefunden, da sie aber nicht wieder erschien, 
läutete meine Frau und fragt«: ,Bett.y, was ist denn mit der 
Toi-te los?' Darauf das Mädchen oline Verständnis: ,AVieso?' 
Wir mußten sie erst daiüber aufklären, daß sie die Torte wieder 
mitgenommen lial>e; sie hatte sie aufgeladen, hinausgetragen und 
^ wieder abgestellt, ,oline es zu bemerken'. 

Am nächsten Tage, als wir uns daran machten, den Eest 
dxeser Torte zu verzehren, bemerkte meine Frau, daß nicht 
weniger vorhanden war, als wü- am Vortag- übrig gelassen hatten- 
daß also das Mädchen das ihr gebührende Stück der Liebliags- 
speise verschmäht hatte. Auf die Frage, warum ..ie nichts von 
der Torte gegessen habe, aatwoi-tete sie leicht verlegen, sie habe 
keine Lust gehabt. 

Die infantile Einstellung ist beide Male sehr deutlich; ei-st 
die kindliclic Maßlosigkeit, die das Ziel der Wünsche mit nie- 
mandem teilen will, dann die ebenso kmdliclie Beaktion mit 
Trotz: wenn ihr es mir nicht gönnt, so behaltet es für euch, 
ich will jetzt gar nichts haben." — 

Die Zufalls- odei' Symptomhandlungen, die sich in Ehe- 
sachen ereignen, haben oft die ernsteste Bedeutung und könnten { 
den, der sieh um die Psychologie des Unbewußten nicht beküm- 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGEN. 229 



mern will, zum Glauben an Vorzeichen nötig-en. Es ist kein 
guter Anfang, wenn eine junge Frau auf der Hochzeitsreise ihren 
Ehering verliert, doch war er meist nui- verlegt und wird bald 
wiedergefunden. - Ich kenne eine jetzt von ihi-e-m Manne ge- 
schiedene Dame, die bei der Verwaltung ihres Vermögens Doku- 
mente häufig mit ihrem Mädchennamen unterzeichnet hat, viele 
Jahre vorher, ehe sie diesen wirklich wieder annahm. — Einst 
war ich als Gast bei einem jung verheii-ateten Paare und hörte 
die junge Erau lachend ilir letztes Erlebnis erzählen, wie sie 
ann Tage nach der Rückkehr von der Reise wieder ihre ledige 
Schwester aufgesucht hätte, um mit ihr, wie in früheren Zeiten, 
Einkäufe zu machen, während der Ehemami seinen Geschäften 
nachgin-. Plötzlich sei ihr ein Hen- auf der anderen öeite der 
Strai3e aufgefallen, und sie habe ihr« Schwester anstoßend ge^ 
^fen: Schau, dort geht ja der Hen- L, Sie hatte vergessen 
daß. dieser Herr seit einigen Wochen ihr Ehegemahl war. Mich 
überUef es kalt bei dieser Erzählung, aber ich getraute m.eh der 
Folo-ei-ung nicht. Die kleine Geschichte fiel mir erst Jahre 
später wieder ein, nachdem die.e Ehe den unglückUchsten Aus- 

o-ang genommen hatte. 

'^ Den bcachienswerten, in französischer Sprache verollent- 
Uchten Arl>eiton von Ä. Maeder* in Zürich entnehme ich fol- 
gende Beobachtung, die ebensowohl einen Platz heim „Vergessen" 

verdient hätte: •^- ^- ., vi-- 

,Une dame nous racontait recemment quelle avaxt oubiie 
d'essayei- sa robe de noce et s'en souvint la veiUe du mariage 
4 huit heui-es du soir, la couturiere desesporait de voir sa diente- 
Ce detail suffit ä montrei- quo la fiancee ne se sentait pas 
tres heureuse de porter une robe d'cpouse, eile cherchait a oubher 

■ nr^ Ma.der, Cüulribulions ä la ^«ychopathologie de la. vi. 

quotidienne, Arcliives des Psychologie, T. '^iy 1906. . '. 



-1 



^30 IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLÜNGfEN. 



eette rejireseiiiation jicnible. Elle est aujourd'lnii . 

divorcee." , . ^ . 

Von der gi-oßen Schauspiolcrm Eleonora JJ u s o erzählte ■ 

mir ein Preimd, der auf Zeichen achten gelernt hat, sie bringe 
in einer ihrer Rollen eine öymptömhandlung an, die so recht zeige, 
aus welcher Tiefe sie ihr Spiel heraufhole. Es ist ein Ehebrucha- 
drama; sie hat eben eine Auseinandersetzung mit ihrem Manne 
gehabt und steht nun in Gedanken abseits, elie sieli ihr der Ver- 
siicher nähert. In diesem kurzen Intervall spielt sie mit dem 
Ehering an ihi-em l^ingcr, zieht ihn ab, um ihn wieder anzu- 
stecken, und zieht ihn wieder ah. Sie ist nun reif für den 
anderen. - 

Hier schließt an, was Th. Reik (Internat- Zeitschrift fiü- 
i«yehoanalyse, 111. 1915) von andei^^n Sympt«mhandluag.n mit 

-Kingen erzählt. 

- .~~ ■-■■■•-■ ^-^ ' , . " 

„Wir tarnen die Symptomliaadlungen, wolohe Eheleute aus- ^ 

luon, ^dem sie den Trauring abziehen und wieder anstecken. 
t: M : CT' Syn^ptcnhandlungon produzierte »ein Kol- 
kte JL a hatte von einem voa ü.n> g.Iiebte.i Madchen einen 
Kmg- zun. Geschenk erhalten, mit dem Bemerken, er dürfe ihn 
mcht ..rl^ercn. son.t wi^ sie, daß er sie nicht mehr lieb habe. 
Er entfaltete .n der Folge.eit ei« erhöhte Besorgnis, er könnte 
rten E>ng verlmrcn. Hatte er ihn zeitweilig, .. B. heim Waschen 
abgelegt, so war er regelmäßig verlegt, so daß es oft langen Su- 
ehens l«durfte, um ihn wieder zu erlangen. Wenn er einen Brief 
in den Postkasten warf, komite er die leise Angst nicht unter- 
drücken, der Hing könnte von den Rändern des Briefkastens ab- 
gezogen werden. Einmal hantierte er wirklich .so ungeschickt, 
daß, der Hing in den Kasten fiel. Der Brief, den er bei dieser < 

Gelegenheit absandte, war ein Abscliicdsschreiben an eine frühere 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLäHANDLUNGEN^ 



231 



Geliebte von ihm gew.«en. und er fühlte sich ihr gegenüber 
«cbuldig. Gleichzeitig onvachte in ihm Sehnsucht nach dieser 
Frau, welche mit seiner Neigung zu seinem jetzigen Liebesoh.iekt 

in Konflikt kam-" . . j i 

An dem Thema des .Hinges" kann man sich wieder einmal 
.en Eindruck holen, wie schwer es für den Psychoanalytiker ist 
t^ss Neues zu finden, was nicht ein Dichter vor ihm gewuß 
Ltto In Fontanes Kx)man „Vor dem Sturm^' sagt Justizrat 
Turgany während eines Pfänderspieles: .Wollen Sie es glau- 
^rL meine Damen, daß sich die tiefsten Geheimnisse der Natur 
der Abo-abe der Pfänder offenbaren." Unter den Beispielen, 
^it denen er seine Behauptung erhäri^t. verdient eines unser 
anderes Interesse: Ich entsinne m.ch einer un Embonpcmt- 
X' stehenden Professorenfrau, die mal auf mal ihren Trau- 
:Z al. Pfand vom Pinger zog. Erlassen Sie mir, Ihnen das 
'wiche Glück des Hauses zu schüdem/- Er setzt dann fort- 
I^ derselben Gesellschaft befand sich ein Herr, der meht mud. 
" urde, sein englisches Taschenmesser, zehn lOingen mit Kork- 
ieher und Peuerstalü, in den Schoß der Dame zu deponieren, bis 
Aas Klingenmonstrum, nach Zerreißung mehrerer Seidenkleider, 
auch vor dem allgemeinen Entrüstungsschi^i verschwand-' 
Eß wird uns nicht wundernehmen, daß ein Objekt von so 
.eicher symbolischer Bedeutung wie ein Ring auch dann zu srnn- 
reichen Fehlhand hingen verwendet wird, wenn es nicht als Lne 
^er Verlobnngsring die erotische Bindung bezeichnet. Dr. ^ ■ 
glardos hat mir nachstehendes Beispiel eines derartigen Voi- 
^onimnisses zua- Verfügung g-estellt: 

„Eine Fehlhandlung als Bekenntnis- 
Vor mehrei-en Jahi-en hat sich mi. ein um vieles jüngerer 
Mann angeschlossen, der meine geistigen Bestrebungen teüt und 



■:S 



232 IX. SYMPTOM- UND ZUPALLSHANDLUNGEN. 



ZU mir etwa iiii Verhälüiis eüies Schülei-s zu seinem Lehrer steht. 
Ich habe ihm zu einer bestimmten GiBlegenheit einen Hing ge- 
schenkt, und dieser hat ihm schon mehreremal Gelegenheit zu 
Symptom- resp. Fehlhajidlungen gegeben, .sobald m unseren Be- 
ziehungen irgend etwas seine Mißbilligung gefunden hatte. Vor 
kui-zem wußte er mir folgenden, besonders hübschen und durch- 
sichtigen Fall zu berichten : Er war von einer einmal wöchentlich 
stattfindenden Zusammenkunft, bei der er mich regelmäßig zu 
sehen und .n sprechen pflegte, unter irgend einem Vorwand aus- 
geblieben, da ihm eine Verabredung mit einer jungen Dame 
wünschenswerter erschienen war. Am darauffolgenden Vor- 
mittag bemerkte er, aber erst als er schon längst das Haus ver- 
Wn hatte, daß er den King nicht am Finger trage. Er be- 
^^ilugte sich darüber n.cht weiter, da er annahm, er habe ihn 
daheim auf dem Naehtkä^tchen, wo er ihn jeden Abend hiiüegte, 
vergessen und wei-de ihn beim Na..hhausekommen dort finden, 
la-^sah auch gleich nach der Heimkehr nach ihm, aber vergeblich, 
und leg^ ,,3nso erfolglos, das Zimmer zu durchsuchen. 

Endlich fiel ihm ein, daß der Bing - wie übrigens schon seit 
mehr als einem Jahre ^ auf dem Nachtkästehen neben einem 
kleinen .VIesserchen gelegen sei, da. er in der Westentasche zu 
tragen gewolxnt war; so. verfiel er auf die Vermutung, er könn*« 
,aus Zerstreutheit' den ßing mit dem Messer eingesteckt haben- 
Kr gr,ff also in die Tasche und fand dort wirklich den gesuchten 
Ring. 

,Der EJiei-ing in der Westentasche' ist die sprichwörtliche 
Aufbewahi-ungsart für den King, wenn der Mann die Frau, von 
der er ihn empfangen hat. zu betrügen beabsichtigt. Sein Schuld- 
gefühl hat ihn also zunächst zur Selbstbestrafung (,Du verdienst 
es nicht mehr, diesen Ring zu tragen'), in zweiter Linie zu dem 
Emg-eetändnis seiner Untreue veranlaßt, allerdings bloß in der 



■r' 



^. 






^ 



i^. 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGEN. 



233 



Form einer i-'ehlhandlung, die keinen Zeugen hatte. Erst auf dem 
Umweg über den Bericht davon — der allerdings voraussehbai- 
^^j, ,_ kam es zum Eingeständnis der begangenen kloinen 

JJntreue'." — 

Ich weiß auch von einem älteren Herrn, der ein sehr jung-es 
Mädchen zur Frau nahm und die Hochzeitsnacht anstatt abzu- 
reisen in eijiem Hotel der Großstadt zuzubring-en gedachte. Kaum 
im Hotel angelangt, merkte er mit Schrecken, daß er seine Brief- 
tasche, in der sich die ganze für die Hochzeitsreise bestimmte 
Qeiasumme befand, vermisse, also verlegt oder verloren habe. 
Es gelang noch, den Dicuer telephonisch zu erreichen, der das 
Vermißte in dem abgelegten Söck des Hochzeiters auffand und 
dem Harrenden, der so ohne Vermögen in die Ehe gegangen war, 
■■ns Hotel brachte. Er konnte also . anj nächsten Morgen die 
K^ise mit seiner jungen Krau antreten ; in der Nacht selbst war 
^T- wie seine Befürchtung vorausgesehen hatte, ., unvermögend" 
gehlieben. — " ' ■ 

Es ist tröstlich zu denken, daß das „Verlieren" der Men- 

ßjien i^ ungeahnter Ausdehnung Symptomliandlung und somit 

^j^igstens einer geheimen Absicht des Verlustträgers wiU- 

^ jjjuien ist. Es ist oft nur ein Ausdruck der gelungen Schätzung 

j verlorenen Gegenstandes oder einer geheimen Abneigung 

gejx denselben oder gegen die Person, von der er herstammt, 

^er die Verlustneigung hat sich auf diesen Gegenstand durch 

viobolische Gedankenverbindung von anderen und bedeutsameren 

Objekten her übertxagen. Das Verlieren wertvoller Dinge dient 

pjiigfaehen llegungeu zum Ausdruck- es soll entweder einen 

grdrängten Gedanken symbolisch daretellen, also eine Mahnung 

iederholen, die man gern überhören möchte, oder es soll — 

a dies vor allem anderen — den dunklen Schicksals mächten 



234 IX. SYMPTOM- UND ZüPALLSHAVDLUNGEN. 



— Opfer bringen, deren Dienst auch unter uns noch nicht er- 
loschen ist*. "■ ^;- - ...,, ..-. -r . r ,-■ ■ .' 

Zur Erläuterung dieser Sätze ül3eT das Verlieren nur einige 
Beispiele: *•■ - - 

Dr. B. Dattner. „Bin Kollege berichtet mir, daß er seineu 
Penkalastift, den er bereits über zwei Jahre besessen habe und 
der ihm seiner Vorzüge wegen sehr wertvoll geworden sei, un- 

* Hiei noch eine kleine Sammlung mamugfid biger Symptomhandlun- 
gen bei Gesunden und Nenrotiker,,: Ein älterer Kollege, der nicht gern 
im Kartenspiel verliert, hat eines Abends eine gröllere Verlnslsnmme klag- 
los, aber in eigeaLümlich verhaltener Htimmxing ausgezahlt. Nach seinem 
Weggehen wird entdeckt, daß er so ziemlich alles, wa.. er bei sich trägt, 
auf seinem Plat.. zurückgelangen hat: Brille, Zigai-rentaache imd Sacktuch' 
Das fordert wohl die Übersetzung; Ihr Räuber, ihr habt mich da schön 
ausgeplündert.. - Ein Mann, der an gelegentlich auftretender sexueller 
liDpotenz leidet weiche in der Innigkeit seiner Kinderbeziehungen zur 
Mutter begnindet ist, berichtet, daß er ge^.ohnt ist, Schriftea und Auf- 
mchnungen mit einem S, dem Anfangsbuchstaben des Namens seiaBr 
Mutter, zu verlieren. Er verträgt es nicht, daß Briefe vom Hause auf 
seinem Schreibtisch in Berührung mit anderen unheiligen Briefschaften 
geraten, und i«t darum genötigt, erstere gesondert aufzubewahren ^ 
Eine junge mme reii3., plöt.lich die Tür des .Beh.ndlnngs.immers auf. 
in dem sich noch ihre Vorgängerin befindet. Sie entschuldigt sich mit 
.Gedankenlosigkeit^ es ergibt sich bald, daß .ie die Neugierde demoa- 
■stnert liat, welche sie seinerzeit ins Schlafzimmer der Eltern dringen 
ließ. - Mädchen, die auf ihre schönen Haare ..tolz sind, wissen so ge- 
schickt mit Kamm und Haarnadeln umzugehen, daß sich ihnen mitton 
im Gespräch die Haare lösen. — Manche Männer zerstreuen «-ährend der 
Behandlung (in liegender Rt<.Ilung) Kleingeld aus der Hoscnta^ciie und 
honorieren so die Arbeit der Bchandlungsstunde je nach ihrer Schätzung. 
— Wer beim Arzt einen mitgebrachten Gegenstand, wie Zwicker, Hand- 
schuhe, Täschchen vergißt, deutet damit an, daß er sich nicht losreißen 
kann und gern bald wiederkommen möchte. E. Jones sagt: One can 
almost measure the success with which a ptiysician is practising psycho- 



^ 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHÄNDLUNGEN. 



235 



■ vermutet, verloi-en habe. Die Analyse ergab folg-enden Tat- 
P bestand : Am Tage vorlier hatte der Kollege von seinem Schwager 
einen empfindlich unaiigenelimen Brief erhalten, dessen Schluß- 
satz folgendermaßen lautete; ,Ich habe vorläufig weder Lust 
noch Zeit. Deinen Leiohtsiim und Deine Faulheit zu unterstützen-' 
Der Affekt, der sich an diesen Brief knüpfte, war so mäehtig, 
daß, der Kollege pi-oiupt am nächsten Tage den Penkala, ein 
gchenk dieses Schwagers, opferte, um durch dessen 
Bade nicht allzusehr beschwert zu sein.*' 

py, ior instam^e by thß sizc of the coUecÜon of umbrella«, liand- 
^^,ljief9. piirses, and so on, that he could maUo in a, month. — Die 
iosteii gswolmhBitsmä-ßigcn und mit niiiütnalar Aufmerksamkeit aus- 
^brten Temcliiungen, wie das Aiifzioheii der Uhr vor dem Schlafen- 
das Auslöschen des Liclitos vor dem YeriJU'isen di>s Zimmers u. a., 
f^^'T'gelegentlich Störungen unterworfen, welche den Einfluß der unbe- 
ßfceii Komplexe auf die augeblich stärksten „Gewohüheiten" unverkemi- 
^ demonstrieren. Mae der erzählt iu der Zeitschrift „doemiLium'^ von 
- m Spitalarzte, der sich eines Abends einer wichtifjen Angelegenheit 
-n ent^cldoß, in die Sta,dt zu -reben, obwohl er Dienst hatte und das 
I -, i nicht liätte verlassen Hollen. Als er ziiriiekkam, bemerkte er zu 
I *n Erstaunen Licht in seinem Zimmer. Er liattc. was ibm früher 

crcschoheu war, vergesscMi, bei sr-inem We^^igehen dunkt-l ku maeiieu- 
hesaiin sich aber bald auf das Motiv dieses A'ergessens. Der im Hause 
I ende Spitaldirektor mußte ja aus dem Licht im Zimmer seines In- 

[ den Schluß ziehen, daß dieser im Hause sei. — Ein mit Sorgen 

[_ bürdeter und gelegentlich Ver.stimmungen unterworfener Maun ver- 
. i-te mir, daü er regclmäliig am Morgen seine Uhr abgelaufen finde, 
" ihm am Abend vorlier das Leben gar zu liart und unfreimdlich er- 

■ nen sei. Er drückt also durch die Unterla-ssung, die Uhr jaufzu- 
r^ hen, symbolisch aus, daß ihm nicht« daran gelegen sei, den nächsten 
' KU erleben. — Ein anderer, mir persönlich unbekannt, schreibt: „Von 
\^^^ m harten SchiekealsschJage betroffen, erschien mir das Leben so hart 
^^^^ uüireundlich, dsiü ich mir einbildete, keine genügende Kraft zu fin- 
„Di den nächölen Tag durchzuleben, und da bemerlitc ich, daiä ich 






236 IX. SYMPTOM- UND ZüFALLSHANDLÜNGEN. 



Eine mir bekannte Dame hat sich, wie begreinich, wälirend 
der Trauer um ihre alte Mutter des Theaterbesuches enthalten. 
Es fehlen jetzt nur noch wenige Tage bis zum Ablauf des Trauer- ^ 
jaiu-es. und sie läßt sich dui-eh das Zureden ihrer Bekannten be- I 
wegen, pine Theaterkarte für eine besonders interessante Vor- 
st^dlung zu nehmen. Vor dem Tlieat«r angelaugt, macht sie die 
Entdeckmkg, daß si» die Karte verloren hat. Sie meint später, 

fast täglich meine UIil aiify.uzißhnn vergaü, w;ls ich friilicr niemals yn- 
terließ und es vor dem" Niederlegen rcgolmäliig fast mecliamsch un- 
bewußt tat. Nur Suiten erinnerte ich midi daiuii, weuu ich am iol- 
genden 'J'a^e etwas Wichtiges oder mein Interesse besonders Tessclndes 
vor Iiatte. Sollte auch dies eine Symptomliandlung sein? Ich konnte mir 
dies gax nicht erklären." - Wer sich, wie -Jung (über die P-sychologia 
der Dementia, praecox, 1907, S. 62) oder Maeder (Une voie nouvelle en 
psychologio — Frtud et Bon 4co]e, „Coenübium", Lugano 1909) die Mühe 
nohmea will, auf die Melodien zu achten, welche man. ohne es .n beab- 
sichtigen, oft ohne es zu merken, vür eich hin tr.illert, wird die Bezieliang 
des Testes zu einem die Person beschäftigenden Thema wohl re-elmäßi- 
aufdecken können. = » 

Auch die feinere Determiniernng- des G .da.nkenausdrnckes in Rede 

oder Schnfi verdiente eine ..or^^fältige Beaehinn,. Man glaubt doch im 

allgemeinen die Wahl zn haben, iu welche Wort, man sein. Gedanken 

.inkloidon oder durch welches Bild man sie verkleiden soll. Nähere Beob- 

achtung zeigt, dalJ andere Rücksichten über diese Wahl entscheiden, und 

daß m der Form des Gedankens ein tieferer, oft nicht beabsichtigter Sinn 

durchschimmert. Die Bilder und lledensarten. deren sich eine Person 

vorzugsweise bedient, sind für ihre Beurteilung meist nicht gleichgültig, 

und andere erweisen sich oft als Anspielung auf ein Tlicnia, welches der- 

i^cit im Hintergrunde gehalten wird, aber den Sprecher mächtig ergriffen 

bat. Iclj hörte jemand zu einer gewissen Zeit wiederholt in theoretischen 

Gesprächen die Redensaxt gebrauchojj: ,,Wcmi einem plötzlich etwas durch 

den Kopf schieüt", aber ich wui3te, daß er vor kuraem die Nachricht er- 

halLen haUe, seinem Sohn sei die Feldkappe, die er auf dem Kopfe trug, 

von voru nach hinten durch, ein russische.^ Projektil durchschossen worden. 



IX. SYMPTOM- UND ZUPALLSHANDLUNGEN. 



237 



daß sie dieselbe mit der Tramwaykaiie weggeworfen hat, als sie 
aus dem Wagen ausstieg- Dieselbe Dame rühmt sich- nie etwas 
aus Unachtsamkeit zu verliei'en. 

Otto Rank hat in einer längeren Mitteilung (Das Verlieren 
als Symptomhandlung, Zentralbl- für Psychoanalyse. 1, lO/U) 
.die diesem Akte zu Grunde liegende Opferstimmung und dessen 
tiefer reichende Motivierungen mit Hilfe von Traumanalysen 
dm-clisichtig gemacht. (Andere Mitteilungen dessell>en Inhalts 
ijQ Zentralblatt für Psychoanalyse, II, und Internat- Zeitschrift 
für Psychoanalyse, 1, 1913.) Interessant ist es dann, wenn er 
hia2.nUgi.. daß manchmal nicht nur das Verlieren, sondern auch 
das Finden von Gegenständen determiniert erscheint. In wei- 
tem Sinne dies zu verstehen ist, mag aus seiner Beobachtung, 
die ich hiehcr setze, hervorgehen. Es ist klar, daß beim Verlieren 
das Objekt be.reits gegeben ist. das beim Finden erst gesucht 
werden muß (Internat. Zeit^chi-. füi« Psychoanalyse, lH: IS'-')- 
^^ „Ein materiell von seinen Eltern abhängiges junges Mäd- 
^".^^U sich ein billiges Schmuckstück kaufen. Sie fragt im 
Laden naeh dem I'reise des jlu- zusagenden Objekts, erfährt aber 

ilircm Betrüben, daß es mehr kostet, als ihre Ersparnisse be- , 
^^ n Und doch sind es nur zwei Kronen, deren Fehlen ihr 
trage ^^^.^^ x?reude ver\vehrt. In gedrückter Stimmung schlen- 
^^^ ■ A^^vc\i die abendlieh belebten Straßen der Stadt nach 
\uf eü^em der stärkst frequentierten Plätze wird sie 
"^^^ch ' obwohl sie ihrer Angabe nach tief in Gedanken ver- 
^^t^en"^ war — auf ein am Boden liegendes kleines Elattchen 
'""f^rrksam, das sie eben achtlos passiert Katte- Sie wendet sich 
^"^ bebt es auf und bemerkt zu ihrem Erstaunen, daß es ein 
^^^mmengcfalteter Zweikronenschein ist- Sie denkt sich ; das 
hat mir das Schicksal zugeschickt, damit ich mir den Sehmuck 
Iclufen kann, und macht erfreut Kehrt- um diesem Winke zu 



238 IX SYMPTOM- [JND 2UPALLSHANDLUNGEN. 



fol^n. Im selben Moment aber sagt sie sich, sie dürfe das doch 
nicht tun, weil das gefundene Geld ein Glücksgeld ist, das man 
nicht ausgeben darf. 1 

Das Stückehea Analyse, das zum A'erständnis dieser ,Zufalls- 
handhmg' gehört, darf man wohl auch ohne pereönliche Auskunft 
der Betroffenen aus der gegebenen Situation erschließen. Unter 
den Gedanken, die das Mädchen beim Nachhausegehen beschäf- 
tigten, wird sich wohl der ihrer Armut und materiellen Ein- 
schränkung im Vordergrunde befunden haben, und zwar, wie wir 
vermuten dürfen, im Sinne der wunscherfüllenden Aufhehung 
i^ex- drückenden Verhältnisse. D,e Idee, wie man auf leichteste 
Weise zu diesem fehlenden Geldbetrag kommen kömie, wird 
Ihrem auf Befriedigung, ihres bescheidenen Wunsches gerichteten 
Jnter^se kaum ferngeblieben sein und ihr die einfachste Lösung 
des Findons nahegebracht haben. Solcherart war ihr Unbewußtes 
Mer Vorbewußtes) auf ,r.nden' eingestellt, selbst wenn der 
^eda^ke daran ihr ^ wegen anderweitiger Inanspruchnahme 
Ihrer Aufmerksamkeit (,in Geda.ü.en versunken') - nicht voU 
bewußt geworden sein sollte. Ja, wir dürfen auf Gi-und ähn- 
licher analysierter Fälle geradezu behaupten, daß die unbe- 
w u ß t e ,Such.Beroit.schaf t' viel eher zum Erfolg zu führen w 
mag als die bewußt gelenkte Aufmerksamkeit. Sonst wäre es 
auch kaum erklärlich, wieso gerade diese eine Person von den 
vielen Hunderten Vorübergehenden, noch dazu unter den er- 
schwerenden Umständen der ungünstigen Abend beleuchtung und 
der dichtgedrängten Menge, den für sie selbst überraschenden 
Pund machen konnte. In welch starkem Ausmaß diese un- oder 
vorbewußte Bereitschaft tatsächlich bestand, zeigt die sonder- 
bare Tatsache, daß da.s Mädchen noch nach diesem Funde, also ] 
nachdem die Einstellung bereits überflüssig geworden und gewiß \ 
schon der bewußten Aufmerksamkeit entzogen war, auf üirem 



^ 



IX. SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNQEN. 



239 



weiteren Heimweg- aji einer dunklen und einsamen Stelle einer 
Vorstadtstraße ein Taschentuch fand." 

Man muß sagen, daß gerade solche Symptomhandlungen oft 
den loesten Zugang zur Erkenntnis des intimen Seelenlebens der 
Menschen gest-atten. 

Von den vereinzelten Zufall sli and lungen will ich ein Beispiel 
mitteilen, welclies auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zu- 
' ließ- ^^ ^^ Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche 
[symptorae vollkommen unauffällig produziert wei-dcn können, 
Lad aJi das sicli eine praktisch bedeutsame Bemerkung anknüpfen 
Imßt Auf einer Sommerreise traf es sich, daß ich einige Tage 
3^ einem gewissen Orte auf die Ankunft meines Reisegefährten 
u warten halte. Ich machte unterdes die Bekanntschaft eines 
■uixK<^ Mannes, der sich gleichfalls einsam zu fühlen «chien und 
ieh T>ereitwillig mir anschloß- Da wir in demselben Hotel 
wohnten, fügte es sich leicht, daß wir alle Mahlzeiten gemeinsam 
einn^l^i"«^ und Spaziergänge miteinander machten- Am iNach- 
^ittag des dritten Tagea teilte er mir plötzlich mit, daß er heute 
abends seine mit dem Eilzuge einlangende Frau erwarte. Mein 
gychologisches Intei-esse wurde nun i-ege, denn es war mir an 
feinem Gesellschafter bereits am Vormittag aufgefallen, daß 
^ meinen Vorschlag zu einer größeren Partie zurückgewiesen 
und auf unserem kloinen Spaziergang einen gewissen Weg als 
"^u steil und gefahrlich nicht hatte begehen wollen. Auf dem 
^^climittagsspaziergang behauptete er plötzlich, ich müßte doch 
grig sein, ich sollte, doch ja nicht seinetwegen die Abend- 
mahlzeit aufscliieben er werde erst nach der Ankunft semer 
Frau mit ihr zu Abend essen. Ich verstand den "Wink und setzte 
'ch an den Tisch, während er auf den Bahnhof gmg. Am 
ochsten Morgen trafen wir uns in der Vorhalle des Hotels. Er 



* ' 



240 IX. SYMPTOM- UND ZÜFALLSHANDLÜNGEN. 



stellte mich seiner Frau vor und fü^ hinzu : Sie werden doch 
mit uns das Prühstiick nehmen? Ich hatte noch eine kleine Be- ^ 
sorgun^ in der nächsten Straße vor und verfiicherte, icii würde \ 
i^ald nachkommen. Als ich dann in den Frühstückssaal ti-at, sah 
ich, daß da,s Paar an einem, kleinen Fen.stertiseh Platz genommen 
hatt^, auf dessen einer Seite sie beide saßen. Auf der Gegenseite 
befand sich nur ein Sessel, aber über dessen Lehne hing der gwße 
und schwere Lodenmantel des Mannen herab, den Platz ver- 
deckend. Ich verstand sehr wohl den Sinn dieser gewiß nicht 
«Ks,chthchen, aber darum um .so ausdrucksvolleren Lagerung. 
Es hieß: Für dich ist hier kein Platz, du bist jetzt überflüssig. 
Der Mann bemerkte, es nicht, daß ich vor dem Tische stehen blieb. 
ohne mich zu setzen, wohl aber die Dame, die ihren Mann so- 
fort anstieß und ihm zuflüsterte: Du hast ja dem Herrn den 
Platz verlegt. ■ 

Bei diesem wie bei anderen ähniichen Ergebnissen habe ich 
mir gesagt, daß die unabsichtlich ausgeführten Handlun.-en un- 
vermeidlich zur Quelle ven Mißverständnissen im menschlichen 
Verkehr werden müssen- Dor Täter, der von eine, mit ihnen ver- 
knüpften Absicht nielits weiß, rechnet sich dieselben nicht an 
und halt sich nieht verantwortlich für sie. Der andere hingegen 
erkennt, indem er regelmäßig auch solche Handlungen seines 
Partnei's y.n Schlüssen über dessen Absichten und Gesinnungen 
verwertet, mela- von den psychischen \^ürgängen des Fremden, 
als dieser selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben 
glaubt. Letzterer aber entrüstet sich, wenn ihm diese aus seinen 
Symptomhandlungcn ge^<.genen Schlüsse vorgehalten werden,,er- 
klärt sie für grundlos, da ihm das Bewußtsein für die Absieht, 
bei der Ausfühning fehlt, und klagt über Miß,verständnis von 
Seiten des anderen. Genau besehen beruht ein solches Mißver- 
ständnis auf einem Zufein- und Zuvielverst^hen. Je „nervöser" 




^ 



IX. SYMPTOM- UND ZÜFALT,9HANDLUNGEN. 



341 



^ei Monschen sind, 'desto eher werden sie einander Anlaß zu 
Klntzweiimgen bieten, deren Begründung Jeder für seine eigene 
Person elwnso bestimmt leugnet, wie er sie für die Person des 
fanderen als gesichert anninmil. Und dies ist wohl die Strafe für 
aie innere Unaufrichtigkeit. daß die Menschen nnter den Vor- 
händen des Vergessens, Vergreifens und der Unabsichtlichkeit 
Hegun-gen den Ausdruck gestatten, die sie besser sich und anderen 
eingestehen würden, wenn sie sie schon nicht beherrschen können. 
Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, daß jedennann 
fortwälirend psychische Analyse an seinen Nebenmenschen be- 
treibt und diese infolgedes&en besser kemien lernt als jeder eui- 
gelül« sich selbst. Der Weg zur 'Befolgung der Mahnung t^^S 
aaOLO-zhv führt durch das Studium seiner eigenen, scheinbar zu- 
f^lligen Handlungen und Unterlassungen. 

Von all den Dichtern, die sich gelegentlich über die kleinen 
Symptomhandhmgen und Fehlleistungen geäußert oder sich ihrer 
bedient haben, hat keiner deren geheime Natur mit solcher Klar- 
heit erkannt und dem Sachverhalt eine so unheimliche Belebung 
gegehen wie Strindberg, dessen Genie bei solcher Erkenntnis 
allerdings? durcii tiefgeliende psychische Abnormität unterstützt 

^urde- 

Dr. Karl Weiß (Wien) hat auf folgende Steile auß einem 
gein«^ Werke aufmerksam gemaeht- (Internat- Zeitschrift für 
Psychoanalyse, I, 1913. S. 268): 

„Naeh einer Weile kam der Graf wirklich und er trat ruhig 
aji Estlier heran, als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt- 

— Hast du lange gewartet? fragte er mit seiner gedämpf - 
.j^^jji Stimme. 

— Sechs Monate, wie du weißt, antwortete Esther ; aber 
du hast mich heute gesehen? 

S-rouil. PfTchopufliolouio flPB AniBgslebenB. VI. Aufl. 



.\ 



■^ 



24S IX. .SYMPTOM- UND ZUFALLS HANDLUNGEN. 



— Ja, eben im Straßenbalmwagen ; und ich sah dir tu die 
Augen, daß ich mit dir zu sprechen glaubte. 

— Es ist viel .geschehen^ seit dem letztenmal. 

— Ja, und icli glaubte, es sei zwischen uns aus. " 

— Wieso? -. - 

— Alle Kleinigkeiten, die ich von dir bekommen habe, gin- 
gen entzwei, und zwar auf eine okkulte Weise. Abel" das ist eine 
alte AVahmeJnuung. 

— Was du sagst! Jetzt ei'innere ich mich an eine o-anze 
Menge PäUe, die ich für ;^uialle i.ieU. Ich bekaaa einmri ein 
Pincenez von meiner Großmutter, während wir gute i^reunde 
wai^. Es war aus ge^schlifrenem Bergkristall und ausgezeichnet 
bei den Obduktionen, ein wahres Wmidervverk. das ich sorgfältig 
hütete. Eines Tages bracli ieh ..it der Alton, imd sie wurde 
auf mich böse. * '- - - = - - 

Da ^^ehah es bei der nächrteü Obduktion, daß üie Glfcer 
oime UrsÄ herausfielen. loh glaubte, es sei gan. einfach ent- I 

-vei; schickte ^ .ur Heparatur, Nein, es fuhz- fort, sei^ 
Uiens zu vemeigeiTi; wm-de in eine Schublade gelegt und ist 
tortg'ekomnien. 

- Wa. du sagst ! Wie eigentümlich, daß das, was die Augen 

betrifft, am empfindlichstem ist. Teh hatte ein Doppelglas von 

einem Fi-eunde bekommen; das paßte füx- meine Augen so gut, 

daß der Gebrauch ein Genuß für mich war. Der Freund und 

ich wurden Unfreunde. Du weißt, dazu kommt c^, ohne sichtbai^ 

Ursache; es scheint einem, als dürfe man nicht einig seüi. Als 

ich das Opernglas das nächste Mal benutzen wollte, konnte ich 

nicht Max sehen. Der Schenkel waa- zu kurz und ich sah zwei 

Bilder. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß sich weder der 

Schenkel verküriitnoch der Abstand der Augen vergrößert hatte ! ' 



IX. SVMPTOM- UND ZUFÄLLSHANDLUNGEN. 



243 



Es -war ein Wunder, das alle Tage geschieht und das schlechte 
Beobachter nicht merken. Die ErkläningV Die psychische 
Kraft des Hasses ist wohl größeT, aU wir glauben. — 
■übrigens dei- Ring, den ich von dir bekommen habe, hat den 
Stein verloren - und läßt sich nicht reparieren, läßt sieh nicht. 
TÄ^ilM du dich jetzt von mir trennen?... (, Die gotischen 
Zimmers S. 258 1)" / , 



-tf*^. 



iti* 



J!'.'. -" 



X. 

I 

IRRTÜMER. 

Die Tn-tümer des Gcdäehtnisses sind vom Vergessen mit Fehl- 
erinnem niu- durdi den eiucn Zug untersduedcn, daß der Irrtum 
(das Pehleriiuiern) nicht als soZohor erkannt wird, sondern Glau- 
ben findet- Der Gebrauch des Ausdrucks „Irrtum" scheint aber 
noch an einer anderen Bedingiing zu hängen. Wir sprechen von 
„Irren" anstatt von „falBcli Erioxnern'S wo in dem zu reprodu- 
zierenden i>«ychischen Material der Charakter der objektiven 
Realität hervorgehoben werden soll, wo also etwas anderes er- 
innert werden soll als eine Tatsache unsex^s eigenen p;ych.sehen 
Lebe., vielmehr etwa., wa. der Bestätigung oder Widerle^ng 

.um Gedaehtnisu^tuu. in diesem Siane büdet die UnwisLheit. 
< Inmcino^n Buche „Die Traumdeutung" (1900)* habe ich 
mich emer Reihe von Verfälschungen a. gesclüchtlichem und 
überhaupt tatsächlichem Matmal schuldig gemacht, auf die ich 
nach dem Erscheinen des Buches mit Verwunderung aufmerksam 
geworden bin- Ich habe bei i^herer Prüfung derselben gefunden, 
daß sie nicht meiner Unwissenheit entspiiingen sind, sondern sich 
auf In-tümer des GedächtniR^cs zurückleiten, welclie sich durch 
Analyse aufklären lassen. 

* 5. Aufl. 1919. 



X. IRRTÜMER. 



245 



a) Auf S. 266 bezeichne ich als den Geburtsort Schillers 
die Stadt Marburg, deren Name in der Steiermark wiederkehrt. 
Der Irrtum findet sich in der Analyse eines Traumes während 
einei' Nachtreise, aus dem ich durch den vom Kondukteur aus- 
ö-exufenen Stationsnamen Marburg geweckt wurde. Im Traum- 

o 

inhält wird nach einem Buche von Schiller gefragt. Nun ist 
Schiller nicht in der Universitätsstadt Marburg, sondern in 
djem schwäbi seilen Marbach geboren. Ich behaupte auch, daß 
ich dies immer gewußt habe- 

b) Auf S- 135 wii-d Hannibals Vater Hasdrubal ge- 
jLaimt. Dieser Irrtum war mii' besonders ärgerlieh, hat mich aber 
in der Auffassmig solcher Irrtümer am meisten bestärkt. In der 
Geschichte der Harkiden dürften wenige der Leser des Buches 
besser Bescheid wissen als der Verfasser, der diesen Fehler nieder- 
schrieb und ilin bei drei Korrekturen übersah. Der ^'ater 
Üannibals hieß Hamilkar Barkas, Hasdrubal war 
jer Name von Hannibals Bruder, übrigens auch der seines 
Schwagers und Vorgängers im Kommando. 

c) Auf S. 177 und S. 370 behaupte ich, daß Zeus seinen 
Va-ter Kronos oulmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen 
Greuel habe ich aber irrtümlich um eine Generation vorge- 
schoben; die griechische Mythologie läßt ihn von Kronos an 
getoßfli Vater Uranos verüben*. 

Wie ist es nun zu erklären, daß mein Gedäeiitnis in diesen 
punkten Ungetreues liefei-te, während es mir sonst, ivie sich 
X^eser des Buches überzeugen können, das entlegenste und unge- 
bräuchlichste Material zur Verfügung stallte? Und ferner, daß 



♦Keiu voller Irrtum! Die oriibist:he Version des Mythus lieJi die 
Entmannung an Kronos vou seinem Sohne Zeu^ wiederholt werden. (Ko- 
gcher, Lexikon der Mythologie.) 



246 X. IRBTÜMEB. 



ich bei drei sorgfältig durchgeführt ea Korrekturen wie mit Blind- 
heit geschlagen an diesen Irrtümern vorbeiging? 

Goethe hat von Lichtenberg gesagt: AVo er einen Spaß 
macht, liegt ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die 
hier angeführten Stellen meines Buches behaupten: AVo ein Irr- 
tum vorliegt, da steckt eine Verdrängung dahinter. Richtiger 
gesagt: eine Unaufrichtigkeit. eine Entstellung, die schließlieh 
auf Verdrängtem fußt, Ich bin bei der Analyse der dort mitge- 
teilten Träume durch die bloße Natur der Themata, auf welche 
eich die Traumgedynken beziehen, genötigt gewesen, einerseits die 
Analyse irgendwo vor ihrei' Abrundung abzubrechen, anderseits 
einer indiskreten Einzelheit durdi leise Entstellung die Schärfe 
zu benehmen. Icli konnte -nicht anders und hatte auch keine 
andere Wahl, wenn ich überhaupt Beispiele und Belege vor- 
bringen wollte; meine Zwangslage leitete sich mit Notwendig- 
keit aus der Eigenschaft der Träume ab, Verdrängtem, d. h. 
Bewußtseiusunfähigem, Ausdruck zu geben. Es dürfte trotzdem 
genug übrig geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoß 
genommen haben. Die Entstellung oder Ver.chweigung der mir 
selbst noch bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht 
spurlos durchführen lassen. Was ich miterdrücken wollte, hat 
sich oftmals wider meinen Willen den Zugang in das von mir 
Aufgenommene erkämpft und ist darin als von mir unbemerkter 
Irrtum zum Vorschein gekommen. In allen drei hervorgehobenen 
Beispielen liegt übrigens das nämliche Thema zu Grunde; die 
Irrtümei- sind Abkömmlinge'verdi-ängter Gedanken, die sich mit 
hieinem verstorbenen Vater beschäftigen- 

ad a. Wer den auf S. -266 analysierten Traum durchliest, 
wird teils unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten 
können, daß ich bei Gedanken abgebrochen habe, die eine un- 
freundliche Kritik am ^■ ater enthalten hätten. In der Fortsetzung 



i 



t£:- 



X. IRRTÜMT!TT. 247 



^B dieses Zuges von Gedanken und Erinnerungen hegt nun eine 
Br ärgerliche Geschichte, in welcher Bücher eine Rolle spielen, und 
ein Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen Marburg führt, 
denselben Namen, durcli dessen Ausruf in der gleichnamigen Süd- 
bahnstation ich aus dem Schlafe geweckt wurde. Diesen Herra 
M arburg woUte ich bei der Analyse mir und den Lesern unter- 
echlagen; er rächte sieh dadurch, daß, er sich dort einmengte, wo 
er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsorten Schillers 
aus M a r b a c h in M a r b u r g veränderte. 

ad b- Der Irrtuui Hasdrubal anstatt Hamilkar, dei' 
Uame de& Bruders an Stelle des Namens des Vaters, ereignete sich 
gerade in einem Zusammenhange, der von den Hamübalphanta- 
Sien meiner Gymnasiastenjahre uiyi von meüier ünzufneden- 
hedt mit dem Benehmen des Vaters, gegen die „Feinde unseres 
Volkes" handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen können, wie 
mein Verhältnis zum Vater durch einen Besuch in England ver- 
ändert wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden 
Halbbruders aus früherer Ehe des Vaters machen ließ. Mein 
Bruder hat einen ältesten Sohn, der mir gleichaltrig ist; die Phan- 
tasien, wie a.nders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn 
des Vaters, sondern des Bruders zui'Wclt gekommen wäre, fander 
a.lso kein Hindernis an den Altersrelationen. Diese unterdi'ückten 
Phantasien fälschten nun an der Stelle, wo ich in der Analyse 
abbrach, den Text meines Buches, indem sie mich nötigten, den 
3Srajnen des Bruders für den des Vaters zu setzen- 

ad c. Dem Einfluß der Ei-innerung an diesen selben Bmder 
gehreibe ich es zu, daß ich die mythologischen Greuel der grie- 
chischen Gütterwelt um eine Generation vorgeschoben habe. Von 
den xMahnungen des Bruders ist mir lange Zeit eine im Ge- 
dächtnis geblieben: „Vergiß nicht in bezug auf Lebensführung 
eines," hatte ei- mir gesagt, „daß du nicht der zweiten, sondern 



/ 



248 X. IRKTÜMEE. 



eigeatlicli der dritten Geruimtion vom Vater aus angehüi-st." 
Unser Vater hatte sich in spateren Jaliren wieder verheiratet 
^ und war um so vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich ^ 

begehe den besprochenen Irrtum im l^uche gerade dort, wo ich 
■- von dei' Pietät zwisclien Eltera und Kindern liaudle- i 

Es ist auch einigemal vorgekommen, daß Freunde und Pa- 
tienten, deren Tramne ich berichtete, oder auf die ich in den 
Traumanülysen anspielte, mich aufmerksam maclit^n, die Um- 
stände der gemeinsam erlebten Begebenheit seien von mir ungenau 
erzälüt worden. Das wären nun wiederum lustorische Irrtümer. 
J eh habe die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung nachgeprüft 
und mich gleichfalls überzeugt, daß. meiae Erinnerung des Sach- 
lichen nur dort ungetreu waj-, wo ich iu der Analyse etwas mit 
Absieht entstK^llt oder verhehlt hatte. Auch hier wieder ein un- 
bemerkter Irrtum als Ersatz für eine absichtliche 
Verschweigung oder Verdrängung. 

Von diesen li-rtümei-n, die der W^rdrängimg entspringen, 
heben sich scharf andere ab. die auf wirklicher Unwissenlieit be- 
ruhen. So war es z. B. Unwissenheit, wenn ich auf einem Aus- 
flug in der Wachau den Aufenthalt des Revolutionärs Fisch- 
bof berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte haben nur den 
Namen gemein; da. Emmersdorf Pisehhofs liegt in 
Kärnten. Ich wußte es aber nicht andere. 

Koch ein beschämender und lehrreicher Irrtum, ein Beispiel 

von temporärer Ignoranz, wenn man so sagen darf. Ein Patient 

mahnte micli eines Tages, ihm die zwei versprochenen Bücher 

über Venedig mitzugel^en, aus denen er sich für seine Osterreise 

vorbereiten wollte. Ich habe sie bereit gelegt, erwiderte ich, und 

ging in da« Bibliothekszimmer, um sie zu holen. In Wahrheit 

hatte ich aber vergessen, sie herauszusuchen, denn ich war mit 

der Reise meines Patienten, in der ich eine unnötige Störung der ' 



^ 






X. IRRTÜMER. 249 



BehaJidiung und eine materielle Schädigung des Arztes erblickt*, 
nicht reehl einverstajiden. Ich halte also in der Bibliothek rasche 
Uinschau nach den beiden Büchern, die ich ins Auge gefaßt hatte- 
„Venedig als Kunststätte" ist das eine; außei-dem aber muß ich 
noch ein historisches AVerk in einer ähnlichen Sammlung besitzen, 
nichtig, da ist es: „Die Mediceev", ich nehme es nnd bringe ee 
dem "Wartenden, um dann beschämt den Irrtum einzugestehen. 
Ich weiß doch wirklich, daß die Medici nichts mit Venedig zu 
tun haben, aber es erschien mir für eine kurze Weile gar nicht 
lUU-ichtig- Nun muß ich Gerechtigkeit üben; da ich dem Pa- 
tienten so häufig seine eigenen Symptomhandlung-en vorgelialten 
habe, kaim ich meine Autorität vor ihm nur retten, wenn ich 
ehrlich wea-dc und ihm die geheim gehaltenen Motive meiner 
_^biieigung gegen seine Eeise kundgebe. 

Man darf g.niz allgemein erstaunt sein, daß der AVahrheitß- 
drang der Menschen soviel stärker ist, als man ihn für gewöhn- 
lich einschätzt. Vielleicht ist es übrigens eine Folge meiner Be- 
schäftigung mit der Psychoanalyse, daß ich kaum mehr lügen 
taim- So oft ich eine Enlstellung versuche, unterliege ich einer 
Irrung oder anderen Fehlleistung, durch die sich meine Unauf- 
■ichtigkeit wie in diesem und den vorstehenden Beispielen verrat. 
Der Mechanismus des Irrtums seheint der lockerste unter 
allen Fehlleistungen, d- h. das Vorkommen des Irrtums zeigt ganz 
allgemein an. daß die betreffende seelische Tätigkeit mit irgend 
einem störenden Einfluß zu kämpfen halte, ohne daß die Art des 
Irrtums durch die Qualität der im Dujikeln gebliebenen störenden 
Idpe determinioH wäre. Wir tragen indes an dieser Stelle nach. 
^ii bei vielen einfachen Fällen von Versprechen und Verschreiben 
derselbe Tatbestand anzunehmen ist. Jedesmal, wenn wir uns 
versprachen oder verschreiben, dürfen wir eine Stürmig durcli 
seehschc Vorgänge außerhalb der Intention erschließen, aber es 



250 X. IRRTÜMER. 



ist zuzugehan. daß. das Versprechon und Verschreiben oftmals den 
Gesetzen der Ähnlichkeit, der Bequem liehkeil oder der Neigung 
zur Bese]ileunin;ung folgt, ohne daß es dem Störenden gehmfren 
wäre- ein Stück seines eigenen Charakters in dem heim Ver- 
sprechen oder Verschreihen resultierenden Fehler durchzusetzen. 
Das Entgegenkommen des sprachlieiien Materials ermöglicht erst 
die Determinierung des Fehlers und setzt derselben" auch die 
Grenze. ,l, .. „. 

Um nicht ausschließlich eigene Irriümer anzuführen, will ich 
noch einige Beispiele mitteilen, die allerdings ebensowohl beim 
Verspi-echen und A'ergreifen hätten eingereiht werden können, 
was aber hei der Gleichwertigheit all dieser Weisen von Fehl- 
leistung bedeutungslos zu nennen ist. 

a) Ich habe einem Patienten untersagt, die Geliebte, mit der 
er selbst brechen möchte, telephonisch anzurufen, da jedes Ge- 
sprach denAbgewöhnungskampf von neuem entfa<,ht. Er soll ihr 
seme letzte Meinung sehreiben, wiewohl es Schwierigkeiten hat, 
Ihr Br.«fe zuzustellen. Er besucht mich nun um 1 Uhr, um mir 
.u sagea, daß er einen Weg gefunden hat, der diese Schwierig- 
ke.^n umgeht, f.agt auch unter anderem, ob er sich auf meine 
arzthche Autontät berufen darf. Um 2 Uhr ist er mit der Ab- 
fassung des Absagebriefes beschäftigt, unterbricht sich plötzlich, 
sagt der daher abwesenden Mutter : Jetzt habe ich vergessen, den 
Professor zu fragen, ob ich in dem Briefe seinen Namen nennen 
darf, eilt zum Telephon, läßt sich verbinden und ruft die Frage 
ins Bohr: Bitte, ist der Herr Professor schon nacli dem Speisen 
zu sprechen:" Als Antwort tönt ihm ein erstauntes „Adolf, bist 
du verrückt geworden?" entgegen, und zwar von der nämlichen 
Stimme, die er nach meinem Gebote nicht mehr hätte hören 
sollen. Er hatte sich bloß ..geirrt" und anstatt der Nummer des h 

Arztes die der Geliebten angegeben. A 



X. IRRTÜMER 



251 



a 



h) Eine jiinge Damo soll einen Besuch bei einer kürzlicli 
verheirateten Freundin in der Habsburgergasse machen. Sie 
spricht davon während des Pamilienlisches, sagt aber irrtüm- 
licherweise. Sic müsse in die B a b e n b e r g e r gasse gehen- Andere 
bei Tische Anwesende machen sie lachend auf den von ihr nicht 
bemerkten Irrtum — oder Versprechen, wenn man so liebei- will 
aufmerksam. Zwei Tage vorher ist nämlich in Wien die Re- 
publik ausgerufen worden, das Schwarzgelb ist verschwunden 
unU hat den Farben der alt«n Ostmark: rot— weiß— rot Platz 
^macht, die Habsburger sind abgetan; die Sprecherin hat diese 
Ersetzung in die Adresse der Freundin eingetragen. Es gibt 
ührigens in Wien eine sehr bekannte Babenbergerstraße, aber 
kein Wiener würde von ihr als „Gasse" reden. 

e) In einer Sommerfrische hat dsr Schullehrer, ein ganz 
anner, aber stattlicher junger Maan. der Tochter eines ViUon- 
beöitzers aus der Großstadt so lange den Hof gemacht, bis das 
Mädchen sich leidenscJiaftlieh in ihn verliebt und auch ihre 
j^amilie bewogen hat, die Heirat trotz der bestehenden Standes- 
d. Bassenrmterschiede gutzubeißen. Da schreibt der Lehrer 
^. ^g rpg^ges seinem Bruder einen Brief, in dem es heißt : Scliön 
^ + das Dirndl ja gar nicht, aber recht lieb und soweit wär's gut. 
*^ ich mich aber werd' entschließen können, eine Jüdin zu 
- +.« das kann ich dir noch nicht sagen. Dieser Brief gerät 
j'e Hände der Braut und macht dem Verlöbnis ein Jl^nde, 
^^ . > id der Bruder sich gleichzeitig über die an ihn gerichteten 
^^^ >, -heteuerungen zu verwundern hat- Mein Gewährsmann ver- 
h rtß mir. daß hiev Irrtum und nicht eine schlaue Veranstal- 
^^^ ^7nrho• Mir ist auch ein anderer Fall bekannt g-eworden, 
i-ft dem eine Dame, die, mit ihrem alten Arzt unzufrieden, ihm 
doch nicht offen absagen wollte, diesen Zweck mittels einer Brief- 
verwechslung erreichte, und wenigstens hier kann ich dafür ein- 



2ü2 X. IRIITÜMER. 



, stehen, daß der Irrium und niclit die bewußte List sich des 
. bekannten Lustspielmotivs bedient hat. 

d) Bvill erzählt von einor Dame, die sicli hei ilun nach 
dem Befinden einer gemeinsamen Bekannten erkundigte, wobei 
eie dieselbe irrtümlich bei ilircm Mädcliennamon nannte. Auf- 
merksam gemacht, mußte sie zugestehen, daß sie den Mann dieser 
Dame nicht möge und mit der Heiral, deraelben sehr unzufrieden 
gewesen sei- 

e) Ein Pall von Irrtum, der auch als „Vei-sprecheu'^ be- 
schrieben werden kann: Ein junger Vater begibt sieh zum 
Standcsbeamien, um seine zweitgeborene Tochter anzumelden. 
Befragt, wie da.s Kind heißen soll, antwortet er: Hanna, muß 
sich aber von dem Beamten sagen lassen: Sie haben ja schon 
ein Kind dieses Namens. Wir werden den Schluß, ziehen, daß 
diese zweite Tochter nicht so ganz willkommen war wie seiner- 
zeit die erste. 

/y Als „Irrtum" will ich auch eine Begebenheit mit ernst- 
haftem Hintergrund erzählen, die mii- von einem nahe beteiligten 
Zeug^ berichtet ^^rde. Eine Dame hat den Abend mit ihrem 
Ma^e und .n Wll.chaft von zwei iWden im Pre.en Zuge- 
bracht. Einer dxesor beiden Fremden ist ihr intimer Freund, 
wovon abex d:e anderen nichts wissen und nichts wissen dürfen. 
Die Fre.mde begleiten das Ehepaar bis vor die Haustür. AVähi^nd 
man auf das Offnen der Tür wartet, wird Abschied genommen. 
Die Dame verneigt sich gegen den Fremden, reicht ihm die Haaid 
imd spricht einige verbindliche AVorte- Dana greift sie nach 
dem Arm ihres heimlich Geliebten, wendet sich zu ihi-em Manne 
imd will ilin in gleicher AVeise verabsciiieden. Der Mann geht 
auf die Situation ein. zieht den Hut und sagt überhüflich : Küss' 
die Hajid, gnädige Frau. Die erschrockene Frau laßt den Arm 
des Geliebten fahren und hat iioeli Zeit, ehe der Hausmeister 



KL 



X. IRRTÜMER. 



253 



erscheint, zu seufzen: Nein, so etwas soll einem passieren! Der 
Mann- gehörte zu jenen Ji^heherren, die eine Untreue ihrer Frau 
außerhalb jeder Möglichkeit verlegen wollen- Er liatte wiederholt 
«schworen, in einem solchen Falle würde mehr als ein Leben in 
Gefahr sein. Er hatte also die stärksten inneren Abhaltungen, 
^jji die Herausforderung, die in dieser Irrung lag, zu bemerken. 
g) Eine TiTung eines meiner Patienten, die durch eine Wieder- 
holtui^ zum Gegensinn besonders lehrreich wird: Der über 
ttetleiiikliche junge Mann hat sich nach langwierigen inneren 
-g-g^jjjpfcn dazu gebracht, dem Mädchen, das ihn seit langem liebt 
wie. er sie, die ZiLsage der Ehe zu geben. Er begleitet die ihm 
Yerlobiie. nach Hause, verabschiedet sich von ihr, steigt über- 
lüchlich in einen Tramwaywagen und verlangt von der Schaff- 
^ j^ — zwei Fahrkarten. Etwa ein halbes Jahr später ist 

Ibcrcits verheiratet, kaim sich aber noch nicht recht in sein 
Flieffl^ck finden. Er zweifelt, ob er recht getan hat zu heiraten, 

jnißi frühere freund schaftliche Beziehungen, hat an den 

^^hwiegei-eitern allerlei auszusefzen. Eines Abends holt er seine 

- ^ g^ Frau vom Hause ihrer Eltern ab, steigt mit ihr in den 

vir ß-en der Straßenbahn und begnügt sich damit, der Schaffnerin 

. g einzige Karte abzuverlangen. 

* jiJ Wie man einen ungern unterdrückten Wunsch vermittels 

Irrtums" befriedigen kann^ davon erzählt Mae der (Nn- 

^^ ,'^D-+J-ibutions etc., Arch. de Psych, VI, 1908) ein hübsches 

^^ • 1 Ein Kollege möchte einen dienstfreien Tag so recht 

j- -ri ffaiiiiSen '• er s o 1 1 aber einen Eesuch in Luzcrn machen, 
-jji^crcston ö 

? den. er sich nicht freuen kann, und beschließt nach längerer 

*f-»>erlegiing. doch hinzufahren. Um sich zu zerstreuen, liest or 

f der Fahrt Zürich -Äi-th-Goldau die Tageszeitungen, wech- 

It ia letzterer Station den Zag und setzt seine Lektüre fort. 

T dei" Fortsetzung der Fahrt entdeckt ihm dann der kontrollic- 



r"^ 



204 X. IRRTÜMKK. 



reiide Sclialfner, daß er in einen falschun Zug eingesüegen ist, 
nämlicli in den, der von Groldau nach Zürich zurückfährt, 
während er ein Billet nach Luzern g-enommen liatte. 

i) Einen analogen, wenngleich nicht voll geglückten Ver- 
such, einem unterdrückten Wunsch durch den nämlichen Mecha- 
nismus dei Irruug zum Ausdruck zu verhelfen, herichtet Dr, V. 
Tausk unter der Überschrift „Falsche Fahrtrichtung" 
(Intern. Zeitschrift für ärzth rsychoanalyse, IV, 1916/17). 

„Ich war aus dem Felde auf Urlaub nach AVien gekommen. 
Ein alter J^atient hatte von meiner Anwesenheit Kenntnis be- 
kojnmcn imd ließ mich bitten, daß ich ihn besuche, da er krank 
zu Bette lag. Ich leistöte der Bitte Folge und verbrachte zwei 
Stunden hei ihm. Beim Abschied fragte der Kranke, was er 
schuldig sei. 'M- ,. . . 

Jch bin auf Urlaub hier und ordiniere jetzt nicht,' ant- 
wortete ich. ,Nehmen Sie meinen Besuch als einen Freundschafts- 
dienst.' . i _ 

Der ICranke stutzte, da er wohl das Empfinden hatte, er 
halle kein llccht, eine berufliche Leistung als unentgeltlichen 
Fi-eundschaftsdienst in Anspruch zu nehmen. Aber er ließ sich 
meme Antwort schließlich gefallen, in der von der Lust a.i der 
Geldei-sparung diktierku i-espektv ollen Meinung, daß ich als 
Psychoanalytiker sicher richtig handeln werde. 
■ ■ Mir selbst stiegen schon wenige Augenblicke später Be- 
denken über die Aufrichtigkeit meiner Noblesse auf, und, von 
Zweifeln — die kaum eine zweideutige Lösung zuließen — er- 
füllt, bestieg ich die elektrische Straßenbalinlinie X. Nach einer 
kui-zen l-'ahrt hatte ich auf die Linie Y umzusteigen. "Während 
ich an der Unisteigestelle "wartete, vergaß ich die Honorarange- 
legenheit und beschäftigte mich mit den Krankheitssymptomen 
moineK Patienten- Indem kam der von mir erwartete Wagen 



I 
J 



X. IKRTÜMER. 



^5ö 



iiitd ic)i ritieg üin. Aber bei der näclisteu lialtestelle muJite ich 
wieder aussteigen. Ich war nämlich statt in einen Y- Wagen 
vea'sehenllieb und ohne es zu merken in einen X-Wag-en ein- 
crestiegeit und fnhr in der Kichtung: aus der ich eben gekommen 
waTj wieder zurück, in doi- Richtung zum Patient^^n, von dem 
ich kein Honorar annehmen wollte. Mein Unbe wüßtes 
aber wollte sieh das Honorar holen." 

}) Ein sehr ähnliches Kunststück wie im Beispiel h ist mir 
gelbst einmal gehmgen. Ich hatte meinem gestrengen älte- 
sten Brudea- zugesagt, ihm in diesem Sommer den längst fälligen 
Beöuch in einem englischen Seebad abzustatten, und dabei die 
Verpflichtung übernommen, da die Zeit drängte, auf dem kür- 
zesten Wege ohne Aufenthalt zu i-eiseu- Ich bat um einen Tag 
Aufschub für Holland, aber er meinte, das könnte ich für die 
Rückreise aufsparen. Ich fuhr also ¥on :München über Köln 
jjach Rotterdam—Hook of Holland, von wo das Schiff umMitter- 
^cht nach Harwich übersetzt. In Köln hatte ich Wagenwechsel ; 
- b verließ meinen Zug, um in den Eilzug nach Rotterdam um- 
ifiteigfi»' aber der war nicht zu entdecken. leJi fragte ver- 
biedene Bahnbedienirtete, wurde von einem Bahnsteig auf den 
dei'cn geschickt, geriet in eine übertriebene Verzweiflung und 
jrnte inir hald berechnen, daß icli während dieses erfolglosen 
chens den Anschluß vei-säumt haben dürfte. Naelidem mir 
. aa. bestätigt worden -wax, überlegte ich, ob ich in Köln über- 
liteai sollte, wofür unter anderem auch die Pietät sprach: da 
, einßi' alten Familientradition meine Ahnen einst hei einer 
T (ienverfolgiing aus dieser Stadt geflüchtet waren. Ich ent- 
Kloß mich aber anders, fuhr mit einem späteren Zug nach 
■Rotterdam, wo ich in tiefer Nachtzeit ankam, und war nun ge- 
ötigt= einen Tag in Holland zuzubiingen. Dieser Tag brachte 
-jir die Erfüllung einee längst gehegten Wunsches; ich konnte 



■1 



X. TRRTÜMP.R. 



die herrlichen üembrandtbilder im Haag und im Reichsmuseuni 
zu Amsterdam sehen- Erst am nächsten Vormittage als ich wäh- 
rend, der Eisenbahnfahifc in England meine Eindrücke sammeln 
könnt«, tauchte mir die unzweifelhafte Erinnerung auf, daß ich * 
auf dem Bahnhofe in Köln wenige Schritte von der Stelle, wo 
ich ausgestiegen war, auf dem nämlichen Bahnsteig eine große 
Tafel Rotterdam — Hook of Holland gesehen hatte. Dort war- 
tete der Zug, in dem ich' die Reise hätte fortsetzen sollen. Man 
müßte es als unbegreifliche „Verblendung'' bezeichnen^ daß ich 
trotz dieser guten Anleitung weggeeilt und den Zug anderswo 
gesucht hatte, wenn man nicht annehmen wollte, daß es eben 
mein Vorsatz war. gegen die Vorschrift meines Bruders die 
Eembrandtbilder schon auf der Hinreise zu bewundern- Alles 
übrige, meine gut gespielte Ratlosigkeit, das Auftauchen der 
pietätvollen Absicht, in Köln zu übernachten, war nur Veranstal- 
tung, um mir meinen Vorsatz zu verbergen, bis er sich voll- 
kommen durchgesetzt hatte. 

ft; Eine ebensolche, durch „Vergeßlichkeit" hergestellte 
Veranstaltung, um einen "VVmisch zu erfüllen, auf den man an- 
geblich verzichtet hat. berichtet J. Stärcke von seiner eigenen 
Person. (1. c.) 

..Ich mußte einmal in einem Dorfe einen Vortrag mit Licht- 
bildern halten. Dieser Vortrag war aber um eine Woche ver- 
schoben, [ch hatte den Brief hinsichtlich dieses Aufschubs be- 
antwortet imd das geänderte Datum in meinem Notizbuch notiert, 
ich wäre gern schon nachmittags nach diesem Dorfe gegangen, 
damit ich die Zeil hätte, um einem mir bekannten Schriftsteller, 
der dort wohnt, einen Besuch abzustatten. Zu meinem Bedauern 
konnte ich aber zui'zeit keinen Nachmittag dafür frei machen. 
Nur ungern gab ich diesen Besuch auf. 

Als nun der Abend des Vortrages da war, machte ich mich, 



X. IRKTf'MKK. 



257 



jnit einer Ta^clie voll Latemenbilder, in größter Eile zum Bahn- 
hof'- Ich miißte einen Taxi nehmen, um den Zug noch zu er- 
reichen (es passiert mir öfters, daß ich so lange zög-erc, daß ich 
einen Taxi nehmen muß, um den Zug noch zw erreichen!) An 
Ort und Stelle gotommen. wiu- ich einigermaßen erstaunt, daß 
keiner am Bahnhof wai", lun mich abzuholen (wie es bei Vorträgen 
in kleineren Orten Gewohnheit ist). Plötzlicli fiel mir ein, daß 
der Vortrag um eine AVoche vertichoben war., und daß ich jetzt 
am urspriinglich festgestellten Datum eine vergebliche Reise ge- 
Biaclit hntte. Nachdem ich meine Vergeßlichkeit herzinnig ver- 
-wünscht hatte, überlegte ich. ob ich mit dem nächstfolgenden Zug 
-wieder nach Hause zurückkehren sollt«. Bei näherer Überlegung 
dachte ich aber daran, daß ich jetzt eine schöne Gelegenheit 
hatte, um den gewünschten Besuch zu machen, was ich denn auch 
tat. Erst unterweg-s fiel mir ein, daß mein unerfüllter "Wunsch, 
füi- diesen Besuch gehörig Zeit zu haben, das Komplott hübsch 
vorbereitet hatte- Das Schleppen mit der schweren Tasche voll 
X>atemenbilder und das Eilen, um den Zug zu erreichen, konnten 
ausgezeichnet dazu dienen, die unbewußte Absicht desto besser 
^n verborgen.*' 

Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irr- 
tümern, für die ich hier die Aufklärung gebe, füx sehr zahlreich 
der besonders bedeutungsvoll zu halten- Ich gebe aber zu be- 
1 jü<e^' ^^ ^^^ nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte 
„h auf die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteils- 
• .rtümer der Menschen im Leben und in der Wissenschaft 
iszndehnen- i^'ur den auserlesensten und ausgeglichensten Gei- 
teni scheint es möglich zu sein, das Bild der walugenommtnien 
äußeren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst 
beim Durchgang durch die psychische Individualität des Wahr- 
nehmenden erfährt. "■ .• •■• 



fi-e"'', Pnyfihopatliiilnfrie <\w AlUafl'lcbein, VI, Aiifl. 



17 






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1 



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XI. 



KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 

Zwei der letzterwäluiteii Beispiele, mein iri'tum, der die Me- 
diceor nach Venedig bringt, und der des jungen Mannes, der ein 
teleplionisclies Gespräcli mit seiner Geliebten dem Verbote ab- 
zutrotzen weiß., haben eigentlich eine ungenaue Besclireibimg ge- 
funden und stellen sich bei sorgfältiger Betrachtung ala Ver- 
einigung ein^ Vergesseiis mit einem Irrtum dar. Dieselbe Ver- 
einigung kann ich noch deutlicher an einigen anderen Beispielen 
aufzeigen. . ^, 

a} Ein Freund teilt mir folgendes Erlebnis mit: ,.Ich habe 
vor einigen Jahren die Wahl in den Ausschuß, einer bestimmten 
literarischen Vereinigung angenommen, weil ich vermutete, die 
Gesellschaft könnte mir einmal behilflich sein, eine Auffülirung 
meines Dramas dui-ch zusetzen, und nahm i^gelmäßig, wenn auch 
ohne viel Interesse, an den jeden Freitag stattfindenden Sitzun- 
gen teü- Vor einigen Monaten erhielt ich nun die Zusicherung 
einer Aufführung am Theater in F., und seither passierte es mir 
regelmäßig, daß ich an die Sitzungen jenes Vereines vergaß. 
Als ich Ihre Sclirift über diese Dinge las, schämte ich mich 
meines Vergessens, machte mir Vorwürfe, es sei doch eine Ge- 
meinlieit, daß. ich jetzt ausbleibe, nachdem ich die Leute nicht 
mehr brauche, und beschloß, nächsten Freitag gewiß nicht zu 
vergeesen. Ich erinnerte mich an diesen "N'orsatz immer wieder. 



/ 



XI. KOMBINIEKTE FEHLLEISTUNGEN. 



a59 



bis ich ihn ausführte und vor dei- Tür des Sitzungssaales stand. 
Zu meinein Erstaunen war sie geschlossen, die Sitzimg war schon 
vorüber; ich hatte mich nämlich im Tage geirrt; es war schon 
[Samstag !" 

b) Das nächste Beispiel ist eine Kombination einer Symptom- 
haudlung mit einem Verlegen ; es ist auf entfernteren Umwegen, 
aber aus guter Quelle zu mii- gelangt. 

Eine Danie reist mit ihrem Schwagei-, einem beiülimten 
Künstler, nach Rom. Der Besucher vnid von den in Kom leben- 
den Deutschen sehr gefeieri. und erhält unter andei-em eine gol- 
dene Medaille antitei' Herkunft zum GTeschenke. Die Dame 
kränkt sich darüber, daß ihr Schwager das schöne Stück nicJit 
genug zu schätzen weiß. Nachdem sie, von ihrer Schwester ab- 
gelöst, wieder zu Hause angelangt ist, entdeckt sie beim Aus- 
packen, daß sie die Medaille — sie weiß nicht wie — mitge- 
nommen hat. Sie teilt es sofort dem Schwager brieflich mit 
^m<i kündigt ihm an, daß sie das Entführte am nächsten Tage 
aacli Born zuiückschicken wird. Am nächsten Tage aber ist die 
Medaille so geschickt verlegt, daß sie unauffindbar und unab- 
sendhä,!- ist, und dann dämmert der Dame, was ihre „Zer- 
streutheit" bedeute, nämlich, daß sie das Stück für sich selbst 
behalten wolle. 

c) ISinige J^älle. in denen sich die Fehlhandlung hartnäckig 
■wiederholt und dabei auch ilire Mittel wechselt: 

Jones (i.e., S. 483): Aus ihm unbekannten Motiven hatte ■ 
er einst einen Brief mehrere Tage auf seinem Schreibtisch liegen 
lassen, ohne ihn aufzugeben. Endlich entschloß er sich dazu, aber • ' 
ej. erhielt ihn vom „Dead letter oftice" zurück, denn er hatte ver- 
gasen, die Adresse zu schreiben. Nachdem er ihn adressiert hatte, 
brachte er ilm wieder zur Post, aber diesmal ohne Briefmarke, 

17* 



260 



XI. KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 



Die Abneigung dag:?gen, den Brief überhaupt abzusenden, konnte 
. • er dann nicht mehr übt-i-sehen. ■ " - '.' ■■'^■; 

I 

Selir eindrucksvoll schildert die ver^bliclten Bemühungen, 
eine Handlung gegen einen inneren AViderstand durchzusetzen, 
eine kleine Mitteilung von Tiv. Karl Weiß (Wien) über einen 
Fall von Verg'essen. (Zentralhl. für Psychoanalyse, II, 9.) „AVie 
konsequent sich das Unbewußte durchzusetzen weiß, wenn es ein 
Motiv hat, einen Vorsatz nicht zur Ausführung gelangen zu 
lassen, und wie schwor es ist, sicli gegen diese Tendenz zu sichern, 
dafüi- bietet der folgende Vorfall einen Beleg. Ein Bekannter 
ersucht mich, ihm ein Buch zu leihen und es ihm am nächsten 
Tage mitzubringen- Ich sage sogleich zu, empfinde aber ein leb- 
I haftßs Unlustgefühl, das ich mir zunächst nicht erklären kann- 

— -^ Später wird es mir klar: der Betreffende schuldet mir seit Jahren 

eine Summe Geldes, an deran Bezahlung er anscheinend nicht 
dftnkt- Ich denke nicht weiter an die Sache, erinnere mich ihrer 
.aber am nächsten Vormittag mit dem gleichen Unlustgefühl und 
sage mir sofort : ,Dein Unbewußtes wird darauf hinarbeiten, daß 
du das Buch vergißt. Du willst aber nicht ungefällig sein und 
wirst deshalb alles i\m, um nicht zu vergessen.' Ich komme nach 
Hause- packe das Buch in Papier und lege es neben mich auf 
den v>chreib tisch, an dem ich Briefe schreibe- 

Nach einig-er Zeit gehe ich fort ; nach wenigen Schritten er- 
innere ich mich- daß ich die Briefe, die ich zur Post mitnehmen 
wollte, auf dem Schreibtisch liegen gelassen habe. (Beiläufig be- 
merkt war einer darunter, in dem ich einer Person, die mich in 
einer bestimmten Angelegenheit fördern sollte, etwas Unange- 
nehnaes schreiben mußte.) Icli kehre um, hole die Briefe und 
gehe wieder weg. In der Elektrischen fällt mir ein, daß ich 
meinei- i^^rau vci^prochen habe, ihi- einen Einkauf zu besorgen. 



1 



XI. KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 



261 



und ich bin recht befriedigt bei dem Gedanken, daß es nur ein 
kleine Päckchen sein wird. Hier stellt sich plötzlich die Asso- 
ziation Päckchen — - Buch hei' und jetzt merke ich, daß ich das 
Buch nicht bei mir habe. Ich hatte es also nicht nur das erstemal, 
als ich fortg^ing, vorg-essen, sondern auch konsequent übersehen, 
als ich die Briefe holtej neben denen es lag." 

Das Nämliche in einer eingehend analysierten Beobachtung 
von Otto Eank (Zontralbl. für Psychoanalyse, II, 5): 

„Ein peinlich ordentlicher und pedantisch genauer Mann be- 
richtet das folgende, für ihn ganz außergewöhnliche Erlebnis. 
Eines Naclunittags, als er auf der Straße nach dei- Zeit sehen will, 
bemerkt er, daß er seine Uhr zu Hause vergessen hat, was seiner 
Ji^rinnerung nach noch nie vorgekommen war. Da er für den 
^Vbeiid eine pünktliche Verabredung hat und nicht mehr die Zeit 
findet, vorher seine Uhr zu holen, benützt er den Besuch bei 
einer befreundeten Dame, um sich ihre Uhr für den Abend aus- 
zuleihen; dies war um so eher angängig, als er die Dame infolge 
einer früheren "Nxrabredung am nächsten Vormittag zu besuchen 
hatte und bei dieser Gelegenheit die Uhr zurückzustellen ver- 
g-prach- 2u seinem Erstaunen merkt er aber, als er tags daraui 
der Besitzerin, die entlehnte Uhr überreichen will, daJ3 er nun diese 
r u Hause vea-gaß ; seine eigene Uhr hatte er diesmal zu sich ge- 
ieckt- ^^ nahm sich nun fest vor, die Damenuhr noch am Nach- 
'tta-S' zurückzustellen, und führte den A'orsatz aucli aus. Als 
aber beim Weggehen nach der Zeit selieu will, hat er zu seinem 
-laßlose^ Ärger imd Erstaunen wieder die eigene Uhi' vergessen. 
Diese Wiederholung der Fehlleistung kam dem sonst so ordnungs- 
liebenden Manne derart pathologisch vor, daß er gern ihre psycho- 
logische Moiiviea'ung gekannt hätte, die sich auch prompt auf die 
psychoanalytische Pragestellung ergab, ob er an dem kiitischen 



-^ 



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I ■ - < 

■ - ■^ 

263 Xr. KOMBINIEIiTE FEHLLEISTUNGEN. ' 

Tage des ersten Vergessene irgend etwa« Unangenehmes crleb-t 
habe, und in welchem Zusammenhange dies geschehen sei. Er 
erzählt darauf sogleich, daß er nach dem Mittagessen- kurz bevor 
er wegging und die Uhr vergaß, ein Gespräcli mit seiner Mutter ^ 
gehabt halte, die ihm erzählte, ein leichtsinniger Verwandter, der 
ihm schon viel Kummer und GcldopFer verursacht hatte, hätte 
seine Uhr vei-setzt ; da sie aber 2U Haiise gebraucht werde, ließe 
er um bitten, ihm das Geld zur- Auslösung zu geben. Diese fast 
erzwungene Art de.s Geldleihens hatte unseren Mann sehr peinlich 
berührt und ihm all die Unannehmlichkeiten wieder in Erinne- 
rung gebracht, die ihm dieser Verwandte seit vielen Jahren be- 
reitet hatte. Seine Symptoinhandlung erweisi sich demnach als 
mehrfach determiniert: erstens gibt sie einem G^ed.inkengange 
Ausdruck, der etwa besagt, ich lasse mir das Geld nicht auf diese 
"V\^eise abpressen, und wenn eine Ulir gebraucht wird, so lasse ich 
eben meine eigene zu Hause; da er sie jedoch abends zur Ein- 
■ haltung eines Rendezvous braucht, kann sich diese Absicht nur 
auf unbewußtem Wege, in Form einer Symptom handlung, durch- ^ 

setzen; zweitens besagt das Vergessen soviel als: die ewigen 
Geldopfer fiii- diesen Taug-enichts werden mich noch gänzlich 
zu Grunde richten, so daß ich alles werde liergeben müssen. Ob- 
wohl nun der Ärgea- über diese Mitteilung nach Angabe des 
Mannes nur ein momentanei- gewesen war, zeigt doch die Wieder- 
liolung der gleichen Symptomhandlung, daß er im Unbewußten 
intensiv weiterwirkt, etwa wie wenn das Bewußtsein sagen 
würde : Diese Geschichte gi^ht mii- nicht aus dem Kopfe *. Daß 
dann das gleiche Schicksal einmal auch die entlehnte Damenuhr 
betrifft, wird uns nach dieser Einstellung des Unbe-wußten nicht 

* Dieses Weiberwirken im Unbewußten äußert sich einmal in ITorm 
eines Traumes, welcher der Fehlhandlung folgt, ein andermal in der Wie- ' 
derholung derselben oder ia der Ünterla-saung einer Korrektur. , 



XI. KOMBINIERTE FEHT,LEI8TTTN"GEN". 



263 



1 



wundernehmen. Doch begünstig«-n vielleicht noch spezielle Motive 
diese Übertragung auf die ,Tuischuldige' Damenuhr. Das nächst- 
liegende Motiv ist wohl, daß er sie vermutlich gern als Ersatz 
seiner eigenen, aufgeopferten Uhr behalten hätte und sie danim 
am nächsten Tage zurückzugeben vergißt; auch hätte er die 
Uhr vielleicht gern als Andenken an die Dame besessen. ■ Ferner 
bietet ihm das Vergessen dei" Daraenuhr Gnelegenheit, die vci-- 
ehrte Dame ein zweites Mal zu besuchen ; er hatte sie ja des Mor- 
gens einer anderen Sache wegen aufsuchen müssen und scheint 
jaiit dem ^^ergeasen der Uhr gleichsam anzudeuten, daß ihm dieser 
schon längere Zeit vorher bestimmte Besuch zu schade sei, um 
ihn noch nebenbei zur B-ückgabe der Uhr zu benützen. Auch 
epricht das zweimalige Vergessen der eigenen und die dadurch 
ermöglichte Rückstellung der fremden Uhr dafür, daß unser 
Maim es unbewußterweise zu vermeiden suclit, beide Uhren gleich- 
zeitig zu tragen. Er trachtet offenbar, diesen Anschein des 
tj"berflussefi zu vermeiden, der in zu auffälligem Gegensatz zu 
dein Mangel des Verwandten stünde: anderseits aber weiß er 
damit seiner anscheinlichen Heiratsabsicht der Dame gegenüber 
mit der Selbstmahnnng zu begegnen, daß er seiner Eamilie 
(Mutter) gegenüber imlösbare Verpflichtungen habe. Ein wei- 
terer G-rund. für das Vergessen einer Dameniüir mag endlich 
rlarin ^^ suchen sein, daß er sich am Abend zuvor als Junggeselle 
^^Qj. sein«3i Bekannten geniert hatte, auf die Damenuhr zu sehen, 
■was ^^ ^^^ verstohlen tat, und daß er, um die Wiederholung 
dieser peinlichen Situation zu vermeiden, die Uhr nicht mehr zu 
eich stecken mochte. Da er sie aber anderseits zurückzustellen 
hatte, so resultiert auch hier die unbewußt vollzogene Symptom- 
liandlung: die sich als Kompromißbildung zwischen widerstrei- 
tenden Gefühlsregungen und als teuer erkaufter Sieg der unbe- 
■wußten Inslanz erweist" 



i 



224 XI. KOMBINIE HTE FEHLLEISTUNGEN. 



.- Einige Beobacliiimgcn von X Stärcke (L c). 

1. Verlegen — Zerbrechen — Vergessen — als 
Ausdruclc eines zurückgedrängten GegenwilUns. 
' : „Von eiaer Stuninhmg lUustratioaen für eine wissenschaft- 
liche Arbeit sollte ich eines Tag-es meinem Bruder einige leihen, 
welche er als Liclitbilder bei einem Vortrag benutzen wollte. 
Obgleich ich einen Augenblick den Gedanken verspürte, daß, ich 
die Reproduktionen, die ich mit vieler Mühe gesammelt hatte, 
lieber in keiner Weise vorgeführt oder publiziert sah, bevor ich 
das selbst machen konnte, verspraeh ieli ihm, die Negative der 
gewünschten Bilder aufzusuchen und Laternen bilder davon an- 
zufertigen. — Diese Kegative konnte ich aber nicht finden- Den 
ganzen Stapel Sehachteln voll Negative, die sieb auf diesen 
Gegenstand bezogen, sah ich durch- gut zweiliundert Negative 
na^m ich eines nacli dem anderen in die Hand, aber die Negative, 
die ich suchte, waren nicht dabei. Ich vennutcte wohl, daß ich 
meinem Bruder diese Bilder eigentlich nicht zu günnen schien. 
Nachdem ich mir diesen abgünstigen Gredanken bewußt gemacht 
und bestritten hatte, bemerkte ich, daß ich die oberste Schachtel 
des Stapels zur Seite gesetzt und diese nicht durchsucht hatte, und 
diese Scliachte) enthielt die gesuchten Negative. Auf dem JiJeckel 
dieser Schachtel stand eine kurze Aufzeichnung betreffs des In- 
halts, und wahrscheinlich hatte ich das mit einem flüchtigen 
Blick gesehen, bevor ich diese Schachtel zui- Seite setzte. 
-- Der abgünstige Gedanke schien indessen noch nicht ganz 
besiegt, denn es geschaJi noch allerlei, bevor die Lichfbilder ver- 
schickt waren. Eine von den Laternenplatlen drückte ich kaputt, 
während ich diese in der Hand hatte und die Glasseitc reinputzte 
(so zerbreche ich sonst nie eine Laternenplatte). Als ich von 
dieser Platte ein neues Exemplar angefertigt hatte, fiel es mir 
aus der Hand, und nur dadurch, daß ich den Fuß vorstreckte 



XI. KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 



2(35 



und es darauf auffing, zerbrach es nicht- Als ich die Laternen- 
platten montierte, fiel der ganze Hänfen noch einmal auf den 
Boden, glücklicherweise oline daß dabei etwas zerbrach. Und 
schließlich dauerte es noch mehrere Ta.ge, bevor ich sie wirklich 
embalUerto und versandte, da ich mir dieses jeden Tag von neuem 
vornahm und dieses Vomehmeii jedesmal wieder vergaß." 

2. Wiederholtes Vergessen — Vergreifen bei der 
endlichen Ausführung. ■ -. ■ - 

,.Eines Tages mußt« ich einem Bekannten eine Postkarte 
senden, aber verscliob es während mehrerer Tage immer wieder, 
wobei ich ein starkes Vermuten hatte, daß folgendes die Ursache 
davon war: In einem Briefe hatte er mU- mitgeteilt, daß im Laufe 
iener Woche mich jemand besuchen wollte, auf dessen Besuch 
ich nicht sehr erpicht war- Als diese Woche vorüber war und 
die Aussicht des ungewünschten Besuches sehr gering geworden 
war schrieb ich endlich die Postkarte, worin ich mitteilte, wann 
ich '^^u sprechen sein würde. Als ich die-.e Postkarte schrieb, 
wollte ich anfangs hin/.ufügen, daß ich wegen .di-uk werk' (=em- 
gige, angestrengte oder überhäufte Arbeit) am Schreiben behin- 
dert gewesen war, aber ich schrieb das am Ende nicht, v^'oM diese 
gewöhnliche Ausrede doch von keinem vernünftigen Menschen 
ehr geglaubt wird. Ob diese kleine Unwahrheit sich doch äußern 
^^ßte, weiß ich nicht, aber als ich dTe Postkarte in den Brief - 
^ 1. 1, warf, warf ich sie irrtümlicherweise in die untere Öffnung 

iCastens : ,D r u k w e r k' (=^ Drucksachen)." . ". i ■' 

3. Vergessen und Irrtum. '" 

Ein Mädchen geht eines Morgens, da das Wetter sehr schön 
■ t nach dem .Eyksmuseum', um dort Gipsabgüsse zu zeichnen. 
Ob&deich sie bei diesem schönen Wetter lieber spaziei'en gelien 
möchte, entschloß sie sich, doch mal emsig zu sein und zu zeichnen. 
Sie muß zuerst Zeichenpapier kaufen. Sie geht zum Laden (un- 



266 XI. KOMBINIüIKTE FEHLLEISTUNGEN. 



gefähr zehn Minuten vom Museum), kauft Bleistifte und andere 
Zeichengeräte, aber vergißt eben das Zeichenpapier zu kaufen, 
geht dann zum Museum, und als sie auf ihrem Stühlclien sitzt, 4 
fertig-, um anzufangen, da hat sie noch kein Papier, so daß sie 
von neuem zu dem Laden gehen muß. Nachdem sie Papier ge- 
holt hat, fängt sie wirklich an zu zeichnen, geht mit der Arbeit 
gut vorwärts und hört nach einiger Zeit vom Turme des Museums 
eine große Zahl Glockenschläge. Sie denkt: ,Das wii^ schon 
12 Uhr sein', arbeitet noch fort, bis die Turmglocke Viertel- 
stunde spielt (,das ist Viertel nach zwölfS denkt sie), packt jetzt 
ihre Zeichengeräte ein und entschließt sich, durch den ,Vondel- ' 

parJi' zum Hause ihrer Schwester zu spazieren, um dort Kaffee 
zu trinken (= hoU. zweite Mahlzeit). Beim Suaaso-Museum sieht 
sie zu ihrem Staunen, daß es statt halb eins erst zwölf Uhr ist! 
- Das lockende schöne Wetter hatte ihren Fleiß hintei-s Licht 
geführt und dadurch hatte sie, als die Turmgloeke um halb 12 
^olf schlug, nicht daran gedacht, daß. eine Tumgloche auch 
mjt der halben Stunde schlägt." ^ 

Wie schon einige der vorstehenden Beobachtungen zeigen. 

kann die unbewußt störendp Tpnr)ö»,r -i, *t - , , 

uijL bi.orenae lendenz ihre Absicht auch erreichen, 

3ndem s.e dieselbe Art der Fehlleistung hartnäckig wiederholt. 
Ich entnehme em amüsantes Beispiel hiefür einem Büchlein 
„Frank Wedekind und da. Theater", das im Münchener 
Drei Masken- Verlag erschienen ist, muß. aber die Verantwortung 
für daj. in Mark Twain scher Manier erzählte Geschichtchen 
dem Autor des Buches überlassen. 

, Jm "VVedekinds Einakter ,Die Zensur' fällt an der ernstesten 
Stelle des Stückes der Ausspruch: ,Die Furcht vor dem 
Tode ist ein Denkfehler.' Der Autor, dem die Stelle am 
Herzen lag, bat auf der Probe den Darsteller, vor dem Worte 
^Denkfehlfir' eine kleine Pause zu machen. Am Abend — der 



IX, KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN. 



367 



Daistellei' ging gaaz in seiner ßolle auf) beobachtete auch die 
Pause genau, sagte aber unwillkürlicli in feierlichstem Tone : 
jDie Furcht vor dem Tode ist ein Druckfehler-' Der Autor 
versicherte dem Künstler nach Schluß, der Vorstellung auf seine 
Fragen, daß er nicht das geringste auszusetzen habe, nur heiße 
es an der betreffenden Stelle nicht: die Furcht vor dem Tode 
eed ein Druckfehler, sondern ein Denkfehler. 

Ale ,Die Zensur' am folgenden Abend wiederholt wurde, 
sagte der Darsteller an der bewußten Stelle, und zwar wieder 
in feierlichstem Tone: .Die Furcht vor dem Tode ist ein — 
Denkzettel-' Wedekind spendete dem Schauspieler wieder 
uneingeschränktes Lob, aber bemerkte nur nebenbei, daß es nicht 
heiße, die Furcht vor dem Tode sei ein Denkzettel, sondern ein 
Denkfehler. 

Am nächsten Abend wurde wieder ,Die Zensur' gespielt und 
der Daisteller, mit dem sich der Autor inzwisclien befreundet 
ujid Kunstanschauuno-en ausgetauscht hatte, sagte, als die Stelle 
kam. mit der feierlichsten Miene von der Welt: ,Dip. Furcht 
vor dem Tode ist ein — Druckzettel.' 

Der Künstlei- erhielt des Autors rückhaltlose Anerkennung, 

der Einakter wurde auch noch oft wiederholt, aber den Begriff 

Denkfehler' hielt der Autor nun ein für allemal für endgültig 

erledigt." - . 

Hank hat auch den sehr interessanten Beziehungen von 
TjigliUeistung und Traum" (Zentralbl. für Psychoanalyse ebenda. 
Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse, III, 1915) Aufmerksamkeit 
p-e^clienkti: denen man aber nicht ohne eingehende Analyse des 
Traumes folgen kann, welcher sich an die Fehlhandlung an- 
schließt. Ich träumte einmal in einem längeren Zusammenhange, 
daß ich mein Portemonnaie verloren- Am Morgen vermißte icli 
ee wirklich beim Ankleiden; ich hatte vergessen, es beim Aus- 



268 XI. kombinii;:ete Fehlleistungen. 

kleiden vor der Traumiiacht aus der Hosentasche zu nehmen uad 
an seineai gcwolinten Platz zu legen. Dieses Vergessen war mir 
also nicht unbekannt, es sollte wahrscheinlich einem unbe\vTißten ^ 

' Gedanken Ausdruck geben, der für das Auftreten im Trauminhalt ™ 

vorbereitet war. • ■ •■ 

Ich will nicht behaupten, daß solche Fälle von kombinierten 
Fehlleistungen etwas Keues lehren können, was nicht schon aus 
den Einzelfällen zu ei^ehen wäre, aber dieser Formenwechsel der 
Fehlleistung- bei Erhaltung desselben Erfolges gibt doch den 
plastischen Eindruck eines "Willens, der nach einem bestimmten 
Ziele strebt, und widerspricht in ungleich energischerer Weise 
der Auffassung, daß. die Fehlleistung etwas Zufälliges und der 
Deutung nicht Bedürftiges sei- Es darf uns auch auffallen, daß 
es in diesen Beispielen einem bewußten Vorsatz so gründlich 
mißdingt, den Erfolg der Fehlleistung hintanzuhalten. Mein 
Freund setzt es doch nicht durch, die Vereinssitzung zu besuchen, 
und die Dame findet eich außer stände, sich von der Medaille zu i 

trennen. Jenes Unbekannte, das .sich gegen diese Vorsätze ^ 

sträubt, findet einen anderen Ausweg, nachdem ihm der erste 
Weg vei-sperrt wird. Zur Überwindung des unbekannten Mo- 
tivs ist nämlich noch etwas anderes als der bewußte Gegenvorsatz 
erforderlich; es brauchte eine psychische Arbeit, welche das Un- 
bekannte dem Bewußtsein bekannt macht. 

■ j' 

• -■ ,. ■• . : * i 



V 



XU. 

DETERMINISMUS. — ZUFALLS- UND ABERCtLAUBKN. 

— GESICHTSPUNKTE. 

Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Eijizelerörte- 
rxmgen kann man folgende Einsicht hinstellen: Gewisse Un- 
zuränglichkeiten unserer psychischen Leistungen 
— deren gemeinsamer Charakter sogleich näher bestimmt werden 
soU — und gewisse absichtslos erscheinende Ver- 
richtungen erweisen sich, wenn man das Ver- 
fahren der psychoanalytischen Untersuchung auf 
sie anwendet, als wohlmotiviert und durch dem 
Bewußtsein unbekannte Motive determiniert- 

Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene ein- 
o;ercihi zu werden, muß eine psychische Fehlleistung folgenden 
-^edJngTOige^ genügen- 

a) Sie darf nicht über ein gewisses Maß hinausgehen, wel- 
■Ufls von unserer Schätzung' festgesetzt ist und durch den Aus- 

,cli ..innerhalb der Breite des Normalen" bezeichnet wird. . 

b) Sie muß den Charakter der momentanen und zeitweiligen 
Störung an sich tragen. "Wir müssen die nämliche Leistung vor- 
Ijer korrekter ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie 
-korrekter auszuführen. "\\^enn wir von anderer Seite korrigiert 
werden, müssen wir die Uichtigkoit der Korrektur und die Un- 



270 Sil. DETEfiM INISMlTS. - ZUFALLS- V. ABEKGLAUBEN ETC. 



richtigkeit unseres eigeneB psychischen Vorganges sofort er- 
kennen. 

e) "Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen || 

wii- von einer Motivierung derselben nichts in uns verspüren, 
sondern müssen versucht sein, sie durch „Unaufmerksamkeit" zu 
erklären oder als „Zufälligkeit" hinzustellen. 

Es verhleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen 
und die Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprcclien, ^^erlesen, j 

VeiBchreiben, Vergreifen ^md die sogenannten Zufallshandlungen' 
Die gleiche Zusammensetzung mit der Vorsilbe ver deutet 
für die meisten dieser Phänomene die imiere Gleichaa^igkeit 
sprachlich an. An die Aufklünmg dieser so bestimmten psychi- 
schen Vorgänge knüpft aber eine JJeihe von Bemerkungen an, ' 
die zum Teile ein weitergehendes Interesse erwecken dürfen. 

1. Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als 
unaufklärbur durch Zielvorstellungen preisgeben, verkennen wir 
^en Umfang der Detenninierung im Seelenleben. Dieselbe reicht i 

hier und noch auf ..deren Gebieten weiter, als wir es vermuten. 1 

Ich habe an Jahre 1900 in einem Aufsatz des Literarhistorikei^ ' 

II. M Meyer in der .Zeit" ausgeführt luid an Beispielen er- . 
autert gefunden, daß es unmöglich ist, absichtlich und wiilküi- 
hch einen Un.nm zu komponiemi. Seit längerer Zeit weiß ich 
daß man es nicht zu stände brin^, sich eiue Zahl nach freiem 
Beheben einfallen zu lassen, ebensowenig wie etwa einen Namen. 
Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehr- 
stellige, vdc im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so er- 
\veist sich deren strenge Determiniei-ung, die man wirklich nicht 
für möglich gehalten hätte- Ich will nun zunächst ein Beispiel 
eines willkürlieh gewählten Vonmmens kurz erörtern und dann 
ein analoges Beispiel einer „gedankenlos hingeworfenen" Zahl- 
ausfülirlicher analysieren. 



III. DETEBMINISMUS. - ZUh'ALLa- U. ABEBQLAUBJgX ETC. 271 



a) Im B(;gri±'te, die Krankengeschichte einer meiner Patien- 
tinnen für die PubliJiation herzuricliten, erwäge ich, welchen Vor- 
namen ich ihr in der Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint 
«ehr groß; gewiß schließen sich einige Namen von vornherein 
aiiß, in erster Linie der echte Name, sodann die Namen meiner 
eigeinen FaniilienaHgehÖrigen, an d<;nen ich Anstoß nehmen würde, 
etwa noch andere Frauennamen von besonders seltsamem Klang ; 
im übrigea aber brauchte ich um einen solchen Namen nicht ver- 
legen zü sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, daß 
sich, mir eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung 
stellen wird. Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter 
■Qßben ih]ii, der Name Dora. Ich frage nach seiner Determinie- 
j-ung. Wer heißt denu nur sonst Dora? Ungläubig möchte ich 
den nächsten Einfall zurückweisen, der lautet, daß das Kinder- 
[jnädchen meiner Schwester so heißt. Aber ich besitze so viel 
'gelbstzucht oder Übung im Analysieren, daß ich den Einfall 
'feethä.lte und weitei-spinne. Da fällt mir auch sofort eine kleine 
■ -p^gebenheit des vorigen Abends ein, welche die gesuchte Deter- 
Iraiiiierung bringt. Ich sah auf dem Tische im Speisezimmer 
iTneinex' Schwester einen Brief liegen mit der Aufschrift; !,An 
Yäuleiii Rosa "W." Erstaunt frage ich, wer so heißt, und werde 
v^lehrt, daß die vermeintliche Dora eigentlich Rosa heißt und 
lÜeeen ihren Namen beim Eintritt ins Haus ablegen mußte, weil 
ine Seh^^^^ ^^^ ^^^ ,,ßosa" auch auf ihre eigene Person 
t^j,iehcii kann. Ich sagte bedauernd: Die armen Leute, nicht 
jjjjnal i'iJ"^'^ Namen können sie beibehalten! Wie ich mich jetzt 
^^^^xine. wurde ich dann für einen Moment still und begann an 
allerlei ernsthafte Dinge zu denken, die ins Unklare verliefen, 
^e ich ni"' i^^^^^ ^^^ leicht bewußt machen könnte. Als ich 
aajm am nächsten Tag nach einem Namen für eine Person suchte, 
die ihren eigenen nicht beibehalten durfte, fiel 



272 Xir. DKTERMINISMUS. — ZUFALLS- U.ABERGLAUBEN ETC. 



mir kein anderer als ,;Dora" ein. Die Ausschließliehkcit beruht 
hier auf fester inhaltlicher Verknüpfung', denn in der Geschichte 
meiner Patientin rührte ein auch für den Verlauf der Kur ent- 
scheidender Einfluß von der im fremden Haus dienenden Pei-son- 
von einer Gouvernante, her. 

Diese kleine Begebenheit fand Jahre später eine unerwartete 
Fortsetzung. Als ich einmal die längst veröffentlichte Kranken- 
geschichte des mm Dora genannten Mädeliens in meiner Vorlesung 
b^prach, fiel mii ein, daß- ja eine meiner beiden Hörerinnen 
den gleichen Namen Dora, den ieh in den ver.sehiedenstcn Ver- 
knüpfimgen so oft auszusprechen hatte, trage, und ich wandte 
mich an die junge Kollegin, die mir auch persönlich bekannt war, 
mit der Entschuldigung, ich hätte wirklich nicht daran gedacht, 
daß sie auch so heiße, sei aber gern bereit, den Namen in der 
Vorlesung durch einen andei^n zu ersetzen. Ich hatte nun die 
Aufgabe, rasch einen anderen zu wählen, und überlegte dabei, 
jetzt dürfe ich nur nicht auf den Vornamen der anderen Hörerin 
kommen imd so den psychoanalytisch bereits geschulten Kollegen ^ 
em schlechtes Beispiel geben. Ich war also sehr zufrieden, als 
mir zum Ersätze für Dora der N^^^^^ ^^^.^ ^^-^j^ ^^^^^^ j^^j^ 
mich nun im Vortrag bediente. Nach der Vorlesung fragte ich 
mich, woher wohl dar Name Ema stammen möge, und mußtt^ 
lachen, als ich merkte, daß die gefürchtet« Möglichkeit sich bei 
der Wahl des Ersatznamcns dennoch, wenig-stens teilweise, durch- 
gesetzt hatte. Die andere Dame hieß mit ihrem Pamüiennamen 
Lucerna, wovon Erna ein Stück ist. 

ß) In einem Briefe an einen Freund kündige ich ilim an, daß 
ich jetzi die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe 
und niclits mehr an dem Werke ändern will, „möge es auch 2467 
Fehler cnihalten". Ich versuche sofort, mir diese Zalil aufzu- 
klären und füge dir' kleine Analyse noch als Nachschrift dem 



4 



i 



Xn, DETERMINISMUS. - ZUFALI^ U. ABRRftLA[rBEy ETC. 273 



^* Briefe aa. Am besten zitiere ich jetzt, wie ich damal« geschrieben, 
I als ich mich auf frischer Tat ertappte: 

„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltage- 
lebens. Du findest im Briefe die Zahl 2467 als übermütige "Will- 
Icürschätzung der Fehler, die sich im Traumbuch finden werden. 
Ee soll heißen: irgend eine große Zahl, und da stellt sicli diese 
ein- Nim gibt es aber nichts Willkürliches, ündcterminiertes im 
Psychischen. Du wirst also auch mit Recht erwarten^ daß. das 
Un^^^^^ sich beeilt hat. die Zahl zu determiniei-en, die von 
dem Bewußten freigelassen wurde. Nun hatte ich gerade vorher 
■in <i^^ Zeitung gelesen, d;tß. ein General E. M. als Feldzeugmeislrer 
den Euhest^nd getreten ist. Du mußt wissen, der Mann 
Interessiert mich. AVährend ich als niilitürärztlicher Eleve diente, 
in fr einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und sagte 
^uiL Arzte: ,Sie müssen mich aber in acht Tagen gesund machen, 
eiiii ich habe etwas zu arbeiten, worauf der Kaiser wartet-' 
a-znals nahm ich mir vor, die Laufbahn des Mnnnes zu verfolgen, 
jind siehe da, heute (1899) ist er am Ende dei-selben, Keldzeug- 
jneister und schon im Ruhestände- Ich wollte ausrechnen, in 
welcher Zeit er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an, daß ich 
ihn 1882 im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre. Ich er- 
-}i1g mei^ßi' Frau davon und sie bemerkt; ,Da müßtest du also 
K schon im Ruhestand sein?' Und ich protestiere: Davor 
i^e mich Gott Nach diesem Gespräche setze ich mich an 
•Xisch- um Dir zu sclireiben- Der frühere Gedankengang setzt 
• h aber fort und. mit gutem Rexiht. Es war falsch gerechnet; 
■ ii habö einen festen Punkt dafür in meiner Erinnerung. Meine 
Qj^ß jährigkeit, meinen 24. Geburtstag also, habe ich im Militär- 
ari-est gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert hatte). 
pas war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die 
'/.ahX 24 in 2-167! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 24 

Freud, FiychnpftthoIogiB dos AlltagBlobenB. VI. Aufi. 18 



274 XII. DETERMINISMUS . - ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN El'C. 

Jahi-e hinzu, so bekommst Du die 67 ! Das heißt aüi' die Frage, 
oh ich auch in den Ruhestand treten will, habe ich mir im 
"Wunsche noch 24 Jalu-e Arbeit zugelegt. Offenbar bin ich ge- 
kränkt darüber, daß ich es in dem Intervall, durch das ich den 
Oljerst M. verfolgt, selbst nicht weit gebracht habe, und doch wie 
in einer Art von Triumph darüber, daß: er jetzt schon fertig ist, 
während ich noch alles vor mir liabc Da darf man mit Recht 
sagen, daß nicht einmal die absiclLtslos liingeworfene Zahl 2467 
ihrer Determinierung aus dcui Unbewußten entbehrt." 

, Seit diesem i*rst*n Beispiel von Aufklärung einer scheinbar 
willküi'lich gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch viel- 
mals mit dem nämlichen Erfolge wiederholt; aber die meisten 
Fälle sind so sehr intimen Inhalts, daß sie sich der Mitteilung 
entziehen. " ^ 

Gerade darum al>er will ich es niclit versäumen, eine sehr 
intei-essante Analyse eines „Zahleueinfalls" hier anzufügen, 
welche Dr. Alfred Adler (Wien) von einem ihm bekannten 
,, durchaus gesunden" Oewährsmann erhielt*: A. schreibt mir: 
„Gestern abends habe ich mich über die ,Psychopathologie des 
Alltag.s' hergemacht und ich hätte das Buch gleich ausgelesen, 
wenn mich nicht ein merkwürdiger Zwischenfall gehindert hätte. 
Als icli nämlich las, daß jede Zahl, die wir scheinbar ganz will- 
kürlich ins Bewußtsein rufen, einen bestimmten Sinn hat, be- 
schloß ich, eineoi Versxich zu machen. Es fiel mir die Zahl 
1734 ein. Nun überstürzten sieh folgende Einfälle: 
1734:17 = 102; 102:17 = 6. Dann zen-eiße ich die Zalil in 17 
und 34. Ich bin 34 Jahi*e alt. Ich betrachte, wie ich Ihnen, 
glaube ich, einmal gesagt habe, das 34. Jahr als das letzte Jugend- 
Jahr, und ich habe mich darum an meinem letzten Geburtstag 

* Alfr. Adler, Drei Psychoanalysen vou Zahleneinfälleu imd obae- 
dierentlen Zahlen. Psych. -Neur. Wochensclir., Nr. 28, 1906. 



XII. i:»ETERMINISMrS. - ZUFALLS- U. ABF.HGLAUBEN ETC. 275 



sehr miserabel gefühlt- Am Ende meines 1 7. Jahres begami für 
mich eine sehr schöne und interessante Periode meiner Entwick- 
lung- Ich teile mein Lehen in Abschnitte von 17 Jahren. "Was 
haben nun die Divisionen zu bedeuten? Es fällt mir zu der 
^ahl 102 ein, daß die Nummer 102 der Reclamschen Universal- 
bibliotliek das Kotzebuesche Stück .Menschenhaß und ßeue' 

enthält." 

„Mein gegenwärtiger psychischer Zustand ist Menschenhaß 

und Reue. Nr. 6 der TJ.-B. (ich weiß, eine ganze Menge Nummern 

auswendig) ist Müllners ,Schuld'. Mich quält in einem fort 

der Gedanke, daß ich durch meine Schuld nicht geworden bin, 

^as ich nach meinen Fähigkeiten hätte werden können. Weiter 

fällt mir ein, daß Nr. 34 der U-B. eine Erzähliuig desselben 

j^üUner, betitelt .Der Kaliber', enthält. Ich zeri-ciße das Wort 

ijX J-^a-libcr' ; weiter fällt mir ein, daß es die Worte ,Ali' und 

ICali' enthält. Das erinnert mich dai'an, daß ich einmal mit 

feinem (sechsjährigen) Sohn AH Keime machte. Ich forderte 

-hn auf. einen Reim auf Ali zu suchen. Es fiel ihm keiner ein 

j ich sagte ihm, als er einen von mir wollte : ,Ali reinigt den 

TVlund mit hypermangansaurem Kali'. Wir lachten viel und Ali 

ar sehr lieb. In den letzten Tagen mußte ich mit Verdruß 

nstatierön, daß er ,ka (kein) lieber Ali sei'." 

Ich fragte mich nun: Was ist Nr. 17 der U.-B. ?, konnte 
i,er nicht herausbringen. Ich habe es aber früher ganz be- 
- ■,■.+ o-ewiißt, nehme ahm an, daß ich diese Zahl vergessen 
Ute- Alles Nachsinnen blieb umsonst. Ich wollte weiter lesen, 
aber nur mechanisch, ohne ein Wort zu verstehen, da mich 
j- jY quältß. Ich löschte das Licht aus und suchte weiter. 
Schließlich fiel mii" ein, daß Nr. 17 ein Stück von Shakespeare 
sein muß. Welches aber? Es fällt mir ein: Hero und Leander- 
Offenbar &ui blödsinniger Versuch meines Willens, mich ab- 



276 XW. DETEEMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 



- _ 



zulenkcn. Ich stehe endlich auf und suche den Katalog der U.-B. 
Nr. 17 ist ,Macbeth'. Zu meiner Verblüffung muß ich kon- 
statieren, daß ich von dem Stücke faat gar nichts weiß, trotzdem 
es mich nicht weniger beschäftigt hat als andere Dramen Shake- 
Epeares. Es fällt mir nur ein: Mörder, Lady Macbeth, Hexen, 
jSchon ist häßlich', im.d daß icli seinerzeit Seliillers Macbeth- 
hearbeitung sehr schön gefunden habe. Zweifellos habe ich al.so 
auch da^ Stück vergessen wollen. Koch fällt mir ein, daß 17 und 
34 durch 17 dividiert, 1 und 2 ergibt. Nr. 1 und 2 der U.-B. 
ist Goethes .Paust'. Ich habe früher sehr viel J?austisches in 
mir gefunden*' 

^yiT müssen belauern, daß die Diskretion des Arzte« uns 
keinen Einblick in die Bedeutung dieser Reihe von KinfäUen ge- 
gönnt hat. i\,dler bemerkt, daß dem Manne die Synthese seirf^ 
Auseinandersetzungen nicht gehmgen ist. Dieselben würden uns 
auch kaum mitteüenßwert erschienen sein, wenn in deren JTort- 
Betzung nicht etwas aufträte, was uns den Schlüssel zum 
Vei^tändnis der Zahl 1734 und der ganzen EinfallsreUxe in die 
Hand spielte. 

„Heut^ früh hatte ich freilich ein Erlebnis, da^ sehr für die 
Richtigkeit der Preudschen Auffassung spricht- Meine Frau, 
die ich beim Aufstehen des Naehts aufgeweckt hatte, fragte 
nuch, was ich denn mit dem Katalog der U-B. gewollt hätte. 
Ich erzählte ihr die Geschichte. Sie fand, daß alles Rabulistik 
sei, nur — sehr interessant — den Macbeth, gegen den ich mich 
eo sehr gewehrt hatte, ließ sie gelten. Sie sagte, ihr falle gar 
nichts ein, wenn sie sich eine Zahl denke. Jcli antwortete : ,Ma- 
chen wir eine Pix)be.' Sie nannte die Zalil 117. Ich erwiderte 
darauf sofort: ,17 ist eine Beziehung auf das. was ich dir er- 
zählt habe, femer habe ich dir gestern gesagt: wenn eine Frau 
im 82. Jahre steht und ein Mann im 35., so ist das ein arges 



XII. DETERMINISMUS. ~ ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 277 



Mißverhältnis-' Ich frozzle seit ein paar Tagen meine Praxi mit 
der Behauptung, daß sie ein altes Mütterchen von 82 Jahren 

sei. 82 + 35 = 117." 

Der Mann, der seine eigene Zahl nicht zu determniici-cn 
wußte, fand also sofort die Auflösung, als seine Frau ihm eine 
a.n^blich willkürlich gewählte- Zahl nannte. In Wirklichkeit 
hatte die Frau sehr wohl aufgefaßt, aus welchem Komplex die 
Zahl ihres Mannes stammte, und wählte die eigene Zahl aus dem 
näPili^l«" IComples, der gewiß beiden Personen gemeinsam war, 
da GS sich in ihm um das Altersverhältnis der beiden handelte. 
Wir Iiaben es nun leicht, den Zahleneinfall des Mannes zu über- 
etzen Er spricht, wie Adler andeutet, einen unterdrückten 
Wunscli des Mannes aus, der voll entwickelt lauten würde: „Zu 
einem Manne von 34 Jahren, wie ich einer bin, paßt nm- eine 

Vrau von 17 Jahren." 

Damit man nicht allzu geringschätzig von solchen ..Spiele- 
rn" denken müge, will ich hinzufügen, was ich kürzlich von 
„ 4.dler erfahren habe, daß ein Jahr nach Veröffentlichung 

. r Analyse der Mann von seiner Frau geschieden wax*- 
^^^^^^'^hnUche Aufklärungen gibt Adler füi- die Entstehung 

Herender Zahlen. Auch die Wahl sogenannter „Liehlmgs- 
^'Tlon" is^- ^i^^^' ^^''^ Beziehung auf das Leben der bct-i^ffenden 
^ ^ und entbehrt nicht eines gewissen psychologischen Inter- 
pei-son ^^^ ^^^^ ^^^ ^.^^ ^^ ^^ besonderen ^^o^liebc für die 

esB^' j ^g bekannte, wußte nach kurzem Besinnen anzu- 

— ' TTt Aufklärung des „Macbeth- in Nr, 17 der T.-B. teilt mir Adler 

, Betreffende iu seinem 17, Lebensialir einer anaicliis tischen 

^^ ' Uscbaft beigetreten war, die sich den Königsmord zum Ziel gesetzt 

^^tte i>^^^ ^'^^^^*^^ ^""^^^ ^^^ ^^^^^^^ ^^^ Macbeth dem Yergessen. Zu 

er Zeit erfand die nämliche Person eine Geheimschrift, in der jiie 

ßuchstabeu durch Zahlen ersetzt waren. 



278 Xtl. DETERMINISMUS. ~ ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 



geben, daß er mit 17 Jahren in die langersehnte akademische 
Freilieit, auf die Universität, gekommen, und daß er mit 19 Jah- 
ren seine erste große Heise und bald darauf seinen ersten wissen- \ 
schaftlichen Fund gemacht. Die Fixierung dieser Vorliebe er- 
folgte aber zwei Lustren später, als die gleichen Zahlen zur 
Bedeutung für sein Liebesleben gelani,^tcn. -- Ja, selbst Zahlen, 
die man anscheinend willkürlich in gewissen Zusammenhange 
besonders häufig gebraucht, lassen sich durch die Analyse auf 
unerwarteten Sinn zunickführen. So fiel es einem meiner Pa- 
tienten eines Tages auf. daß er im Unmut besondoi-s gern zu 
«agen pflegte: Da.s Jiabe ich dir schon 17- bis 36ma] gesagt- und 
er fragte sich, ob es auch dafür eine Motivi^ung gebe. Es fiel 
ihm alsbald ein, daß er an einem 27. Mdnatstag geboi-en sei, 
sein Jüngerer Bru<lcr aber an einem 2C., und daß er Grund habe, 
darüber zu Idagen, daß das Scliicksal ihm so viel von den Gütern 
des Lebens geraubt, um sie diesem jüngeren Bruder zuzuwenden. 
Diese Fao-teilichkeit des Seh.eksals stellte er also dar. indem i 
er von seinem Geburtsdatum zehn abzog und diese zum Datum 

vericurzt wordea." 

■Ich will bei den Analysen von Zahleaofnfällen länger ver- 
weilen denn ich kenne keine anderen Einzelbeobaehtun^en, die 
.0 schlagend die Existenz von hoch zusammengesetzien Denk- 
vorgängen erweisen würden, von denen das Bewußtsein doch 
keine Kunde hat. und anderseits kein bessci^s Beispiel von Ana- 
lysen, hei denen die häufig angeschuldigte Mitarbeit des Arztes 
(die Suggestion) so deutlich außer Betracht kommt. Ich werde 
daher die Analyse eines Zahleneinfalles eines meiner Patienten 
(mit seiner Zustimmung^ hier mitteilen, von dem ich nur an- 
zugeben brauche, daß er das jüngste Kind einer langen Kinder- ■; 
reihe ist, und daß er den bewunderten Vater in jungen Jahren \ 



Xn. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 279 



verloren hat- In besonders heiterer Stimmung- läßt er sich die 
Zahl 426718 einfallen und stellt sich die Frag-e: „Also was fällt 
mir dazu ein? Zunächst ein Witz, den ich gehiirt habe: jWenn 
•^ m.'ui einen Schnupfen ärztlich behandelt: dauert er 42 Tage, 

werni man ihn alier unbehandelt läßt — 6 AVochen.' Das ent- 
eprieht den ersten Ziffern der Zahl 42 = 6x7. In der Stockung, 
die sich liei ihm nach dieser ersten Lö.sung einstellt, mache ich 
ihn aufmerksam, daß die von ihm gewählte sechsstellige Zahl 
alle ei-sten Ziffern enthalte bis auf 3 und 5. Nun findet er so- 
fort die Fortsetzung der Deutung- ,.Wir sind 7 Geschwister, 
ich der jüngste- 3 entspricht in der Kinderreihe der Schwester 
A., 5 dem Bruder L., das waren meine beiden Feinde. Ich pflegte 
als Kind jeden Abend zu Gott zu bet«ii, daß. er diese meine beiden 
Quälgeister aus dem lieben abberufen solle- Es scheint mir nun, 
(laß ich mir hier diesen Wunsch selbst erfülle: 3 und 5, der 
"böse Bruder und die gehaßte Schwester sind übergangen." — 
Weim die Zahl also Ihre Geschwisterreihe bedeutet, was soll 
das 18 am Ende? Sie waren doch nur 7. — „Ich habe oft ge- 
dacht, wenn der Vater noch länger gelebt hätte, so wäre ich 
jiicht das jüngste Kind geblieben. Wenn noch 1 gekommen wäre, 
eo wären wir 8 gewesen, und ich hätt« ein kleineres Kind hinter 
mir gehabt, g'egen das ich den Altei-cn gespielt hätte." 

Somit war die Zahl aufgeklärt, aber es lag uns noch ob, 
Ion Zusammenhang zwischen dem ersten Stück der Deutung und 
A&a folg^den herzustellen. Das ergab sich sehr leicht aus der 
für die letzten Zahlen benötigten Bedingung: Wenn der Vater 
nocli länger gelebt hätte- 42 = 6 X 7 bedeutete den Hohn ge.<2;ew 
<jj.e Arzte, die dem Vater nicht hatten helfen können, drückte 
also in dieser Form den Wunsch nach dem Fortleben des Vaters 
aus- Die ganze Zahl entsprach eigentlich der Erfüllung seiner 
beidea infantilen Wünsche in betreff .seines Familienkreises, die 



280 XU- DETERMIMSMUb. — ZUFALL'^- U. ATiEKtil.ÄUBEN ETC. 

beiden bösen Geschwister sollten sterben, und ein kleines Ge- 
schwisterchen hint<;r ihnen naelikomiiuin, oder auf den kürzesten 
Ausdruck g-ebrachi : "Wenai doeh lieber die beiden gestorben wäi-cn 
anstatt des geliebten Vatei-s I * 

Eine andere Zahlenanal^'se entnehme ich Jones (1. c., 
p. -178). Kin Herr seiner Bekanntschaft ließ sich die Zahl 986 
einfallen und forderte ihn dann heraus, sie mit irgend etwas, 
was er sich denke, in Zusammenliaug zu bringen. „Die nächste 
Assoziation der Versuchsperson war die Erinnerung au einen 
längst vergessenen Scherz. Am heißesten. Tag-e des Jahres vor 
sechs Jalireu hatte eine Zeitung die Notiz gebracht, das Thermo- 
meter zeige 9860 Eahronheit, offenbar eine groteske Übertrei- 
bung von 98-6j dem wirklichen Thermometerstand! "Wir saßen 
während dieser Unterhaltung vor einem starken Feuer im Ka- 
min, von dem er sich wegrückte, und er bemerkte wahrscheinlich 
mit Eecht, daß. die große Hitze ilin auf diese Erinnerung gebracht 
habe. Ich gab mich aber nicht so leicht zufrieden und verlangte 
zu wissen, wieso gerade die.^e Erinnerung bei ihm so fest ge- 
haftet habe. Er erzählte, er hal» über diesen Seherz so füreh- 
terUch gelacht und sich jedesmal von neuem über ihn amüsiert, 
so oft er ihm wieder eingefallen sei. Da ich aber den Scherz 
nicht besondei-« gut finden konnte, wurde meine Erwai-tung eines 
geheimen Sinnes dahinter nur noch vorstärkt. Sein nächster Ge- 
danke war, daß die Vorstellung der Wärme ihm immer soviel 
bedeutet habe. Wärme sei das Wichtigste m der Welt, die Quelle 
alles Lebens usw. Eine solche Scliwäi-merei eines sonst i-echt 
nüchternen jun^tin Mannes mußte nachdenklich stimmen; ich 
bat ihn, mit seinen Assoziationen fortzufahren. Sein nächster 
Einfall ging auf den Hauchfang eiuex* Fabrik, den er von seinem 

* Zur Vereinfachung- habe ich «iuigc nicht minder gut ])aasende 
ZwischeneinfäJle des Patienten weggeUtssen. 



^ 



XU. DETERMIN ISMUS. - ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 281 



Schlafzimmer aus sehen konnte. Er pflegte oft des Abends auf 
den Rauch \uid das Feuer zu stan-en, der aus ihm hervorging, und 
dabei über die beklagenswerte Vergeudung von Energie nach- 
zudenken. AVärme, Feuer, die Quelle alles Lebens, die Vergeu- 
dung von Energie aus einer hohen hohlen Itöhre — es war nicht 
echwer, aus diesen Assoziationen zu erraten, daß die Vorstellung 
"Wanne und Feuer bei ihm mit der Vorstellung von Liebe ver- 
knüpft waren, wie es im symbolischen Denken gewöhnlich ist, 
und daß ein starker ilastixrbat ionskomplex seinen Zahleneinfall 
motiviert habe. Es blieb ihm nichts übrig, als meine Vermutung 
zu bestätigen." 

Wer sich von der Art, wie das Material der Zahlen im un- 
bewußten Denken verarbeitet wird, einen guten Eindruck holen 
will, den verweise ich auf C G. Jungs Aufsatz ,,Ein Beitrag 
zur Kenntnis des Zahlen traumes" (Zentralbl. für Psychoanaly.se, 
I, 1912) und auf einen anderen von E. Jones „Ünconscioua 
manipulations of numbers" (ibd. II, 5. 1912). : . _ 

In' eigenen Analysen dieser Art ist mir zweierlei besonders 
auffällig : Erstens die geradezu somnambule Sicherheit, mit der 
ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in einen rech- 
aendeai Gedankengang vereenke, der dann plötzlich bei der ge- 
suchten Zahl angelangt ist, und die ßaschheit, mit der sich die 
ganze Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, daß 
^e i^ahlen meinem unbewußten Denken so bereitwillig zur Ver- 
fügung stehen, während ich ein schlechter Rechner bin und die 
größteu Scliwierigkeiten habe, mir Jahreszahlen, Hausnummern 
und dergleichen bewußt zu merken- Ich finde übrigens in diesen 
unbewußten Gedankenoper atiouen mit Zahlen eine Neigung zum 
Aberglauben, deren Herkunft mir lange Zeit fremd geblieben ist. 
Es wird uns nicht überraschen zu finden, daß nicht nur 
Zahlen, sondern aucli "Worteinfälle andei-er Art sich der 



2R3 Xir. liETKRMINISMTFS. — ZUFALLS- l'. ABERGLAUBEN V,TC!. 



^ 



analytischen Untersuchung rugelmäßi^ als gut determiniert 
erweisen. , _ . .^ _ . - . 

Ein hübsches Beispiel von Herleitung eines obsediereiiden, 
d. h. verfolgenden Wort,es findet sich hei Jung (Diagnost Asso- 
ziationsstudien, IV, S. 215). „Eine Dame erzälilte mir, daß ihr 
eeit einigen Tagen beständig das Wort ,Taganrog' im Munde 
Hege, ohne daß' sie eine Idee habe, woher das komme. Ich fragte 
die Dame nach den affektbetonten Ereignissen und verdrängten 
Wünschen der düngstvorgangeiihcit. Nach einigem Zögern er- 
zählt« sie rair, daß sie sehr gern einen ,Morgenrock' hättd 
ihr Mann aber nicht das gewünschte Interesse dafür habe. 
,Morgenrock : Tag-an-ax)ckS man sieht die partielle ^iiin- und 
Klangverwandtsehaft. Die Determination der russischen Form 
kommt daher, daß ungefähr zu gleicher Zeit die Dame eine Per- 
sönlichkeit aus Taganrog kennen gelernt hatte." 

Dr. E. Hitschmann verdanke ich die Auflösung eines 
anderen Falles, in dem sich ein Vers wiederholt in einer be- J 

stimmten örtlichkeit als Einfall aufdrängle, ohne daß dessen ^ 

Herkunft und Beziehungen einsichtlich gewesen wären. 

„Erzählung des Dr. jnr. E. : Ich fuhr vor sechs Jahren 
von Biamtz nach San Sebastian. Die Eisenbahnstrecke führt 
über den ßida^ssoafluß, der hier die Grenze zwischen Frankreich 
und Spanien bildet. Auf der Brücke hat man einen schönen 
Blick, auf der einen Seite über ein weites Tal und die Pyrenäen, 
auf der anderen Seite weithin über das Meer. Es war ein schöner, 
holler Summertag, alles war erfüllt von Sonne und Licht, ich war 
auf einer Ferienreise, freute mich nach Spanien zu kommen — 
da fielen mir die Verse ein: ,Aber frei ist schon die Seele, 
schwebet in dem Meer von Licht.' 

Ich erinnere mich, daß ich damals darüber nachdachte, wo- 
her diese Verse seien, und micli dessen nicht entsinnen konnte; 



Jjmi 



XII. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABEKGLAUBEN ETC. 283 



nach fVm "Rhythmus mußten die Worte aus einem Gedichte 
stammen, welches aber meiner Erinnerung vollständig entfalten 
^ar. Ich glaube spät^. da mii' die Verse wiederholt in den 
Sinn kamen, noch mehrei-e Lent^. danach gefragt zu habou. ohne 

etwas erfahren zu könaen- 

Im Vorjahr fulir ich, von einer spanischen Keise zurück- 
kehrend, auf derselben Bahnstrecke- Es war .toekfinstei^ Nacht 
^d es regnete. Ich sah :.um Fenster hinaus, nm zu sehen, ob 
^ir schon an der Grenzstation ankämen, und bemerkte, daß wir 
yf der Bidassoabrüeke waren- Sofort kamen mir die oben an- 
geführten Verse wieder ins Gedächtnis, und wieder konnte ich 
„lieh ibi-er Herkunft nicht erinnern. 

Mehrere Monate nachher kamen mir zu Hause die Uhland- 
^ehen Gedichte in die Hand- Ich öffnete den Band und mein 
Blick fiel auf die Vei^e: ,Aber fi^i ist schon die Seele, schwebet 
-n dem Meer von Licht', die den Schluß eines Gedichtes: ,Uer 
Waller' bilden- Ich la^ das Gedicht und erinnerte mich nun 
„.. nz dunkel, es einmal vor vielen Jahren gekamit zu haben. Der 
Schauplatz der Handlung ist in Spanien, und dies schien mir die 
^^ige Beziehung der zitierten Verse zu der von mir beschrie- 
t, öu Stelle der Eisenbahnstrecke zu bilden. Ich war von meiner 
^M-deckung nur halb befriedigt und blätterte mechanisch in 
Buche weiter. Die Verse ,Aber frei ist schon usw.' standen 
^^'""die l«t2^^^ ^"^ ^"■^^'^ ^'''^" ^'"^ Umblättern fand icli auf 
*^^ nächsten Seite ein Gedicht mit der tjbersehrift: ,Die 

■Ridassoabrücke. 

Ich bemerke noch, daß mir der Inhalt dieses letzt^^ren Ge- 
dichtes fast noch fremder schien als der des ersten, und daß seine 
ersten Verse lauten: ,Auf der Bidassoabrüeke steht ein Heilige.r 
altersgrau, segnet rechts die span'schen Berge, segnet links den 
fränk'schen Gau.'" -- . — - 



2B4 XH. DETERMINISMUS. - ZUFALLS- U. AlJEßGLAüBEN ETC. 



H. J}ieüo Einsicht üi die Detenninierung- .scheinbar will- 
küvlich g-ewählter Namen und Zahlen kann vielleicht zui' Klä- 
rung eine« anderen Problems beit^-agen- Gegen die Annahme eines 
durchgellenden psychischen Determinisjnu.? berufen .'^ich bekannt- 
Hch viele Pei-sonen auf ein besonderes Überzeugungsgefühl für 
die Existenz eines freien Willens. Dieses Überzeugimo-ggefühl 
besteht und weicht auch dem Glauben an den Determinismus 
nicht. Es muß wie alle normalen Gefühle durch iro^nd etwas 
berechtigt sein. E. äußert sich aber, soviel ich beobachten kann 
nicht bei den großen und wichtigen Willensentseheiduugcn ■ bei 
diesen Geleg-enheiten hat man vielmehr die Empfindung des psy- 
chischen Zwange« und bemft sich gern auf sie („Hier stehe ich 
ich kann nicht anders"). Hingegen mochte man gerade bei den 
l^langlüseu, indifferenten Entschließungen versichern, daß man 
ebensowohl aoiders hätte handeln können, daß n.an aus fi^iem, 
nicht motiviertem Willen gehandelt hat. Nach unsei-en Analysen 
braucht man nun das Recht de. überzeugungs^fühles vom f^ien 
1 vUn " ^'"'"- '^'^''' "^^^ '^^ Untersclieidung der 

-CiUKCJieidimgen erstreckt. Mininn „„„ 

so vn„ ,1„, • Q ■. , ""™'' praetor. Was aber 

o von der euien Se.te frei gelassen „ird, d.s e^np^ngt .seine 

Mo.v.eru„g von anderer Seite, aus de. TJ„be..L., nnd so 

-t ie D6termm>erung na PsyoMschen doch luctonlos dm-ch- 
geluhrt*. 

* Dieso An^chauuagon über die strenge Doternnni.run, aaacheineud 
-likurhch.r psychischer Aktionen haben bereits reiche Früchte fOr die 
J .ychclogie - vielJeicht auch für die Rechtspflege _ getz^en. Bleuler 
^nd Jang haben in diesem Sinne die Eeaktionen beim sogena^t^ 
AsBoziationsexpcrimeut verständlich gemacht, bei dem di. iintersuchte 




XII. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN TAV. 286 



/■ 



III- Wenngleich dem bewußten Benken die Kenntnis von 
der Motivierung der besprochenen Fehlleishmgen naoh der ganzen 
Sachlage abgehen muß, so wäre es doch erwünscht, einen psycho- 
logischen Beweis für deren Existenz aufzufinden; ja es ist aus 
Griinden, die sich bei näherer Kenntnis des Unbewußten ergeben, 
wahrscheinlich, daß solche Beweise irgendwo auffindbar sind. 
Es lassen sich wirklich auf zwei Gebieten Phänomene nach- 
weisen, welche von einer unbewußten und darum verschobenen 
Kenntnis von dieser Jdotivierung zu entsprechen scheinen: 

aj Es ist ein a,uffälliger und allgtimein bemerkter Zug im 
Verhalten der Paranoiker, daß sie den kleinen, sonst von uns 
vernachlässigten Details im Benehmen der anderen die größte 
Bedeutung beilegen, dieselben ausdeuten und zur Grundlage weit- 
o-ehender Schlüsse machen. Der letzie Paranoiker z. B., den ich 
^Tsehcn habe, schloß auf ein allgemeines Einverständnis in seiner 
Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf 'i,;^m Bahnhof 
eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht hatten. Ein 
ajiderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der Straße gehen, 
ijiit den Spazierstöcken fuchteln u. dgl. *. ■ ' ■ "' ■ 

Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Be- 

person auf ein ihr zugerufenes Wort mit einem ihr daz-u einfallenden ant- 
orLet (Reizwort- Reaktion), und die dabei verlaufende Zeit gemessen wird 
j^jtjonsiieit). Jung hat in seineu „Diagnostischen Assoziatio]isstudien 
iqOG" gß^^'S*^? welch feines Reagens für psychische Zustände ■vvir in dem 
o-edeiitefcen Assoziationsexperiment besitzen. Zwei Schüler des Straf- 
cbtslehrers li. Groß in Prag, Wertheimer und Klein, haben aus 
diesen Experimenten eine Technik zur „Tatbestands-Diagnostik" in straf- 
rechtlichen rällen entwickelt, deren Prüfung gegenwärtig Psychologen und 
Juristen bescliäftigt. -- ■ 

■'' Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beur- 
teilung unwesentlicher und zufälliger Äußerungen bei anderen zum „Ee- 
ziehuugaw-ahn'' gerechnet. „ .... 



v* 



^ 



286 SÜ. DETERMINISMUS. - ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 



dürftigen, welche der Nonnaie für einen Teil seiner eigenen 
psychischen Leistungen und Felilleistungen gelten läßt, verwirft 
der Paranoiker also in der Anwendung auf die psyehisclien Äuße- 
rungen der aoidei-en. Alles, was er an den anderen bemerkt, ist 
bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie kommt er mir dazu? Er 
projiziert wahi'scheinUeh in das Seelenleben der anderen, was im 
eigenen unbewußt vorhanden ist, hier wie in so vielen ähnlichen 
Fällen, in der Paranoia drangt sieh eben so vielerlei zum Be- 
wußtsein durch, was wir bei Normalen und Neurotikeni erst 
durch die Psychoanalyse als im Unbewußten vorhanden nach- 
weisen*. Der Paranoiker Iiat also hierin in gewissem Sinne 
Recht, ei' erkennt etwas, was dem Normalen entgeht, er sieht 
schärfer als das normale Denkvermögen, aber die Verschiebung 
des so erkannten Sachverhaltes auf andere macht seine Er- 
kenntnis wertlos. Die Keclitfertigung der einzelnen paranoischen 
Beutungmi wird man dann hoffentlich von nur nicht erwarten. 
JJas Stuck Berechtigung aber, welches wir der Paranoia bei dieser 
Auffassung der Zuf.l].handlungen .ugestehea, wird uns das 
psychologische Verständnis der Überzeugung erleichtern, welche 
sich heua Pai^uioiker an alle diese Deutungen geknüpft hat, 
Es ist cbenetwas Wahres daran; auch unsere nicht als 
krankhaft zu bezeichnenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen 
zugehörige Überzeugungsgefülil auf keine andere Art. Dies Ge- 
fühl ist füi' ein gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges 
oder für die Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird 
daam von uns auf den übrigen ;^usammenhang ausgedehnt. 

b) Ein anderer Hinweis auf die unbewußte und verschobene 
Kejintnis d er Motivierung bei Zufalls- und Pehlleistungen findet 

* Die durch AnaJjse bewuiJL zu machenden Phanta-iiieu der Hyste- 
riker von sexuellen u]id gi-ausameu MißliancUuiigeu decken gich z. B. ge- 
legentlich bis ins Einzelne mit den Kla^'en verfoJgter Parajiüjkcr. Es ist 



XII. DETERMINISMUS. - ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 2g7 



sich iu den Phänomenen des Aberg-laubens. Ich will meiiie Mei- 
nim-g durch die Diskussion des kleinen Erlebnisses klai'Iegen, 
■welches für mich der Ausgaagspunkt dieser Überlegoingen war. 
Von deii Ferion zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken 
a-lsbald auf die Kranken, die mich in dem neu beginnenden 
ArbeitsjaJire beschäftigen sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr 
alten Dame, bei der ich (siehe olien) seit Jahren die nämlichen 
ärztlichen Manipulationen 2weim£^- täglich vornehme- Wegen 
diesm- Gleichförmigkeit haben sich unbewuß;te Gedanken sehr 
Ixäufig auf dem Wege zu der Kranken und während der Beschäf- 
tiffuiig mit ihr Ausdruck verschafft- Sie ist über 90 Jahre alt ; 
es liegt also nahe, sieh bei Beginn eines jeden Jalires zu fragen, 
^e laJige sie wohl noch zu leben hat- An dem Tage, wovon ich 
erzähle, habe ich Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor 
-Ur Haus führen soll. Jeder der Kutscher auf dem Wagenstand- 
latz vor meinem Hause kennt die Adresse der alten Frau, denn 
eder hat mich schon oftmals daiiin geführt. Heute ereignete es 
• h nun, daß der Kutschei- nicht vor ihrem Hause, sondern vor 
glcichbczifferten in einer nahegelegenen und wirklich ähn- 
1- h nussehejiden Parallelstraße Halt macht- Ich merke den 
rtiuii und werfe ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt- 
j- ^ ^^ nun etwas zu bedeuten, daß ich vor e'in Haus geführt 
.^ in. dem ich die alte Dan\c; niclit vorfinde? Pur mich gewiß 
- ht, aber wenn ieli abergläubisch wäre, würde ich in 
' er Beg'*?benheit ein Vorzeichen erl)lickon, einen Fingerzeig 
Schicksals, daß dies Jahr das letzte für die alte Prau sein 
-j-a Kecht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbe- 
ahi-t hat, sind in lieiuer besseren Symbolik begründet gewesen. 



w 



bemerkenswert, aber nicht uuverstäudliclj, wenn der identische Inhalt uns 
auch als Realität in den ^'e^a.nstalt^lngeu Pen-erser zur Befriedigung ihrer 
Gelüste entgegentritt. 



1 






d 



288 XU. DKTEKMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBKN KTC. 

Ich erkläre allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne wei- 
teren Sinn. r - ■ ■ 

Ganz anders läge der JTall, wenn ich den Vieg zu Fuß g-e- 
ma.cht und dann in „Gedanken", in der „Zei'sti-cutheit" vor das 
Haus der Parallolstraße anstatt vors richtige gekommen wäre. 
Das wüi'de ich für keinen Zufall erklären, sondern für eine der 
Deutung bedürftige Handlung mit unbewußter Absicht- Diesem 
„Vergehen" müßte ich wahrscheinlich die Deutung geben, daß 
ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen erwarte- 
ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in 
f olg-endem : 

Ich glaube nicht, daß ein Ereignis, an dessen Zustande- 
kommen mein Seelenleben unbetfiligt ist, mir etwas Verborgenes 
über die zukünftige Gestaltung der Realität lehren kann ; icli 
glaube aber, daß eine unbeabsichtigte Äußerung meiner eigenen 
Seelentätigkeit mir allerdings etwas Verborgenes enthüllt, was 
wiederum nur meinem Seelenleben angehört ; ich glaube zwar an 
äußeren (realen) Zufall, aber nicht an innere (psychische.) Zufäl- 
ligkeit- Der Abergläubische umgekelirt i er weiß nichts von 
der Motivierung seiner .ufälUgcn Handlungen und Fehlleistun- 
gen, er glaubt, daß es psychi.ci.e Zufaliigkoiten gibt; dafür ist 
er geneigt, dem äußeren Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, 
die sich im realen Geschehen äußern wird, im Zufall ein Aus- 
drucksmittel für etwas draußen ihm Verborgenes zu sehen. Die 
Unterschiede zwischen mir und dem Abei'gläubischen sind zwei: 
erstens projiziert er eine Motivierung nach außen, die i6h innen 
suche; zweitens deutet er den Zufall durch ein Geschehen, den 
ich auf einen Gedanken zurückführe- Aber das Verborgene bei 
ihm entspricht dem Unbewußten bei mir, und der Zwang, den 
Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern ihn zu deuten, 
ist uns beiden gemeinsam- 



A 



1 



XII. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 2g9 

Ich. nähme nun an, daß diese bewußte Unkenntnis und un- 
bewußte Kenntnis von der Motivierung der psychischen Zufällig- 
keiten eine der psychischen Wurzeln des Aberglaubens ist. Weil 
der Abergläubische von, der Motivierung der eigenen zufälligen 
Handlungen nichts weiß, und weil die Tatsache dieser Motivie- 
rung nach einem Platze in seiner Anerkennujig drängt, ist er 
genötigt, sie durch Verschiebung in der Außenwelt unterzu- 
bringen- Besteht ein solcher Zusammenliang, so wird er kaum 
auf diesen einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der 
Tat, daß ein großes Stück der mythologischen Weltauffassung, 
die weit bis in die modernsten Religionen hinein reicht, nichts 
anderes ist als in die Außenwelt projizierte 
Psychologie. Die dunkle Erkenntnis (sozusagen : endo- 
psychische Wahrnehmung) psychischer Faktoren und Verhält- 
nisse* des Unbewußten spiegelt sich — es ist schwer, es anders 
^u sagen, die Analogie mit der Paranoia muß hier zu Hilfe ge- 
nommen werden — in der Konstruktion einer übersinnlichen 
Jlcalität, welche von der Wissenschaft in Psychologie 
des Unbewußten zurückverwandelt werden soll. Man könnte 
sich getrauen, die Mythen vom Paradies und Sündenfall, von 
Gott, vom Guten und Bösen, von der Unsterblichkeit u- dgl. in 
solcher Weise aufzulösen, die Metaphysik in Metapsycho- 
l^gic umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des 
paranoikers und der des Abergläubischen ist minder groß, als 
gie auf den ersten Blick erscheint. Als die Menschen zu denken 
Tjegannen. waren sie bekanntlich g-enötigt, die Außenwelt an- 
thropomorphisch in eine Vielheit von Persönlichkeiten nach 
ihrem Gleichnis aufzulösen; die Zufälligkeiten, die sie aber- 
gläubisch deuteten, waren also Handlungen, Äußerungen von 
Personal, und sie haben sicK demnach genau so benommen wie 

* Dio natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat. 
Trend, Fs.rohopntholoBie dee Älltat^ebena. VI. Anfl. 19 



290 XII. DETEKMINISML'S. — ZUFALLS- U. ABEliÜLAüBEN ETC. 

die Paranoiker, wolche aiLs den uiisüiuMii baren Anzeichen, die 
ihnen die anderen geben, Schlüsse ziehen, und wie die Oesünden 
alle, welche mit Kecht die zul'alJig-en und unbeabsichtigten Hand- 
lungen ih]'er Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres 
Charakters raacheia. Der Aberglaube erscheint nur so sehr de- 
placiert in unserer modernen, natuvwissenscliai:Uiciien, aber noch 
keineswegs abgerundeten Weltanschauung; in der AVeltanschau- 
nng vorwissenschaftlichei- Zeiten und Völker war er berechtigt 
und konsequent. ' t ■ • ' 

Der Eömei-. der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn 
ihm ein widriger Vogell'lug begegnete, war also relativ im.Recht; 
er handelte konsequent nach seinen ^''oraussetzungt.'n. Wenn er 
aber von der Unteraehmung abstand, weil er an der Schwelle 
seiner Tür gestolpert war („Un Romain retournerait''), so war er 
uns Ungläubigen auch absolut Überlegen, ein hesserer Seelen- 
kundiger, als wir uns zu sein bemühen. Denn dieses Stolpern 
mußte üim die Existenz eines Zweifels, einer Gegenströmung in 
semem Innem beweisen, deren Kraft sich im Momente der Aus- 
fübi-ung von der Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des 
vollen Erfolge« ist man nämlich nur dann sicher, wenn alle 
Seelenkräfie einig dem gewünschten Ziel entgegenstreben. Wie 
antwortet Schillers Teil, der so lange gezaudert, den Apfel 
vom Haupte seines Knaben zu schießen, auf die Fra^ des Vogts, 
wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt?, 

;,Hit diesem Pfeil diu'chbohrt' ich — liuch, 

Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, 

Und Euer — wahrlicli — liätt' ich nicht gefehlt." 

IV^. Wer die Gelegenheit gehabt hat. die verboi-genen Seelen- 
regungen der Menschen mit dem Mittel der Psychoanalyse zu 
studieren, der kann auch über die Qualität der unbewußten Mo-^ } 



^ 



Xll. DETERMINISMUS. - ZUFALLS- U. ABERGI^UrtEX ETC. 291 






tive, die sich im Aberglauben ausdi-üeken, einiges ^Teue sag^n. 
[■ Am deutlichsten erkennt man bei den oft sehr intelligenleu, mit 
Äwangsdcnken und Zwangszuständen behafteten Kervösen, daß 
der Aberglaube aus unterdrückten feindseligen und grausamen 
J^egungen hervorgeht. Aberglaube ist zum großen Teile Un- 
heilserwartung, und wer anderen häufig Böses gewünscht, aber 
infolge der Erzii-huug zur Güte solche Wünsche ins Unbewußte 
vei-drängl hat, dem wird es besonders nahe liegen, die Strafe für 
solches unbewußte Böse als ein ihm drohendes Unheil von .außen 
;iu erwari^-n. 

Wenn wir zugeben, daß wir die Psychologie des Aber- 
«;laubens mit diesen Bemerkungen keineswegs erschöpft haben, 
■ so werden wir auf der anderen Seite die Frage wenigstens streifen 
müssen, ob denn reale Wurzeln des Aberglaubens durchaus zu 
bestreiten seien, ob es gewiß keine Ahnungen, prophetische 
aV;iume, telepathische Erfahrungen, Aulferungen übersinnlicher 
jCräfte u. dgl. gebe. Ich bin nun weit davon entfernt, diese Phä- 
nomene übi>rall so kurzer Hand aburteilen zu wollen, über welche 
go viele eingehende Beobachtungen selbst intellektuell hervor- 
i^gender Männer vorliegen, und die am' besten die Objekte wei- 
terer Untersuchungen bilden sollen. Es ist dann sogai' zu hoffen, 
aaß ein Teil dieser Beobaelitungen durch unsere beginnende Er- 
^^jjyitnis der unbewußten seelischen Vorgänge zur Aufklärung 
gelaJ»^^ '^'^"^' ***^^e "^^is zu grundstürzenden Abänderungen 
uosei-ei- heutigen Anschauungen zu nötigen. Wenn noch andere, 
.^e z. B. die von den Spiritisten behaupteten Phänomene, er- 
weisbar werden sollten, so werden wir eben die von der neuen 
J^rfalirujig geforderli^n Kodifikationen unserer „Gesetze" vor- 
nehmen- ohne an dem Zusammenhang der Binge in der Welt 
irr© zu werden. ..'.., 

Im Rahmi'n die^^er Auseinandersetzungen kann ich die nun 

19« 



m 



'292 ^^I- DKTEBMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 

aufgeworfenen Fragen niclit andei's als subjektiv, d. i. nach meiner 
persönlichen. Erfahrung, beantworten. Ich muß leider bekennen, 
daß. ich zu jenen unwürdigen Individuen gehöre, vor denen die 
Geisteir ihre Tätigkeit einstellen und das übersinnliche entweicht, 
so daß ich niemals ia die Lage gekommen bin, selbst, etwas zum 
"Wunderglauben Anref>'endes zu erleben. Ich habe wie alle Men- 
schen Ahnungen geliabt und Unlieil erfaliren, aber die beiden 
wichen einander aus, so daß auf die Ahnungen nichts folgte, und 
das Unheil unangeküiidigt über mich kam. Zur Zeit, als ich, 
ein junger Mann, allein in einer fremden Stadt lebte, habe ich 
oft genug memen Namen plötzlich von einer unverkennbaren, 
teuren Stimme rufen hören, und mir dann den Zeitmoment der 
Halluzination notiert, um micJi besorgt bei den Dahcimgeblie- 
benen zu erkundigen, was um jene Zeit vorgefallen. Es war 
nichts. Zum Ersatz dafür habe ich später ungerührt und 
almungsios mit meinen Kranken gearbeitet, wälirend mein Kind 
einer Verblutung zu erliegen drohte. Es hat auch keine der 
Ahnungen, von denen mir Patienten berichtet haben, meine An- 
erkennung als reales Phänomen erwerben können. ''■' 

Der Glaube an prophetische Träume zählt viele Anhänger, 
weil er sich darauf stützen kann, daß manches sich wirklich in 
der Zukunft so gestaltet, wie es der Wunsch im Traume vorher 
konstruiert hat- Allein daran ist wenig zu verwundern, und 
zwischen dem Traum und der Erfüllung lassen sicli in der Regel 
noch weitgelicnde Abweichungen nachweisen, welche die Gläubig- 
keit der Träumer zu veraa eillässigen liebt. Ein schönes Beispiel 
eines mit Kecht prophetisch zu nennenden Traumes bot mir einmal 
eine intelligente und wahrheitsliebende Patientin zur genauen 
Analyse. Sie erzählte, daß sie einmal geträumt, sie treffe ihren 
früheren Freund und Hausarzt vor einem bestimmten Laden 
einer gewissen Straße, und als sie am nächsten Morgen in die 



.f" 



Xn. DEl-EKMmiSMlJS. - ZUFALI^ U. ABERGLAUBEN ETC. gOS 



innere rftadi ging, traf sie Um wirklich an der im Traume 
geahmten Stelle. Ich bemerke, daß dieses "wunderbai-e Zu- 

tsammeuti-erfen seine Bedeutung diu-oh kein nachfolgendes Er- 
eignis erwies, also nicht aus dem Zukünitigen zu rechtfer- 
! tigen war. 

i J)as sorgfaltige Examen stellte fest, daß kein Beweis dafür 

f vorUege. die Da^ne habe den Traum bereits am Morgen nach der 
i Traumnacht, also vor dem Spa.ziergang und der Begegnung er- 
\ innert. Sie konnte nichts gegen eine DaxsteUimg des Sach- 
*' Verhaltes einwenden, die der Begebenheit alles Wundcrbai-e 
l nimm^ und nur ein interessantes psychologisches Problem übrig 
I läßt. Sie ist eines Vormittags durch die gewisse Straße gegangen, 
T hat vor dem einen Laden ihren alten Hausarzt begegnet und nun 
bei seinem -Vnblick die Überzeugung bekommen, daß. sie die 
letzte Nacht von diesem Zusammeatreffen an der nämlichen 
Stellö geträumt habe. Die Analyse konnte dann mit großer 
AVahrscleinlichkeit aiideuten, wie sie zu dieser Überzeugung ge- 
kommen war. welcher man ja nach allgemeinen Regeln ein ge- 
visses Anrecht auf Glaubwürdigkeit nicht versagen darf. Ein 
Zusammentreffen am bestimmten Orte nach vorheriger Ei'war- 
+„n"- das ist ja der Tatbestand eines Kendezvous- Der alte 
■tTg^ysarzt rief die Erinnerung an alte Zeiten in ilu- Avach, m 
, -eil Zusammenkünfte mit einer dritten, auch dem Arzt 
jfreiindeten Person für sie bedeutungsvoll gewesen waren- Mit 
j ■ -eiu Herrn wai" sie seitdem in Verkehr geblieben und hatte am 
rp o-e vor dem angehlichen Traum vergeblicJi auf ihn gewartet, 
tr-nnte ich die hier vorliegenden Beziehungen ausführlicher mit- 
teilen, so wäre es mir leicht zu zeigen, daß die Illusion des 
propheti.schen Traumes beim Anblick des iVeundes aus früherer 
Zeit äquivalent ist etwa folgender Rede: „Ach, Herr IJoktor, Sie - | 

erinnern mich jetzt an vergangene Zeiten, in denpn ich niemals ■] 



Fi 



» 



294 Xn. DKTKKMINISMirS. — ZUKALLS- TL ABEK(?LÄUREN KTO 



vergeblich aul' N- zu warten brauclLte, wciui wir eine Zusammen- 
kunft bestellt hatten." " • -, 

Von jenem hokauntoii ,,inerkwürdi<>-cn Ziusammenti-effen", 
(laß man einer Pei-son begegnet, mit welcliei- man sich gerade iii 
C-edanken beschäftigt iiat, habe ich bei mii- selbsf ein einfaches 
und leicht zu deutendes Beispiel beobaclitet, welclies wahrschein- 
lich ein gutes Vorbild für ähnliche Vorfälle ist. ^Vonige Tage, 
nachdem mir der Titel eines Professors verliohcu worden war, 
der in monarchisch eingerichteten Staaten selbst viel ^ulöritäl 
verleiht, lenkten während eines Spaziergange.^ durch die innere 
Stadt meine Gedanken plötzlich in eine kindische K,ichephaiitasie 
ein, die sich gegen ein gewisses Eltenipaar richtete. Diese hatten 
mich einige Monate vorher zu ihrem Tüchterchen gerufen, bei 
dem sich eine interessante Zwangser^chcinung im Anschluß an 
einen Traum eingestellt hatte. Ich brachte dem Palle, des.sen 
Genese ich zu durchschauen glaubte, ein großes Intei-esse ent- 
gegen; meine Behandlung ^^^Irde aber von den Eltern abgelehnt 
^ mr 2u verstehen gegeben, daß. man sich an eine ausländische 
Autoxatat, dxc xnitt.1« Hypnotismus heile, zn wenden ^.^denke. 
Ich phantasierte .un. daß die Elteni nach dem völligen Miß- 
glucken dieses Versuches mich bäten, mit meiner Behandlung 
umzusetzen, sie hätten jet.l volles Vertrauen zu mir usw. Ich 
aber antwortete: Ja, jetzt, nachdem ich auch Vxoiessor ge- 
worden bin., haben Sie A'ei'trauen. Der Titel hat an meinen Fähig- 
keiten weiter nichts geändert ; wenn Sie mich als Uozenten nicht 
brauchen konnten, können Sie mich auch als Professor entbehren. 
— An dieser Stelle wnirde meine Phantasie 'dui-ch den lauten 
Gruß „Habe die Ehre. Herr Professor'* imterbi-ochen, und als 
ich aufschaute, ging das nämliche Eltempaar an mir vorüber, 
an dem ich soeben durch die Abweisung ihres Anerbietens Hache 
genommen hatte. Die luiclist« T)bprlcgimg zerstörte den An- 



i^.-. 



XIT. DETERMINISMUS. ~ ZUFALLS- U. ARERGrAUBEN ETC. 295 



eclioin des Wxuiderbaren. Ich ging auf einer geraden und breiten, 
fast, mensclien leeren Straße jenem Paar entgegen, liatte Ixii einem 
fiüclitigen Aufschauen^ vielleicht zwanzig Schritte von ihnen 
entfernt, ihi'o stattliehen PerRönlichkeiten erblickt und erkannt, 
diese 'Walimelimimg aber — nach dem Muster einer negativen 
Halluzination — aus jenen Gefühlsmotiven beseitigt, die sich 
dann in der anscheinend spontan aufiauehenden Phantasie zui- 

Geltung brachten. ■ _I. '_ 

Eine andere „Auflösung einer scheinbaren Vorahnung"' be- 
richte ich nacli Otto Eank (Zentralbl f. Psychoanalyse, 11, 5): 

„Vor einiger Zeit erlebte ich selbst eine seltsame ^'ariation 
jenes ,merkwüriligen Zusammentreffens', wobei man einer Person 
begegnet, mit welcher man sich gerade in Gedanken beschäftigt 
hat (Alltag, 2, S. 120> Ich gehe unmittelbar vor AVeihnachten in 
die Österreichisch -Ungarische Bank, um mir zehn neue Silber- 
kronen zu Ge-schenkz weck eil einzuwechseln. In ehrgeizigen Phan- 
tasien versunken, die an den Gegensatz meiner geriag-en Bar- 
schaft zu den im ßankgebäude aufgestapelten Geldmassen an- 
Iniüpfen, biege ich in die schmale ßankgasse ein. wo die Bank 
o-eleg'en ist. Vor dem Tor sehe ich ein -4-utomobil stehen und 
viele Leute aus- und eingehen. Ich denke mir. die Beamten 
■werden gerade für meine paar Kronen Zeit haben; ich werde 
gg jedenfalls rasch abmachen, die zu wechselnde Geldnote hin- 
legen und sagen : Bitte, geben Sie mir Gold! — Sogleich be- 
merke ich meinen Irrtum — ich sollte ja Silber verlangen — 
-nrid erwache aus meinen Phantasien. Ich befinde mich nur noch 
wenige Sehritt^^ vom Eingang entfernt und sehe einen ijungen 
Mann mir entgegenkommen, der mir bekannt vorkommt, den ich 
if^och wegen meiner Kurzsichtigkeit noch nicht mit Sicherheit 
zu erkennen vermag. Wie er näher kommt, erkenne ich in ihm 
einon Sehn Ikol legen meines Bruders, namens old, von dessen 



296 XII- DETERMINISMGS. — ZUFALLS- U. ABKJIÖLAUBEN ETC. 



Bruder, einem bekaimteu Schriftsteller, ich zu Beginn meiner 
literarischen Laufbahn weitgehende J?ördening erwartet hatte. 
Sie blieb jedoch aus und mit ihr auch der erhoffte materielle Er- 
folg, mit dem sich meine Phantasie auf dem Wege zur Bank 
beschäftigt hatte. Ich muß also, in meine Phantasien versunken, 
das Herannahen des Herrn G-old unbewußt apperzipiert haben, 
was sicli meinem von materiellen Erfolgen träumenden Bewußt- 
sein in der Form darstellte, dafi ich heschloß, am Kassenschalter 
Gold — statt des minderwertigen Silbers — zu verlangen. An- 
derseits scheint aber auch die paradoxe; Tatsache, daß ^mein Un- 
bewußtes ein Objekt wahrzunelimen im stände ist, welches 
meinem Auge erst später erkennbar wii-d, ;ium Teil aus der 
Komplexbereitschaft (Bleuler) erklärlich, die ja aufs Mate- 
rielle eingestellt, war und meine Schritte ^G^en mein besseres 
"Wissen von ^Infang an nach jenem Gebäude gelenkt hatte, wo 
nui- die Gold- und Papiergeld Verwechslung stattfindet." 

In die Kategfjrie des Wunderbaren und Unheimlichen gehört 
noch jene eigentümliche Empfindung, die man in manchen Mo- 
mente und Situationen verspürt, als ob man genau das nämliche 
schon emmal erlebt hätte, sich in derselben Lage schon einmal 
befunden hätte, ohaie daß es je dem Bemühen geUngt, das finihere, 
das s,ch SU anzeigt, deutlich zu erinnern. Ich weiß, daß ich bloß 
dm lockeren Sj)rac]igebraueh folge, weim ich das, was sich in 
solchen Momenten in einem i-egt, eine Empfmdung heiße; es 
handelt sich wolil um ein Urteil, und zwar ein Erkennungsurteil, 
aber dieee Fälle haben doch einen ganz eigentümlichen Cha- 
rakter, und daß man sieh niemals an das Gesuchte erinnert, 
darf niclit beiseite gelassen werden. Ich weiß niclit, ob dies Phä- 
nomen des „De ja vu" im Ernst zum Erweis einer frühei-en 
peychi sehen Existenz d-is Einzelwesens herangezogen worden ist; « 

wolü aber haben die Psychologen ihm ihr Interesse zugewendet ■ 



Xn. DETERMINISMUS. — ZUFAIXS- U. ABERGLAUBEN ETC. ^97 



und die Lösung des Rätsels auf den mannigfaltigsten spekula- 
tiven Wegen angesti-ebt. Keiner der beigebrachten Erkläruugs- 
vei-KUcba scheint mir riclitig zu sein, weil in keinem etwas anderes 
ak die Begleiterscheinungen imd begünstigenden Bedingungen 
des Phänomens in Betracht gezogen wird. Jene psychischen Vor- 
gänge, welc-iie nach meinen Beobachtungen allein für die Erklä- 
ninn- des jJJejä vu'' veraatwortlich sind, die unbewußten Phan- 
tasien nämlich, weMen ja heute noch von den Psychologen ail- 
gomein vcniuehläasigt- . — =■ 

Ich meine, man tut Uou'eciit, die Empfindung- des schon ein- 
mal Erlebthabens als eine Illusion zu bezeichnen. Es wii-d viel- 
mehr in solchen Momenten "wii-klich an etwas gerührt, was man 
bereits einmal erlebt hat, nur kann dies letztere nicht bewußt 
erinnert werden, weil es niemals bewußt war. Die Empfindung 
des „Dejä vu" entspricht, kurz gesagt, der Erinnerung an eine 
unbewußte Phantasie. Es gibt unbewußte Phantasien (oder Tag- 
träume), wie es bewußte solche Schöpfungen gibt, die ein jeder 
aus seiner eigenen Erfahrung kennt. 

Ich weiß, daß dei- Gegenstand der eingehendsten Behandlung 
-würdig wäre, will aber hier nur die Analyse eines einzigen Falles 
von ,)Dejä vu" anführen, in dem sich die Empfindung dui'ch be- 
eondere Intensität und Ausdauer auszeichnete. Eine jetzt 37jäh- 
j-igo Dame behauptet, daß sie sich aufs schärfste erinnere, im 
^Iter von zwölfeinhalb Jalixeu habe sie einen ersten Besuch bei 
SchulfreuJi<lJ"nea auf dem Lande gemacht, und als sie in den 
Garten eintrat, sofort die Empfindung gehabt, hier sei sie schon 
einmal gewesen; diese Empfindung habe sich, als sie die "Wohn- 
räume betrat; wiederholt, so daß sie vorher zu wissen glaubte, 
welch&i' Eaum der nächste sein würde, welche Aussicht man von 
* ihm aus lialjon werde usw. Es ist aber ganz aasg-eschloss4ai 

VV und durch ilire. Erkundigung bei den Eltern widerlegt, daß dieses 



i>: 



» 



298 Xn. DETKRMINISMUS. — ZUFALLH- U. ABEKGLAilBEN ETC 



Beiannthoits^efühl in einem früheren Besuch des Hauses und 
Gartens, etwa in ihrer ersten Kindlioit, seine Quelle haben konnte- 
Die Dame, die das berichtete, suehtxi nach keiner psychologischen 
£rlilärun,jr. sondern sah in dem Auftreten dieser Empfindung 
einen prophetisclien Hinweis auf die Bedeutung, welche eben diese 
Fi-eujKlinneii später für ihr Gefühlsleben gewannen. Die Er- 
wägung- der Umstände, unter denen das Phänomen bei ihr auf- 
trat, zeigt imB aber den AVeg zu einer anderen Auffassung. Als 
sie deu Besuch unternahm, wußte sie, daß die^. Mädchen einen ' 
oin.igen. schwerkranken Bruder hatten. Sie bekam ihn bei dem 
Besuch auch zu Gesichte, fand ihu sehr schlecht aussehend und 
dachte sich, daß «!■ bald sterben werde. N,^ war ihr eigener 
einzige)' Bruder einige Monate vorher an Diphtherie gefährlich 
erkrankl gewesen; während s^-iner Krankheit hatte sie vom 
Eit.i^iau«e entfernt wochenlang hei einer Verwandten gewohnt. 
bie glaubt, daß der Bruder diesen Landbesuch mitmacht., meint 
«ogai-, es sei sein ei.ter größerer Ausflug nach der Krauldieit 
gewesen; doch ist ihre Ennnerung in diesen Bunkt^n merkwürdig ' 
unbestimmt. Während alle anderen Details, und besonders da! 
Kleid, d^ sie an jenem Tage ti-ug, du- überdeutlich vor Augen 
stellen. Dem Kundigen wikI es nicht schwer fallen, aus diesen 
Anzechen zu schließen, daß die En.-artung, ihr Bruder werde . 
sterben, bei dem Mädchen danu.ls eiue große Rolle gespielt hatte 
und entweder nie bewußt geworden oder nach dem glücklichen 
Ausgang der Krankheit energischer \^rdrängung verfallen war. 
Im anderen Palle hätte sie ein andere.. Kleid, nämlich Trauer- 
klcidung. l,ragen müssen. Bei den Ereundinnen fand sie nun 
die analoge Situation vor, den einzigen Bruder in Gefahr, bald 
zu sterben, wie es auch kurz darauf wirklich eintraf- Sie hätte 
bcAvußi exinnern sollen, daß sie diese Situation vor wenigen Mo- 
naldi selbst durchlebt hatte ; anstatt dies zu erinnern, was durch J 



Xn. DETKKMIN'TSML'S. - ZUFAr^LS- U. ABKKGLAl'BFA- KTC. 299 



die Verdrängung vcrhintlRri war- übertrug sie das Erinnerungs- 
g-efülil Auf die Lokalitäten, Garten und Haus, und verfiel der 
„faus&c reeonnaissance", daß. sie das alles genau ebenso schon 
einmal gesehen habe. Aus der Tatsache der A'erdrängung dürfen 
wir schließen, daß die seinerzeitige Erwartung, ihr Bruder werde 
sterben, nicht weit entfernt vom Charakter einer AA'utisch- 
phantasic gewesen war. Sie wäre dann das einzige Kind ge- 
blieben. In ihrer späteren Neurose litt sie in intensivster "Welse 
unter dex Angst, ihre Eltern zu verlieren, hinter welcher die 
Analyse wie gewölmlich den unbewußten AVunseh des gleichen 
Inhalt« aufdecken kojmte- 

Meine eigenen flüchtigen Erlebnisse von ..Dejä vu" habe ich 
mir in ähnlicher Weise aus der Gefühlskonstellation dos Moments 
ableiten können. „Das wäre wieder ein Anlaß, jene (unbewußt« 
nnd unbekannte) Phantasie zu wecken, die sich damals und da- 
mals als AVunsch zur Verbessenmg der Situation in mir ge- 
bildet hat"*. '- - -• •■ ''' 

V. Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch 



,v 



" Dit'Me Erkliiriiug des „Döjä ^ti" ist bisher nur von einem cinzigt^n 
Hcobacliter gewürdigt wordeu. Dr. 1' e r e n c z i, dem. die dritte Auflage 
dieaes Biiclies so v'uü wertvolle Bt^iiriigc verdankt, schreibt mir hierüber: 
Ich '»"'J*^ mich .sowohl bei mir ajs auch bei auderon davon über-^fiHgit^ 
^13 das unerklärliche Bekanntheitsgefuhl auf unbewußte Phantasien v.n- 
j.^i(.-kziif"'i^ß" i«t, an die man in einer aJctucllen Situation unbewußt er- 
iunert wird. Bei einem meiner Patienten ging es anscheinend anders, 
■\Virklichkeit aber gunz analog zu. Dieses G^fülil kchi-te bei ihm sehr 



lU 



oft wieder; erwip;^ sich aber regelmäßig als von einem vergessenen 
fverdräng t<in) Tranmstiick der vergangenen Nacht herrühiNsnd. Es 
scheint also. iUlLI das tDejä. vn" nicht nur von Tagträumeu, sondern auch 
von nä.c)itlichcn Träumen absLa.mmen kann." — (Ich Jiabe später erfahren, 
daß Grasset lyOl eine Erklärung des Pliänoaiens 'gegeben bat. welcbe 
der mcinigeii sehr nalie kninmt.) 



i 
^ 






300 XU. DETERMINISMUS. — ZUFALLS- Ü. ABERGLAUBKN ETC, 



gebildeten KoUegeai einige Beispiele von JSfainenvergessen nüt 
Analyse vorzutragen, beeilte er sicli zu erwidern: Das ist sehr 
ficliön, aber bei mir geht das i\amenvergessen anders zu. So 
leicht darf man es sich offenbar nicht machen ; ich glaube nicht, 
daß mein Kollege je vorher an eine Analyse bei Namenvergessen 
gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie anders es bei ilim 
üugeiie. Aber seine Bemerkung bertüirt doch ein Problem, welches 
viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft 
die hier gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen - 
allgemein zu oder nur vereinzelt, und wenn letzteres, welches sind 
die Bedingungen, unter denen sie zur Erklärung der auch anders- 
wie ermügiiehten Phänomene Iierangezogen werden darf? Bei der 
Beantwortung diesei' Frage lassen mich meine Erfahrungen im 
Stiche ich kann nur davon abmahnen, den aufgezeigten Zu- 
sammenhang für selten zu iialten, denn so uft ich bei mir selbst 
imd bei meinen Patienten die Pix)be angestellt, hat er sieh wie 
in den mitgeteüteu Beispielen sicher nachweisen teen, oder 
^aben sich wenigstens gute Gründe, iliu zu vermuten, ergeben. 
^ ist nicht zu verwundern, wemi es nicht alle Male gelingt, 
den verborgenen Siani der Symptomhandlung zu finden, da die 
Größe der mueren Widerstände, die sich der Losung widersetzen, 
als entscJieidender Faktor in Betracht kommt. Man ist auch nicht 
im Stande, bei sich selbst oder bei den Patienten jeden einzelnen 
Traiun zu deuten; es genügt, um die AJlgemeingültigkeit diu- 
Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in den 
verdeckten Zusummenhang einzudringen vermag. Der Traum, der 
sieh beim Versuche, ihn am Tage nachlier zu lösen, i-efraktär 
zeigt, läßt sich oft eine Woche oder einen Monat später sein Ge- 
heimnis entreißen, wenn eine unterdes erfolgte i-eale Veränderung 
die miteinander streitenden psychischen Wertigkeiten herabge- 
setzt hat. Um nämliche gilt für die Lösung dei- Fehl- und ] 



i 



Xn. GESICHTSPUNKT p:. 



301 



Symptomhaadhingen; das Beispiel von Verlesen „Im Faß durch 
Eiiropa'' auf Seite 115 hat mir die Gelegenheit gegeben, zu zeigen, 
{ wie ein anfänglich unlösbares Sympi>om der Analyse zugänglich 

wird, wenn das realein teresse an den verdrängten Gedanken 
nachgelassen hat. Solange die Möglichkeit bestand, daß mein 
Bruder den beneideten Titel vor mir erhalte, widerstand das 
genannte Verlesen allen wiederholten Bemühungen der Analyse ; 
nachdem es sieh herausgestellt hatte, daß diese Bevorzugung un- 
wahrscheinlich sei, klärte sich mir plötzlich der Weg. der zur 
Auflösung desselben führte. Es wäre also unrichtig, von all den 
Fällen welche der Analyse widerstehen, zu behaupten, sie seien 
durch einen aJideren als den hier aufgedeckten psychischen 
Mecha-nismus entstanden; es brauchte für dies? Annahme noch 
andere als negative Beweise- Auch die bei Gesxinden wahrschein- 
lich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere Er- 
klärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist jeder 
Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Außeining 
derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt haben 
und die sieh darum aueh für dessen Bewahrung einsetzen- gegen 
dessen Aufhellung aber sträuben. - ' ' 

Aiii" der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, daß die 
verdrängten Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in 
Symptom- und Fehlhandlungen ja nicht selbständig schaffen. Die 
technische Möglichkeit für solches Ausgleiten der Innervationen 
jiiuß unahhängig von ihnen gegeben sein ; diese wird dann von 
d^ Al>sicht des ^^ erdrängten, zixr bewußten Geltung zu kommen, 
cyern ansgenützt. "Welche Struktur- und Funktionsrelationen es 
sind- die sich solcher Absicht zur Verfügung stellen, das haben 
für den Fall der sprachlichen Fehlleistung eingehende Unter- 
suchungen der Pliilosophen und Philologen festzustellen sich be- 
müht- Unterscheiden wir so an den Bedingungen der Fehl- 



302 XI'- BKTERMIKISMUS. - ZUFALLS- U. AMKliGLAUBEN ETC. 



und Symptom liandlung daö unbewußte Motiv von den ihm 
entgegeJLkommondeu physiologischen und psychopbysisehen Re- 
lationen, so bJeibt die Frage offen, ob es innerhalb der Breite 
der Gesundheit noch andere Momente gibt, welche, wie das un- 
bewußte Motiv und au Stelle desselben, auf dem AVege dieser 
Relationen die l^ehl- und Symptxjinhandluiigeu zu erzeugen ver- 
mögen. Es ist nicht meine Aufgabe, diese Frage zu beantworten. 
Es Hegt übrigens auch nicht in meiner Absicht, die Ver- 
schiedejiheiten zwischen der psychoanalytischen und der land- 
läufigen Auffassung der Fehlleistungen, die ja groß, genug sind, 
noch zu übertreiben. Ich möchte vielmeiir auf Fälle hinweisen, 
m denen diese Unterschiede viel von ihi-er 8chärfe einbüßen. Zxi 
den einfachsten und unauffälligsten Beispielen des Versprechens 
und Verschreibens, bei denen etwa nur Worte zusammengezogen 
oder Worte und Buchstaben ausgelassen werden, aitfallen die 
kompliziertei-en Deutungen. Vom Standpunkt der Psvchoanalyse 
muß man behaupten, daß in diesen Fällen sich irgeml eine Stö- 
rung der Intention angezeigt hat, kann al^er nicht angeben, wober 
die Störung stammte und was sie beabsichtigte. Sie brachte eben 
nichte anderes zu stände, als ihr Vorhandensein zu bekunden. In 
denselben Fällen sieht man dann auch die von uns nie bestrittenen 
Begünstigungen der Fehlleistung durch lautliche Wertverhält- 
nisse und nahelie-gendc psychologische Assoziationen in Wirk- 
samkeit treten. Es ist aber eine billige wissenschaftliche Forde- 
rung, daß man solche rudimentäre Fälle von Versprechen oder 
Verselireiben naeh den besser ausgeprägten beurteile, deren Unter- 
suchung so unzweideutige Aufschlüsse über die Verursachung 
der Fehlleistung ergibt. 

VI. Seit döu Erörterungen über das Versprechen liaben wir 
uns begnügt zu beweisen, daß. die Fehlleistungen eine verborgene 
Motivierung haben, und uns mit dem Hilfsmittel der Psycho- 



1 



/ 



i 



j 



Xn. GESICHTSPUNKTE. 393 



ajialyee dedi Weg zur Ivenntnis dieser Motivierung gebahnt. Die 
allgemeine Natur uiid die Besonderlieiten der in den Fehl- 
leistungen zum Ausdruck gebrachten psychischen I"akt«ren haben 
wir bisher fast ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch 
nicht versucht, dieselben näher zu bestimmen und auf ihre Ge- 
setzmäßigkeit zu prüfen. Wir werden auch jetzt keine gründ- 
liche Erledigung des Gegenstandes versuchen, denn die ersten 
Schritte wei-den uns bald belehrt haben, daß man in dieses Gebiet 
besser von anderer Seite einzudringen vermag. Mau kann sich 
hier mehi'ei'e Prägen vorlegen, die ich wenigstens anführen und 
in iiirem Umfang umschreiben will. X. AVelches Inhalts und 
welcher He]-]amft sitid die Gedanken und llegungcn, die sich 
(Inröh die PeJil- und Zufallshandlungen andeuten? 2. Welches 
sind die ßedingmigeii dafür, daß ein Gedanke oder eine Regung 
(rcDÖtigl und in den Stand gesetzt werde, sich dieser Vorfälle 
als Ausdrucksniittel zu bedienen? 3. Lassen sich konstante und 
eindeutige ßeiiiehungen zwischen der Art der Fchlleistungiiu . 
■and den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck Gebrachtem 
jiachweisen? . ^ . 1 ■ ■. ■ : 

Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der 
jetzten Frage zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Bei- 
gpiele von Verspreelien haben wir es für nötig gefmiden, über 
(Je» liiJi^^* ^^ intendierten Rede hinauszugehen, und haben die 
^7,.sache der Rcdestorung außerhalb der Tntention suchen müssen, 
jjjegelhe lag dann in einer- lleihe von Fällen nahe und war dem 
Bewußtsein des Sprechenden bekannt. In den scheinbar ein- 
fachsten und durclisichtigsten Beispielen war es eine gleich- 
berechtigt klingende, andere Fassung desselben Gedankens, die 
dessen Ausdruck störte, oluie daß man hätte angehen können, 
warum die eine unterlegen, die andere durchgedi-ungen war 
(■Kontaminationen von Meringer und M a y e r). In einer 



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304 XII. DETEKMIMSMIJS. - ZIJFALI^- U. ABERGLALBICV ETC. 



zweiten Grujipe von Fällen war das Unterliegen der einen Fas- 
sung motiviert durch eine Rücksicht, die sich aber nicht stark 
genug zur völligen Ziu-ückhaltun,g erwies (.,zmn Vorschwein 
gekommen")- Auch die zurückgehaltene Fassung war klar be- 
wußt "\'on der dritten Gruppe erst kann man ohne Einschrän- 
kung behaupten, daß hier der störende Gedanke von dem inten- 
diertm verachieden war, und kann hier eine, wie es scheint, 
wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der störende Gedanke ist 
entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziation ver- 
bunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm 
wesensfremd, und durch eine befremdende äußerliche Asso- 
ziation ist gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, 
der oft unbewußt ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus 
meinen Psychoanalysen gebracht habe, steht die ganze Rede unter 
dem Einfluß gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbe- 
wußter Gedanken, die sich entweder durch die Störung selbst 
verrat..n (Klapperschlange - Kleopatra) oder einen 
Indirekten Einfluß äußern, indem sie ermöglichen, daß die 
mn.olnen Teile der bewußt intendierten Rede einander stöi-en 
(Ase natmen: wo Hausenauerstraße, Eeminiszenzen an 
eine Französin dahinterstehen). Die zurückgehaltenen oder un- 
bewußten Gedanken, von denen die öprechstörung ausgeht, sind, 
von der mannigfaltigsten Herkunft. Eine AUg-cmeinheit enthüllt 
uns diese Überschau alpo nach keiner Richtung. 

JJie vergleichende Prüfung der Beispiele von \-erlesen und 
Verschreiben führt zu den nämlichen Ergebnissen. Eüizelne Fälle 
scheinen wie beim Versprechen einer weiter nicht motivierten 
Verdichtungsarbeit ihr Entstehen zu danken (z. B. : der Apfe). 
Man möchte aber gern erfahren, ob nicht doch besondere Be- 
dingungen erfüllt sein müssen, damit eine solche Verdichtung, die 
in der Traumarbeit regelreclit, in unserem wachen Denken fehler- 




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Sn. GESICHTSPUNKTE. 305 



haft ist, Platz greife, iind bekommt hierüber aus den Beispielen 
selbst keinen Aufschluß. Ich würde es aber ablehnen, hicrans 
den Schluß zu ziehen, es gebe keine aolchen Bedingungen als 
etwa den Nachlaß der bewußten Aufmerksamkeit, da ich von 
anderswoher weiß, daß sich gerade automatische Verrichtungen 
dui-ch Korrelctheit und Verläßlichkeit auszeiclmen- Ich möchte 
eher betonen, daß hier, wie so häufig in der Biologie, die nor- 
malen oder dem Normalen angenäherten Verhältnisse ungim- 
stigei-e Objekt« der Forschung sind als die pathologischen. Was 
bei der Erklärung dieser leichtesten Störungen dunkel bleibt, 
wird nach meiner Erwai-tnng dxirch die Aufklärung schwererer 
Störungen Licht empfangen. 

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Bei- 
spielen, welche eine entferntere und kompliziertere Motivierung 
erkennen lassen. „Im Faß durch Europa" ist eine Lesestörung, 
die sich durch den Einfluß eines entlegenen, wesensfremden Ge- 
dankens aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von Eiter- 
sucht und Ehrgeiz entspringt, und den „Wechsel" des Wortes 
„Beförderung'* zur Vei'knüpfung mit dem gleichgültigen 
xuad harmlosen Thema, das gelesen wurde, benützt. Im Falle 
ßurckhard ist der Name selbst ein solcher „Wechsel". 

Es ist unverkennbar, daß die Störungen der Sprechfunk- 
tionen leicliter zu stände kommen und weniger Anfordei-ungen 
gji die störenden Kräfte stellen als die anderer psychischer Lei- 
stungen 

Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Ver- 
gessene im eigentlichen Sinne, d- h. des Vergessens von vergan- 
genen Erlebnissen (das Vergessen von Eigennamen .und Fremd- 
worten, wie in den Abschnitten I und II, könnte man als „Ent- 
fallen", das von Vorsätzen als ,, Unterlassen" von diesem Ver- 
gessen sensu strictiori absondern). Die Grundbedingungen des 

Freud, PHycliopathologie des AlHagsleljenä. VI, Aufl. * 20 



306 XII. DETERMINISMUS. -- ZUFALIÄ- U. ABERGLAUBEN ETC. 



norinalen Vorgangs beim "N^ergesseii sind unbekannt *. Man wird 
auch daran »■eniahüt, daß nicht alles vergessen ist, was maji da- 
für hält. Unsere Erklärung hat es hier nur mit jenen Fällen 
zu tun, in denen das Vergessen bei uns ein Befremden erweckt, 
insofern es die Kegel verletzt, daJ-i- Unwichtiges vergessen, Wich- 
tiges aber vom Gedächtnis bewalirt wird. Bie Analyse der Bei- 
spiele von Vergessen, die uns nach einer besonderen Aufklärung 
2U verlang en scheinen, ergibt als Motiv des Vergessens jedesmal 

* über dßn Meciiauismus des eigenUiclieu Vergessens lann ich etwa 
folgende Andeutungen geben: Da« Erinnern n-smafcerial unterliegt im a,ll. 
gemeinen zwei Einflüssen, der Vordichtung und der Entstellung. Die Ent- 
Stellung ist da^ Werk der im Seelenleben herrschenden Tendenzen .und 
wendet sich vor allem gegen die affekt wirksam gebliebenen Eriuuerungs- 
spuren, die sich gegen die Verdichfning resigbenter verhalten. Die indiffe- 
rent gewordenen Spnren ver&llen dorn Verdichtungs Vorgang ohne Gegen- 
wehr, doch kann man beobachten, .laß überdie.. Ent^tellungstendenzen sich 
an dem indifferenten Material sättigen, welche dort, wo sie sich äußern 
wollten, unbefriedigt geblieben sind. Da diese Prozesse dei- Verdichtung 
und Entstellung sich über la^ge Zeiten hinziehen, wai.rend welcher alle 
frechen I^rlebnisse auf die Umgestaltung des Gedächtnisi.l^Ues einwirken, 
memen wn-, e.. sei di. Zeit, welche die Erinnerungen unsicher und un- 
deuthch macht. Sehr waWheinlich ist beim Vergessen von einer direkten 
Punktion der Zeit überhaupt nicht die Itede. - An den verdrängten 
Ermnerungsspnren kann man konsta,tieren. daß sie durch die längste Zeit- 
dauer keine Verändemngen erlaliren halben. Da« Unbewußte ist überhaupt 
zBitios. Der wichtigste und auch befremdendste Cliarakter der psychischen 
Fixierung ist der, daJ3 alle Eindrücke einerseits in der nämlichen Art 
erhalten sind, wie sie aufgenommen wurden, und überdies noch in all den 
Pormen, die sie bei den weiteren Entwicklungen angenommen haben, ein 
Verhältnis, welches sich durch keinen Vergleich aus einer anderen Sphäre 
erläutern läßt. Der Theorie zufolge ließe sich also jeder frühei-e ZusWd 
des Gedächtnisinhaltes wieder für die Erinnerung herstellen, auch wejin 
dessen Elemente alle ursprünglichen Eenichungen Hlngat gegen neuere 
eingetauscht haben. 



Xn. GESICHTSPUNKTE. 



307 



eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche Empfindungen 
erwecken kann. AVir gelangen zur Vermutung, daß dieses Motiv 
im psychisclxen Leben sich ganz allgemein zu äußern strebt, aber 
durch andere gegenwirkendo Kräfte verhindert wird, sich irgend- 
wie regelmäßig durchzusetzen. Umfang und Bedeutung dieser 
lilrinnerungsunlust gegen peinliche Eindrücke scheinen der sorg- 
fältigsten psychologischen Prüfung wert zu sein; auch die Frage, 
welche besonderen Bedingungen das allgemein angestrebte Ver- 
gesseji in einzelnen Fällen ermöglichen, ist aus diesem weiteren 
Zusammenhange nicht zu lösen. 

Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in 
den Vordergrund; der beim Verdrängen des peinlich zu Erinnern- 
den nur vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man er- 
kennt bei der Analyse der Beispiele regelmäßig einen Gegen- 
willen, deo- sich dem Vorsatz widersetzt, ohne ihn aufzuheben- 
"Wie bei früher besprachenen Fehlleistungen erkennt man auch 
hier zwei Typen des psychischen Vorgangs; der Gregenwille 
kehrt sich entweder direkt gegen den Vorsatz (bei Absichten 
von einigem Belang), oder er ist dem Vorsatz selbst wesensfremd 
tuid stellt seine Verbindung mit ihm durch eine äußerliche 
Assoziation her (bei fast indifferenten Vorsätzen). 

Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. 
per Impuls, dei- sich in der Störung der Handlung äußert, ist 
Jiäufig ein Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, 
der üur die Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der 
Handlung durch eine Stöi'ung derselben zum Ausdruck zu 
bringen- Die Fälle, in denen die Störung durch einen inneren 
Widerspruch erfolgt, sind die bedeutsameren und betreffen auch 
die wichtigeren ^'errichiungen. 

Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder 
Symptomhandlungen immei' mehr zurück. Diese vom Bewußt- 

20* 



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308 XII. DETERMINISMUS. ~ ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 



sein gexmg geschätzten oder g&nz übersehenen motorischen Äuße- 
rungen dienen so mannigfachen unbewußten oder zurücligehal- 
tenen Eegnngen zum Ausdruck ; sie stellen meist Phantasien oder 
"Wiiiiische symbolisch dar. 

ZuL ersten Frage, welcher Herkunft die (Jedanken und Re- 
gungen seien, die sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck brin- 
gen, läßt sich sagen, daß in einer Reihe von Fällen die Herkunft 
der störenden Gedanken von unterdrückten Regungen des Seelen- 
lebens leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifersüchtige, feind- 
selige Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen 
Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden nicht selten des 
Weges der Fehlleistungen, um ihi-e unleugbar vorhandene, über 
von höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgend- 
wie zu äußern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufalls- 
handlungen entspricht zum guten Teile einer bequemen Duldung 
des Unmoralischen. Unter diesen unterdrückten Regungen spielen 
die ma^igfachen sexuellen Strümung-en keine gerin^^fügige Solle. 
Es ist ein Zufall des Materials, wenn gerade sie so selten unter 
der. durch die Analyse aufgedeckten Gedanken in meinen Bei- 
spiele erscheinen. Da ich vorwiegend l^eispiele aus meinem 
eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die 
Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluß des 
Sexuellen gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose 
Einwendungen und Rücksichten zu sein, aus denen die störenden 
Gedanken entspringen. 

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, 
welche psychologischen Bedingungen dafür gelten, daß, ein Ge- 
danke seinen Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleich- 
sam parasitärer, als Modifikation und Störung eines anderen 
suchen müsse. Es liegt nach den auffälligsten Beispielen von 
Fehlhandlung nahe, diese Bedingungen in einer Beziehung ziu- "^ 



XII. GESICHTSPUNKTE. 3Q9 



Bewußtseinsfähigkeit zu suchen, in. dem mehr oder minder ent- 
schieden ausgeprägten Charakter des „ Verdi' angten". Aber die 
C Verfolgung durch die Ecihe der Beispiele löst diesen Charakter 
in, immer mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, 
über etwas als zeitraubend hinwegzukommen, — die Erwägung, 
daß der betreffende Gedanke nicht eigentlich zui- intendierten 
Sache gehört, — scheinen als Motive für die Zurückdrängung 
eines Gedankens, der dann auf den Ausdruck durch Störung eines 
anderen angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen wie die mora- 
lisclie Verurteilung eiuer unbotmäßigen Gefühlsregung oder die 
Abkunft von völlig unbewußten Gedankenzügen. Eine Einsicht 
in die allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- luid Zufalls- 
leistungen läßt sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer ein- 
zigen bedeutsamen Tatsache wird man bei diesen Untersuchungen 
habhaft; je harmiosei' die Motivierung der Fehlleistung ist, 
je weniger anstößig xuid darum weniger bewußtseinsunfähig der j 

Gedanke ist, der sich in ilir zum Ausdruck bringt, desto leichter 
■wird auch die Auflösung des Phänomens, wenn man ihm seine 
Aufmerksamkeit zugewendet hat ; die leichtesten Fälle des Ver- 
sprechens werden sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo 
es sich um Motivierung durch wirklich verdrängte Begungcu 
liaJidöl*' da bedarf es zur Lösung einer sorgfältigen Ana- 
lyse, dei selbst zeitweise auf Schwierigkeiten stoßen oder 
jjiißlingen kann. 

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten 
Untereuchung als einen Hinweis darauf zu nehmen, daß die 
befriedigende Aufklärung für die psychologisclien Bedingimgen 
der Fehl- und Zufallshandlungen auf einem anderen ^yege 
und von anderer Seite her zu gewinnen ist. Der naehsich- 
; tige Leser möge daher in diesen Auseinandersetzungen den 

i Nachweis der Bruchflächen sehen, an denen dieses Thema 



310 Sil, DETERMINISMUS. — ZUFALLS- U. ABERGLAUBEN ETC. 



ziemlich künstlich mib einem größeren Zusainmenliange heraus- 
gelöst wurde. ..- '- l •<•',<■ 

VII. Einige Worte sollen zum mindesten die ßiehtung na.ch 
diesem weiteren Zusammenliange andeuten- Der Mechanismus 
der Fehl- und Zufallshandlungen, wie wir ihn durch die An- 
wend-ung der Analyse kemieu gelernt haben, zeigt in den wesent- 
lichsten PunktöD eine Übereinstimmung mit dem Mechaaiismus 
der Traumbildung, den ich in dem Abschnitt „Traumarbeit" 
meines Buches über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. 
Bie Verdichtungen und Kompromißbildungen (Kontaminationen) 
findet man hier wie dort ; die Situatioit ist die nämliche, daß 
unbewußte Gedanken sich auf ungewöhnlichen Wegen, über 
äußere Associationen, als Modifikation von anderen Gedanken 
zum Ausdruck bringen. Die Ungereimtheiten, Absurditäten und 
Irrtümer des Trauminbalts, denen zufolge der Traum kaum als 
Produkt psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf 
dre^lbe Weise, freüich mit freierer Benutzuiig der vorhandenen 
Älittel, wie die gemeinen Pehler unseres Alltagslebens; hier 
wie dort löst sich der Ansehein inkorrekter l^unk- 
tion durch die eigentümliche Interferenz zweier 
oder mehrerer korrekter Leiatuagen. Aus diesem 
Zusammentroffen ist ein wichtiger Schluß zu ziehen: Die eigen- 
tümliehe Arbeitsweise, deren auffälligst« Leistung wir im Traum- 
inhalt erkennen, darf nicht auf den Schlafzustand des Seelen- 
lebens zurückgeführt werden, wenn wir in den Pehlhandlungen 
90 reiehliclie Zeugnisse für ihre Wirltsamkeit wälircnd des wachen 
Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang verbietet uns auch, 
tiefgreifenden Zerfall der Seelentätigkeit, krankhafte Zustände 
der Funktion als die Bedingung dieser uns abnorm und fremd- 
artig erscheinenden psychischen Vorgänge anzusehen *■ 
* Vgl. biezu „Tmunideutung", S. 3G2. (5. Auf]., S. 449.) 



XII. GESICHTSPUNKTE. 311 



Die richtige Beurteilung' der sonderbaren psychischen Ar- 
beit, welche die Fehlleistung- wie die Traumbilder entstehen 
läßt, wird uns erst ermöglicht, weiin wir erfahren haben, daß 
die psychoneurotischen Symptome, spe2iell die psychischen Bil- 
dungen der Hysterie und der Zwangsneurose, in ihrem iMecha- 
nismup alle wesentlichen Züge dieser Arbeitsweise wiederholen. 

. An di^er Stelle schlösse sich also die Fortsetzung unserer Unter- 
suchungen an. Für uns hat es aber noch ein besonderes Interesse, 
die Fehl-, Zufalls- und Symptombandlungen in dem Lichte dieser 
letzteai Analogie zu betrachten. IVenn wir sie den Leistungen 
der Psyclioneurosen, den neurotischen Symptomen, gleichstellen, 
gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, daß die Grenze 
gwischen nervöser Jiorm und Abnormität eine fließende, und 
daß wii' alle ein wenig nervös' seien, Sinn und Unterlage. Man 
kann sich vor aller ärztlichen Erfahrung verschiedene Typen 
von solcher bloß angedeuteter Nervosität — ■ von formes frustes 
der Neurosen — konstruieren ; Fälle, in denen nui' wenige Sym- 
ptome, oder diese selten oder nicht heftig auftreten, die Ab- 
sehwächnng also in die Zahl, in die Intensität, in die zeitliche 
Ausbreitung der krankhaften Erscheinungen verlegen ; viel- 
leicht wüi^de man aber gerade den Typus nicht erraten, welcher 
als der häufigste den Übergang zwischen Gesundheit und Krank- 
jjeit zü vermitteln scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen 

^ iCrankheitsäußei-ungen die Fehl- und Symptomhandlungen sind, 
zeichnet sich nämlich dadurch aus, daß die Symptome in die 
mindest wicbtigen psychischen Leistungen verlegt sind, wäh- 
rend alles, was höheren psychischen "Wert beanspruchen kann, 
frei von Störung vor sich geht. Die gegenteilige Unterbringung 
der Symptome, ilir Hervortreten an den wichtigsten individuellen 
und sozialen Leistungen, so daß sie Nahrungsaufnahme und 
Sexualverkehr. Berufsarbeit und Greselligkeit zu stören vermögen, 



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312 XU. DETERMINISMUS. - ZUFALLS- UND ABERGLAUBKN^ETC^ 



iommt den schweren Fällen von Neurose zu und charakterisiert 
diese besser als etwa die Mannigfaltigkeit oder die Lebhaftigkeit ^^ 
der Krankheitsäußerungen. 

Der gemeinßame Charakter aber der leichlxisten wie der 
schwersten Fälle, an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen 
Anteil haben, liegt in der liückf iihrbarkeit der Phäno- 
mene auf unvollkommen unterdrücktes psychi- 
sches Material, das, vom Bewußtsein abgedrängt, 
doch nicht jeder Fähigkeit, sich zu äußern, be- 
raubt worden ist. 



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